Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1913)
- Date
- 1913-06-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 244 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 24 Das ist derselbe Geist, der die Zentralvcreins- Resolution redigiert hat. Nicht dies Verlangen nach Betätigung deutscher Gesinnung haben wir als ungebührliche Anmallung bezeichnet, sondern gerade daß man uns Mangel an Vaterlandsliebe vorgeworfen hat. Hier ist diese Denunziation verschärft wiederholt. Ist das jüdisch oder ist das deutsch? «eins von beiden, nur — assimilatorisch. Frau Fürth bctont, daß der Zentralverein den Kampf um die Gleich- Berechtigung der deutschen Juden im bisherigen Sinne (Mugdan!) weiterführen wird, unbekümmert, ob es einem Häuflein ״Wurzelloser" paßt oder nicht. Wenn unsere Cicgncr Beispiele aus der Natur heranziehen, so haben sic immer Unglück. Wur/elecht Ist ein Baum, der im ״Hei m a t b o d c 11" wurzelt. י Unser Heimatboden ist unser Judentum, unser Volk, in dessen Jahrhunderte alter Tradition die Wurzeln unseres Seins liegen. Es giebt auch Gewächse, die auf anderen Stämmen wurzeln. Auch die Orchidee gehört dazu. Sic ist nicht wurzellos, aber sic wurzelt nicht in der Erde, sondern in fremdem Stamm und bleibt - mag sic auch noch so buntschillernde Blüten hervorbringen eine Schmarotzerpflanze. Dies nur zur Illustrierung der ״Wurzellosigkeit". Frau Fürth ruft dann all diejenigen, denen der Zentralerem gütigst gestattet hat, weiter in seinen Reihen mit• zuarbeiten, zu den Fahnen des Zentralvcreins, Sic wird wohl vergebens rufen, denn wir ״Wurzellosen“ (der Ausdruck ist nicht übel, fast so schon wie die Guiscn usw.) bieibert doch lieber bei dem, was wir ■nun einmal für richtig erkannt haben. Wir sind nun einmal nicht gewöhnt, die Peitsche zu küssen, mit der man 1111s gerne prügeln möchte. Für die guten Ratschlagt der Frau Fürth aber quittieren wir dankend mit dem Gebet: ״Gott schütz uns vor unsern Frcunden, vor unsern Feinden schützen wir uns schon selbst." PALße5TINA־RUtt05CHAU Lag-Baomer in Jerusalem Nach vielen Tausenden zählte die Menge, die sieh im Kidron-Tale versammelt hatte, um am Grabe Schimeons des Zaddik das Lag-Baomer-Fest zu feiern. Dis prachtvolle Gelände mit seinem natürlichen amphithcatralischen Aufbau bot ein sehenswertes farbenreichcs Bild mit allen Nuancen, durch die das buntscheckige Galuth in Jerusalem repräsentiert ist. Die Yemcnitcn, die Perser, Mesopotamier und andere orientalische Juden, die Bucharer mit ihren langen wallenden Bärten und buntgekleideten Frauen, die polnischen und russischen Juden in den schwarzen Sammethüten und langen schwarzen Kaftanen, sie bildeten alle eine große, leider in zahlreiche einzelne Gruppen deutlich auseinanderfallende, vielgestaltige Masse. Aus dem Ganzen fiel ein kleines Häuflein von etwa 50 jungen jüdischen Makkabi-Turnern heraus, im Fez und der schmucken Turneruuiforin (weiße Tunierjackc mit blauem Band). Sie bildeten mit ihren Turnübungen den Schwerpunkt und die Attraktion der ganzen Fcstversammlimg, sie wirkten gestaltend und ordnend auf die chaotische Masse. Dieser Gegensatz zwischen alt und jung war es, den Dr. Sehemarjahu Levin, Mitglied des Engeren Actions-Comitcs der Zionistischen Organisation, in einer improvisierten Ansprache berührte. Mit tiefer Wehmut wies er auf diese Menge ohne Einheitlichkeit im Gepräge und Charakter hin, die noch so weit hinter dem wie aus einem Guß geschaffenen neuen Jischub zurückbleibe. Um wieder