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Jüdische Rundschau · 1913-06-13 · Heft 24 (13.6.1913) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 24 (13.6.1913)
Date
1913-06-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 242 [UEPISCHE RUNDSCHAU Nr. 24 die Juden die Lösung unserer Frage bedeutet, sondern daß sic die jüdische Emigratkmsfrage in einer Richtung beeinflußt, die allen Ito-Programmen direkt ins Ocsicht schlügt. ln Wien erklärte Zangwill die üalveston-Aktion als ein Nebenprodukt der Ho. Da aber das Hauptprodukt nicht existiert und auf den bisher beschrittencu Wegen nicht zu Arielen ist, so ist er in die schiefe Lage gekommen, selbst fortgesetzt das Nebenprodukt für das ilauptprodukt und üalvcston für lto-Land zu substituieren. Was wir von Ito-l.and sonst zu sehen bekommen haben, war der ganz englisch-regierungsmüßig ausgestattete Bericht über die Unbrauchbarkeit ihre־ naicas (eine für unseren Fall ganz falsche Dar- Stellung), der jetzt ein neuer Bericht über die wirkliehe Unbrauchbarkeit Angolas für unsere Zwecke folgen soll. Und doch gibt es für die Ito ein Zurück, und es würde uns freuen, wenn sie den Weg dazu fände, und wenn sie uns Leute und Mittel naher bringen könnte, die für unsere eigene Arbeit einstweilen nicht zu haben waren. Seine zionistische Periode entschuldigt Zangwill jetzt damit, daß er zu jener Zeit von der Legende hypnotisiert gewesen sei, daß Palästina ein mcnscliculeeres und vernachlässigtes Land sei. Jetzt aber sieht er, daß der zionistische Plan in Palästina undurclifülirbar ist, weil das kleine Land 600 000 Araber und nur 100000 Juden zahlt und weil t)3 " » des Bodens in nicht jüdischen Händen sei. Nun, vor einem Menschenalter war das Miß- Verhältnis in der Bevölkerung viermal so groß und der jüdische Landbesitz war damals noch nicht ein Hundertstel des jetzigen! — Aber in vvclchcm zauberhaft menschenleeren und vernachlässigtem Lande (dem Laude nach Zangwills Herzen) müßte der Anfang nicht mit noch viel w e n i g e r jüdischeu Menschen und Quadratmetern gemacht werden! Der Erfinder von Galveston ist übrigens der letzte, der mit solchen Argumenten kommen sollte, und was die Zeit betrifft, die bei jedem Anfang sehr viel langsamer hinschlcichcu muß, als unsere Notlage es erfordern würde, so ist die langsame Ent* Wicklung der jüdischen Position in Palästina sicherlieh erträglicher als der Zeitverlust Zangwills und seiner ״geographischen Kommission“ im lioffmiugslosen Absuchen unseres kleinen Planeten nach dem alleinseligmachenden lto-Land, das Zangwill selbst bisher obensooft verworfen, wie gefunden hat. Als Zangwill auf dem VII. Kongreß sein« Se- Zession machte — demselben Kongreß, der das Land- Programm des Zionismus auf ,die Nachbarländer erweiterte versuchte ich, Zangwill im Zionismus zu halten, indem ich ihm zeigte, daß die Ungcduldigen noch nie so viel Möglichkeiten einer baldigen großzügigen Arbeit gehabt hätten, als eben jetzt auf Cirund des größeren Palästina, das sogar - sehr wichtig für Zangwill und seine Freunde (die um Ugandas willen nicht länger in der zionistischen Ürganisation bleiben wollten) — englische Gebiete umfaßte, wie Zypern und das Sinai-Gebiet. In diesen Nachbarländern konnte er — malericlle Möglichkeiten vorausgesetzt, aber das gilt ja für überall - bald Großes erreichen, ohne den Zionismus zu verlasfeu, oder aber von einer neuen ürganisation ans dem vergrößerten Zionismus in die Hände arbeiten. Aber das Sinai-Gebiet war ihm ״zu menschenlccr und zu sehr vernachlässig t“, — ihm, der gerade diese Qualitäten jetzt überall sucht, und Zypern war ihm nicht groß genug. Wortlieh erklärte Zangwill mir damals: ״Wenn ich eine kleine Sache machen wollte, so wäre Zypern gerade rech t.