Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1913)
- Date
- 1913-06-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 254 Nr. 25 Gebotene genügt, dem Unbefangenen zu zeigen, wo in diesem Kampfe die Uebertreibungen zu suchen sind, wer wichtige Momente in seiner Darstellung verschweigt und auf wessen Seite Wahrheit und Recht zu finden sind. ■W i r haben keinen Grund, unsere Kampfcsart zu ändern, sondern werden nach wie vor unsere Sache mit Entschiedenheit vertreten und die Blößen, die uns unsere Gegner bieten, benutzen, um die Hohlheit ihrer Anschauung und ihrer Argumente zu erweisen. Empfang des Herrn Sokolow durch Staatssekretär Bryan New York (Kabcltelcgramin der ״Welt“). Herr Sokolow wurde am 15. Juni in Washington als Vertreter der zionistischen Organisation von dem Leiter der auswärtigen Politik der Vereinigten Staaten, Staatssekretär Bryan, empfangen. In der Begleitung des Herrn Sokolow befanden sich bei seinem Empfang die Mitglieder der Exekutive der Federation of Amcrican Zionists Herren Lipsky und Goldberg. Die Unterredung mit Staatssekretär Bryan wahrte längere Zeit und führte zu sehr bedeutsamen Zusicherungen, welche für den allgemeinen Fortschritt unserer Arbeit von Wichtigkeit werden dürften. Zur jüdischen Wirtschaftspolitik (Eine Fortsetzung.) Wie vorauszusehen war, hat unser Versuch, die wirtschaftliche Judcnlragc für Deutschland mehr in den Vordergrund der Aufmerksamkeit zu stellen, be* achtenswerte Ergebnisse gezeitigt. Wenn nun, so verlockend es wäre, darauf verzichtet wird, die verschieden,uligcn Entgegnungen usw. zu erörtern, so geschieht dies deshalb, weil es hier unwesentlich ist, das einer recht behält. Wesentlich ist die Diskussion als solche. Wenn von Goslar Kreditkassen, von mir eine Angestelltenorganisation, von uns beiden schließlich eine ״Soziale Abteilung“ angeregt wurden, so besitzt keine dieser Anregungen den Charaktcr einer Doktrin und eine jede kann durch sachliehe Kritik geläutert werden. Diese Läuterung herbeizuführen, nicht aber uns schon jetzt auf Programmc festzulcgen, ist unsere Absicht — weshalb wir für heute, ohne antikritisch zu werden, die tiieorctischc Erörterung weiter fortsetzen wollen. So richtig auch der Einwand des einen Kritikers ist, daß man mit Wirtschaftstendenzen allein keine Wirtschaftspolitik machen könne, versteht es sich doch von selbst, daß eine halbwegs sich rcchtfertigende Politik klare Einsicht der die Entwicklung beherrschenden Tendenzen voraussetzt. Diese Tendenzen nun wollen wir vorläufig — um sekundäre Polemik zu vermeiden — nicht als Verdendungstheorie formulieren; sondern wir beschränken uns darauf, gewissermaßen die mathematische Formel für den jüdischen Existenzquotienten festzustdlcn und zu untersuchen, ob, wann und wie dieser bccinflußt und schwankend gemacht wird. Voraussetzungslos, d. 11, ohne uns vorher darauf festzulcgen, daß eine Veränderung nur im ungünstigsten Sinne möglieh wäre. Aul dem allgemeinen Arbeitsmarkt regelt sich die Lage der Existenzsuchenden nach dem glatten Verhältnis von Nachfrage und Angebot. Für den Juden aber gilt dieses Gesetz nicht. Wenn unter zehn Stdlungsuchenden sieh neun Nichtjuden befinden, so wird nur in Ausnahmelällcn der eine Jude den Vorzug erhalten. Mit anderen Worten: der Jude ist abhängig rächt allein von der Nachfrage, sondern auch von dem Angebot, das die nichtjüdische Bevölkerung zu stellen verm a g. Das Verhältnis dieser beiden Dinge zue inander gibt die