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Jüdische Rundschau · 1913-06-06 · Heft 23 (6.6.1913) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 23 (6.6.1913)
Date
1913-06-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 23 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 231 I tum repräsentierten oder eine Sekte und Abart des Judentums bilden wollten, und mehr noch muH es vermieden werden, etwas zu tun, was uns etwa wirk-!ich in eine solche Entwicklung drängen könnte. Der OtmHlgcdaiik« ties theoretischen Zionismus ist das Prinzip von der Einheit des Judentums und in der Eui'vicklmi(׳ dieses Prinzips die Tendenz «diesem einlieblichen jüdischen Volk eine national selbständige Zukunft zu sichern. Von diesem unserem Grundprin'׳p ausgehend, dürfen wir niemals dazu kommen, diejenigen unserer Stammesgenossen, die sich der Wahrheit und Tendenz unserer Anschauungen bisher noch verscliliellen, als im Wesen andere Juden anzuschen; sondern wir müssen folgerichtig jede Bew. unterstützen, die überhaupt geeignet und hesti׳ ״nt ist, das Judentum — wenn ,«ich vorläufig nidit als bewußt nationales — zu erhalten und zu sl14.cu und dem nach unserer Ucberzcngung sonst um.׳!!!'leiblichen Zerfall und der Zerbröckelung des Judentums eritgegenzuarbeiten. Solche Arbeit, die in we -erem Sinne für uns national ist, leisten Organisa'ii'iien, welche sich mit der Erziehung zu jüdischem Scihstbcwulltscin und mit der Einführung ihrer Mitglieder in jüdischen Angelegenheiten, beschäftigen. Von dem Gedanken ausgehend, daß das Baseler Programm sich nicht auf seine Anhänger beschränkt, sondern ״das jüdische Volk“ betrifft, müssen wir von Zionismus wegen alles unterstützen, was dieses jiidischc Volk, auch soweit es sich noch nicht als Volk fühlt, jüdisch interessieren und jüdisch heschäftigen will. Die Richtigkeit unserer Ideen werden die mehr und mehr ״judaisierten“ Juden früher oder später erkennen. Daß die allgemeinen jüdischen Vereine ein möglichst inhaltsreiches und positives Judentum, ein Judentum, dem die Pflege der hebräischen Sprache die Kenntnis jüdischer Dinge und last not least die ,körperliche Regeneration am ller/eti liegt, erziehen, nullt unsere Spe/ialaufgahe bei unserer Tätigkeil in solchen Organisationen sein. Beteiligen wir uns nicht, stellen wir uns prinzipiell außerhalb dieser Tätigkeit, so wachst natürlich die Gefahr, in der! neutralen Vereinen, ein sogenanntes liberales oft inhaltloses Triit/.judciituni zu konservieren, das für unsere Volkszukunft wertlos oder gar schädlich ist. Damit bin ich bereits bei den taktischen Gründen «gelangt, die für die Mitarbeit sprechen. Ich denke dabei nicht so sehr an den iiiilkiilichen Erfolg, der durch ZufluB aus den Kreisen der Verbündeten erfolgt. Auch diese Erfolge sind nicht zu unterschätzen; denn sicherlich werden immer eine Reihe von jungen /!!den, die sich, angeregt durch die Vereinstätigkeit, intensiv mit den jüdischen Problemen beschäftigen, zu uns kommcn, wenn Gelegenheit ist, unsere Ideen in objektiver Form den Neulingen in jüdischen Dingen vorzutragen, und ebenso unzweifelhaft haben wir bereits durch diese ״ideale“ und den Statuten der Jugendvereine nicht widersprechende Propaganda schon manchen Anhänger erworben. Wichtiger aber erscheint mir die sichere Erwartung, daII unsere Zurückhaltung und noch mehr unsere Gegnerschaft dein bislang ״neutralen“ Verband bei der Lage der Dinge sehr bald zu einer ״liberalen“ d. J1.;!zionistischen oder noch wahrscheinlicher zu einer' antizionistischen Kampforganisation machen würde. (Die Ansätze haben wir bereits als Folge der Posener Beschlüsse kürzlich gesellen). Nun ist es