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Jüdische Rundschau · 1913-06-13 · Heft 24 (13.6.1913) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 24 (13.6.1913)
Date
1913-06-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 240 JU EDI SCH E RUN DSC II AtJ Nr. 24 Die Arbeit in Palästina hat einen ganz, modernen Charakter. Hier ist cs eher möglich, von positiven Ergebnissen zu reden. Sie zerfällt In die Arbeit auf dem Lande, in der Stadt und in der Orga• nisationsarbeit unter den palästinensischen Juden. Die Vergrößerung des palästinensischen Landbesitzes hat in den letzten Jahren endlich größere Fortschritte zu verzeichnen. Sowohl in Galiläa als in Judäa sind größere Besitze in jüdische Hände übergegangen, und die Zahl der jüdischen Ansiedler ist beträchtlich vermehrt worden. Dieses Resultat verdanken wir vor allem der Palcstinc Land Development Co., die es verstanden hat, ein ParzellierungsRcscltäft ins Leben zu rufen, wie es früher nicht möglich gewesen ist. Und wenn man von den Verdiensten Dr. •Kuppins um die palästinensische Kolonisation überhaupt nocli reden muß, so genügt wohl die Tatsache der Er- Widmung, daß die Gründung der P. L. I). C. vor allem ihm zu verdanken ist. Gerade wegen der P. L. D. C. aber ist das A. C. sehr getadelt worden. Es ist uns vorgeworfen worden, daß diese Gesellschaft nicht nach kaufmännischen Grundsätzen geleitet worden ist. Ich will dazu folgendes bemerken: Ls gibt wenig Landgesellschaften, die gleich im ersten Jahre ihrer Tätigkeit Gewinne zu verzeichnen haben. Wir dürfen aber konstatieren, daß selbst die Verluste, die die P. L. D. C. erlitten hat, für sie einen Ruhmestitel bcdeuten, wenn man sie eben nicht als reine Privatgcselischaft auffaflt. Und jeder wird wohl ztigeben, daß («einer ihrer Aktionäre Anteilscheine gezeichnet hat, um zunächst grollen Gewinn zu ziehen, sondern um der Kolonisation zu dienen. Nun hatten wir im Nationalfonds ein Institut, das Aufgaben, wie sie die P. L. D. C. übernommen hat, eigentlich hätte selbst lösen müssen. Aber in den Statuten des Nationalfonds stellt die Bestimmung, daß er wohl Land kaufen, aber nicht verkaufen dürfe. Mit einer solchen 15c- Stimmung kann man nur dann kolonisieren, wenn man in der Lage wäre, von vornherein ein großes Pachtsystem cinzuführen. Der Jude in Palästina aber will eigenes Land behauen. Deshalb übernahm die P. L. D. C. das Geschäft an stelle des J. N.-F. und kaufte zum ersten Male in der Ebene Jesrecl Land. Natürlich machte cs Schwierigkeiten, das Land nicht nur zu kaufen, sondern auch sich festzusetz.cn. Die Gründungskosten erklären das Defizit sehr natürlich. Ucbrigcns aber wird jetzt die P. L. D. C. wieder aktiv werden. Vom Standpunkt der zionistischen Organisation müssen wir also auch in der Tätigkeit der P. L. D. C., so weit sic nicht mit , Gewinnen verbunden war, einen bedeutenden Aktivposten erblicken. Unsere Paliistina-Arbeit war aber auch sonst auf die Besserung unserer landwirtschaftlichen Verhältnisse bedacht. Wir suchten vor allem den Bauern erforderliehe landwirtschaftliche Kenntnisse zu vermitteln. Bekannt ist die einschneidende Wichtigkeit der Landarbeiterfrage. Man weiß, wie sehr wir uns mit dieser Frage beschäftigt haben, zu deren Lösung hoffentlich auch die Einwanderung der Ycmciiiten beitragen wird, die sich als ausgezeichnetes Arbeitermaterial erwiesen haben. Die Zeit kann nicht mehr fern sein, da jede jüdische Kolonie wirklich den Eindruck eines jüdischen Dorfes in.idien wild. Die Agrarkredite, die der Nationalfonds.und die Anglo- Lassalle, der Jude Von Hans G 0 s 1 a r ־ Beilin. Fünfzig Jahre sind seit der Gründung des Aligemeinen Deutschen Arbeitervereins verflossen und die sozialdemokratische Presse feiert in Wort und Bild das Andenken jenes Feuergeistes der — ein geborener Revolutionär —■ einst wie ein gewaltiger Sturmwind durch seine Zeit brauste, unauslöschliche Spuren im sozialen und politischen Leben hinterließ und nun seit Jahrzehnten auf dem Breslauer jüdischen Friedhof den ewigen Schlummer schläft, — Gleichgültig, wie man zu Lassailcs sozialpolitischen An* sichten, zu den von ihm mit leidenschaftlichem Pathos und glänzender Rhetorik verfochtenen Ideen stehen mag: niemand unter uns wird cs leugnen, daß der Mann, der im schaffensfreudigsten, blühendsten Alter unter der Kugel des Grafen Hatzfeld tief, einer der begabtesten Menschen war, die der jüdische Stamm in der Diaspora hervorgebracht hat, eine der glänzendsten Erscheinungen, die die politische Ocftcntlichkeit — zum mindesten Deutschlands — je gesehen hat. Da dürfte es sich für uns Zionisten, denen mchts Jüdisches fremd sein soll, auch einmal lohnen, des J uden Ferdinand Lassalles Gefühle der jüdischeit Gemeinschaft gegenüber zu analysieren; ein Experiment, doppelt interessant bei einem Manne, der seelisch viel mit Heine gemeinsam hatte, ja auch ein persönlicher Freund des Dichters genannt werden konnte. Ferdinand Lassall(e) stammte aus einem Breslauer Hause, das zwar im damaligen Sinne als ״liberal" galt — der alte Heymann Lassall stand im Gegensatz zu der Gruppe derer um den Orthodoxen Dr. T i k t i n auf seiten Abraham Geiger», der auch Palcstinc Company vermitteln konnten, haben die Besiedlung sehr erleichtert. In den Städten hatten wir schon seit Jahren die Anglo-Palcstiue Company als Itauptstütz.puukt des jüdischen Elementes. Sie luit in den letzten zwei Jahren ihr Geschäft stark vergrößert. Die linniobiiieugesdlschaft, die eine sehr anständige Dividende zahlen kann, hat die Gegend am Karmel parzelliert. Leider stellt uns noch immer viel zu wenig Kapital zum Landkauf zur Verfügung. So hatten wir vor kurzer Zeit die Nachricht, daß alies verfügbare Land verkauft sei und die Nachfrage nach Land nur mit Mühe befriedigt werden könne. Die Geschichte von Tel-Avvivv ist der Beweis dafür, daß wir mit unserer Arbeitsmethode in Palästina uns wirklich Anerkennung und Einfluß erwerben können. Symptomatisch ist, daß das Gymnasium in Jaffa vergrößert, das Gymnasium in Jerusalem neu geschaffen werden konnte. Audi diese Institute wurden zu Hauptstüizpunkten jüdischer Lin- Wanderungen, vor allem war cs auch der Bczalel, der unsere Aufmerksamkeit in Anspruch genommen hat. Ls ist bekannt, daß wir seine Reorganisation durch unseren Freund, Herrn Estcniiniin, zur Durchführuug bringen konnten. Von den Organisationsbcstrebimgen unter den palästinensischen Juden will ich hier nur drei Punkte berühren: Der M e r k a s llamorim ist von ganz großer Wichtigkeit für die Arbeit der palästinensischen Lehrer und durch sie für die kulturelle Arbeit in Palästina. Die Organisation des H ascliomcr, der jüdischen Wächter, hat sehr dazu heigetrageii, das Selbstbewußtsein der Juden zu heben, die früher Eigentum und Leben <len Arabern nnveitrancn mußten. Die Acrztc- Gesellschaft stellt einen Versuch dar, die Kräfte der einzelnen Acrztc zu einer arbeitsfähigen Organisalion zu sammeln. Auf dein Gebiete der kulturellen Arbeit hat sich gezeigt, daß die Konflikte, vor denen man sieh früher fürchtete, verschwinden, wenn es sielt nicht um Diskussionen, sondern um praktische Arheit handelt. Die Propaganda wie sie von dem A. C. betrieben wurde, ist wolil ein Novum. Früher war die Arbeit' dadurch erschwert, daß die einzelnen Laiuiesorganisatiouen angeblich nicht in gleicher Weise arbeiten konnten, um der verschiedenen Vcr- 11:iltnissc willen. Wir haben der entgegengesetzten Ansicht zum Siege geholfen. Das Programm der Tätigkeit ist so lange ein verschiedenes, so lange es oberflächlich betrieben wird. Die wesentlichen Bedingungen der