Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1913-05-23 · Heft 21 (23.5.1913) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 21 (23.5.1913)
Date
1913-05-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2651273-2651815-2651837--08961-2666251
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 210 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 21!gesamten Presse des In- und Auslandes - die andsemitische natürlich ausgenommen — aufs schärfste mißbilligt• Ungarn Die jüdische Bevölkerung Preßburgs ist am Samstag, den 17. Mai, von einem entsetzlichen Brandunglück heimgesucht worden. Gegen >.t l’hr nachmittags brach in der dem Judenviertel benaclibarten Petöfigasse aus unbekannter Ursache ein Brand aus, der sich infolge des orkanartigen Sturmes rapid ausdelmte und alsbald in die fast nussehliell* lieh von Juden bewohnten Straßen/üge: Nikolaigasse, Schloßgrundgasse, Kapu/iiHTstraße, Schlollstralle und Klarissengasse Übergriff. Im Verlaufe einer Stunde stand ein Komplex von etwa neunzig Hausern in Hammen. Die Lokalisierung des Brandes hot die größten Schwierigkeiten, weil das Terrain des Juden- Viertels sehr hügelig und winkelig ist und die alten Hauser, teilweise mit Schindeln gedeckt, bis /tun Dachboden mit altem Hausrat vollgepfropft sind. Herzzerreißende Szenen spielten sich ab. Die armen jüdischen Trödler und Kleinkramer suchten aus den brennenden Hausern und üeschaftsliideii'ihre armselige Habe bcratis/nschleppen; außerhalb des Militärkordons standen jammernd die Angehörigen der im Bramlteile Verbliebenen, weil sie nicht zu den Ihren gelangen konnten. Unter den obdachlos gewordenen 1300 Familien befinden sieh etwa 120(1 jüdische, gleich (1000 Seelen. Die armen Leute wurden in Schulen, im Volksheim, in verschiedenen Stiftuugshauscrn, in den ,Kasernen, Spitälern und im Palais des Br/.- her/.ogs ITiedrieh untergebracht und durch Lieferung von Milch und Brot vor dem Hunger geschützt. Der berühmte Lehrsaal der Preüburger Jcschibah, die sogenannte ״Schiurstube“, ist samt allen Büchern der reichen Bibliothek zugrunde gegangen. Die ortliodoxe Synagoge wurde schwer beschädigt; die Thorarollen und Synagogengeriite konnten gerettet werden. In vielen brennenden Häusern des Judcnvicrtcls lagen alte und kranke Leute hilflos. Militär und Feuerwchrlcutc drangen mit Todesverachtung in die brennenden Wohnungen ein und trugen auf Tragbahren die Hilflosen hinab in die Stadt. Bisher ist mir ein Todesfall bekannt geworden, der eines Feuerwchrinanncs, der \\ahrc1ul der Löscharbeiten vom Schlage getroffen wurde. Ferner wird ein jüdischer junger Marti vermißt, der int dritten Stockwerk eines I Luises der Judengasse (SchlolSgrmtdgasse) krank «1 Bette lag. Die Zahl der Verwundeten ist sehr groß; darunter sollen sieh 38 Schwerverletzte befinden, von denen manche ihren Wunden erliegen dürften. Ein junges jüdisches Mädchen wurde irrsinnig. Der malericllc Schaden wird auf mehrere Millionen Kronen geschätzt. An den Lösch- und ReUungsarbeiten heteiligteu sich auch die telephonisch hcrbcigcrufcne Wiener Feuerwehr und die Wiener Rettungsgcscllschaft. Erst gegen 8 Uhr ,abends konnte der ungeheuere Brand lokalisiert weiden und erst in den frühen Morgenstunden konnten die Feuerwehren ihre Aktion beenden. Das Elend unter der jüdischen Bevölkerung ist unbeschreiblich. Hunderte von Fatnilien sind obdachlos geworden und völlig an den mmg gelebt hatten. Wir mochten Gott danken, daß wir ohne Schläge davonkanieti für die zerrissenen Mäntel und vertretenen