Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1913)
- Date
- 1913-05-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 J U EDISCH E RUNDSCHAU Seite 219 «0 schnurrige Behauptung habe ich natürlich nie aufficstcllt, vielmehr hoffe ich nur, daß die Wirkungen der beabsichtigten Interpellation in den Gcneralver- Sammlungen sich auf die Abnehmer der betreffen• den Gesellschaft erstrecken wird. Und da jede Aktien• Gesellschaft, sofern sic nicht, wie etwa Krupp, nur an den Staat liefert, mit Privatfirmen als Kunden, und hier in vielen Branchen sehr stark mit jüdischen Kunden zu rechnen hat, so scheint mir meine Methode gar nicht so aussichtslos. Ich habe übrigens von vornherein betont, daß ich nur an die Abnehmer gedacht habe und kein Wort von dem doch ganzlieh unmöglichen und unsinnigen Versuch einer Be* einf.ussung der Kapitalsanlage gesagt. Ferner glaubt Margulics, daß jemand, der mit ein •r Bank arbeiten will, sich diese nicht erst lange nach ideellen Motiven aussuchen kann, sondern froh ist, wenn er eine vorteilhaft arbeitende Bankverbiiidung findet. Margulics vergißt, daß es aucli sogenannte Passivgeschäftc der Banken gibt, wie die Einlage von Depositengeldern, bei denen ich mir meine mir zusagende Bank wohl aussuchen kann, zumal hei den Großbanken infolge der scharfen Konkurrenz und der Konditioncnvcrcinbaruugcn die Bedingungen fast überall dieselben sind. Gerade diese Geschäfte, wie auch die Provision abwcrfcmlen Ltfckteiitraiisaktioncii sind jedoch für die Banken äußerst wichtig und cs ist wohl denkbar, daß jiidisclic Kapitalisten, die Anstoß an der antisemitischen Angestclltenpolitik einer Bank nehmen, durcli Translocierung ihrer flüssigen Gelder und Uebertragung ihrer Effcktenkonten auf eine andere Bank, wohl indirekt Einfluß auf die Politik einer Bankleitung ausüben können, dies desto mehr, wenn es systematisch geschieht. Zum Thema Unterstützung*• und Krcditkasse will ich mich vorläufig nicht weiter äußern, ich kann über ihre voraussichtliche Prosperität ja ebenso wie Margulics nur Vermutungen äußern. Nur glaube ich eben im Gegensatz zu ihm, diß eine solche auf genossenschaftlicher Basis aufgebaute Institution in Deutschland Renlabilitätsmöglichkcitcii hat, Margulics' Plan endlich einer jüdischen A 11 - g c 81 e 111 c n n r g a n i s a t i o u stehe ich nach wie vor aus prinzipiellen und noch mehr aus praktischen Bedenken ablehnend gegenüber. Ich halte jedoch aus mannigfachen Gründen die Diskussion hierüber in der ()Öffentlichkeit nicht für opportun, Hans Goslar. Die Opposition Im Leitartikel unserer vorwöchigeu Nummer hat Dr. H. Q. Hey mann versucht, Klarheit zu schaffen über die gegenwärtige ״innerpolitische" Lage unserer Organisation. Diese I rörterimgen waren notwendig im Hinblick auf den nahen Termin unseres XI. Kimgrosses, dessen Zeit und Arbeitskraft nach Möglich• keit den positiven Aufgaben unserer Bewegung vorbehalten bleiben sollte. Zuschriften, die an uns gelangt sind, nehmen jedoch ganz richtig an, daß neben diesem allgemeinen Parteiinteresse auch noch bestimmte Vorgänge den unmittelbaren Anlaß zu Dr. Hey m a 1111 s Ansfüllrtmgcii gegeben haben. Wir halten es daher für und flammenden Kabel, bis zum Zeitpunkt, da die tief Enttäuschte Varnhageii findet und durch ihn alles, was sie so bitter entbehrt hatte: Treue, leidenschädliche Liebe, tiefe Hingabe, letztes Verstellen einer innigen, ebenbürtigen Seele Es war durchaus logisch und berechtigt, daß I rau l)r. Weldler.Steinhcrg in ihrer Einleitung nur von Kabels Liebcserlebuisscn