Propaganda sind aber überall dieselben, nur die einzelnen Formen wechseln. Sic bcsteht überall in der Verbreitung und Vertiefung des jüdischen Nationalismus und jüdisch ־ nationaler Er- Ziehung. Dies ist die Arbeit der Zentrale. Sie hat die Verpflichtung, dieser Methode zum Durchbruch zu verhelfen. Kußland ist leider systematischer Tätigkeif auf diesem Gebiete verschlossen. Aber in Galizien, Wcstösterreich, Deutschland, Holland, Amcrika, Skandinavien haben wir unser System erprobt und glauben sagen zu können, daß cs sich überall bewährt hat. Diese Arbeit hat zur Folge getrabt, daß unsere Organisation stärker geworden Ist. Ich will hier mir aussprechen, daß wir die feste Er- Wartung haben, dieses Resultat werde sich schon ein Freund seines Hauses war in dem aber doch ein gut jüdisches Milieu vorgeherrscht zu haben scheint. Ferdinands geistige Entwicklung setzte be׳ reits derart erstaunlich früh ein, daß von einer Früh reife eigentlich kaum noch gesprochen werden kann; aus dem Tagebuch des Fünfzehnjährigen spricht bereits die Reife und die Ueherlegenheit eines Fünf und zwanzigjährigen. Abgesehen von Unarten wie der schrankenlosen Hingabe an Billard und Kartenspiel, die uns bei einem so jungen Menschen eigenartig berühren, an denen aber doch wohl die sie tolerierende Erziehung die Hauptschuld trägt, hat man bei der Lektüre des Tagebuches den Eindruck einer außerordentlich leiden schädlichen, eigenwilligen, dabei aber schon in man eher 11insicht geschlossenen und konsequenten, stets aber durch unbedingte Ehrlichkeit und Impulsivität sympathischen Persönlichkeit. Gar vieles im Charakter des jungen Lassalle ist typisch jüdisch; jüdisch ist seine leidenschaftliche Elternliebe, seine Altkluglicit, sein stark entwickeltes Sclbstbcwußtsein. Jüdisch vielleicht auch sein früli entwickeltes kaufmännisches Talent, das ihm — dem Fünfzehnjährigen! — aus den Geldnöten, in die er als unverbesserliche Jeu ratte immer wieder geriet, stets heraushalf. Jüdisch vor allem sein Temperament: wohl wenigen Menschen ist es gegeben, so alttcstamcnt;irisch hassen und lieben zu können, wie es Ferdinand Lassallc be schieden war. Jüdisch in schlechtem Sinne war die aus seiner Eigcnwilligkeit und Sclbstsicherhcit rcsul tierendc Disziplinlosigkeit, die schon in den Gym׳ nasialj,ihren drastisch zum Ausdruck kam. Jüdisch im edelsten Sinne aber das warme Herz, das er wenigstens in der Jugend — für sein jüdisches Volk hatte und das aus manchen interessanten Stellen des Tagebuches des Gymnasiasten und Handelsschülers spricht. Ist doch der junge Lassalle manchesmal in der Sclickelzahl dieses Jahres atisdrückcn. Aber nicht auf die Zahlen allein kommt es an, sondern darauf, daß unsere Organisation viel fester geworden ist, daß an die Stelle einer tosen Organisation ein festes Gebilde getreten ist. Und seihst in I.ändern, die uns nicht einmal einen Schekel mehr abfuhren können als früher, wissen wir doch, daß in ihnen ein neuer zionistischer ticist lebt. Und wir wollen ja nicht bloß Schekel, wir wollen Menschen! Daher ist es uns auch gelungen, dem Zentralfonds Freunde und Popularität zu verschaffen. 1111 vorigen Jahre haben wir für den Zentralfonds über!4 000 M. erhalten, in diesem jalire schon jetzt über 40 000 M, Wichtig ist, daß unter dieser Sammlung keineswegs der Nationalfonds gelitten hat, dessen Eingänge andauernd beträchtlich steigen. Und wenn man bcdenkt, daß außerdem unsere Laiuiesorganisatiouen und die einzelnen Vereine noch ihre besonderen Bedürhiisse und einen größeren Etat haben, so wird man es glauben, daß die nicht geringen Summen, die für zionistische Zwecke und von Zionisten aufgebracht werden, von dein lebendigen (ieist sprechen, der alle Teile unserer Organisation beseelt. In Zusammenhang mit dieser äußeren Entwickhing