Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1913)
- Date
- 1913-06-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 252 JU EPISCHE RUNDSCHAU Nr. 25 aufnehmen. Ich habe persönlich vor mehreren Jahren mit einem Mitgliede dieser Burschenschaft gesprochen, das־ mir erklärte, der Sohn des Herrn Professors Falkcnheim brauchte nur Dissident zu werden, dann würde man ihn aufnelimcn, sonst Ringt“״ es freilich nicht. Daß Herr Professor Falkcnheim es für notig hielt, seiner Burschenschaft gegenüber ,auf die Konfession seines Sohnes liinzmveisen‘ — gelegentlich der Auseinandersetzungen über dessen Aufnahme genügt mir, um die Stellung dieser Verbindung Juden gegenüber zu verstehen. Es handelt sich also niemals um falsche Tat- Sachen, die ich von Herrn Professor Falkcnheim bchauptet habe, sondern um in unserer allerdings vergchicdcnnrtigcn Stellungnahme ausreichend begründeie Beurteilungen der auch von Herrn Professor Falkcnheim nicht bestrittenen Tatsachen. Ich glaube, daß diese Tatsachen allerdings geeignet sind, eleu Gegner in jüdischer Beziehung ,herab/uwürdigen‘, und ich werde auch in Zukunft in dem von mir durchaus sachlich geführten Kampfe nunmehr auf üriind bester Informationen behaupten müssen: Professor Falkenheim ist heute noch Mitglied der antisemitischen Burschenschaft ,Germania‘. Ich werde ferner behaupten, daß Herr Professor Falkenheim es mit seinem jiklisehen Standpunkt vereinbaren kann, unter Umstamleit getaufte Juden zu wählen. Nicht mehr liclimmteii werde ich auf Grund der Erklärung des Herrn Profcssors Falkcnheim, daß sein Bericht über die Kaiserhoch-Affärc bewußt gefälscht war, sondern ich werde in Zukunft nur an der Hand dieses Berichtes den Nachweis erbringen, wie sehr Herr Professor Falkenheim außerhalb des jüdischen Lebens Königsbergs Steht und wie sehr ihm jedes jüdische Gefühl mangelt, das allein zu einem richtigen Urteil über die Kaiser״ hoch-Affäre führen könnte.“ Wie steht es nun mit der früheren wohlwollenden Stellung des Zionismus gegenüber dem Zcntralvercin, die Herr Dr. Holländer jetzt nicht mehr anerkennen will? Er greift aus einer Rede Dr. Klees vom XI. Delcgiertentag einen Satz heraus, in dem er sich für die Mitarbeit aussprach und dabei bemerkte, daß er sich bewußt sei, damit ״andere Ansichten zu vertreten, als ein Teil der zionistischen Allgcmeinlieit“. Herr Dr. Holländer verschweigt aber, daß der Dclegiertcntagsbeschluß ganz im Sinne der Kleeschen Forderung gefaßt wurde. Die Zahl der Zionisten, die in der Zeit vom 30. März bis zum 30. Mai aus dem Zentralverein ausgetreten sind, wird nun weiter auf 197 angegeben und gesagt, daß diese Verhältnismäßig kleine Zahl beweise, wie geringfügig unsere Mitarbeit gewesen sei. Hierbei wird außer Acht gelassen, daß die Resolution vom 30. März doch bloß die Krönung einer lange Monate hin• djurch systematisch betriebenen Verhetzung gewesen ist und daß im Laufe dieser Zeit immer mehr Zionisten mit Bedauern cinsehen mußten, daß ihnen eine weitere Mitgliedschaft unmöglieh sei. Man müßte also, um eine korrekte Ziffer zu erhalten, schon bis zu jener Zeit zurückgreifen, als der Zentralverein tatsächlich aufhörte, eine allgemeine, neutrale Organisation der deutsehen Judenheit zu sein. Der Maßstab, mit dem man hier versucht das frühere Verhalten der Zionisten gegen den Verein