Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1913)
- Date
- 1913-05-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Sehe 218 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 20 und innerlich in der Originalität und Qualität der Beiträge, weiter solche Fortschritte macht, wie sie in der Nr. 2 bereits gegenüber dem ersten Heft zu konstatieren sind. Aber Herr Kaufmann will viel mehr. Und da/u müssen wir ihm nach den bisherigen Proben die Legitimation allen Ernstes und entschieden bestreiten. Er hat seine grundlegenden Ideen bereits vor einigen Monaten in einem im ״Zionistischen Verein West •Berlin“ gehaltenen Vortrage entwickelt, Ideen zu einer ״R c f o r m des Z i o n i s m u s“, und er hat sich bereits damals sagen lassen müssen, daß er nicht einmal die bekanntesten Daten und Ereignisse aus der Geschichte der Bewegung kennt, die er reformieren will! Er hat ganz offenbar — um nur das Gröbste herauszugreifen — keine Ahnung von den Debatten des fünften Kongresses, keine Ahnung von den Bestrebungen und dem Programm der ״De• mokratisch-Zionistischcn Fraktion“, keine Ahnung von allem, was zwischen dein neunten und zehnten Kongreß vorging, mit einem Wort, keine Ahnung von dem ganzen ״Ost-West-Kampf“ innerhalb des Zionismus. Herr Kaufmann weiß davon und von vielem anderem nichts und hat den Mut, 11 c u t e i m siebzehnten Jahrcdcrzionistischcn Bew e g u n g den jüdischen Osten für uns entdecken zu wollen! Er wagt cs, uns zu sagen, wir redeten nur vom ״jüdischen Volk“, wären aber keine Spur über das Schlagwort hinaus ״zu dein lebenden Fleisch und Bein, darin das Volk wohnt" gekommen. Und dabei erscheint seine eigene Kenntnis vom lebendigen jüdischen Volke so angelesen und verstandesmällig aus allerlei Gehörtem crgrübelt, daß man ihm nicht einmal die alleräußer• liebste Bekanntschaft mit dem Warschauer oder dem Bialystokcr Judenviertel zutraut. Er redet hoch daher von der ״Feststellung eines der ungeheuer• liebsten, verderblichsten Analogieschlüsse, die die neuere Soziologie kennt“, er erkühnt sich, von R 11 p pins Buch ״Die Juden der Gegenwart“ als von ״Totengräberphantasien“ im verachtungsvollsten Tone zu reden — und dabei fehlt ihm die Kenntnis der primitivsten sozialen und politischen Tatsachen und Tendenzen, deren geistige Durchdringung dieses Buch in jeder Zeile offenbart. Und was die Soziologie anlangt, von der Kaufmann so viel spricht, so darf er mir glauben, wenn ich auf Grund jahrelanger Beschäftigung mit dieser Disziplin hier (entstelle, daß es weder in der ältere« noch in der neueren Soziologie — und auf diesem Gebiete ist viel gesündigt worden! — eine so bodenlos oberflächliehe und zugleich so ungeheuerlich anspruchsvolle Theorie gibt, wie die von ihm über Zionismus und Judcnhcit entwickelte ist! Alles, was je an falschen und schiefen Auffassungen vom Zionismus zutage gekommen ist, feiert in diesem Kopf eine Auferstehung und verwirrt sich zu einem Kuddelmuddel von Ideen, dessen Analyse sich wahrhaftig nicht verlohnt. Auch der am meisten beteiligte Ideenproduzent, Nathan Birnbaum, dürfte nur eine sehr gemischte Freude daran gehabt haben. Und was ist denn des Pudels Kern? Stärkere Betonung des Ostjüdischen, Ehrenrettung des Jüdisch- Deutschen, Bekämpfung allzusehr verallgemeinernder Auffassung der Situation der Juden, Betonung ״alljüdischer“ gegenüber ״tciljüdischcn“ Gesichtspunkten! Bücher und Zeitschriften Rahe] Varnhagcn. Ein Frauenlcben in Briefen, ausgewählt und mit einer Einleitung versehen von Dr. Augusta Wcldlcr-Stcinberg (Gustav