“ Zangwill, der übrigens vor seinem Liiitreten lür Palästina selbst dort gewesen war (es war freilich nur für acht Tage, aber gerade deshalb hat er mir das bevölkertste Palästina zu sehen bekommen), ist von der Hypnose, in der er sieh jahrelang zio• nistisch betätigt hat, zurüekgekommen, Ls muß ihm schwer angckoinmen sein, den fundamentalen Irrtum öffentlich zu bekennen, denn dergleichen ist nicht geeignet, die neuen Pläne eines Politikers zu empfehlen, und Zangwills, des früheren Zionistenführers, Attacken gegen Palästina als Judenland sind um so merkwürdiger, als sie zeitlich zusammenfallen mit der von immer mehr bisherigen Antizionisten geäußerten Begeisterung über die Fortsc?1 ritte der Juden in Palästina! Vielleicht ist es heute eine Brücke für Zangwill, wenn ihm nochmals die Arbeit in Zypern proponiert wird, denn inzwischen wird ihm wohl auch die Hypnose der gigantischen LandpLine vergangen sein. Oder, w׳emt ihm gezeigt wird, wie vollkommen das Sinai-Ocbict sieh seinen neuegten Forderungen anpaßt. Beide Gebiete stehen zudem unter englischer Verwaltung, und viele Zionisten und Niehtzionisten würden mancherlei Vorteile darin erblicken, wenn eine jüdische Kokmisationstätigkcit in englischen Gebieten des Halten Orients uns englische Sympathien in höherem Maße als bisher zuführt. — — —־ Schließlich will ich Mr. Zangwill mit einem Worte mahnen, das er nicht deshalb von sich weisen sollte, weil er auch dies vor einigen Jahren (noch in seiner zionistischen Zeit) gesagt hat: ' ״Line nationale Bewegung soll vorgehen wie ein Mann, aber ein Mann soll nicht vergehen wie eine nationale Bewegung,“ Davis Tri et sch. Zur wirtschaftlichen Zukunft der deutschen Juden Die in diesen Blättern hauptsächlich von den 1 lenen Goslar und Heinricli M a r g u I i c s geführte Erörterung über obigen, für uns alle ja überaus wichtigen Gegenstand•■ist bisher etwas einseitig geblieben. Ls ist ja sehr naheliegend und sozusagen nur eine Folgerung atis dem allgemeinen Pessimismus, mit dem wir als Zionisten die Entwicklung der jüdischen Dinge in der Diaspora befrachten, wenn jetzt auch eine Verelcnduugstheorie für die deutschen Juden auf wirfschädlichem Gebiet konstruiert wird. Die Tendenz zu einer solchen Verelendung hegt unleugbar vor, dies hat Zollschan und neueste!,s erst wieder Kaplun Kogan in seinem Buche über die jüdischen Wanderungen gezeigt. Aber mit Tendenzen allein sehreibt man keine Wirtschaftsgeschichte und auf ihnen allein kann man keine gesunde Wirtschaftspolitik auf hauen. Das Prophezeien nach Tendenzen hat die erleuchfeisten Geister des wissenschaftlichen Sozialismus in unzähligen Füllen in die Irre geführt. Es gihf nämlich auch Gegentendenzen und erst die Kräftediagonale der verschiedenen Tendenzen ergibt die Wirklichkeit. Diese Gegentendeiizen sind in unserem Falle 1. Der enorme Geburtenrückgang. Um dies au einem übertriebenen Fall in der Fiktion zu demonstrieren, sei angenommen, daß zwei Ehepaare, also vier Personen, die über ein Vermögen von X verfügen, dem Einkinder- System huldigen; daun hat, vorausgesetzt daß die Vermögen stabil bleiben, das Kind des einen wie des andern Ehepaares ein Vermögen von 2 X und wenn diese beiden Kinder verschiedenen Geschlechts sind, sich heiraten und auch wieder nur ein Kind zeugen, so hat dieses Glückskind schon ein Vermögen von 4 X. Wohl jeder von uns kennt aus seinem Kreise derartige Fälle von Kapitalsakkumulation. Während selbst Karl Marx anerkennt, daß der Erbgang ten* deiitiell zur Kapitalszersplittcrung führt, so dient er bei uns heutigen deutschen Juden im Gegenteil der Kapitalsakkumulation. Solange die deutschen Juden noch so stark kapitalbcsitzend sind, kann man auch nur von der Gefahr der Proletarisieruug noch nicht reden. 