stellt die Tatsache der inneren Beruhigung der Organisation. Als wir die Organisationsgesehäftc übernahmen, bestanden in einer Reihe von Landesverbänden heftige Streitigkeiten. Jetzt hat sich die allgemeine Aufmerksamkeit positiver und aktiver Arheit zugewendet. Nur ein Land gibt es noch, wo die Differenzen nicht erledigt sind: England. Ich kann sagen, daß ich in England leider den Eindruck ge- Wonnen habe, daß sic deshalb nicht erledigt werden können, weil sich in der alten English Zionist Feder.ition kpin zionistisches Leben regt. Es gibt zwar Schekclzahier, aber keine wirklich zionistischen Vereine, keine nationale Tendenz, kein zionistisches Leben. Wenn ich diese Tatsachen vorgetragen habe, bin ich weit davon entfernt, ein Loblied auf die vcrgarigencn zwei Jalire aiiziistimmen. Wir wissen, daß das, was wir erreicht haben, keine Endcrfolgc sind, sondern nur Anfänge einer positiven Arbeit. Ich könnte alle Gebiete durchgehen und auf eine Menge unerledigter Notwendigkeiten hinvveisen. Daß unsere politische Arbeit nur ein Anfang ist, habe ich in London gesehen, als inan mir von der glänzend geleiteten politischen Arbeit der Griechen erzählte. Ebenso können wir auf dem Gebiete der Propaganda mir ganz langsam unsere Arbeitsweise auf die Be* dürfnisse der Juden zurichten. Auch unsere Arbeit in Palästina steckt noch im Anfang. Ich liebe das andeutungsweise hervor, um aut das Wichtigste hinzuweisen: Der Fortschritt bestellt nicht in den positiven Ergebnissen, sondern in der unzweifelhaften Tatsache, daß wir den toten Punkt überwunden haben, auf den unsere Organisation seit einer ganzen Reihe von Jahren angclangt war, in der Tatsache, daß in die zionistische Organisation eine Tendenz zur Ent* Wicklung nach oben gekommen ist. Demzufolge wird es die Aufgabe des Xi. Kongrosses sein, festzustetlen, ob der Kongreß wünscht, daß in derselben Richtung wie in den letzten zwei Jahren weitergearbeitet werde. Wenn der Kongreß Altersgenossen gegenüber ein warmer Verteidiger und Propagandist des Judentums gewesen, der einmal einem sich Atheist nennenden Juden (Lassalle schreibt: ״Er wollte sicti ein Air geben und nannte sich Atheist") gegenüber sich gehörig ״des jüdischen Glaubens annahm.׳" Der andere wunderte sich darüber, was ihm folgende charakteristische Note in Ferdinands Tagebuch cinbraehtc: ״Der Esel! Als wenn man nicht treife essen und doch ein guter Jude sein könnte!" Dann aber fährt Lassalle fort: ״Ich sagte ihm dies, und in der Tat, ich glaube, ich bin einer der besten Juden, die es gibt, ohne auf das Zeremonialgesetz. zu achten. Ich könnte, wie jener Jude in Btihvers ״Leila", mein Leben wagen, die Juden au! ihrer jetzigen drückenden Lage zu reiten. Ich würde selbst das Schafott r.icht scheuen, könnte ib 11 sie wieder zu einem geachteten Volke machen. O, wenn ich meinen kindischen Träumen nachhänge, so ist es immer meine Licblingsidcc, an der Spitze der Juden, mit den Waffen in der Hand, sie selbständig zu machen." Diese Bemerkung ist nicht, etwa der Niederschlag einer zufälligen Eingebung oder einer Augenblicksstimmung, nein, in dieser Richtung bewegen sich alle Gedanken des jungen Lassallc über das Judentum. So schreibt er 1810, als in ihm der leidenschaftliche Zorn über die Bluttaten in Damaskus und die erbärmliche Untätigkeit und Schlaffheit der damaligen Judenheit (vgl. Heines Pariser Briefe aus dieser Zeit! d. V.) gewaltig aufstieg, die flammenden Worte in gerechtem Unwillen nieder: ״O, es ist schrecklich zu lesen, schrecklich zu hören, ohne daß die Haare starren und sich alle Gefühle des Herzens in Wut verwandeln. Ein Volk, das dies erträgt, ist schrecklich, es räche oder dulde die Behandlung . . . Also sogar die Christen wundem sich Über unser

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