Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1913)
- Date
- 1913-06-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2651273-2651815-2651840--08997-2666290- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 24 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 243 | . f f . } I t i 1־ l i Die Juden und der deutsche Metallhandel Prof. Robert Li cf mann unternimmt in einem Aubitz über die ״Internationale Or■ g ,1II i s t i o n des Frankfurter Metallh .111 d c I s" *) den Versuch, auf ״diesen bisher wenig beneideten Zweig deutscher Unternehmertätigkeit ein• 1n1׳l die öffentliche Aufmerksamkeit zu lenken1', mul in der Tat nimmt der Metallhamlel im deutschen Vt irt .ihnftslebeii eine eigciitümliehc Sonderstellmig ein, die auch für uns von Interesse ist. I linsichtlich der ״Internationalität über Beleihg1111;.1״ und Unternehmungen" steht in Deutschland die I kktrizitiitsindiistrie an der Spitze. Der Konzern d! r \. I . (1. hat in einer erheblichen Anzahl über• SMi-rher Länder festen FuiS gefallt mul dem dciitsiliui Kapital immense Territorien zur Exploitiermig er-•*.blossen. Man weiß, welche Bedeutung eine solche E :ransion von Industriegesellschaften sowohl in politischer 'vie in wirtschaftlicher Hinsicht -• für d,v Heimatland besitzt. Es scheint nun wenig bek, mit zu sein, daß unmittelbar hinter der A. L. ü. in bezug auf internationale Verzweigtheit — der Mrtillhandel rangiert. Das ist um so auffallender, als dieser keineswegs wie alle anderen Industrien (a uh die A. E. (].) das Instrument der Internationalit.it. die Börse, in Anspruch genommen hat, sondern siii! auch heute noch in den Händen einiger weniger Pmatfirmen konzentriert, die ihren privaten Charakter auch dort noch wahren, wo sie die Form einer ״Cie- Seilschaft“ bereits angenommen haben. Das Zentrum dieser Metallliandelsmoiiopolisten ist Frankfurt, und die Männer, die das ungeheuer weit gedehnte Netz des Metallhandcls beherrschen und dem Deutschen Reiche einen eminenten wirtschaftlichen Vorteil sichern, sind — Juden. In Frankfurt haben die zwei größten Firmen ihren Sitz. ״Es sind dies die Metallgcsellschaft und die Firma Beer, Solid hei 111er ft Co. Insbesondere der Konzern der Metallgcscllsclmft ist neben der A.E.O. und allenfalls noch Siemens ft H ilske der internationalste U 111 e r n c h - m 11 n g s ko inp 1 e x Deutschlands und dadurch und vor allem durch die Art seines Aufbaues von großem volkswirtschaftlichem Interesse. Man erkennt in diesem Konzern, wie trotz qller Effcktcnbctciliguiigcn und aller Aktiengesellschaften cs doch zu einem grollen Teile Personen sind, weiche die verbindende Einheit schaffen.“ ״Der Gründer der Metallgcsellschaft ist Dr. Wilhelm Mer ton in Frankfurt a. M., in weiten Kreisen bekannt durch seine vielseitigen philanthropischen und sozialen Bestrebungen und Stiftungen. In seiner Person gipfelt noch heute der ganze große an die Metallgcsellschaft geknüpfte Unternehmungskomplex, der, wie gesagt, teilweise nur durch persönliche Verhältnisse zusainniengehnlten wird, weshalb man am besten von einem Me rton- Konzern spricht, ein Name, der noch nicht so bekannt geworden ist wie der des Fürstenkonzerns, ihm an volkswirtschaftlicher Bedeutung aber vielleicht nahe kommt.“ — ״Wilhelm Merton, geborener Engländer, entstammt einer ursprünglich deutschen Familie jüdischer Konfessio n.“ Wie alle Großhandelsgesellschaften, mußten auch die des Metallhandcls darauf bedacht sein, in die Produktion einzudringen. Und ähnlich wie die größte Metailhandlung Amerikas, die (jüdische) Firma M. üuggenheim ß Sons, allmählich mehr Bergwerks- Unternehmer als Händler wurde (gilt doch Daniel Gtiggcnhcim als der ״König von Colorado“), glicdertc sich der Merton-Konzern Produktiomunter- 1)!