ja richtig: ״Viel Feind, viel Ehr“, Den Luxus aber einer solchen Devise darf sich wohl eine Privatperson oder selbst eine Organisation mit irgendwelchen problematischen Zielen leisten. Eine Bewegung, die Wert darauf legt, eine politische z.u sein, und die das Bestreben haben muß, positiv« Arbeit zu leisten, darf es nicht. Unsere Erziciiungsaufgabcn hier und unsere Kolonisations- und Organisationsaufgaben draußen sind so umfangreich und dringend, daß wir nicht den geringsten Anlaß haben, uns künstlich neue Feinde zu schaffen, die unsere Arbeiten zu erschweren suchen und die an einer für uns hochwichtigen Stelle in der Jugend- Organisation, Jugend-Erziehung und -Pflege uns das Wasser abgraben würden. Unsere Mitarbeit und Förderung aber verhindert diese Entwicklung und wird dazu beitragen, die Vereine des Jugendverbandes zu erhalten als Erziehungsttätlen zu einem positiven Judentum, das uns wertvoll «in muß und uns auch direkte Förderung verspricht. Und soweit die Jugendvereine, die sich bisher bereits in einem gewissen Gegensatz zu der entjudaisicrenden «genannten liberalen Richtung gesetzt haben, diese Erzichungsstätten noch nicht sind, müssen wir dafür *orgen, daß sie es werden. Unsere Qesinnungsgenossen können in dieser Richtung sehr viel ausfiehten, das hat sich überall da gezeigt, wo sic, Wcnn auch in geringer Anzahl, mitgearbeitet haben, u״d das liegt darin, daß sie die Eifrigeren, die Inter- **»ierteren und Aktiveren sind. Eine Begleiterscheinung darf nicht unerwüh ״■eiben. Iah habe bereits oben ausgeführt, für d wertvoll Ich einen engen Konnex unserer Anhäng יי»4י anderen" halte. Dieser Konnex ist nicht n wertvoll für die vornehmste Art der Propagiere! “0»ecer Ideen, er führt auch vielfach zu der rec wichtigen direkten Forderung unserer Institutionen durch Nichtz.ioiiislcn. Wir!iahen ntiiicr der Propagalt da und Organisation so viel Arbeiten auf kolonisalorischcm und sozialem Gebiet zu leisten, daß es durchaus erwünscht Ist, diese auch von Niehtz.lonistcn unterstützt zu sehen, und gerade auf diese Propadanda hat unsere Leitung lange Zeit erheblichen Wert gclegt. Das aber wird immer nur durch persönliche gute Beziehungen möglich sein. Und dann halte ich es nicht nur für einen finanziellen Vorteil, sondern für einen moralischen Faktor von nicht ganz geringer Bcdeutung, wenn unsere Institutionen von möglichst vielen unterstützt werden. Ich glaube nicht, daß cs uns schadet, wenn z. B. bekannte Nichtzionisten ihren zionistischen Mitarbeitern öffentlich Oclbäume in Palästina stiften und unsere Vorstandskollegen gelegcntlich der Sitzungen für Ycmcnitcnliiiiiser zeichnen. Das sind natürlich die iniiulcrwichtigcn Inipondcrahilien; aber in Verbindung mit dein andern dürfen sic nicht unbeachtet bleiben. Zum Votum: Ich weiß sehr wohl, daß eine Ucberschätzung der neutralen Bewegung ein Fehler wäre, daß dort nicht alles Gold ist, was glänzt, manches innerlich 110111 und Paradeschaustück ist. Das aber ändert an der prinzipiellen Seite der Frage nichts und kann — nicht zuletzt durch unsere Hilfe •— besser werden, Ich weiß ferner, daß lokale Verhältnisse mitunter ein gedeihliches Zusammenarbeiten erschweren oder vereiteln werden. Das alles darf unsere Leitung nicht hindern, für die Jugendorganisation, die m. E. prinzipicll und taktisch einzig richtige Parole auszugeben 1 Gründet zionistische Jugendvercine, wo dies irgcndinöglich ist. Daneben aber schließt Euch den prinzipiell wertvollen neutralen Vereinen an und fördert diese nach Möglichkeit, Insbesondere durch Mit• arhcltl Neutralität? Von Dr. L. Wein b erg •Dortmund. Der ״Verband jüdischer Jugendvercine Deutschlands“ hat