Formel für den jüdischen Existenzquotienten. * Aus diesem Grunde allein setzten sich die Juden bei ihren Wirtsvölkcm stets in der» Produktionsgebieten fest, zu deren Ausnützung die autochtonc Bevölkerung nicht geneigt oder nicht geeignet war. Nicht weil die Juden, wie Sombart meint, einen ursprünglichen kapitalistischen Geist besitzen, nisteten sie sich in den wirtschaftlichen Territorien ein, sondem lediglich, weil infolge des minimalen Angebotes an nichtjüdischen Arbeitskräften hier der Existenz* quotlent für den Juden am günstigsten war. Lediglieh aus Not und Selbsterhaltung schufen sie neue Wirtschaftsformen, höhere, die natürlich für die erste Zeit nur von ihren Erfindern getragen werden konnten. Für die erste Zeit — bald aber lernte die einheimische Bevölkerung auch diese ausnützen, von gleicher Minute beginnt ein Aufrückungsprozeß, das Angebot an nichtjüdischer Arbeitskraft steigt, der jüdische Existenzquotient sinkt. Daß wir gegenwärtig nun einen solchen Aufrückungsprozeß in Deutschland erleben, 1UEPISCHE RUNDSCHAU ist nicht zu bestreiten. Die Deutschen, dieses einst so unkaufmännisclic Volk, das noch vor kurzer Zeit eine Unmenge wirtschaftlicher Berufe de» Juden willig überließ, ist heute gewillt — und fähig — sie selbst auszuiibcn. Es erfolgt ein Ansturm auf diese Berufe, der mit der wirtschaftlichen Expansion keinesvveg's Schritt hält, sondern sie rasch überholt: d. h. das Angebot ,an Arbeitskräften wird nicht von der neuentstandenen Nachfrage ahgeleukt, sondern führt lüerühcr liinausgchcnd — noch zu einer Verdrängung der Juden, aus den von ihnen bisher okkupierten Gebieten. Noch nie war Stellenlosigkeit ein so enormer sozialer Uebelstand wie gegenwärtig. Die Folge ist: Hcrabdrückung des jüdischen Existenzquotienten. Noch nie gab es im deutschen Wirtschaftsleben so minimal wenig Berufe, deren Aus- Übung die Deutschen anderen zu überlassen geneigt wären, Die Folge ist: Stetige Freisetzung jüdischer Arbeitskräfte. Und wenn uns dies bestätigend die Statistik zeigt, daß von den 56״/» aller erwerbstätigen Juden, die noch 1895 im Handel tätig war, nur noch 50 ״/» übrig blieben, daß aber im gleichen Zeitraum der Handel eine Zunahme an Arbeitskräften in H ö h c v o n 96 ״/o erfuhr, die fast ausschließlich von der nichtjüdischen Bevölkerung gestellt wurden, so können wir wahrhaftig an der Tendenz der Verdrängung — womit ja theoretisch nicht notwendig eine Verelendung verknüpft zu sein braucht — nicht gczweifelt werden. An dieser Tendenz zweifelt ja auch nicht der mit H. signierte Aufsatz in der J. R, Eine zweite Frage wäre nun, ob und welche Gegcntendcnzen den Verdrängungsprozcß — nicht auflialtcn, denn das können sie nicht, — vielleicht aber beeinflussen und ihm den Charakter der Verelendung nehmen. Denn, wie gesagt, eine Verdrängung könnte ja, theoretisch, auch nach oben stattfinden. Ohne Zweifel gibt cs starke Gegenströmungen. Daß aber die von H. angeführte Verminderung der Geburtenziffer zumindest ein recht gefährlicher — überdies aber unzutreffender Einwand ist, muß unterstrichen werden. Der Verfasser meint, dadurch, daß die Juden mehr und mehr dein Einkindersystem huidigen, stärkt sich — durch Erbschaft und Kapitalsakkumulation — die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit der Juden. Auf Deutsch: es gibt eine Möglichkcit, der drohenden Expropriierung zu begegnen, nämlich die Sclbstauflösung — denn daß die Verminderung der Geburtenziffer, die ja in der