abzuwägen, ist ja überhaupt ganz falsch gcwählt. Denn es versteht sich von selbst, daß unsere Gesinnungsgenossen, deren Arbeitskraft und deren Mittel durch unsere positive Arbeit in so außerordentlichem Maße in• Anspruch gcnominell werden, für die Mitgliedschaft weit weniger in Frage kommen konnten, als solche Juden, für die die Beitragszahlung an den Zentralverein oftmals die einzige jüdische Betätigung überhaupt bedeutet. Was wir früher dem Zentralverein entgcgcngcbraclit haben und wodurch wir ihn moralisch gefördert haben, war in erster Linie die Tatsache, daß wir ihn als die berufene Instanz zur Vertretung unserer staatsbürgerlichen Rechte anerk.iunt und auf eigene Maßnahmen verzichtet haben. Das wird jetzt anders werden müssen, und kein billig Denkender wird uns die Verantwortung für die bedauerliche Spaltung ztischreibcn können. Herr Gelieimrat Fuchs hat nun in seinem Korreferat mit anerkennenswerter Entschiedenheit betont, daß es ein großer Fehler wäre, wollten wir bei unseren Maßnahmen und Ent- Scheidungen die Erwägung zur Richtschnur nehmen, ״was die Antisemiten dazu sagen“. Herr Dr. Holländer beklagt sich, daß wir von dieser Erklärung nicht genügend Notiz genommen hätten. Demgegenüber sei betont, daß Herr Gelieimrat F11 c 11 s immer wieder bei der Wertun״ der treibenden Kräfte des Vereins von uns ausgenommen worden ist, und Herr Dr. Holhirnler wird selbst am besten wissen, wie bereclitigt diese Unterscheidung ist. Aber wir hatten durchaus keinen Grund in unserem Kampfe, der sich nicht gegen eine einzelne Persoii, sondern gegen den Zcntralvcrein als Träger einer Gesinnung richtete, auf die Erklärung besonderen Naclulruck zu legen, nachdem Herr Professor Falkcnheim und mehrere Diskussionsredner gerade in den Fehler verfallen waren, vor dein der Korreferent warnen zu müssen meinte. Nach dieser Klarstellung geben wir Herrn Dr. Holländer zu erwägen anheim, ob er seine Behauptung aufrecht erhalten will, unsere Redner hätten diese ,Worte ihren Zuhörern ״untersclilagen“. Die Feststellung, der Zentralvercin habe durch Aufnahme des Kampfes gegen die Zionisten sein Programm verändert, soll nun weiterhin nicht zutreffend sein, weil — schon vor der Gründung des Vcrenis im Jahre 1893 Raphael L o c w e n f c 1 d die These aufggstellt , habe: ״Wir stehen fest auf dem Boden der deutschen Nationalität“. Und nun wird ein langer Absatz aus der Rede des Vorsitzenden in der Gründungs- Versammlung wiedergegeben, der diese These erläutern soll. Hier wird doch das leichtfertige Spiel mit dem Worte ״Nationalität“ auf die Spitze getrieben. Der Verfasser mußte wissen, daß der Gebrauch dieses Wortes im deutschen Judentum mit dem Auftreten des Zionismus eine wesentliche Wandlung durcligcmacht hat, und daß damals der Kampf um die Glcichbcrcchtigimg gar nicht anders geführt werden konnte, als unter dem allgemeinen und wissenschaftlich noch nicht geprüften Schlagwort der ״deutschen Nationalität“. So wurde das Wort auch lange Jahre hindurch vom Zentralvercin verstanden, soweil inan sich seiner überhaupt erinnerte. Wenn es nun zu Zwecken des innerjiklisclien Kampfes hervorgehoit wird, so ist das ein schwerer Mißbrauch, der nur aus dem Verlangen zu erklären ist, die Verantwortung für einen Fehler, der begangen wurde, abzuwälzen, Der Kampf, der uns aufgezwungen wurde, würde sich weniger unerfreulich gestalten, wenn van unseren Gegnern nicht immer wieder versucht würde, nach bekanntem Muster die weinerliche Erklärung glaubhaft zu machen: ״Der andere hat angefangen.