•Innungen an. Heute umfaßt er, um nur die wes entluhsten zu nennen: die Metallurgische Gesellschaft, d e Merton Mctallurgical Company Ltd. London, die Metallurgical Company of America, die Compagnie d! 1 Min6rais, Lüttich, die Societe auxiliairc des M nes, Paris, die Coinpania de Minerales y Mctales, Mexiko, die Societe des Cuiores et Pyritcs, Paris (an dieser sind auch andere Kapitalistengruppcn beteiligt), die African Metal Company, die Australian Mttal Company, London-Melbourne. Im Jahre 1006 schuf sich dieser Konzern unter Mithilfe einiger Gioßbankcn eine Finanzicrungsgcscllschaft in der Bergu. Metallbank, Diese wurde ״statt der Metallgesellschaft die eigentliche Spitze des ganzen Konzerns“ und ״kontrolliert ihn, zusammen mit dem persönlichen Besitz der Familie Merton“. Doch mit diesem Merton-Konzern ist die Rolle des Juden als Beherrscher des deutschen Metallhandcls keineswegs begrenzt. Prof. Licfmann weist ״auf die bemerkenswerte Erscheinung hin, eiaß sich der große Metallhandcl ausschließlich, wie vielleicht kein anderer Erwerbszweig, in jüdischen Händen befindet, dergestalt, daß z. B. die beiden größten deutschen Metallhandlungcn außer dem *)״WeltwirtschaftlichesArchiv." Her- *tisgeber Dr. Bernh. Harms-Kiel. 1. Bd., Heft 1. Verlag G. Fischer, Jena. Merton-Konzern, die Fa. Beer, Sondhcimcr ft Co. in Frankfurt a. M. und Aaron Hirsch & Co, in Halberstadt überhaupt keinen iiichtjüdisehen Teilhaber aufnehmen würden. Die Juden haben in diesem Geschiiftsz.weig von jeher eine große Rolle gespielt, die meisten großen Mctallhandlungcu sind schon alte Firmen usw. —“ Der Gründer von Beer, Sondhcimcr ft Co. war ursprünglich in der Metallgesellschaft tätig. Das erinnert daran, wie Bleielirödcr Lehrling bei Rothscliild war .. mul hierin liegt das historisch licdeutsame: heute bildet der Met allhandel fast eine Art Enklave im deutschen Wirtschaftsleben, ein Stückdien aus «1er guten alten Zelt. Wie lange wird es dauern, bis auch hier «Ile ״Persönlichkeit" eliminiert, der Betrieb versachlicht, die Verwaltung unter die Herrschaft der Banken kommen wird? Wie lang ist cs noch hin bis zu tlcr Zelt, wo der Name Merton oder Sondheimer so mittelalterlich und überlebt klingen wird, wie heute schon der Name Rothschild oder Bleichröder? Für denjenigen, der die Wirtschaftliehe Expropriierung der Juden verfolgt, liegt in dieser Insel ein seltener Reichtum an wehmütiger Romantik. — H, M. . Ueber die Fortschritte der Pro-Falaschas-Bewegung erhalten wir die folgende wichtige Mitteilung. Wie bekannt und seinerzeit von uns veröffentlicht, hat das Pro Falascha-Komitec im vergangenen Sommer beschlossen, Herrn Dr. Faitlovich zum dritten Male nach Abessinien zu senden. Dort sollte er er zunächst unter den dortigen Glaubensgenossen eine von ihm in amharischer Sprache verfaßte Schrift verbreiten, die dazu geeignet ist, die Falaschas im Glauben zu stärken und in dem ihnen von der christlichen Mission aufgezwungenen Kampfe zu ermutigen. In der Schrift ist ferner die Ankündigung enthalten, daß demnächst eine Schule in Erytrca eröffnet werden soll, in der jüdische Falaschas in der jüdischen Religion und in der von ihnen so sehr gewünschten hebräischen Sprache Unterricht erhalten werden. Es soll ferner die Aufgabe des Herrn Dr. Faitlovich sein, unter den Falaschas eine Anzahl begabter junger Leute auszuwählcn, die gewillt wären, sich zu Lehrern ihrer Glaubensgenossen auszubildcii. Mitte Dezember konnte