Wirtschaftliehen Lage zum großen Teil bedingt ist, zum ״Untergang der deutschen Juden“ führt, weiß man. Die Notlage, von der wir reden, enthält diese Geburtenabnahme mit als Teilkomponente — unseren Organismus von ihr, nicht aber durch sie zu heilen, ist das Problem. Dann aber trifft die Vermutung, daß durch diese Kapitalsliäufung ein wirtschaftlicher Vorteil für die Juden entsteht, auch deshalb nicht zu, weil die ganze Auslassung nur eine Schicht unter den Juden trifft, nämlich die, von der Ruppin iin Zusammenhänge seiner ״Blasentheorie“ spricht. Die ״Blasen“, die aufsteigen, an die Oberfläche kommen — und dem Judentum verloren gehen. Wer auf Grund von Erbschaft zur Kapitalsakkumulation gelangt, ist, bisher wenigstens, fast stets dem Judentum verloren gegangen — konnte also dessen Widerstandsfähigkeit nicht stärken. Was geschieht aber mit dem Mittelstand, der ja bekanntlich dem Einkindersystem noch nicht so sehr huldigt, wie die ״oberen Zehntausend“ und der überhaupt nicht so gestellt ist, daß er mit ״Kapitalsanhäufung“ — es sei denn durch ״Einheirat“ — rechnen kann? Dagegen liegt in der zweiten von H, angeführten Gegenströmung, der wirtschaftlichen Expansion Deutschlands, theoretisch die einzig richtige Gegenfrage: Bedeutet die Verdrängung der Juden aus bisher okkupierten Berufen eine Verelendung — oder aber gibt es immer noch Gebiete, die der jüdischen Bearbeitung harren? H. erwähnt das Kineinatographengewerbe, Wie riskant dies gerade ist, wird dcutlieh, wenn ich als einen Parallclcrwcrbszwcig das Vinkulationsgeschäft erwähne, das, wie unlängst In einem größeren Werke von handelsjuristischer Seite nachgcwicscn wurde, eint' besondere Domäne, um nicht zu sagen Ncuerfindung vollständig mittelloser galizischcr und polnischer nach Deutschland importierender Holz- und Eicr-Handclsjuden darstcllt. Es ist nämlich eine große Frage, welchen wirtschaftlichen Wert die von den Juden jetzt notgedrungen okkupierten Zweige besitzen. Man könnte die Theorie aufstcllcn, daß die Juden früher zwar stets neue Wirtschaftsformen ״nach oben“ erfanden, dadurch ein wirtschaftlich-wertvoller, ein staats* fördernder Bestandteil des Reiches wurden; (nennen wir doch mit Stolz die deutschen Großbanken, Ricscngcscllschaften in der Mctallhandcl- und der Sduffahrtsindustrie usw. unser Werk), daß aber die anormale, durch den Vcrwaltungsnntiscmitismus * verstärkte Lage uns dem Zeitpunkt nahe bringt, wo wir Wirtschaftsformen vertreten oder erfinden müssen, die uns zwar über Wasser halten, uns jedoch den Charakter einer wirtschaftlich wertvollen Gruppe rauben könnten. Erinnern wir uns doch, daß jm Mittelalter die Juden gezwungen wurden, neben dem gewiß wertvollen Kreditwesen das so unerfreuliche Wucherwesen sieh zu eigen zu machen. Wer sagt uns, daß wir nicht aus ähnlichen Gründen wieder ähnlichen Situationen entgegengehen? Dies soll keine Theorie, soll nicht mehr als bloße Fragestellung sein. Die von uns geforderte ״Soziale Abteilung“ wird mit Sachkenntnis diese Frage studieren müssen — und danach ihre Projekte cinrichtcn. Hierauf spitzt sich unser ״Programm“ zu. Wir wollen keine Diskussion über die ״Angestellten- Organisation•‘, zumindest nicht in der Presse. Diese Organisation wird, wenn sie notwendig ist, entstellen — auch ohne Diskussion. Wenn der Vorschlag unzeitgemäß ist, was nachzuweisen wäre, werden wir ihn modifizieren. Was wir aber wollen, das ist Ein- Setzung einer Kommission, die diese Fragen studiert, das