“ Auf diese Ausrede war ja von Anfang an der ganze Kampf angelegt. Dahin zielten die heimlichen Vorarbeiten vor der Hauptversammlung, und das sollte auch die gezvvungene Stilistik der Resolution selbst erreichen. Wir begreifen deshalb sehr wohl, daß die Er* örterung über die von uns mehrfach erwähnte Oberlehrervcrsammlung vom 14. November den Herren sehr unbehaglich ist. Auch Herr Dr. Holländer kann nicht umhin, eine seiner ״Glossen“ diesem Vorkommnis zu widmen, und wir bedauern einige seiner Angaben auf Grund des uns vorliegenden Protokolls, dessen Inhalt wir nunmehr auch unseren Lesern zugänglich machen, als unzutreffend bezeichnen zu müssen. Herr Dr. Holländer schreibt: ״Auf Wunsch mehrerer jüdischer Oberlehrer sollte eine Beratung stattfinden über die Stellungnähme zu den bekannten Aeußertingcn des Hamburger Schulrats Brütt. Ebenso waren viele Oberlehrer beunruhigt über die Mitteilungen über die nationaljüdischc Agitation unter den Schülern der höheren Klassen . . .“ Die Acußerungen des Schulrats Brütt, die im Protokoll mit keinem Worte erwähnt werden, waren also für die Einberefung maßgeblich, und erst als die Oberlehrer sich in den Räumen des Zentralvereins zusammengefunden hatten, traten sie in ihrer Bedeutung so weit hinter die ״nationaljüdische Gefahr“ zurück, daß man ihrer - nach Ausweis des Protokolls — keine Erwähnung tat und als ersten Punkt der Tagesordnung die ״Agitation nationaljüdischcr Vereine“ aufrücken ließ! Solches Verhalten ist jedenfalls kein vollgültiger Beweis für die Behauptung, ״von einer Geheimtuerei könne keine Rede sein“! ״Herr BI u ni c n f c 1 d“, so heißt es weiter, ״spielt in allen Versammlungen diese Ohcrlehrerkonfcrenz als höchsten Trumpf gegen uns aus, indem er Die Sagen der Juden Es soll hier auf ein Werk aufmerksam gemacht werden, das soeben zu erscheinen begonnen hat und dem eine ungewöhnliche Bedeutung *ukointnt: Die Sagen der Juden, von Micha Josef hin Gorion (Verlag der Literarischen Anstalt Rütten & Locning, Frankfurt a. M.). In dem vorliegenden ersten Band») sind die Sagen von der Urzeit gesammelt; sie beziehen sich etvva auf die ersten neun Kapitel der Genesis. Das majestätische Bild der biblischen Kosmogonie wird erweitert durch eine endlose Fülle von Vorstellungen und Zutaten. Die erdrückende Einfachheit der göttliehen Wcltschöpfung erfährt im nmgcstaltendcn Volksgeist eine ungeheuerliche Komplikation, Dieses Buch bringt uns Kunde von einer Welt, die nicht »ehr lebendig ist, von der wir nichts wissen, wenn wir auch ihr Bestehen ahnen. Aus den uiiitberschbaren Wust des jüdischen Schrifttums hat «ler Veraiscr die Sagen und Mythen zusammen getragen, gesichtet und gesondert; ein uns unzugängliches Mateml hat er zutage gefördert. Eine unabsehbare Menge ist sicherlich rettungslos und ewig verloren; aber «och gibt es Spuren und Reste auch vom Verwenem. Die Phantasie und die Schöpferkraft des j /0**es haben nie geruht; immer wieder sind sie m die Schranken der autoritativen Ueberlicfcrung *ingebrochen und haben, dichtend und deutend, erganzend und auslegend, der heiligen Erzählung ihren SM? g!