berichtet: die Liebesjahre sind das Präludium zur Lektüre des Brief־ Wechsels Kabels und Varnhagens. Dennoch hätte die Herausgeberin die Gelegenheit , benutzen sollen uns etwas mehr von Raliel zu geben. IGIiels Verhältnis zu Goethe, Kabels Verhältnis zum Judentum, beides ist ebenso interessant wie 110twendig für Kabels Uesamtcrschcimmg. Ellen Key wußte das: sic sucht Kabels Bild auch in jüdischer Beziehung zu reli«11׳! Mm spürt, wie sic wohl weiß, daß ihr Liebling Raliel von charakterfester jüdischer Seite nicht gern anerkannt wird, daß der Allgemeinheit von Kabel nicht viel mehr bekannt ist, als daß sic unter ihrer Abstammung gelitten und sich später lud taufen lassen, Ellen Key will diesen Makel von ihr abwaschen und nennt die Taufe keinen Abfall von! Judentum, dem Rahe! nie gläubig angehangen, sondern ״die Schaffung eines Gleichheitszeichens zwischen ihrem Mann und sich“. Darüber denken wir heute anders, damals aber ־ «m nochmals Ellen Key zu zitieren - ״scheint es, daß der Humanismus dieser Zeit so tief war, daß die Rassenfrage zwischen Gebildeten alle Bedeutung verloren hatte“. Ellen Key nimmt die Juden ganz selbstverständlich als Volk und Rasse, nicht etwa •*l» ״Religionsgemeinschaft“, was ihr ebenso fremd angebracht, nunmehr auch auf diese Dinge kurz einzugehen. Wie in dem Artikel bereits ausgeführt, hat die ״Opposition“ nicht geruht, seitdem die in Basel gewählte Leitung die Geschäfte der Bewegung übernommen hat. Vor der Pariser und Londoner Ocffentlichkeii wurde die Arbeit des A. C. in Versammlung*- reden und Zeitungsartikeln herabgesetzt, es wurden Enthüllungen und Andeutungen gemacht, die geeignet waren, die Interessen der Gesamtbewegung auf das Empfindlichste zu schädigen und man scheute sogar nicht davor zurück, durch selbständige politische Aktionen die Arbeit der Leitung zu durchkreuzen. Die Kreise, welche die Arbeitsweise unseres A. C. billigen, haben im Interesse der Einheit unserer Bewegung zu all' diesen Vorgängen geschwiegen, solange sie glaubten, daß dies mit dem Ansehen des Zionismus vereinbar sei. Diese Grenze, welche die Mehrheit ihrer Langnuit setzen zu müssen glaubte, ist nun aber überschritten worden, durch eine Rede, die Herr Joseph C o w e n , das Mitglied des Direktoriums des Jewish Colonial Trusts, unlängst in einer öffentlichen Vcr- Sammlung in London gehalten hat. Der nahende Kongreß zwang jetzt zur Stellungnahme. Nach dem ״Jewish Chroniclc“, dessen Darstellung Herr Cowcn bestätigt hat, führte er etwa folgendes aus: ״Es sei bedauerlich, daß gewisse Leute eine bestimmte Seite unseres nationalen Ideals in den Vordergrmul schieben, um eine andere in den Schatten zu stellen. Herr Cowen klagte ferner über die H c i in* lichkcit, mit welcher ein Teil der Arbeit der jetzigen Führer umgeben wird. Wir Juden wurden lange beschuldigt, daß w׳ir im Geheimen arbeiteten, und das war ein Licblingsvorwurf der Antisemiten. Wir sind so viele tausend Jahre in Unfreiheit gehalten w'orden, und da konnten wir «och ein paar Jahre länger ln Unfreiheit verweilen, als daß wir unser Ziel durch Mittel erreichen, die nicht die besten sind, und die das Tageslicht scheuen müssen, f )r. Her/.l hat auf rein nationaler Basis gearbeitet und viel erreicht, aber jetzt scheinen die Methoden weniger weitsichtiger jüdischer Politiker die Oberhand zu gewinnen. Diese Leute vergessen, daß mau auf Erfolg mir hoffen kam! durch Lrlialtuug der Bewegung auf nationaler (IVasls. Die Kenntnis der Tatsache, daß l)r, Herzls Ideale für den Augen- Nick nicht die Bedeutung