Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1913)
- Date
- 1913-05-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 220 J U EPISCH E RUNDSCHAU Nr. 22 der Zionisten Ausdruck. Der bekannte Philanthrop Nathan Straus, der sich schon früher für das zionistische Kolonisationswerk in Palästina interessiert hatte und dem die Errichtung des jüdischen Gesund• heitsamtes (Health Office) in Jerusalem zu verdanken ist, bekannte sich unter dem Eindrücke der Sokolowsehen Darlegungen rückhaltlos als Anhänger der zionistischen Bewegung. In Boston erklärte Mr. Louis D. Brandeis, der als fortschrittlicher Politiker eine führende Persönlichkeit des amerikanischen öffentlichen Lebens ist, zum ersten Male mit Nachdruck seine Sympathie für den Zionismus. Mr. Brandeis wird Voraussicht■ lieh zu dem diesjährigen Wiener Zionistenkongreß als Delegierter reisen. Er hat einen ansehnlichen Betrag für den Propagandafonds der amerikanischen Zionisten gespendet und bekundet ein sehr lebhaftes IntercsÄ für die praktischen Kolonisationsfragcn in Palästina. ln Baltimore interessierte Herr Sokolow eine Anzahl einflußreicher und sehr angesehener Personlichkeiten für den Zionismus. Im Anschluß an die Versammlungen in Philadclphia traf Herr Sokolow mit Judgc Mayer Sulzberger, Dr. Cvrus Adler und bei dem Jahrcsfcst der jewish Publication Society mit Judgc Simon Rosendale aus Albany, Mr. Louis Marshall aus New York und zahlreichen Führern des jüdischen öffentlichen Lebens zusammen. In Chicago erweckte er bei den führenden Juden deutscher Herkunft werktätiges Interesse für die zionistischen Bestrebungen. Auf seine Voranlassung zeichnete Mr. Charles Schaffner, einer der Führer der Sinai-Gemeinde, einen ansehnlichen Betrag für den zionistischen Zeutralfonds. Im Laufe des Monats April sprach Herr Sokolow noch mit großem Erfolg in zahlreichen Städten der Vereinigten Staaten, u. a. in Worcestcr, Massachusetts, Newark, N.}., Portland, Providencc, Pittsburg, Detroit, Milwaukee. Von den Vereinigten Staaten begab er sicli nach Kanada, wo ihm die jüdische Bevölkerung gleichfalls allerorten einen begeisterten Empfang bereitete. Am 10. Mat hielt Herr Sokolow in Montreal in einem riesigen Massenmeeting einen zweistündigen Vortrag, der stürmische Begcistcrungskundgcbungen hervorrief, Für den zionistischen Zentralfonds wurden in der Versammlung und außerhalb derselben beträchtliche Summen gezeichnet. Es herrschte ungeheurer Enthusiasmus. Achnlichc Erfolge erzielte Herr Sokolow in den übrigen Städten Kanadas. Zionistische Jugendarbeit Von Dr. Ludwig Wassermann (München). Jede ethisch wertvolle Auffassung kann uns aus drei Faktoren erwachsen: Individuelle Einflüssc einzelner Persönlichkeiten prägen uns Pflicht- Vorstellungen ein oder es ist die Rechts- und Sittenordnung größerer Gemeinschaften oder schließlich eigenes moralphilosop bisch es Bekenntnis, die unsere Ideale mit unscrcrn praktischen Verhalten übcrcinstimineti läßt. Daß die Erhaltung des Judentums mit seinen zionistischen Konsequenzen eine ethische Forderung sei, wird niemand bestreiten. Damit aber wird der Jude, der dies anerkennt, wenn er den Prinzipien der Ethik folgen will, ganz von selbst, in der Entwicklung seines jüdischen Ge- Wissens, sich unseren Idealen nähern. Doch nur die wenigsten Menschen sind konsequente Moralphilosophcn. Die Wirkung der Umweit ist stärker als eigene sclbstgebildete Ansicht. Bei der Jugend, die in der Schule den autoritativen Einilüssen