Kicgcnhcucr Verlag). Die berühmten sechs Bände Rahclbricfe, die Ludmilla As sing 1874 hcrausgab, wird nur derjenige gründlich studieren, der tieferes Interesse an der Geisteskultur der Zeitcpoche nimmt, in der Rahcl lebte, deren feinste, reinste Inkarnation sie gewesen sein soll. Im allgemeinen aber fürchtet sich der Leser vor sechs Bänden Briefe, so gerne auch aufmerksame Zuhörer schriftlichen Bekenntnissen geistvoller Menschen lauschen, deren seelische Eigenart sich am reizvollsten in Briefen spiegelt. Darum ist die Neuausgabe dieser Rahclbricfe mit Dank und Freude zu begrüßen; statt sechs Büchern ein einziger stattlicher, wohlausgewähltcr Band. Die Anmerkungen beweisen, wie sorgfältig die Herausgeberin ans Werk gegangen ist. Sie folgt nicht den Briefen der Ludmilla Assingschen Ausgäbe, sondern den Originalen, die auf der König!. Bibliothek in Berlin aufbewahrt werden. Auch Rahcls Orthographie, kleine originelle Fehler, sind lobenswerter Weise bcibchaltcn. Die chronologische Anordnung der Korrespondenz, die Hinzufügung der jeweiligen Antworten Vamhagens, machen die Lektüre fesselnd und wertvoll. Statt bekannter Bruchstücke, geistreicher Zitate, taucht ein lebendiges, sprühendes Leben auf: Rahcl 1 Wie oft hörte man sie nennen? r Uml dazu dieser Aufwand an Bombast, an pseudotheoretischer Verbrämung und an Verlästerung einer im Kampfe gegen die Indolen/ und Assimilation stehenden Bewegung, die um jeden Sehrittbreit Bodens gegen die Förderer der Auflösung des jiidisehen Volkes schwer rlhgcn muß! Zum Schluß aber noch eins: Wenn Herr Kaufmann die oben genannten einzigen positiven Dinge in seinen Aufsätzen selbst einfach, klar und bescheiden formuliert hätte —י in der Erkenntnis, daß er damit erfahreneren Zionisten absolut nichts Neues sagt! — müßte man ihm dann heute noch irgendein Verdienst zucrkeniicn? Oder wäre es nicht heutzutage vielleicht bereits wieder verdienstlicher, auch einmal die jüdischen Werte und Leistungen des Westjudentiuns licrvorzulieben, die hebräische' Sprache gegenüber der ästlictisicrcnden oder demagogischen Verlierrliclimig des Jargons und seiner Poesie in den Vordergrund zu stellen, die Einheitlichkeit so vieler Tendenzen in der Entwicklung der ״Judenlieitcn“ (so sagt Herr Kaufmann statt ״der Juden“ oder ״der Juden verschiedener Länder“ o. ii. und tut sich auf diesen grollen Spracliunsiiin auch noch sehr viel zugute!) zu betonen gegenüber der iibcrliaiulnelinieiidcn Hervorhebung der Differenzen, bewußt ״teiljüdische“ Aufgaben mit ganzer Energie zu fördern, statt sich in ״alljiulischc“ Uferlosigkciten zu verlieren und — noch weniger zu leisten als der Zionismus, der Herrn Kaufmann ohnehin — so ganz nebenbei — zu wenig tut? Es wäre eine soziologisch zu untersuchende Frage, Herr Kaufmann, was zurzeit wohl mehr im Interesse des jüdischen Volkes läge, eine Frage, die hier nur demonstrationis causa gestellt, durchaus nicht beantwortet werden sollte. Naeli einer nicht gar so schlechten jüdischen Sitte, sei mir aut Ende eine kleine Geschichte verstartet: Ich hatte einen Freund, der eine Zeit lang um alles in der Welt gern recht vornehm tat, und als wir eines sonnenklaren Tages in einer wunderschönen Gegend des Scliweizerlamles mit einer gemcinsaincn HckannKui spazieren gingen, sagte er von oben herab: ״Das Gelten macht mir keine Freude. Ich fände es weit vornehmer, spazieren zu fahren.“ Darauf erwiderte die Dame: ״Da sind Sie aber noch sehr rückständig, Herr Doktor, wir gelten schon wieder!