Dr. Faitlovich Europa verlassen. Nach einem kurzen Aufenthalt in Alexandrien, wo er ebenfalls propagandistisch tätig war, begab er sich nach Jerusalem, wo in der Schule des Hilfsvereins der deutschen Juden der junge Falasche Jcremia Qetie ausgebildct wurde und holte diesen ab, damit er ihn auf seiner Reise begleitete. Die italienische Regierung zeigte auch diescsmal das größte Entgegenkommen und stattete Dr, Faitlovich mit ausgezeichneten Empfehlungen an die Behörde der Kolonie aus. Der , Gouverneur von Erytrca erklärte sich auch bereit, den Grund und Boden für die zugunsten der Falaschas zu errichtende Schule unentgeltlich zu gewähren. Ueber den Ort, an dem die Schule errichtet werden soll, konnte zunächst noch keine Einigung erzielt werden, da Dr, F. genötigt war, nach dem Innern von Abessinien zu gehen, ehe dort die Regenzeit einbrach und ihm das Reisen unmöglich machte. Bei seiner Ankunft in Asmara fand Dr. Faitlovich ein Schreiben der Falaschas vor, in dem sie seine lange Abwesenheit aufs tiefste beklagen und ihm beschwören, so rasch wie m öglieh wieder in ihren Gemeinden zu erscheinen, sie aufzurichten und sie nicht länger zum Spiclbnll der christlichen Missionare werden zu lassen. Der neue Hilferuf machte auf ihn, ganz besonders aber auf seinen Begleiter Üetic einen tiefen Eindruck. In einem rührenden Schreiben in hebräischer Sprache fleht der junge Abessinier den Präsidenten des Pro Falaschas Komitees, Dr. Margulles, Florenz, seinen früheren Lehrer, an, ihn und seine Landsleute nicht zu verlassen, Mitleid mit ihnen zu haben, ,,damit sie sich nicht verlieren vom Ucberrest des jüdischen Volkes und nicht zu verlassen brauchen die Thora, welcher sic seit Jahrhunderten auch unter schweren Leiden treu anhingen. Wir haben jetzt vernommen, daß unsere Feinde, das sind die Missionare und Verführer, in größerer Zahl darauf aus sind, uns zum Glaubens- Wechsel zu bewegen. Die Mission hat jetzt eine neue Station in Gontlar errichtet. Wir hoffen auf die Hilfe und das Mitleid unserer Glaubensgenossen, damit wir gerettet werden können von den Feinden unserer Nation." Die beiden Vertreter des Pro Falasehas-Komitccs begaben sich unter dein Eindruck dieser Schreckensnachricht sofort auf die Reise und beschleunigten sic so sehr, wie das in jenen unwegsamen Gegenden möglich Ist, Am 2. März erhielt Dr. Margulics aus Dobarek ein Schreiben von Dr. Faitlovich, das wie folgt lautet: ״Ich benutze die Anwesenheit eines Kuriers nach Adua, um Ihnen mitzuteilen, daß ich bereits vor zwei Wochen Adua verlassen habe und auf dem Wege nach Amhara bin. Auf der Reise habe ich einige Falaschas-Gemeindcn in der Provinz Tigrc besucht. Ich kann Ihnen die Freude, welche jene unglücklichen Glaubensgenossen über meinen Besuch empfanden, jetzt nicht schildern, da der Kurier die größte Eile hat. Letzten Sonntag verließen wir Tigrc. Um hierher zu gelangen, hatten wir drei Tagereisen durch die Wüste zu marschieren, wobei wir schrecklich viel gelitten haben. Gott sei Dank aber haben wir nun den Marsch gut üherstanden. Morgen bin ich wiederum unter den Falaschas in der Gemeinde Mnsquclicho, wo ich den Sabbat verleben werde. Von dort aus werde ich eine Fnlascha-Gcmeindc nach der anderen besuchen, bis» ich schließlich nach Gondar komme. Von Gondar folgt ein ausführlicher Bericht." Hoffen wir, daß dem mutigen Missionar, der auf seiner Reise vom besten Erfolg begleitet wird, das Werk an den Falaschas recht gut gelingt I Ein Lufthieb Von Chaim Robert Loewenthal. Dem Zentralvercin ist nunmehr neben seinen vielen Verteidigern auch eine Verteidigerin erstanden. Die