öeC?n50MUf * Pr«l* jede« Bandes Geist aufgeprägt. Der naive Sinn, der die Wunder der Natur und des Geschehens in ihrer Wesenheit zu erfassen sucht, ursprüngliche Anschauung, aber noch mehr intellektualistische Reflexion, zweifelnder Skeptizismus und tiefste metaphysische Spekulation haben die Welt, deren reiche Trümmer wir hier vor uns sehen, erbaut. Die ganz große Zeit freilieh, wo das Volk, voll unbändiger Kraftfüllc, die Gestalten des Abraham, der dic-Hccre der vier Könige besiegt, oder des Simsons, der mit eines Esels Kinnbacken tausend Mann erschlägt, schuf, ist vorüber. Jetzt knüpft das Denken immer wieder an das Schrifttum, die Bibel an; aber alle ursprünglichen Volkstricbe, ja selbst von außen übernommene und ׳.ungebildete Elemente finden in diese Schriftauslegung Eingang. Mehr als die Hälfte alles Materials hat der Verfasser aus Talmud und Midrasch entnommen, den Rest aus späteren Schriften und Sagenbüchern; für den Forscher «nd Folkloristen erhält die Sn mmlung einen erhöhten Wert durch die beigefügten genauen Quellenangaben und Literaturverzeichnisse. Aus der Mannigfaltigkeit und den häufig einander widersprechenden Fassungen der überlieferten Sagen baut sich uns das großartige und farbenreiche Bild einer jüdischen ״Mythologie“ auf. (Als Versuch einer kurzen systematischen Darstellung dieser Mythologie kenne ich nur die ״Mythologie der alten Hebräer" von Dr. Josef Bergei, Leipzig, 1882.) Immerhin unterscheidet sich diese Götterwelt trotz aller heidnischcr Elemente und Motive von der aller andern Völker wesentlich durch die Annahme des einen, ewigen, wcltenschaffendcn Gottes, Diese in der überlieferten Niederschrift der biblischen Schöpfung■• gesellichtc schon ziemlich rein erhaltene Gestalt ist später nicht mehr aufgegeben worden. lieber aller Welt thront die Herrlichkeit des ewigen und allmächtigen Gottes, der alle von ihm geschaffenen Welten wieder vernichtete bis er an dieser sein Wohlgefallen fand; diese Welt schuf er in Zweiheit: Wie den 7 Himmeln 7 Unterwelten entsprachen, so hat jede» Ding sein Gegending, der Gegensatz von Gut und Böse erfüllt die Welt. Aber dem Einzigen steht eine große Zahl von niederem Göttern aller Art zur Seite; wir begegnen dem Götterrat der ״Bend Eiohirn“, die vorübergehend in dem Fragment der Erzählung von den gefallenen Engeln (Genes. VI) erwähnt sind, im biblischen Kanon am deutlichsten im Buche Hiob. Der Jude, der den ungeheuren Abstand zwischen Gottcsgcwalt und Mensch nicht ertragen kann, bevölkert den Zwischenraum mit der unübersehbaren Menge von Engeln, Ocistem, Dätnonen, Die Geister mußten entstehen, weil Gott bei der Schöpfung ihrer Leiber infolge des anbreehenden Sabbats nicht mehr fertig machen konnte. Samaet ist der Fürst der Geister, der zum Todesengcl wird. Er verbindet sich, von Neid getrieben, mit den Heerscharen gegen den Herrn und findet als Bundesgenossen auf der Erde die Schlange, auf der er reitet, und verleitet durch sie den Menschen, der weicher als alle Engel geschaffen war, zur Sünde. Samaels Weib, Lilith, ״die Nachtgöttin“, ist die böseste der vier Mütter aller Teufel. Dem Samael untergeben ist Astnodäus, der König der bösen Geister; sein Weib ist die jüngere Lilith, und von ihnen kommt der Fürst der achtzigtausend Plager und Verderber. Die gefallenen Engel Aza und Auel, die die Gehet»■