eine Einheit zu bilden, müsse unsere Sprache zunächst wieder belebt werden und uns alle vereinigen. Die Jugend müsse mit aller Kraft sich gegen jeden Versuch, den Sprachenwirrwarr aufrechtzucrhalten und die Ausbreitung der hebräisehen Sprache zu verzögern, auflchnen. Jubelnde Hcdadrufe belohnten die kräftigen Worte des immer jugendfrischen Redners, der, zufällig als Gast zugegen, sich zu einer Ansprache hatte erbitten lassen. «1 In diesem Jahr gab es noch am 17. Mai ausgiebigen Regen, was in Palästina zu den äußersten Seltenheiten gehört. In der jüdischen Kolonie Käst in ie betrug die Regenmenge 20 mm, fast ebenso stark war der Regen in Jerusalem, wo er den in diesem Jahre sehr knapp gefüllten Zisternen zu statten kam. — Für den ersten Tag nach Schabaiath wird in Jaffa ein Blumen fest geplant. 50 <y0 der Einnahmen sollen der Jaffaer Bibliothek, 30 «/« dem Jüdischen Nationalfonds und 20 «,» den Kindergärten zuflicßcn. ־. H6BRA6ISCH : Eine hebräische Enzyklopädie Unter Redaktion des bekannten Orientalisten J. M a r k o n St. Petersburg, beginnt demnächst eine großangelegte Enzyklopädie des Judentums in hebrä- ■•eher Sprache (Enzyklopädia Ibrit, czar Hajahdut) zu erscheinen, welche die gesamte jüdische Wissen- Schaft, Bibelkunde, Talmud, jüdische Geschichte und Literatur, jüdisches Volksleben und Kulturgeschichte von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwert umfassen soll und sicher eine empfindliche Lücke in der hebräischen wissenschaftlichen Literatur ausfüllen wird. Die hervorragendsten Gelehrten auf dem Gebiete der Wissenschaft des Judentums haben ihre Mitwirkung zugesagt, jeder auf seinem Spezialgebiete. Aus der Fülle der ca. 200 Mitarbeiter seien hier nur wenige genannt, die auch in der Redaktion des großen Werkes als Fachredakteure sich beteiligen. Biblische Literatur, Massora — Prof. Blau. Mischnali — Dozent Dr. ßancth-Bcriin. Agadah -- Prof. Bacher-Budapest. Hebräische Philologie — Prof. Bart-Berlin. Karäer Dr. Posriausky-Warschau. Jüdisch arabische Literatur -- Prof. Gohl/ieher-Bmlnpest. Liturgie — Dozent Dr. Elbögeu-Berün. Ethik — Prof. 1 lerrmaiin Cohen-Berlin und Dr. Julius Guttrnnnii-Breslau. Theologie — Dr. Eschelbachr-Bcrlin, Dr. Bäck und Prof. Köhler-Cincinnati. Besonderes Oewiclit wird gelegt auf die Geschichte und Geographie Palästinas — Prof. Kraus-Wien und die Moderne hebräische Literatur — N. Sokolow und der ■Dichter Tschernichowsky. Auch namhafte nichtjüdisehe Gelehrte werden sich an der Enzyklopädie beteiligen, darunter Prof. Brockelmann (I lalle, Prof. Budde (Marburg), Prof. König (Bonn) Prof. Sachau, Direktor des orientalischen Seminars in Berlin, u. 1. m. Der Redaktion zur Seite wird ein Wissenschaftlieber Beirat stehen, ihm gehören an: Prof. Berliner- Berlin, Abraham Epstein-Wien, Oberrabbiner Dr. üüdcinann - Wien, Prof. Goldzieher - Budapest, Dr. Harkovy-Pctcrsburg, Prof. Simonsen-Kopcnhagcn. Der erste Band der hebräischen Enzyklopädie soll schon im Frühjahr 1914 erscheinen. Neben der Petersburger Redaktion ist für Westeuropa ein Sekretariat in Berlin eröffnet werden. if W׳' # C?1ff 8> י •m 4# ^03^ jj jl Während der Sommermonate liegt die ״J ü - dis che Rundschau“ in, den öffentlichen Lesesälen einer großen Anzahl von deutschen Kur- und Badeorten aus. Wir bitten unsere Freunde, ihr Blatt überall zu forden und uns aufzugeben, wo etwa ein weiteres Bedürfnis für die Verbreitung unseres Blattes vorliegt. Unser Freund Hugo Schachtel, Mitglied des Zentralkomitees