“ — Daran mußte ich heim Lesen der Kaufniaiinsdien Aufsätze in der ״Freistatt“ denken. In der Tat, Herr Kaufmann, ist cs fast so: wir gehen schon wieder, und da wollen Sie uns das Fahren als das einzig Wahre anpreisen! Das kann doch nur Spott oder energische Abwehr wecken. Beides kann man sich und anderen ersparen, wenn man erst selbst lernt, bevor man auszieht, die Menschen in so lioheitsvollem Tone und so selbstsicher zu bclehren. Dr. Julius Becker. Zur Frage der Jugendarbeit liegen uns zwei Arbeiten von Herrn Dr. Fritz Simon (Berlin) und Herrn Dr. Weinberg (Dortmuiid) vor, in denen die verschiedenen Ansichten unserer Freunde vertreten sind. Raummangel zwingt uns, die beiden Aufsätze zur nächsten Nummer zurückzustelkn. Wie oft war sic in jüdischen Literatur-Vereinen das Vortragsthema? (Zu oft vielleicht . . ,) Docli gewann man Interesse an ihr. Schlug vielleicht jüdische Geschichtsforscher nach. Sah aber nur, daß unsere Geschichtsschreiber, Griitz, Philippsolm u. a., ihr ohne richtiges Verständnis gegenüberstehen. Philippsolui, der sic origineil und selbständig nennt, ihre Wahrheitsliebe und glühende Leidenschaftlichkeit hervorhebt, schilt sie ״künstelnd in Empfindungen und Worten, mit mehr männlichen wie weiblichen Vorzügen“! Wie wenig dies Urteil richtig ist, beweist schon die Lektüre unseres einen ausgcwähltcn Brief- Landes. Uebrigcns sagt Philippsohn kein Wort über Rahcls Taufe; er meint aber, cs sei ״doch nichts kleines, daß Prinzen, Diplomaten, Generäle, Dichter, Gelehrte, auch Gräfinnen und Künstlerinnen sich in den einfachen Zimmern des häßlichen, mäßig begüterten Judenmädchens zusammenfanden . . . auch der glänzende hcldcnkühnc Hohenzollcmprinz Louis Ferdinand verkehrte eifrig mit ihr“. Der Ursache dieser starken Wirkung wird Philippsohn nicht gerecht; doch Rahcls Einfluß auf die exklusiven Kreise macht ihm sichtlich große Freude. Anders der alte Graetz, Er verdonnert Rahel, wie die anderen jüdischen Berühmtheiten der damaligen Bciliner Salons: ״Diese geistesbegabten jüdischen Sünderinnen taten dem Judentum den Gefallen, zum Christentum überzutreten. Rahcls Klugheit und ihr durchdringender Geist bewahrten sie nicht vor der Verpestung der Unsittlichkeit, welche die vornehme, christliche Welt damals aushauchte.“ Da hat Graetz in gewissem Sinne recht; aber in seinem Nachsatz: Nochmals: Jüdische Wirtschaftspolitik In der letzten Nummer der ״Jüdischen Rundschau“ hat Heinrich Margulics an dem in Nr. 18 der ״J. R.“ von mir gemachten Vorschlag der Begrümlung einer jüdischen W irtseliaftszentrale Kritik geübt. Da aus den Auslassungen von Margulics mir hervor/ugchcii scheint, daß er mich . in manchen Punkten unzweifelhaft mißversteht, in anderen jedoch wieder auf Grund unrichtiger Anschnmingcn zu anderen Schlüssen gelangen muß, wie ich, möchte ich, bevor etwa eine weitere Debatte sich mit dem mir aussichtsreich erscheinenden Projekt der Wirtschafts zentrale befaßt, einige kurze berichtigende und erläuternde Bemerkungen geben, auf die ich mich vorderhand beschränken will. Zuiihehst wirft mir M a r g u I i e s vor, daß ich das erkenntnistheoretische Moment in meiner Darsteilung der Wirtschaftsgeschichte der deutschen Juden zu wenig berücksichtigt hätte. Soweit dies zutrifft, ist dies mit voller Absicht geschehen; ich habe mich darauf beschränkt, in kurzen Worten — aber m. E. deutlich genug für den wirtschaftlich Klarsehenden — einen Umriß des Entwicklungsprozesses zu geben, indem ich auf das zeitliche Zusammenfällen der zwei Momente, der Konzentration und fortschreitenden Mechanisierung irn Wirtschaftsleben