bekannte Frauenrechtlerin Frau Henriette Fürth aus Frankfurt a. M. hat cs übernommen, in der Allgemeinen Zeitung des Judentums vom 30. Mai d. Js. die von der Zionistischen Vereinigung für Deutschland einstimmig gefaßte Resolution zu kritisieren und gleichzeitig uns — eingedenk der Aufgabe, die ihr Landsmann Goethe den Frauen zuweist — ein Kapitel über den guten Ton gelesen. Dagegen wäre nun an sich nichts zu sagen. Es fühlen sich so viele Menschen bemüßigt, uns Zionisten gute Lehren zu erteilen, warum nicht auch Frau Fürth. Wenn aber eine Frau, die unstreitig ihre Meriten hat, zur Feder greift, so wäre doch sehr zu wünschen, daß sic einmal uns nun auch in bezug auf den guten Ton mit gutem Beispiel vorangeht, und dann aber ihre Argumente nicht aus der Rumpelkammer holt, Endlich darf sic aber auch nicht die Tatsachen auf den Kopf stellen, und dies tut Frau Fürth schon gleich in den ersten zwei Sätzen. Sic schreibt nämlich: ״Eine Kriegserklärung ist erlassen worden. Der Zionismus hat auf die in der bekannten Berliner Resolution von «len Mitgliedern des Zentralvereins in aller Selbstverständlichkeit verlangte Betätigung ״deutscher Gesinnung“ damit geantwortet, daß er in einer bei Gelegenheit einer am 1. Mai in Berlin stattgehabten außerordentlichen Tagung der ״Zionistischcn Vereinigung für Deutschland“ gefaßten Resolution sagt: (Folgt die Resolution der Z. V. f. D.)" Das heißt also: Nicht der Zcntralverein hat uns einen Kampf aufgezwungen, sondern wir, die bösen, zanksüchtigen und eigensinnigen Zionisten, die nun einmal absolut nicht glauben wollen, daß in der restlosen Assimilation das Heil der Juden liegt, haben dem Zcntralverein - wie man so sagt — mutwillig auf die Hühneraugen getreten. Dann marschiert die alte Behauptung auf, daß wir unseren Wirkungsbereich gewaltig überschätzen, wenn wir glauben, durch zionistische Massenaustritte den ״ganz anders und viel fester begründeten" Zenverein empfindlich schädigen zu können, und daß die Mehrheit der zionistischen Bcitragszahler gewissermaßen nur aus Mitleid zahlen, keineswegs aber eine Loslösung vom Deutschtum beabsichtigt. Der Respekt vor dem ehrwürdigen Alter dieser Argumente vermietet mir, sie zum aberhundertsten Male zu widerlegen. Dann kommt die Klage über den schlechten Ton und der Hinweis auf die schwere Gefahr, mit der das Vorgehen des Zionismus nicht etwa den Zcntralverein, sondern das ganze ״jüdische Deutschtum“ bedroht. Dann aber folgt der Kern des Artikels, den ich trotz aller Ermahnungen zum guten Ton nicht anders denn als glatte Entstellung der Tat- Sachen bezeichnen kann. Frau Fürth schreibt nämlieh wörtlich: ״Die Aufregung und Empörung im zionistisehen Lager wären durchaus unverständlich; wenn die so selbstverständliche Resolution des Zentral- Vereins den Zionismus nicht ins Mark seiner antideutschen Bestrebungen getroffen hätte. Wie ließe es sich sonst erklären, daß das Verlangen des Bekenntnisses zu deutscher Gesinnung und das weitere ihrer Betätigung als einer unumgänglichen Voraussetzung der Zugehörigkeit zum Zentralvercin vom Zionismus als ״ungebührliche Anmaßung" zurückgewiesen werden? Die notwendige Schlußfolgcrung ist demnach, daß man die deutsche Gesinnung als unvereinbar mit den Pflichten und Aufgaben des Zionismus empfindet. Dieser Auffassung entspricht auch, daß von vielen mehr oder minder legitimierten Zionisten immer wieder betont wird, daß der Jude nur ein Gast im fremden Wirtsvolk sei, der höchstens anempfinden, niemals aber ehrlich mitempfinden, der nur jüdisches, nie aber deutsches Naticnalgefühl haben könne und ihnliehet mehr." : | ■f"