der Zionistischen Vereinigung, wurde durch die Geburt einer Tochter erfreut. Herrn Schachtel und seiner Gattin unseren herzlichsten Olückvunsch! ־־ AUS ALLER WELT ״ Russlana Der Schulminister verfügte, daß künftig jüdische Kandidaten an den Hochschulen nicht mehr nach der Prüfungsnote, sondern durch das Los bis zur Erreichung der Prozentuorm aufzunchmen sind. Da- * mit ist in die Willkür Methode gebracht worden. * Die Gerichtskammer in Kiew beschloß am 6. Juni in einer geheimen Beratung, die den ganzen Tag dauerte, öeilis unter der Anklage der Beteiligung an der Ermordung des Knaben Justschlnski vor das Kicwcr Geschworenengericht zu stellen. Es wurde ferner beschlossen, Beilis im Gefängnis zu belassen. An der Verhandlung nahmen sämtliche Mitglieder der Geriehtsknminer teil. Die Entscheidung hat hier großen Eindruck hervorgerufen. Griechenland ln letzter Zeit regt sich unter den griechischen Juden ein besonders lebhafter Geist. Dieser wird befruchtet von zwei Seiten: von dem nicht allzufernen Palästina und von der jüdischen Bewegung in Italien. Besonders eifrig ist man in der Propaganda für das Hebräische. Die interessierten Kreise ״eben sich alle Mühe, die jüdischen Eltern von der Unzulänglichkeit der jetzigen Lehrmethode zu überzeugen und sie für einen rationellen Unterricht des Hebräischen als lebendige Sprache zu gewinnen. Man empfindet bei dieser Propaganda, an deren Spitze Prof. Catmi in Athen steht, besonders schwer den ganzliehen Mangel an geeigneten Lehrern und eines geistigen Oberhauptes der gesamten griechischen Gemeinden. Man ist fest entschlossen, diesen Mängeln sobald als möglich abzuhelfen. Die Gemeinde Athen will bereits seit geraumer Zeit einen Rabbiner bcrufen. Auch will man sich dem Vernehmen nach an das Seminar des Hilfsvereins in Jerusalem um Vermittlung geeigneter jüdischer Lehrer wenden. Mag die Verwirklichung all dieser Pläne auch vielleicht noch etwas auf sich warten lassen, so ist doch un* vcrkemibar, daß auch die griechischen Juden teilnehmen an dem allgemeinen Aufstieg des jüdischen Interesses. Der griechische Finanzdircktor für Mazedonien, Herr C 0 t (i na s , empfing vor kurzem den Redaktcur der Zeitung ״Progrfcs“ in Athen, der ihn wegen der künftigen Stellung der Juden im Handel von Saloniki interviewte. Auf die Bemerkung des Interviewers, daß die jüdische Bevölkerung in Saloniki zu befürchten scheine, die Griechen könnten sie;ms ihren Positionen im kommerziellen Leben verdrängen meinte Herr Coffinas, es sei ganz ausgeschlossen, daß die kaufmännische lletleutung der Juden .‘Salonikis unter griechischer Herrschaft abnehmen sollte. I>er wirtschaftliche Aufschwung, dem Saloniki unter dem neuen Regime entgegengehe, werde im Gegenteil hauptsächlich den dortigen Juden zugute kommen die ja schon jetzt den Handel beherrschen und denen die griechische Verfassung völlige Gleichberechtigung und freie Entfaltung ihrer Kräfte gewährleiste, in Alt-Griechenland sei ja die Lage der Juden in p״|j. tischer und wirtschaftlicher Beziehung ebenfalls eine durchaus günstige. Ucbcrdics würde ja die griechische Regierung sieh selber schädigen, wenn sie der Juden- Schaft von Saloniki, die eine zahlreiche, intelligente, gutsituierte und wohlorgnnisicrlc Bevölkerungsgruppe bildet, nicht in jeder Weise entgegenkume. AUS D€N G£M£IMD€N Berlin. Der Ausschuß des Deutsch-Israelitischen Genieindebiindes beruft zum Sonntag, den 22. Juni 1913, vormittags 10'/! Uhr, nach Berlin, in das Oeiiicimlchaus, Rosciistr. 