Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 23 (6.6.1913)
- Date
- 1913-06-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 230 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 23 Judentums. Ol» er daraufhin die Existenz des Judentums schon bezweifelt hat? Am interessantesten aber ist er fraglos, wo er sich auf das Gebiet der Theologie begibt. Die Zionisten berufen sich auf die nationalen Elemente der jüdischen Religion. Das wird zugegeben ״Aber ebenso gewiß ist, daß die Grolle der jüdischen Entwicklung darin besteht, tlai! aus der Nationalreligion eine Mcnschhcitsreligioii... wurde." Wie? das Judentum eine Menschhcitsreiigion? Dann gibt es also nur 12 Millionen Menschen auf der Welt? Oder ist es dasChristcntum oder der Islam, in dem der Herr Rabbiner die Größe der jüdischen Entwicklung sieht? ״Ein zweckvoll undeutlicher Ausdruck", wie es an einer Stelle der Broschüre heißt. Und nun die Perle des Ganzen. ״Pas nächste Jahr in Jerusalem werden w i r s e i n , w e n n c s uns gelingt, dies Jahr im ü eiste j ü ־ di sehen Wesens vor Gott und Mensehen zu wandeln." So stutzt ein Rabbiner den erhabensten Erlösungsgcdaiikeri eines in Leid versunkenen Volkes für eine» mit irdischen Gütern überhäuften Auftraggeber zum Alltagsgebrauch zurecht, verquickt mit iinserni schönsten metaphysischen Symbol die obcrflächlich-optimistische selbstzufriedene Lebensauffassung des satten Bürgers ״Aussprechen, was ist“. Es ist eine Tartüfferie — zum — Schließlich müssen natürlich auch die ״Juden christlicher Konfession", eine spezielle Erfindung des Herrn Rabbiners, aufmarschieren. Sie leben nur in seinem Kopf, in der Wirklichkeit hat es solche, wenigstens unter Zionisten, nicht gegeben. Er nennt das: ausspreehen, was ist, in einer Zeit, wo der Enkel des ältesten Berliner Gemeindevorstehers am selben Ort als päpstlicher Kammc'rherr für den Klerikalisinus tätig ist, wo die Nachkommenschaft d e s liberalen jüdischen Politikers, der angesehensten Männer in Israel Mischehen fortgesetzt entgehen, wo jeder Tag fast neue Uebcrrasehungcu bringt. Solche Wirklichkcit sieht der Herr Rabbiner nicht oder vorschweigt sie und beglückt uns dafür mit einer ausführlichen Schilderung seiner Hirngespinste. ״Aussprechen, was ist", nennt er das. Vom Liberalismus erzählt er uns, dal! die Juden ihm huldigten, ״nicht um äußeren Vorteils, sondern um ihrer jüdischen Geistesart willen". Richtig! Zum Beispiel die englischen Juden, die meistens konservativ wählen, die amerikanischen, die Republikaner, d. h. konservativ nicht Demokraten sind, die Staatsmänner D ' I s r a e 1 i und Stahl, oder die Letter unserer Gemeindestuben mit Drciklassemvalilrecht, 1111gerechter Besteuerung, Herrschaft der Reichen und wie dergleichen reaktionäre Dinge heißen mögen. Wir bösen Zionisten aber wollten von der Verfechtung geistiger Freiheit gegen äußeren Druck nichts wissen. Vor diesem Maß von Erkenntnis kapituliere ich endlich, obwohl icli jetzt Gelegenheit hätte, die aus dem Zusammenhang gerissenen oder falsch wiedergegebenen Zitate, die von mir stammen sollen, zurückzuweisen. Es verlohnt sich nicht der Mühe. Wird dieser liberale Held es je begreifen können, weshalb ich, um ein Beispiel für viele aus den letzten Tagen anzufiiltreii, aus deutschem Kulturbcwußfsein und jüdischem Verantwortungsgefühl mit Entsetzen und Scham wahrgenommen habe, wie die jüdisch-liberale Presse den hundertsten Geburtstag eines der größten Deutschen aller Zeiten, Richard Wagners, ״gefeiert" hat? Nein, nein, für sie und ihresgleichen