im allgemeinen und der Erschütterung der Position der Juden im besonderen infolge ihres historischen Mißgeschickes, der Vussdialtmig nach getaner Pionierarbeit, hinvvics. Eine ausführliche wirtschaflshistorische Schilderung gab ich schon aus dem Grunde nicht, weil mir eben vor allem daran lag, den wirtschaftlich Interessierten unter uns einen Vorschlag zur Abhilfe bestellender Zustände zu unterbreiten, zu deren historischem Verständnis mir nach den Arbeiten Sombarts auf diesem Gebiete wirklich der kurze Hinweis zu genügen seinen. Ich hätte sonst z. B. auf die auch hier wieder typische Entwicklung im Bank* fach hin weisen können: während nämlich noch vor 50 Jahren in Deutschland infolge der Mannigfaltigkeit des Geld- und Notcnweseiis, infolge der Schwicrigkeiten, die damals recluieriseh mit den! lukrativen Geschäft der Arbitrage usw. verknüpft waren, der christliche Angestellte in sehr vielen Fällen einfach nicht fähig war, mit Erfolg mit jüdischen Kollegen zu konkurrieren, ist cs heute infolge der Vereinfachung und Mechanisierung der Banktechnik den Bank* Icitungcn möglich, Hunderte und Tausende von Militäranwärtern und SchrcibergeUilfcn als ״Bankbeamte“ zu beschäftigen, für die früher in einem Bankhausc kein Platz im Comptoir gewesen wäre. Durch all’ diese Vorfälle wird natürlich die kostspieligere, weil intelligentere und theoretisch besser vorgebildete jüdische Arbeitskraft in vielen Fällen unnötig und fast überall ~~ außer den Börsenburcaus! — allmählich eliminiert. Des weiteren hält cs Margulics für notwendig, einige meiner Giesen dadurch zu entkräften, daß er sic etwas ins Groteske in ihren beabsichtigten End- Wirkungen verzerrt. So, wenn er davon spricht, ich glaubte, daß der jüdische Kapitalist sich beim Kauf von Aktien davon beeinflussen lasse, ob die Ge- Seilschaft, deren Aktien er erwerben will, antisemitische Angestelltenpolitik treibe oder nicht. Eine ״Der Verführer dieser kleinen Frau mit der großen Seele war Goethe“, können wir nicht einstimmen. Es ist und bleibt Rahcls unsterbliches Verdienst, daß sie, eine Jüdin, ein Jahrhundert voraus, nicht nur ahnte, nein wußte, wer Goethe war und was er den Deutschen eines Tages sein werde! Dieser Goethe-Einfluß, den Graetz verkennt, war es (vielleicht zusammen mit den! geistigen Erbe ihrer Rasse), der sie davor bewahrte, die Zügellosigkeit der jungen Romantiker zu goutieren und ihre endliche Weltflucht in den Schoß der katholischen Kirche zu be* greifen oder gutzuheißen! Dazu eben war sie zu gocthcisch (oder: zu deutsch, was identisch sein sollte) und — so paradox das bei der getauften Jüdin klingen mag — zu jüdisch! Die Synthese ihres Wesens: ererbte geistig* jüdische Veranlagung und erworbene goethcisclie Geisteskultur ist ungemein interessant. Das ist auch etwas schwierig darzustellen: denn Rahcls Geisteseigenschaften, soweit sie besonders originell und interessant sind, reklamieren die Frauen als ״echt weiblich“, Herr Philippsohn als ״echt männlieh“, die Christen als ״echt deutsch“, ein Teil der Juden als ״echt menschlich“ .... Die Zionistin, die den neuen Band hcrausgab, hat darüber leider keine Bemerkung gemacht. Es war allerdings nicht ihre Aufgabe, Rahcls Wesen zu charakterisieren, denn wir besitzen bereits neben anderen guten Schriften, die liebevoll-entzückende Biographie von Ellert* Key. Gewiß dachte Frau Dr. August» Weldler- Steinberg daran (denn *ie erwähnt Ellen Key), als sic ihre ausgezeichnete Einleitung so sehr kurz schrieb. Sie führt uns nur durch die Jugendjahre der zarte■