2/1, einen VI. Dcutsch-Israclitischen Verbandstag. I )ie I a g e s o r d n u n g ist die folgende: l. Normalvertrag für die Gemeindebeamten. '2. Schiedsgerichte . für Streitigkeiten zwischen Gemeinden und ihren Angestellten. 'I, Die öffentlichen jüdischen Volksschulen. I. Einführung einer amtlichen Inspektion für Religionsscluilen. Berlin. An der Jubiläumshuldigung vor dem Kalscrpaar gelegentlich der Einweihung des Deut* sehen Stadions beteiligte sich der Jüdische T urnverein ״Bar Kochba“ mit einer Mannschaft von 50 Sportslcuten. An der Vorführung im Stillaufen nahmen 20 Mitglieder der Jugeiuiabteilung teil. Berlin. In der Tagung der Kreissynode Friedrichswerder 11, machte zum Bericht der Charlottenburger Luiscngcmcinde der Syn. Erdmannsdörter (Lib.) Mitteilungen über das antisemitische Gebaren des Pfarrers Lucka 11. Erdmannsdörfer bedauerte, daß der Pfarrer Luckan nicht anwesend sei, und berichtete: In einer Zeitung sei eine un widersprochenc Notiz erschienen, wonach Pfarrer Luckan im Konfirrnationsimterricht wenig angenehme antisemitische Acußerungcn gemacht haben soll. Er soll seinen Konfirmanden nalicgclegt haben, die Konfirmationskleidcr nicht bei Juden zu kaufen (Bravol bei den Positiven) und daß, wenn sie sich für ihn photographieren lassen wollten, dieses ihn sehr ertreuen würde, daß er aber weniger erfreut sei, wenn er aut den Photographien Firmen wie Cohn, Silberstein oder Levy lesen muß. (Bravorufe rechts.) Es sei sehr bezeichnend, daß von der rechten .Seite Bravo! gerufen werde. Seine Freunde halten cs für unangemessen, daß ein evangelischer Geistlieber derartige Acußcrungcn macht, noch dazu im Konfirmationsunterrieht. (Sehr wahr! links.) Es liegt im Interesse des Ansehens der Luisengemeinde, daß Pfarrer Luckan sich recht bald zur Sache äußert. (Bravo! links.) Pfarrer Kraatz (Lib.) führte weiter aus: Daß Pfarrer Luckan diese Acußcrungcn getan, stehe ziemlich fest. Er sei auf dem Bureau erschienen, und als der Rendant ihn auf den Zeitungsartikel aufmerksam machte, habe er die Finger in die Westentaschc gesteckt und mit schriller Stimme höhnisch gerufen: ״Weilt geschrien!*• Pfarrer Luckan sei bekannt als Antisemit ersten Ranges, was gegen das christliche Gebot der Nächstenliebe verstößt! (Beifall links.) Bemerkenswert ist, daß ein Mitglied der Synode, der Oberpfarrer I). R i c m a n n , den Pfarrer Luckan verteidigte, indem er meinte, wenn Pfarrer Luckan es nicht der Mühe fiir wert gehalten habe, aut einen solchen Zeitungsartikel zu antworten, so befinde er sich in guter Gesellschaft. VeRCINS-RUNDSCHAU Gruppenverband Oberschlesien Auf Einladung der zionistischen Vereine von Biclitz veranstaltet der Zionistische Gruppenverband Oberschlesien am Sonntag, den 15. Juni er., einen Ausflug nach Biclitz. Die Veranstaltung soll unseren Gesinnung*- genossen und Freunder! nicht nur Gelegenheit zu sommerlichem Vergnügen geben, sie ist auch als eine große jüdische Kundgebung gedacht, die Juden aus allen drei Grenzbezirken zusammenführen wird, lndem wir nachstehend das Programm des Tages zur Kenntnis bringen, bitten wir, daß unsere Gesinnung»-' genossen sich möglichst zahlreich an der Veranstaltung beteiligen und in ihren Bekanntenkreisen eifrig f&r sie werben mögen. Für den Gruppenverband Oberschlesleni Arnold W.iener-Kattowitz. Für den vorbereitenden Ausschuß 1 Dr. Dobrzynski-Reuthen (O.-S.). Programm» 1. Gemeinschaftliche Abfahrt nach Bielitz. Kitt»* witz ab 7,35 Uhr mit Anschluß von Tamowitz ab