auf seiner jüngsten Tagung in Frankfurt eine bittere Wahrheit an sich erfahren müssen. Er ist in die peinliche Lage versetzt worden, sich selbst zu desavouieren. Man kann sein Verhalten gegenüber den Anträgen der Jugendvercine Berlin und Kiel nicht gut anders bezeichnen. Diese Vereine waren der Ansicht, daß der ״Zcntralvcrein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ durch seine gegen den Zionismus gerichtete Resolution das Recht auf einen Sitz im Vorstand des Verbandes verwirkt habe, Sie glaubten im Interesse des Verbandes zu handeln, wenn sic durch entsprechende Anträge dem Grundgesetz der Organisation Achtung verschafften; und sie konnten sich mit vollem Recht auf die Bundes- Satzung berufen. Zum ersten Male hatte das heilige Prinzip der Neutralität eine ernste Probe zu bestehen. Es konnte dieser Prüfung nicht standhalten; und das darf nicht Wunder nehmen. Denn cs ist ein altes Gesetz, daß eine Verfassung nur so lange beobachtet wird, als sic der Ausdruck dessen ist, was ist, Diese verfassungsmäßige Neutralität, deren Wesen wir schon zur Genüge gekennzeichnet haben, deren lähmende und vergiftende Wirkung als Erzichungsmaxima nicht nur von uns erkannt worden ist, war von unsem Gegnern als Bollwerk gegen das Vordringen nationaljüdischen Geistes gedacht, Der neutrale Schutzwall hat sich bisher vortrefflich bewährt, solange es galt, die Wirkungen hingebender nationaljüdischer Arbeit innerhalb des Verbandes zu paralysieren. Darüber sind sich die klugen Väter des Gedankens sicherlieh von allcnr Anfang an klar gewesen. Und zu diesen Vätern gehören natürlich nicht an letzter Stelle die maßgebenden Kreise des Zcntralvercins. Nun sind die Zeiten des ersten Neutralität!• taumcls dahin. Zwar hat man mit den Mitteln des um seine Existenz ringenden offiziellen Assimilationsjudentums einen recht stattlichen Organisationsbau errichtet, der allerdings über die Sterilität der neutraien Arbeit nicht hinw.egtäuschen kann. Doch hat man sich durch diesen äußerlichen Erfolg nicht blcnden lassen und allmählich die Einsicht gewonnen, daß die Neutralität nicht als das ersehnte Allheilmittel gegen den jüdischen Nationalismus gelten kann, daß sie als Waffe eine zweischneidige Waffe ist. Denn wo Anschauungen des Volkslebens sich durchsetzen wollen, kann man dem Kampf nicht aus dem Wege gehen. Der nationaljüdische Gedanke kennt keine kampflose Zone 1111 jüdischen Volke, Wo Juden sind, ist sein Reich, hat er die Tendenz, zu herrschen. Wer widerstrebt, muß sich wehren. Wer auf die Mittel des Angriffs und der Verteidigung verzichtet, hat von vornherein gegen ihn das Spiel verloren. Den Zentralverein hat denn auch in richtiger WÜrdigung der Sachlage die neutrale Maske fallen lassen und sein antizionistischas Oeslcht gezeigt. Und nun soll sich die Waffe, die er im Verband der Jugendvereine sich geschaffen, gegen ihn selbst kehren! So war die Neutralität nicht gemeint. Es zeugt von großer Pietät, und es liegt gleichzeitig in der Riehtung der!neuen Erkenntnis, daß der Sohn sich schützend vor dem Vater stellte und dem lästigen Ankläger die Türe wies. Der Neutralitätsgcdanke hat in dem neutralen Verband eine unzweideutige Niederlage erlitten. Wir wollen diese Tatsache feststellen und zugleich rein menschlich das Erfrischende des Vorgangs hervorheben. Es ist ein unerträglicher Gedanke, daß Mensehen ein absurdes Prinzip bis zur Selbstaufopferung treiben sollten. Und cs liegt etwas ungemein Befreiendes in dem Aufschrei all der gequälten antiziofiistischen Seelen, die jahrelang die Last der neutraten Fessel getragen haben. Für unsere Bewegung hat jener den neutralen Verband bloßstellcnde