dauernd unterstanden hat, ist der U e b e rgang vom Einfluß des Vorbildes bis zum eigenen Einfluß auf uns selbst noch schwieriger. Andererseits ist cs wieder leichter, auf die Jugend Einfluß zu gewinnen, wenn es hohe und edle Ideale zu den Ihrigen zu machen gilt. Ja, es ist sicher, daß die Jugend, die den wahren Sinn altruistischer, edler Lebensweise mehr schätzt, als der durch die ungünstigen Einflüsse unserer egoistisch-wirtschaftlichen Zeit beeinflußte reifere Mensch, den besten Gradmesser für den Wert eines Ideals abgeben kann. Der Enthusiasmus der Jugend ist der Richter für den ethischen Hoch- oder Tiefstand unserer jüdischen Bestrebungen. Diese Analyse ist nicht neu. Daß der Zionismus deshalb die Jugend gewonnen hat, weil das Großartige, das er ihr brachte, begeistern mußte, sie mitriß, das ist eine Wahrheit, die selbst bis in die Reihen unserer Oegner allgemeine Anerkennung gefunden hat. Aus der .Wahrheit entsprang die Konsequenz. Die Jugend galt es zu gewinnen. Systematisch hat der Zionismus in der Jugend Neigungen und Ideale erweckt. Studentische Verbindungen, akade- I mische Vereine, Tumerschaft und Jugendbünde, sie I alle sind .nichts anderes als Glieder eines Systcmcs, 1 dessen Wirkungen vor uns den Erfolg ausbreiten. I Zionistische Kleinarbeit in den Bade- und Kurorten Wer in die Sommerfrische reist, der hat gemcinhin den Wunsch, möglichst viele der Sorgen und Gedanken, die ihn daheim beschäftigen, loszuwerden, und mit der anders gearteten Umgebung auch andere Interessen, andere Gesprächsthemen und andere Ideengütige cinzutauschcn. Dieser Wunsch ist durchaus berechtigt, und wer ihn nicht bei sich zur Geltung zu bringen vermag, dem wird die Freude und der Nutzen seiner Erholungszcit arg־ verkürzt werden. Wer sich jedoch in den Dienst einer Bewegung gestellt hat, der er mit vollem Herzen ergeben ist, der wird die Arbeit zur Verwirklichung seiner idealen Ziele von diesem Prinzip ausnehmen. Ihm bietet gerade der neue Kreis, in den er versetzt ist, neue Möglichkeiten der Propaganda, und diesen Bcmühungen opfert er gerne von seiner reichlich bemessenen Muße. Diese Erwägungen ermutigen uns, uns heute einmal in eigener Sache an diejenigen unserer Leser zu wenden, dte so glücklich sind, in diesen Monaten die Vorzüge einer Fcricnreisc auskosten zu dürfen. Kurz gesagt: Wir bitten einen jeden von ihnen, auf der Fcricnreisc mit besonderem Eifer für die Ausbreitung und materielle Kräftigung unserer Parteipresse tätig zu sein. Für die Gewinnung neuer Abonnenten kommt wohl ein jeder Jude und eine jede Jüdin in Frage, mit der man im Bade- oder Kurort zusammentrifft. Der billige Preis von 1,50 M. für «las Qunrtalsabonneineiit muß derartige Bcmühungen erleichtern. Vor allem aber kommen die Lokale und Gasthäuser in Betracht, in denen Juden wohnen oder verkehren. Ein jeder Zionist sollte schon aus Gründen der Selbstachtung verlangen, daß zumindest in einem jeden Lokal, wo gegnerische Blätter ausliegen, auch die ״Jüdische Rundschau“ erhältlieh sei. ln unserem Inseratenteil führen wir seit längerer Zeit eine Rubrik, welche die Uebcrschrilt führt: ״Hotels, Restaurants, Sanatorien und Pcnsionsanstalteil“. Eine grolle Anzahl angesehener und Icistungsfähiger Institute «sw. nehmen dort Gelegenheit, sich den deutschen Zionisten zu empfehlen. Wir halten es für selbstverständlich, daß ein jeder unserer Leser bei der Wahl seiner Unterkunft bzw. seines Verkehrslokals diese Liste in allererster Linie hcranzicht. Sollte