ist er der Verfasser ״des Judentums in der Musik" und damit soll er auch für das deutsche Volk erledigt sein. Ihresgleichen ahnt natürlich nichts von dem unglaublichen Vorgang, daß sich Juden aus jüdischer Besorgnis wischen das deutsche Volk und seine Meister stellen. Sie werden cs auch niemals verstehen, weshalb Margulics wünscht, ״Entwirrung in das deutsch-jüdische Kulturchaos zu bringen", sie werden es nie fassen, an welcher Kulturnot "fir täglich leiden. Sie und Ihre. Auftraggeber smd dazu zu ״liberal". Sic besitzen, wie Nietzsche es nennt, die ״Unrcchtschaffcnheit des Denkens", uni diejenigen nicht zu verstehen, deren Taktik jüdischen Dingen darin besteht: ״Auszusprechen, was ist." Der Zionismus und der Verband der jüdischen Jujendvcrcine Deutschlands Zu der Resolution des oberschlesisctten Zionistentages V o r b e merk 1111 g tl. Red.: Wir geben im folgenden einem unserer Gesinnungsgenossen zur Frage der Jugendvereine das Wort, der seit allem Anfang in der neutralen Bewegung mit Aufopferimg und an leitender Stelle mitgearbeitet hat. Es folgt dann ein Beitrag von Pr. Wein he rg (Portnunut) zur gleichen Krage; der m vielem einen den Ansichten Pr. Simons entgegengesetzten Standpunkt vertritt. Wir wissen, daß beide Mei* mmgeit unter unseren Gesinnungsgenossen ihren Anhang finden und wollen hier nur die liebereinstiiumung beider Parteien darüber feststellen, dal! die Gründung zionistischer Jugendgruppen im Sinne unserer Poscner Beschlüsse sowie die Unterstützung nationaljiidisebcr Turnvereine unsere erste und dringendste Aufgabe sein muß, wo immer sich eine solche Möglichkeit bietet. Per obcrschlcsische Zionistcutag hat in seiner jüngsten Tagung eine in der vorletzten Nummer der Rundschau wiedergegebene Resolution gefaßt, die in ihrer Bedeutung weit über die spezifisch oberschlesisehen Verhältnisse hinausgreiit. Die nugcsclinittciicii t ragen sind für den gesamten deutschen Zionismus oder besser für alle deutschen Zionisten in. E. von außerordentlicher Wichtigkeit. Per Beschluß wird vielerorts aut den lebhaftesten Widerspruch unserer Gesinnungsgenossen stoßen, die ihn aus prinzipiellen mul aus taktischen Gründen für verfehlt und imzweckmäßig halten müssen. Ist wirklich ein Abrücken von den Jiigciidvcreincn durch irgendwelche Ereignisse geboten? oder ist unsere Mitarbeit in diesen Vereinen vom allgemeinen zionistischen Standpunkt aus scliiidlieh oder überflüssig? Eine Vorfrage zunächst: Ist die Beteiligung von Zionisten an der neutralen Jugendbewegung eine!Vage, zu der die Organisation als solche von Partei wegen Stellung zu nehmen hat, oder gehört sic zu denjenigen Fragen, die der einzelne nach seiner persüdlichen Meinung oder seinem persönlichen Geschmuck erledigen mag, ohne dal! die Partei Anlaß zu Direktiven und einer prinzipiellen Stellungnahme hätte? Es gibt zweifellos eine große Reihe von Dingen mich im jüdischen Leben Deutschlands, die bedenkenlos von unserer Organisation den persönliehen Wünschen und Neigungen der einzelnen überlassen werden können und überlassen werden; und es scheint gerade im gegenwärtigen Moment nicht tutwichtig, das zu betonen, wo in broschierten Angriffen gegen die zionistische Taktik mit mehr Fleiß «als Geist abweichende Aeußerimgeit einzelner Zionisten zu allen möglichen wissenschaftlichen und tlieorctisehen Problemen zusammengestcllt und diese Zusainmeustellung als Beweis für die Veränderlichkeit und Prinzipienlosigkeit des ״Zionismus“ verwertet werden soll. Nun, zur Jugendorganisation ist die Frage bereits