2. Die kolossale wirtschaftliche Exp a u s i o 11 Deutschland s. Jeder weiß es aus der Praxis und die Nationalökonoinen bestätigen cs, daß die Juden im allgemeinen und in Deutschland im speziellen sieh auf jedes neue Arbeitsfeld stürzen. So ist z. B, das Kinematographcngewerbc sehr stark jüdisch, u. a. m. Für jede Position, die wir ver* iiereii, k ö 1111 e 11 wir heute noch in Deutschland eine neue gewinnen. Durch diese Expansion wird auch die Tendenz zur Schematisierung und Bureau* kratisicrung des Wirtschaftslebens, zu seiner ״־Bindüng“ im mittelalterlichen Sinne in Grenzen gehalten. Solange der Ausfuhrweg Deutschlands andauert, haben wir nichts Ernstliches zu befürchten; der beste Beweis ist doch der, daß die ganze starke Abwanderung der Juden aus den Gstjirovinzen von Berlin aufgesaugt wurde, ohne daß von der Bildung eines wirklichen jüdischen Proletariats in Berlin die Rede sein könnte. Unter diesen Umstünden muß man sich doch fragen, ob die vorgcsclilngenen Hilfsmittel dem Zweck augepaßt sind. M. E. handelt es sich bei uns bisher nicht um ein Kollektivschicksal, sondern um eine Reihe, meinetwegen um eitle Summe von Individual- Schicksalen; daher sind keine Kollektivmittcl, sondern nur individualmittcl angebracht. Margulies schlügt die ja schon seit vielen Jahren in der Luft schwebende jüdische Handlungsgehilfe!!Organisation vor; sic mag an sieli ganz gut sein, im nationalen Sinne nützlich und vielen Mitgliedern gesellschaftlich sehr angenehm. Aber daran, daß sic wirtschaftlich viel nützen wird, daran glaube ich nicht. Die Ooslarschen Vorschläge sind vielleicht praktisch er, berücksichtigen mehr die Dinge, wie sie wirklich sind. Außerdem hat sich Goslar in seinem Kampf gegen den Antisemitismus einzelner GroÖunternehmen ein wirkliches Verdienst erworben. Aber auch an seine Spar- und Lcihkasseu glaube ich nicht, wenn sie auch als Projekt gleichfalls schon recht lange lierumsptiken, und zwar deswegen nicht, weil ich schon sehr viele Juden gesehen habe, die mit den ihnen zur Verfügung stehenden Vermögen nichts anzufangen wußten, sie als Rentiers verwalteten und nebenbei ihre Arbeitskraft fruktifizierten, weil ich aber noch keinen Juden getroffen habe, der in Deutschland sich das Betriebskapital, das er braucht, nicht beschaffen konnte, sofern er mir ein ernsthafter, Kreditwürdiger Mensel! war, ־ Also, was sollen wir dann tun? Einmal glaube ich überhaupt nicht recht, daß Anlaß zu einer großen Rettungsaktion vorliegt, da der zu Rettende sich bisher noch recht wohl befindet. Mir sind mehrere Fälle bekannt, wo als angeblich antisemitisch verschrienc Großunternehmen sich so entwickelten, daß nach kurzer Zeit die Christen mit Recht oder Unrecht über Verjudung klagten, und mir ist bisher kein Fall bekannt, wo Stcllungsucheiide — und selbst Chemiker und Ausländer, ja sogar ausländische Chemiker — nicht bei ernstlichem Bestreben untergebraebt werden konnten. Nun ist es mir sehr wohl bekannt, daß ein starker wirtschaftlicher Antisemitismus, insbesondere in der rheinisch-westfälischen Großindustrie bestellt und daß er den Juden sehr viel zu schaffen!nacht. Was ich aber behaupte, ist, daß man mit ihm fertig werden kann, und dal! daher zum Pessimismus vorerst für uns kein Grund vorliegt, wohl aber zu größter Kraftanspaiuiung und zwar nach zweierlei Richtung. 