Material sammelt, die Lage der jüdischen Angestellten untersucht, Namen sammelt von jüdischen Chefs, die keine Juden anstclkn und Projekte ausarbeitet, die sie alsdann dem nächsten Delegiertentag unterbreitet. Dies ist ungleich wichtiger, als die Ermahnung, kein verbummeltes Genie zu werden; sie ist recht schön, und gewiß berechtigt, diese Ermahnung zur Tüchtigkeit. Aber alle Emanzipation*- apostel haben uns so lange mit dem Schlagwort ״wenn ihr euch hervortut, werdet ihr den Antiscmitismus schon überwinden“ vergeblich gefüttert, daß wir nach etwas konkreterer Kost, wie sie einzig und allein im Selbstschutz liegt, verlangen. Es denkt niemand von uns aus Verbummeln, niemand ans Verzweifeln, jeder an Arbeit. Aber keine beliebige, keine individualistische, wir wollen organisierte Arbeit; darum wollen wir diese Zentralstelle, deren Berechtigung ja auch H. im Schlußsatz von der Stellenvermittlung anerkennt. Heinrich M a r g u I i e s. TURheh 5.SPORT Jüdischer Turnverein, Posen Zum ersten Male trat unser Verein gelegentlich eines am 8. Juni er. stattgehabten ״Allgemeinen Spiel- und Sportfestes“ vor der breitesten Ocffcntlichkcit in Konkurrenz mit den anderen hiesigen Turnvereinen, und man kann wohl sagen, daß dieses erste Auftreten dem jüdischen Namen Ehre gemacht hat. Mit 35 Mann konnten wir bei den allgemeinen Freiübungen antreten, eine Zahl, die von keinem anderen Turnverein erreicht wurde. — Unter Leitung unseres rührigen Turnwarts Sachs bot alsdann eine Riege unseres Vereins im Gewchrspringen etwas für Posen Neuartiges, und errang sich durch ihre kühnen Sprünge den lauten Beifall des nach Tausenden zählenden Publikums, Im Schleuderballspiel wurde uns die stärkste Posencr Mannschaft cntgcgcngestellt. Der Ausgang des Kampfes war 1:1, — Zur lüOO-m-Stafctte traten fünf Mannschaften an. Wir konnten den dritten Platz, belegen, und zwar als zweite Turnverein- Mannschaft. Alles in allem können wir also mit unserem ersten öffentlichen Debüt sehr wohl zufrieden sein, aber nicht jene satte Zufriedenheit soll uns beherrschen, sondern das Bewußtsein, unsere Pflicht erfüllt und gezeigt zu haben, was zielbewußte jüdische Turnarbeit zu leisten vermag. Wenn auch dieser erste Schritt nur einen Anfang bedeutet, 80 werden wir, dessen sind wir gewiß, auch zu weiteren Er* folgen schreiten, weil wir getragen werden von unscrcin Ideal - dem Gedanken der jüdischen Turnerschaft. Zweite Jüdische Ruderregatta bei Berlin Am Sonntag, den 13. Juli, findet die zweit« jüdische Ruder-Regatta bei Berlin statt, an der sich die Ruder-Abteilung der Vereine Jüdischer Studenten zu Berlin, der Jüdis che Ruderclub fvria-Berlin und die Ruder-Abteilung des J. T. V. Bar Kochbi- Hamburg beteiligen werden. Die Jüdische Turnerschaft hat für dieses Rennen einen neuen großen Wanderpreis lür Seniorenvierer gestiftet. — Die Vereine und die Gesinnungsgenossen werden gebeten, sich den Sonntag frei zu halten. Die Ruderer rechnen auf eine starke Beteiligung der sportlich intercsicrten jüdischen Kreise und hoffen, daß die Regatta gleichzeitig eine wirkungsvolle Propaganda für den jüdischen Rudersport seit! wird. Näheres über das Rennen sowie über die Zeit der Abfahrt für die Zuschauer, für welche die Regatta mit einer Dampferfahrt und mit Kaffeetafel und Tanz in einem der bekannten schönen Oartenfokalc an der Oberspree verbunden sein wird, wird rechtzeitig■ an dieser Steife bekannt gegeben werden. Besondere Einladungen ergehe■ nicht.