entschieden. Unser Delegicrtentag hat sich von Partei wegen mit ihr befaßt und sie damit zum Gegenstand der Beachtung und Bearbeitung der zionistischen Politik gestempelt. Und das durchaus mit Recht. Penn abgesehen von der allgemeinen als notwendig erkannten Organisation der zionistischen Jugend in zionistischen Jiigcndgruppen mit dem Ziele der zionistisehen Erziehung nach innen und der Propaganda׳ nach außen ist zweifellos auch die neutrale Organisation der gesamten jüdischen Jugend mit dem Ziel der Erziehung zu einem positiven Judentum eine Erscheinung, die für unsere zionistische Arbeit in Deutschland und für die Ausbreitung unserer Ideen von allergrößter Bedeutung ist oder zum mindesten werden kann. Ob freilich die in Posen gefaßten Beschlüsse der prinzipiellen Bedeutung aller in Betracht kommenden Fragen gerecht werden, oh sie insbesondere die für unsere Stellungnahme unbedingt erforderliche Klarheit in sich bergen, darf billig bezweifelt werden. Soweit sie die Gründung und Pflege zionistischer Jugend* gruppen verlangen, sind sie sicherlich unanfechtbar und werden auch übereinstimmend von allen Zionisten gebilligt. Dieses Urteil kann man meines Erachtens jedoch nid» auf den Passus ausdehnen, der sich — wenn auch nur nebenbei — mit dem neutralen Verbände beschäftigt. Vielfach, und insbesondere von unseren Gegnern ist dieses Passus dahin ansgclegt worden, die "Partei empfehle eine Art passive Mitgliedschaft in diesen Vereinen, ein ״Fuß-dariii-Belialten“ ohne eigentliches Interesse an der Sache selbst. Und zweifellos haben auch einige der Antragsteller und Begründer sich die Sache so ähnlich gedacht. Eine solche, Taktik ist jedoch, wie inzwischen wohl׳ all* seitig erkannt worden ist, eine Unmöglichkeit, die weder durchgeführt werden kann, noch der Bedeutung der Sache irgendwie gerecht wird. Man kann es dem Vorsitzenden des neutralen Verbandes nicht einmal verdenken, wenn er in Frankfurt offen erklärt hat, für Mitglieder mit derartigen Absichten und Tendenzen bedanke *ich der Verband. Line solche Auslegung ist aber aus dem Wortlaut der Poscner Beschlüsse nicht zu entnehmen und ist sicherlich auch von denjenigen unserer Ge siniiungsgeiiosseii, die im Verbände inilarbeiten, niemals akzeptiert oder gebilligt worden. Erforderlich ist jedoch, um die nötige Klarheit zu schaffen, insoweit eine Revision der Resolution, aus der sich klar tr. gibt, daß die zionistische Organisation ihren A 11 h ä 11 g c r 11, soweit ihre Kraft durch die Arbeit in den z i o n i s t i s e 11 c n Vereinen nicht absorbiert wird, die positive Mitarbeit in den neutralen J1!. ין c n 11 v e r c i n e n c 111 p f i e h 11. I >1e Einschränkung kann uns der Verband nicht verdenken und verdenkt er uns nach den Erklärungen seines Vorsitzenden in Frankfurt auch nicht; denn selbstverständlich gellt unsere spezifisch zionistisch« Arbeit in allen Fidlen der Arbeit für allgemeine jüdische Dinge vor, und dies insbesondere dann, wenn wie in! Jugend verband zahlreiche andere Kräfte, die durch Parteiarbeit nicht in Anspruch genommen sind, für die organisatorische Tätigkeit zur Verfügung stehen. Die Gründe für die Empfehlung der Unterstützung der neutralen Bewegung sind prinzipieller und taktischer Natur, Zunächst liegt entgegen der Auffassung der Oberschlesier ein Anlaß zur Kampfansage in den Ereignissen in Frankfurt nicht. Ein Affront, der uns gewaltsam in eine Austritts- und Kampfbewegung drängt, liegt nicht vor. Daß unsere Anträge auf Beseitigung der Vorstandsstellung des Zentralvereins abgelclint