aber aus irgcnwclchen Gründen einmal eine Unterkunft gewählt werden, die im Inseratenteil unseres Blattes noch nicht vertreten ist, so bitten wir mit allem Nachdruck auf die günstigen Propagandamöglichkcitcn zu verweisen, die solch eine Insertion bieten muß. Mit Tarifen, Auskünften usw, stehen wir gern zu Diensten. Verlag ״Jüdische Rundschau“, Berlin W. 15. Dieser Erfolg zeigt sich in einer dauernd fließenden Quelle. Einer Quelle, die uns alljährlich Hundertc von trefflichen Streitern zuführt, Kämpfer für unsere Idee, Werbern für das zionistische Ideal, Agitatoren für unsere Ziele und Pioniere für die große Arbeit im Land unserer Väter. Doch der Erfolg kann gesteigert werden. Dann, wenn jeder einzelne Zionist dazu beiträgt, ln jeder Ortsgruppe gilt cs der Jugendarbeit ein besonderes Augenmerk zuzuwenden. Die akademischen und anderen Jugend verbände mit erhöhtem Interesse zu unterstützen und ihnen neue Mitglieder zuziiführen. Die Pflicht jedes Zionisten ist es, Adressen an die großen studentischen Vcrbände, die unsere Ideale vertreten, weiterzugeben, damit diese die auf die Hochschule ziehenden jüdischen Kommilitonen ihren Reihen zuzuführen vermögen. Doch nicht nur der Zionismus wird davon Nutzen haben. Auch der Einzelne wird persönliche Erziehungswerte in diesen Organisationen empfangen. Dies ist von den Verbindungen im K. Z. V,, deren externes Aprilheft mir bei Niederschrift dieser Zeilen vorhegt, stets besonders betont worden. Dr. Fischer, der nach einem hübschen Aufsatz Gustav Krojankm, darin das Wort nimmt, unterstreicht den Wert solcher Erziehungsarbeit, Als praktischen spezieilen Erfolg dieser Arbeit kann man die ganz vorzüglichen Auslassungen eines jungen Mediziners, Hans Bloch, über die Lage der jüdische« Akademiker an den deutschen Universitäten «nschen. Seine trefflichen Schlußworte: ״Das Prinzip der Solidarität, der Volkstreue und der Menschlichkeit verlangte von uns, daß wir für unsere bedrohten Brüder eintraten“ und ״es wäre geschmacklos, die Bedeutung dieser einfach selbstverständlichen Pflichtcrfüllung zu Reklamezwecken aufzubau&chen" enthalten in knapper, prägnanter Form eine Anschauung von der wir wünschen, daß sie zu jeder Zeit die unserer jüdischen Jugend sein möge. Auch der Bund jüdischer Korporationen (B. 1. c.) hat in seinen, der breiteren Oeffcntlichkeit zugäng. liehen Heften den Beweis geliefert, daß erden rechten Weg gegangen ist. Wohltuend stoßen diese Publikationen von den literarischen Erzeugnissen anderer jüdischer, studentischer Organisationen ab, auf welche hier jedoch nicht eingegangen werden soll. Wir wollen wünschen, daß die hohen pädagogisclteri Werte, die in den bewußtjüdischen Verbänden aufgespeichert sind, recht vielen Akademikern zuteil werden und, daß die nichtakademischen Organisatioucn, die ja ganz ähnlich wirken, dauernde Erfolge erzielen. Wir wollen uns aber darüber klar sein, daß wir nicht nur die anderen für uns arbeiten lassen dürfen, sondern daß wir stets bereit sein müssen, die zu unterstützen, die uns die Jugend gewinnen helfen. Mehr jüdische Oberlehrer? Von Dr. Ernst H a in b u r g c r. Nicht die prinzipielle Forderung nach Bekampfung des Antisemitismus unterscheidet den Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens von uns, sondern die Art der Kampfesweise. Wir bckämpfen die judenfeindliche Bewegung in Deutschland, wo wir können, halten uns aber von utopischen oder gar gefährlichen Vorschlägen in dieser Beziehung