Vorgang nur nebensächliche Bedeutung. Wir sind uns längst darüber klar geworden, welchen Weg wir zu gehen haben. Wir haben die Entwicklung der Dinge im neutralen Jugendverband nicht abzuwarten brauchen, um zu erkennen, daß wir unsere wesentlichste Aufgabe, die Erziehung der jüdischen Jugend in nationalem Geiste, nur in nationalen Vereinen durchführen können. Auf unscrem letzten IKclegicrtentag in Posen haben wir in einer detaillierten Resolution unsere Willen fcstgclegt und seitdem durch verstärkte Tätigkeit In der Richtung dieser Resolution den Ernst unseres Willen! bekundet. Wir haben damit begonnen, die Grundlage zu einer Bewegung der jüdischen Jugend in Deutsch-!and zu schaffen, die künftig diesen Namen verdienen soll. Und wir glauben, daß wir durch die in unseren Vereinen entfaltete ziclbewulltc und zielsichere Pflege des jüdischen Nationalismus in unserer Jugend jene Kräfte entwickeln, die alle», wa* wertvoll ist im deutschen Judentum, in ihren Bann ziehen. Das ist der Sinn unseres Posener Beschlusses, und diese Bedeutung macht ihn zu einer hervorragend «positiven Leistung des deutschen Landesverbandes. Daß unsere Gegner mit diesem Beschlüsse nicht zufrieden sind, kann man ihnen nicht verdenken. Schließlich ist cs nicht ihre Sache, einen erheblichen Vorgang im Leben unserer Organisation unter dem Gesichtswinkel des nationaljiidischcn Bedürfnisses zu betrachten. Denn sonst hätten sie uns Vorwürfe machen müssen, daß wir nicht schon viel früher in die selbständige Jugendarbeit eingetreten sind und gezögert haben, bis bestimmte Anzeichen uns die Notwendigkeit intensiver Arbeit besonders deutlich nahelcgtcn. Eines soll man jedoch nicht sagen, daß die Posener Jugendresolution eine irgendwie geartete Stellung zum neutralen Jugendverband genommen habe. Man hat eben der Ansicht jener Gesinnungsgenossen Rechnung tragen wollen, die trotz der offensichtlichen Erfolglosigkeit ihrer Mühen den Olaubcn an die neutralcn Erziehungsstätten nicht verloren hatten. Diese Gesinnungsgenossen sind bis in die Ocgenwart eifrige Mitarbeiter in jenem Verbände gewesen. Sie werden vielleicht jetzt eines Besseren belehrt sein. Und sie werden beim Verlassen der alten luft- und lichtlosen Plätze sich sagen, daß sie sich Unmögliches zugemutet haben, fienn als Mitarbeiter unter dem Zwange der Verbandsncutralität haben sie sich eine Seibstlosigkcit zugetraut, die unmenschlich ist. Die ihnen zugemutete Arbeit erforderte eine Entpcrsönlichung, die man nicht aufbringen soll und nicht aufbringen kann. Vielleicht durchschauen sie auch die Absicht unserer neutral vermummten Gegner, unscrc zahlenmäßig noch nicht bedeutenden, aber der Qualität nach recht schätzbaren Kräfte in ihrem Verbande lahmzulegen. Jedenfalls haben unsere Freunde allen Grund aufzuatmen in dem Augenblick, wo ihre nationale Energie wieder frei wird für die im Werden begriffene heißereehnte Bewegung der nationaljüdischen Jugend, Zur Naturgeschichte des Centralvereins Recht unvorsichtig erklärte am 23. Juni 1901 Herr Dr. Hör w itz, der erste Vorsitzende des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, daß er im Prinzip nichts dagegen habe, wenn der Verein hieße: ״Verein deutscher Staatsbürger jüdisehen Glaubens und jüdischer Nationalität" (vgl. ״Ost und West" 03, 149). Ungleich vorsichtiger benahm sich auf der letzten Hauptversammlung des Zentralvereins am 30. Mir* 1913 Herr Rabbiner Dr. David aus Bochum, der Schiller, wie folgt, ins Jüdische übersetzte: ״Nichts• würdig ist die Gemeinschaft, die nicht ihr Altes freudig setzt an ihre Ehre“ (vgl. ״Im deutschen Reich" 13, 258).

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