wurden, kann als ein derartiger Angriff aut uns oder auf den Zionismus kaum angesehen werden. Nun verkenne ich durchaus nicht, daß das Referat Dr. Apfels, mit dem er den Antrag auf Ab- Iclmuug der Anträge Kiel und Berlin motivierte, den Zionismus und mehr mich die Zionisten und ihre Stellungnahme zum neutralen Verbände attackierte, daß er darüber Hinaus sogar — wenn auch vielleicht ohne dahingehende Absicht — die Gelegenheit benutzte, um entsprechend seiner persönlichen Stellung Stimmung gegen den Zionismus zu machen. Ich halte aber einmal die Bedeutung eines solcher» rednerischen Angriffs gegen uns nicht für so gewaltig für die Sache des Zionismus, daß man nun gleich alle Brücken abzuhrechcn habe, zumal ja unseren Gesiumingsgeuossen Gelegenheit gelassen war, diesen Angriffen ebenfalls in ihrer Eigenschaft als Vorstandsmitglieder des Verbandes vom Standpunkt des Zionisiiius entgegeiiziitretcn, Dann aber hat ja auch das Verhalten Dr. Apfels wie der gesamten Versammlung gezeigt, daß sie den Bruch mit uns nicht nur nicht Wünschen, sondern im Gegenteil auf unsere Mit-; arbeit den größten Wert legen, indem ausdrücklich mit dieser Motivierung unter Stimmenthaltung unserer Gesinnungsgenossen d!r bisherige Vorstand, in dem wir verhältnismäßig stark vertreten sind, wiedergewählt wurde. Ein anderes kommt hinzu. Bei aller Schärfe, mit der, den gegen den Zionismus gerichteten Angriffen cntgegcnziitrcten war, konnten auch unsere Freunde sieh nicht völlig der Tatsache entziehen, daß die Vorwürfe, die Dr. Apfel den Zionisten wegen ihrer Stellungnahme zum Verbände machte, in manchen Punkten nicht völlig unberechtigt waren. Es hängt das aufs innigste zusammen mit der •eben erwähnten I lalhheit der Poscner Beschlüsse. Es gab liier tatsächlich nur ein Entweder — Oder. Durch Rcsolutionen, die zu bedenklichen Auslegungen mindestens Raum geben, erschwerte man nur die Position unserer Freunde im Verbände, ohne tatsächlich etwa« zu ändern. Noch ungünstiger wurde die Situation durch das Auftreten mancher Gesinnungsgenossen, die scheinbar doch die Poscner Beschlüsse als eine Absage an den Verband verstanden hatten, und entsprechend gegen ihn Stellung nahmen. Es’wird durchaus nicht verkannt, daß die Gründe derjenigen Zionisten, die auf dem Standpunkte stehen, der neutrale Verband sei eine Gefahr für die Ausbreitung des Zionismus, durchaus zu beachten und zu prüfen sind. Die Gefahr, durch die jugendvcrcinc ein Judentum zu schaffen, das sich durch Beitrags- Zahlung und gelegentliche Ucifallssalvcn auf Ursprunglieh unserer Terminologie entlehnte Phrasen betätigt und jüdisch gesättigt fühlt, in den Glauben versetzt wird, seine Pflicht getan zu haben, ist allen Ernste* nicht zu unterschätzen. Sie ist aber gerade durch unsere Mitarbeit am besten, vielleicht allein zu bekämpfen und zu verringern. Und dann stehen dieser Gefahr gegenüber Erwägungen schwerwiegenster Art, die trotz aller Bedenken zur Förderung der neutralen Jugendbewegung führen müssen. Wir sind leider durch eine Reihe von genügend bekannten Ereignissen der letzten Zeit in einen lief• tigen Kampf gegen Korporationen des mchtzionisti• sehen oder des bis dahin allgemeinen deutschen Judentums gedrängt worden. Diese Kämpfe mögen unvermeidtich gewesen sein und werden sicherlich auch eher unserer Bewegung und ihrer Schwungkraft förderlich als hinderlich sein. Es muß aber m< E. unter allen Umstanden vermieden werden, den Anschein zu erwecken, als ob wir die Trennung zwischen uns und den andern erstrebten, als ob wir ein anderes Juden-