finden, die sie verdienen, wird den wahren Zionisten nicht schwankend machen. Alter einmal geht die Geduld zu Ende, und jetzt ist es nahe daran. Politische Zionisten hatten niemals praktische Arbeit in Palästina von ihrem Programm ausgeschlossen. So viel er wisse, hätte die wirklich praktische Arbeit in Palästina hauptsächlich zu Herzls Zeit begönnern Jetzt sei es wünschenswert, daß wirklieh praktische Arbeit getan würde, aber er glaube nieht, daß solche Arbeit durch Institutionen, 8011dern durch Individuen ausgeführt werden könne, die ihre Körper- und Geisteskräfte der Arbeit widmen. Weiterhin erklärte Mr. Cmveit, daß er äußerst 1111zufrieden sei mit der Art, in der die politische Arbeit 11111:rnbllcklieh betrieben wird, Alles ginge im Oelieiuicii vor sieh mit dem Resultat, daß, während die Bewegung zu Herzls Zeiten allgemeiner Sy 111pathic begegnete, man ihr jetzt Argwohn und Miß* trauen cntgegenbrächte. In England und anderen!.ändern werde der Zionismus in gewissen Kreisen als ein Werkzeug Deutschlands betrachtet; eine dummere und boshaftere Erfindung ist niemals gemacht worden. Aber dies wäre das Resultat des von den Leitern gedankenlos und nachist wie die Vorstellung, daß ein begabter, rasseechtcr Jude kein kulturell hochstehender Deutscher sein könnte. Man spürt, wie es Ellen Key unangenehm ist, daß Raliel als judenfeindlich gilt, und sic zitiert, was Rahel als reifer Mensch über die tiefe Qual ihres Lebens geäußert: ״Mit erhabenem Entzücken denk ich an diesen meinen Ursprung und diesen ganz.cn Zusammenhang des Geschickes, durch welches die ältesten Erinnerungen des Menschengeschlechtes mit der neuesten Lage der Dinge, die weitesten Zeit* und Raumformen verbunden sind. Was so lange Zeit meines Lebens mir die größte Schmach, das herbste Leid und Unglück war, eine Jüdin geboren zu sein, um keinen Preis macht ich das jetzt missen.“ Gern betont darum Ellen Key, daß Rahel, die als junges Mädchen unter dem Zwange alter Formeln, unter der Starrheit jüdischer Familiengesetze, unbeschreiblich gelitten hatte, sich später als Mitglied dieses Volkes fühlt und auf dem Totenbette ihr glückliches Schicksal preist, daß sie »0 geliebt von ihren Teucrn wurde, sie, ״der Flüchtling aus dem Lande Aegypten und Kanaan“,' Was die große Nordländerin sagt, belegt sie mit Zitaten aus Rahcls Briefen, und weist so von vornherein die Kritik ihrer hellseherischen, großen Liebe zu Rahel ab. Dafür sind wir ihr dankbar, als Frau und Jüdin. Aber uns Juden von 1913 bleibt es doch ein Rätsel, wie diese warmherzigen, klugen Frauen vor 1813, die an der Spitze der geistig Führenden stan* den, so sehr vergaßen, woher •le kamen und wohin sie führten I lässig betriebenen Werkes. Der durch die zionistische Bewegung erweckte Argwohn wurde noch verschärft - z. B. bei dem letzten Kongreß, als bestimmt wurde, das Zentralbureau nach Berlin zu verlegen, und weiter durch die Bestimmung, daß der nächste Kongreß in Wien stattfinden solle. Man kann wohl fragen: wer leitet die Bewegung äugen- Dicklich? Es sei sehr beunruhigend, zu denken, daß die gesamte Administration in der Hauptsache bezahlten Beamten, Sekretären und Untersekrelären überlassen sei. Dies waren die Leute, welche jetzt den Zionismus kontrollierten. Wie behandelten sie Dr. Nord,aus Brief, welcher in der Londoner ״Times“ erschien? Die ״Welt“, das offizielle Organ der Bcwegung, welches jetzt zu einem Parteiorgan geworden ist, kürzte den gesamten Brief auf zwei Ab- Sätze! Die Gegner von Dr. Her/.l pflegten ihn wegen der Heimlichkeit