Stiefel. Und am folgenden Tage lobte uns der Rabbi, Nisse! der Kleine, gar schön für die Striemen auf der Stirn und die blauen Beulen inner den Augen. Man legte uns cs ist ein Jammer zu erzählen einen nach dem andern hin, mit dem Gesicht nach abwärts, und maß uns zu, wie cs üblich war. Und cs war nicht ganz wenig, was üblich war, geizig war man nicht . . . Wir aber kränkten uns über nichts so sehr wie über unsere Behclfer, die Verruchten! Wenn Vater und Mutter ein Kind bestrafen, tun sie es doch aus Liehe, der Rabbi legt den Jungen übers Knie und schwingt die Rute: Dazu ist er Rabbi und dazu ist sie eine Rute, Aber die Bchelfer, die Verruchten! Nicht guntig, daß sie all unsere Wegzehrung verspeist hatten: nicht genug, daß sic uns im weiten freien Feld allein ließen und dem Schicksal atisliefertcn: hielten sie uns noch bei der Exekution, daß wir uns nicht ein winziges bißchen wehten konnten. Das war unser Lag-Baomer damals, ein böser, ein finsterer, ein verspielter Lag-Baomer. Dr. Hugo Herr in a n n. Bücher und Zeitschriften Denkwürdigkeiten der Glücke) von Hamclir. Aus dem Jüdisch-Deutschen übersetzt von Dr. Alfred F e i I c h e n f c I d. Jüdischer Verlag, Berlin 140, Endlich! Heute schickt mir der Jüdische Verlag di: neue Uebcrsetzung Glückcls von Hameln, und schon sitze ich wieder ein paar Stunden über den lieben, alten Blättern. Was für eine Natur! Welch * überquellcndei Gemüt, mit einer Unmittelbarkeit, einer Treffsicherheit der Erzählung, die an das Beste er- Bettelstab geraten. Es wurde sogleich eine Hilfsaktion cmgcloitct, und bisher ist ein Betrag von etwa 200 000 Kr. zur Linderung der grenzenlosen Not aufgebracht worden. Russland In Kiew hat sich eine Gruppe reicher Juden an die Regierung mit dem Ersuchen gewendet, auf eigene Kosten eine monumentale Synagoge errichten zu dürfen, die zum Andenken an 'die Romanow-Feier den Namen Romanow-Jiibilliums-Synagogc tragen sollte. Die Regierung hat diesem Ersuchen die Bewilligung versagt. Richtigstellung Unser Bericht über den Vcrbandstag der jüdischen Jtigeiidvereine in Frankfurt a. M, ist in einem wesentlicltcn Punkte richtig/ustelleii. Der Bericht enthält 11. a. die Bemerkung, daß der bisherige Verbaudsvorstatid per Akklamation wiedergewählt worden sei, und cs wird dieses Faktum in Verbindung mit der Tatsache gebracht, daß Herr Dr. Apfel nach Ablehnung des Antrages Kid mit Energie den Standpunkt vertreten habe, daß auch heute noch ein Zusammenarbeiten von Zionisten und Nicht/ionistcn in der Bewegung möglicli sei. Diese Ansicht sei gerade durch die Wiederwahl des bisherigen Vorstandes per Akklamation unterstrichen worden. Tatsache hingegen ist, daß Herr R.-A. Dr. Weißin a n n , nachdem nie Wiederwahl des bisherigen Vor- Standes per Akklamation beantragt war, namens seiner zionistischen Freunde eine Er- Harting etwa folgenden Inhalts abgegeben hat: Sie hätten gegen einen großen Teil des bisherigen Vorstandes und insbesondere gegen den Vorsitzenden das schärfste Mißtrauen, um! seien überzeugt, daß dieser Teil des Vorstandes nicht in der Lage und gewillt sei, aas Ncutralitatsprinzip gegenüber den Zionisten zu wahren. Um der Versammlung indes bei der Abstimmung keine Schwierigkeiten zu bereiten, würden sie sieb bei der Wahl der Stimme enthalten. Dies ist denn auch g e s c 11 e 11 c 11. Schon vorher hat Herr R.-A. I)r, Moses (Berlin; eine ähnliche Erklärung a hg eg eben. PALAeSTINA-RUMDSCHAU Die South African Zionist Federat i o n hat beschlossen, in Palästina ein größeres läinlliebes Grundstück aii/ukautcii und dort eine große!