fern, ln solchen Plänen aber schwelgen nur zu oft die Männer des Zcutralvereins und häufen noch dazu schwere Vorwürfe auf das Haupt derer (natürlich sind es Zionisten), die ihnen nicht blindlings beistimmen und ihre Ansichten als das bczeichnen, was sie sind: weltfremd, einseitig und unpraktisch. In der Hauptversammlung des Zcntralvcreins, deren Höhepunkt die berühmte Zionistenresolution war, hielt am Schlüsse Herr Rabbiner l)r. David aus Bochum einen Vortrag über ,,Antisemitismus in den Schulen“. Er beklagte darin mit Recht die antiscmitischc Haltung der deutschen Oberlehrer, durch die schon der Jugend Antisemitismus eingeimpft würde, und führte die Feindschaft unserer Pütlagogen gegen die Juden auf ein ״ideologisches“ und ein ״soziologisches“ Moment zurück. ״Das erste ist größtenteils in der heute herrschenden Rassentheorie zu suchen, das zweite in der Stellung, die gerade der Lehrerstand in der sozialen Struktur unseres Volkes einnimmt, die ihn mit Juden wenig in Be- Ziehung bringt. Eine Armierung verspreche ich mir, wenn durch wissenschaftliche Literatur und liberale Presse eine Acndcrtmg in der Weltanschauung des LeUrerstatules sich vollzieht und wenn durch eine stärkere Zuwendung von geeigneten Persönlichkeiten aus unserer Mitte die seitherige Abschließung der Lehrer von den Juden aufhört.“ Diese Sätze, die zeigen, daß man zwar als Mitglied des Zcntralvcreins in der ״unbeirrten Pflege deutscher Gesinnung“ (nach Absatz 1 der Resolution) sein Hauptziel sehen, trotzdem aber gegen die deutsche Sprache einen erbitterten Kampf führen kann, erläutert der Verfasser ausführlich: Auch die anderen Hcrufsständc läsen Chambcrlain, Wagner u. a., hätten aber Gelegenheit, im Lehen jüdische Juristen, Kaufleute usw. eingehend kennen zu lernen; das Leben korrigiert ihre Theorien. Dem Oberlchrcr dagegen ist das nicht möglich, weil es zu wenig jüdische Oberlehrer gibt; so bleibt ihnen die herrsehende Rassentheorie der Maßstab, an dem sic die Juden messen und die Folge ist ihr besonders schroffer Antisemitismus. Ob diese Theorie Davids richtig ist, kann sehr bezweifelt werden. Sie scheint mir von vornherein deswegen schief zu sein, weil es meiner Ansicht nach im Durchschnitt gar nicht viel mehr Anhse* mitismus im Obcrlchrcrberufc als zZt. in den anderen akademischen Berufen gibt. Seine Ausführungen werden nur mehr beachtet und haben schlimmere Folgen, weil sie ihre vergiftenden Wirkungen gerade auf die Jugend ausüben; seine Ursachen sind auf jeden Fall viel zahlreicher und verwickelter, als David annimmt. Doch ganz abgesehen davon — jeder Vorschlag, der eine Besserung der immerhin unerquicklichen Zustände herbeiführen kann, muß willkommen sein. Wie aber David in der äugenblicklichcn Zeit die ״Zuwendung“ von geeigneten jüdischen Kräften zum Obcrlclirerberufe empfehlen kann, ist schlechterdings nicht cinzuschcn. Er scheint gar nicht zu wissen, daß der Kultusminister den Philologen, die jetzt zu studieren anfangen, eine Wartezeit von 8 Jahren prophezeiht hat; das bcdeutet für die Juden, daß sie sich nach ihrer Anstcllungsfähigkeit 10-12 Jahre als wissenschaftliche Hilfslehrer mit einigen Stunden wöchentlich herumsenden lassen müssen. Wenn er darauf hinweist, daß ja 75 jüdische Oberlehrer angestellt sind, und wie er mit einer leisen Anklage gegen sie sagt, 56 von ihnen in Bcrlin-Charlottcnburg, so darf man wohl darauf aufmerksam machen, daß die Schuld daran die etwas freiheitlichere Gesinnung ^rägt, die Berlin