1. Wir müssen vor allem jeder in unserem Berufe tüchtig sein und uns möglichst intensiv ausbildcn und schulen. Unsere tffieicncy, wie die Amerikaner sagen, muß größer sein wie die der Nichtjuden. Wir müssen doppelt so intelligent sein, doppelt so leistungsfähig sein; dann finden wir Stellungen und kommen in diesen auch weiter. So antisemitisch sind nur die wenigsten, dal! sic die Ware Arbeitskraft nicht kaufen, wenn sie ihnen zum gleichen Preise in doppelt so guter Qualität geboten wird. Und diese erhöhte effieiency können wir mit gutem Wollen erreichen. Aber Arbeit und Anstrengung und Energie ge* hören dazu. Und das gilt auch für unsere zionistische Jugend an Studenten und jungen Kaufleuten. Ver* binduugen um! I Icrzlkhtbs und Turnvereine c tutti quantl in allen Ehren; aber die erste Pflicht des einzelnen gegenüber sieh selbst und g e g e n über der zionistischen Bewegung ist cs, etwas aus sich zu machen, selhcr in eine sichere, wlrt* schaftliche Position zu kommen, aus der heraus er etwas leisten und die anderen stützen kann. Wir wollen aus unserer Jugend tüchtige Männer und Frauen erziehen, aber keine verbummelten Genies. 2. Wir müssen dafür Sorge tragen, daß in sehr viel stärkerem Umfange als es heute geschieht jüdische Chefs auch jüdische Angestellte beschäftigen. Hier herrschen z. Teil noch die sonderbarsten Anschau• iingcn. Es gibt leider viele Juden, die die anderen Juden nicht für fleißig oder akkurat oder diszipliniert halten. Sic fürchten sich vor dem Gleichlieifsgefühl aller Juden untereinander, sie glauben, daß sie dem Juden als Untergebenen gegenüber selber keine Autori* tat haben, von ihm keinen Respekt empfangen werden. Mit der jüdischen Köchin und dem jüdischen Kinder* fräulcin beginnt die Tragikomödie, mit dein jüdischen Prokuristen endet sie. Schreibt doch Margulies selbst, daß wir unserer Art nacli für die Beamtenschaft im Großbetrieb weniger geeignet waren, als für die Selb* stüudigkeit. Schreiber dieses hat früher ähnliches ge* glaubt, hat sich aber aus der Praxis von der Unrichtig* keit überzeugt; die jüdische Anpassungsfähigkeit hat auch hier gesiegt. Vor allem ist das weibliche jüdische Personal absolut erstklassig; es sind für die Zwecke, in denen heute Großbetriebe Damen einstellen, überhaupt keine fleißigeren, intelligenteren, sich für das Geschäft tatsächlich in höherem Grade aufopfernden Beamten zu finden, als Jüdinnen. Und für das manu■ liehe Personal gilt das gleiche, überall dort, wo In* telligenz und nicht nur Sitzfleisch eine Rolle spielen. Diese Erkenntnis von der hervorragenden Geeignetheit des jüdischen Personals muß den jüdischen Chefs immer wieder gepredigt werden; sie wirkt viel kr.if* tiger als der Appell an die jüdische Solidarität, der ja auch nicht fehlen darf. Soviel wirtschaftliche Macht, daß wir auch das Dreifache der jüdischen Stcllensuchendcn unterbringen können, wenn wir wollen, haben wir deutschen Juden noch in den Händen. Dieses Wollen gilt es zu wecken. Hier wäre eine Aufgabe für den Staatsbürgervercin statt seines törichten Kampfes gegen den Zionismus, und hier ist auch eine Stelle, wo das kollektive Eingreifen sowohl für Akademiker wie für Kaufleute durch eine zentralisierte Stellenvermittelung am Platze ist. Das sind keine großen Zukunftsarbciten, aber Notwendig* keiten des Tages, wo jeder in seinem Kreise nach Kräften wirken kann, so wie es die katholische Minorität in Deutschland seit Jahrzehnten schon mit großem Erfolge tut. Also keinen Pessimismus, sondern Energie. Arbeiten und nicht verzweifeln. H. Richtigstellung Herr Dr. Felix Goldmann (Oppeln) teilt uns unter Bezugnahme auf den Leitartikel unserer vorwöchigen Nummer mit, daß er weder der Verfasser der dort besprochenen antizionistischen Broschüre sei, noch in irgendeiner sonstigen direkten oder indirekten Beziehung zu ihr stehe.

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