•'arm ein/urichten, auf der durch jüdische Ansiedler insbesondere Oelbaum- und Maiidelpflan/imgett augelegt werden sollen, Die Kosten der Farm werden sich ungefähr auf 1500׳ Pf mul belaufen, die die zionistischen Vereine in Südafrika im Laufe einiger Jahre auf/ubriiigen hoffen. Die südafrikanische Zionisteuföderation hat mit der ottomnnisehen Gesellschaft für Agrikultur, Handel mul Industrie ,,Agudath Netaim" in Jaffa ein Uebcreinkoinmcn getroffen, wonach mit den Vorarbeiten für die Anlage der Pflati- /ungen auf dem in Aussicht genommenen, von der genannten Gesellschaft erworbenen Terrain bereits in allernächster Zeit begonnen werden soll. innert, was es dieser Art in der Weltliteratur gibt. Die Plastik Herodots und der Bücher Santuelis, die Hcr/Iiaftigkeit in Luthers Briefen und Gesprächen, iles Simplicius Ungenicrtheit, der Märchenstnn der Bruder ('nimm, Frau Ajas übersprudclmle Erzählerfreude, all das hängt ja schon an sich zusammen, und gibt sieb auch wieder in Glückcls Aufzcichmmgcii ein Stelldichein. Geht mir mit eurer neuesten Entdeckung, die aus einer Verbildung ■der jüdischen Seele eine ewige Naturanlage nuicht, und dem Juden als Künstler nur ein geistiges Verhältnis zur Welt /!!gestehen will! Hier ist, gerade in der Kunstform (wenn man einer so natürlichen Art gegenüber den Ausdruck gebrauchen will) crilenfcstc Sinnlichkeit und Unbefangenheit. Das ist der köstlichste Gewinn dieses Buches, wir freuen uns, daneben noch einen lebendigen Blick in die jüdische Welt, eine vielfach verbogene zwar, aber doch eine ganze Welt zu bekommen. Wie Glücke) ihre einfache deutsche Art der französischen Courtoisie entgegenstellt, wie die ״neumodischen‘' Juden in Metz nnfaugen, - sich die Allongeperücke zn/ulegen, wie Süßigkeiten und Weine und lotenta11/-Aufiührunge:1 die jüdische Hoch/eit schmücken, ־ man könnte Seiten mit Einzelheiten füllen. Schade, daß der Uchersclzcr, wohl mit Rücksicht auf den Umfang des Buches, so manches ausgelassen hat. Die weitschweifige moralische Einleitung könnte ja vielleicht manchen modernen Leser von vornherein ahsclireckcn, aber sonst vermißt man die Bet rach-' tungen sowie die eingestreuten — freilich nicht originalen — Erzählungen sehr ungern. Nicht nur aus kulturgeschichtlichen Gründen, - in der gckürzten Form tritt auch der Geschäftssinn und die Lcstrcbungci), ihre Kinder zu verheiraten, noch stärker als im Original in den Vordergrund, und manche menschliche Seite bleibt dahinten. Aber sonst ist Die Win/crgcnosseuschaft in der palästinensischen Kolonie Rischou Le-Zion hat der Gesellschaft vom Roten Halbmond einige hundert Haschen alten Rotwein und Kognak für die im Kriege verwundeten Soldaten zur Verfügung gestellt. Der Begleitbrief verdolmetscht die treue Anhänglichkeit sämtlicher jiidj. scher Kolonisten an das ottomanisdie Vaterland und ihr warmes Mitgefühl mit den Opfern des Krieges. u3Si!STISC;;S: BCTuGUna I >r. Aron S a n tl 1 c r - Kndowa, das gcseh.it/te Mitglied des Zentralkoniietcs der ,.Zionistischen Vercinigutig für Deutschland“, und seine Frau Adele geh. Straus, wurden durch die Gehurt eines Sohnes erfreut. Wir beglückwünschen die Eltern aufs herz, liebste, Mitteilungen der Zionistischen Vereinigung für Deutschland ln einer Mittelstadt der Provinz Hessen ist in einem erstklassigen Bankhause der Posten cin;$ Lehrlings oder Volontärs per sofort zu besetzen. Der Posten wäre auch geeignet, Studentin, die den kaufmännischen Betrieb in einem HandcMiatise kennen