seiner Arbeit zu tauein, aber diese war nicht zu vergleichen mit dem Mysterium, welches die Verhandlungen der jetzigen Leiter umgibt. Die praktischen Zionisten verlangten, daß der Sitz der Leitung in einer Stadt - in Berlin — sei. Jedoch drei der Mitglieder waren für gewöhnlich von Berlin abwesend, sie waren nicht einmal dort in der Zeit großer Vorgänge in der politischen Welt. Die gegenwärtigen Leiter haben eine der Bewegung gefährliche Situation geschaffen. Während der letzten Monate war es nicht mir die europäische Türkci? sondern auch die Türkei in Asien, mit welcher sich die Mächte beschäfügten. Die Zionisten haben sich Oclcgcnhelfen entgehen lassen, welche wahrschcilich nie wiederkehren werden, und die jetzigen, Leiter, oder die Privatsekretäre, welche die Kontrolle über die Bewegung eigentlich ausüben, haben es versäumt, zu handeln. Die Leiter hatten jedoch zwischen den russischen, österreichischen und deutschen Zionisten ein Abkommen getroffen, Wien, eine äußerst antisemitische Stadt, für den Kongreß zu bestimmen, um sich die Kontrolle über die Bewegung für eine weitere Reihe von Jahren zu sicher n.“ Unser Zcntralorgan ״Die Welt" hat sich in ihrer Nr. 20 ausführlich mit diesen Ausführungen befaßt. Wir begnügen uns damit, sic unseren Lesern zur Kenntnis zu bringen und überlassen das weitere ihrem gesunden zionistischen Urteil. Nahum Sokolow in Amerika Nah um Sokolow befindet sich, wie von uns mehrfach berichtet, seit Anfang■ März d. J. in Amerika, um 11111er den Juden der Vereinigten Staaten und Kanadas eine großzügige Werbetätigkeit für den zionistischen Gedanken und für die nächsten piaktischen Aufgaben der zionistischen Bewegung zu entfalten. Die mehr als zweimonatige Propaganda- Tournee des Herrn Sokolow hat sich zu einem wahren Triumplizug der zionistischen Idee gestaltet und unter der jüdischen Bevölkerung Amerikas beispiellose Begeistcrniig hervorgerufen. In zahlreichen Massenvcf- Sammlungen, die stets von mehreren tausend Persollen besuclit waren, entliusiusmleite Sokolow in New Vork alle Kreise der dort ansässigen Juden« schalt für die zionistischen Bestrebungen. Ja, ea gelang ihm, weit über die jüdischen Kreise hinzu» warmherziges Interesse für die Renaissance des Judentuins Hilf dem Boden Palästinas wachzurufen. So z. B, gab der Mayor von New York, Mr. William J. Gaynor, in einer längeren Unterredung mit Herrn Sokolow seinen lebhaften Sympathien für die Ziele Sic kannten die Geschichte ihres Volkes nicht; sie sahen nur die abschreckende Außenseite, nicht seine stille Oröße. Das erklärt das meiste .... Johanna Simon-Friedberg, Heidelberg. * Wie die ״Vossisehe Zeitung“ berichtet, wurde am 21. Mai das Drama ״Alcssandro und der Abt“ unseres Freundes Dr. Moritz Goldstein im Hoftlicatcr zu Darmstadt zum ersten Male mit großem Erfolg aufgeführt. Burschen heraus! Den dcutschnationaicn Helden der Wiener Univemitätsrampe gewidmet. Lang her den Stock I — Leg raus die alten Sachen Und polstrc mir den Hut fest mit Papier: Ich trink indessen, um mir Mut zu machen, Noch ein Maß Bier. Steckt auch das Mesner in der Hintertasche? Wo Ist der Schlagring? — So, ich bin bereit! Noch einen Schluck hier aus der Kognakflasche, Dann auf zum Streit I Auf, Brüder! Brüllt mit aller Kraft der Lungen! ״Jud', Jud'l“ ״Hcpp, hepp!“ ״Pfui Teufet!“ ״Ab• zug Kahn!“ Doch gebt beileibe keinem Judenjungen Satisfaktion. Drescht auf sie los, und kämen zehn auf einen, Und rühmt großmäulig eure Heldentat, Uns half noch stets im großen wie im kleinen Das Rektorat. C h J m, ,