lernen wollen, hierzu wirksame Gelegenheit zu geben. Etwaige Bewerber bitte» wir, sich mogliehst umgehend an die Zionistische Vereinigung für Deutschland, Berlin W. 15, Sächsische Straße 8, /g wenden. In einer Stadt Oldenburgs mit reicher Umgebung bieten sich für einen jüdischen Arzt glanzende Niederlassungsmögliehkeiteii. Von den fünf Acrztcn, die bisher am Platze tätig waren, verziehen drei nach aitswürts. Nähere Auskünfte durch unser Bureau. AUS HAMBURG-ALTONA Am 7. Mai veranstaltete das Komitee zur Verbreitung der hebräische!! Sprache in Hamburg einen zu eiten Spruch-Abend, an dem Herr Dr. mciL B e 11!1 in aus* Uharkow in fast lUstiindiger formvollendeter hebräischer Rede das Thema: ״Gedanken und Erinnerungen an Palästina“ behandelte. Er u.itcrschied drei historische Epochen: die erste, mittelalterliehe, bis ins vorige Jahrhundert sich erstreckende, die er wegen ihres passiv-religiösen Charakters als tnessi,mische bc/cichnete, die zweite, ״(Jltahikkah- Epoche‘', die schon aktive Werte schuf, indem sic Menschen und Geld nach Palästina brachte, und endlieh die nationale Zeit unserer Tage, die zur besitznähme und Wiedergeburt des jüdischen Landes I dum soll. I)anu verbreitete sich Redner eingehend über Lr/ielitingsaiifgaben und hygienische Sanierung!- arbeiten in Palästina. Dr. Fink leitete in hebräischer Sprachedie aus 51■ Teilnehmern bestehende Vor- Sammlung; in der Diskussion sprachen die Herren Bjelouß, Fleischmann und Weinberg. Die herzlichsten Wünsche der Hamburger Zionisten begleiten Herrn Dr. B e 11 a m , der nunmehr nach Abschluß seiner wisscnsclialtliclicn Arbeiten am tropenhvgieiiischen Institut Hamburg verlaßt, um als Leiter der serologischen Abteilung und I ollwutstation des ,.Vereins indischer Aer/te und Naturforscher" dauernd seinen Wohnsitz, in Jerusalem zu nehmen. K. die neue Ausgabe durchaus erfreulich. Die Ueber- Setzung aus jiddischer Prosa ist ja eine unlösbare Aufgabe; ein Meisterwerk, wie die Uebcrtragung, die Verdichtung von Pinskis ,,Erwachen" durch Martin Buber bleibt notwendig isoliert und ist so nur für ein kleines, abgerundetes Kunstwerk möglich. Der neue Herausgeber war bemüht, möglichst einfach die Spracltform Glückcls in die lebendige Rede der Gegen- ׳wart zu überfragen. Das scheint hier auch der cm/ige Weg. Es ist ihm gelungen, Glückele wieder Ivlnndig zu machen, -■ ihr jüdischen Leser, die ihr euch schon immer beklagt habt, daß euch der Zugang zur mittelalterlichen jüdischen Vergangenheit 50 schwer wird, hier habt ihr ein Buch, wie für euch geschrieben: gebt hin und lest es. Moses Cal vary. Der Weg zun! Reichtum. Ein Roman von Hermann B 1 u m e n t h a I. Felix Lehmann Verlag. Berlin W, Ein schlichtes und doch recht anziehendes Buch, das zugleich eine sehr interessante Epoche der modernen Kulturgeschichte in anschaulicher Weise schildert. Eine der Gestalten des Romans -- leider eine Nebengestalt ~ ist der gali/isclu• Jude Abraham Schreiner, der im Jahre 1848 das Petroleum ah Brennstoff entdeckte und dadurch gewisse Gebiete Galiziens zu Reichtum brachte. Nicht ohne tiefe1* Eindruck erfährt man durch den Roman von *l«m tragischen Schicksal dieses jüdischen ״Prometheus“, der im Elend gestorben ist, während rings um ihn die Millionen aus der Erde wuchsen. Auch als Kulturbild ist der Roman recht intef״ essnnt,• nur erfahren wir leider zu wenig über jüdische Verhältnisse Alles in allem darf man dem Buche Sympathie« Voraussagen und auch wünschen. C. Z. K-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.