Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1913)
- Date
- 1913-05-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 21 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 209 gilt cs, einen harten Kampf zu führen gcgcn a||c Chefs, insbesondere gegen alle jüdischen Chefs, die keine Juden anstellen. Ein solcher Kampf ist nicht aussichtslos, denn der Einzelchcf ist auf jüdische Kundschaft undjjft noch auf jüdisches Personal atigewiesen, und Mittel, die beiin Großbetriebe kind- Haft wären, wie Boykott (sei es als Kunde, sei es als Angestellter) können hier noch recht wirksam sein. Wir werden diese Mittel keineswegs verschmähen, werden sie vielmehr sorgfältig organisieren müssen. Pml damit stehen wir vor der letzten und cntscheidenden Frage: Wie? Ooslar spricht von einer ״wirtschaftlich ci» Zentr.de“, die alles allein besorgen müßte. Doch in unserer Zeit ist es eine Binsenwahrheit, da» Augeslillleninteressen nur von Angestellten seihst vertreten werden können. IX־r deutsche Un11klu1111;׳tc11verein hat cs erst neuerdings bewiesen, wohin man kommt, wenn man die Vertretung dieser Interessen dm Chefs überläßt. Jedes Gängelsystcin wäre gc- Jährlich. Es gibt nur eins: ״Wir brauchen eine jüdische Angestelltcnorganisation!“ Vorläufig kein Wort über ihre Struktur; auch nicht über die Möglichkeit. Sic ist so ehern notwendig, daß sie allen theoretischen Bedenken zum Trotz entstehen ntuß. Soweit prinzipiell. Ucbcr Einzelheiten *wird die weitere Diskussion belehren. öberschlesischer Zionistentag Stellungnahme zu den Beschlüssen des Jugendverbandstages. Der VII. Obcrschlesischc Zionistentag, der am 1h. Mai in Beut heit in Anwesenheit des Vorsitzenden der Zionistischen Vereinigung für Deutsch- I,!ml, Herrn Rechtsanwalt L>r, Hantke, abgehalten winde, nahm einen ausgezeichneten Verlauf. Die inkrne Sitzung am Nachmittage vereinigte mehr als 15*1 Gesinnungsgenossen aus allen Teilen Übcrsehlesinis und zahlreiche Gäste aus dem benachbarten RiKsisch-Pclen. Nach ,einer kurzen Bcgrüßungs- Ansprache des Vorsitzenden der Bcuthener Ortsgruppe, Herrn Rechtsanwalt ür, 1)0 b r /.y n sk i, erolfnete der Gruppcnverbandspräsident, Herr Arnold Wiener, die Tagung mit einem warmen Nachruf auf die in den letzten Monaten verstorbenen Gesinnungsgenossen, insbesondere Herrn l>r. W a c h s n e r-Groß-Strelilitz und Fräulein Paula Wöh m - Tarnowitz. Anschließend erstattete «r den Geschäftsbericht, der in knappen Zügen Kunde gab von den Bestrebungen der Gruppen verbau rislcitung und der mit Genugtuung feststelltc, daß die Oberschlesischen Zionisten in den Kämpfen der Zeit stets in der vordersten Reihe gestanden hätten. Herr Rechtsanwalt IX. Dobrzynski berichtete hierauf über einen in Bielitz abzuhaltcmlcn II. jüdischen Volkstag, den er als ständige Einrichtung für die Juden der Grenzländer forderte. Er erbat und erhielt die Ermächtigung zur Durchführung der Vora!beiten. Im Mittelpunkt der Tagung stand das Referat des Herrn Rechtsanwalts Dr. Weil! mann über: ״Unsere Stellung zum Verband der jüdischen J u g c 11 d v e r e i n c“. Referent entwickelte historisch das Verhältnis der Zionisten zum Verband, stellte mit Nachdruck die frühere Bereit- Willigkeit der Zionisten fest, trotz des stärksten Mißtrauons gegenüber den Inauguratoren der Jugend■ vereinsbcwegiing an ihr tatkräftig mitzuarbeiten, schilderte, Unit welchen Schwierigkeiten die Zionisten zu kämpfen gehabt hätten, bis ihnen die Arbeit nach und nach völlig verleidet worden war, nach dem in den Streitigkeiten zwischen Zionisten und Nichtzionisten die einseitige Parteinahme der Verbainlsleitung zu ungumiten der ersteren zur Regel geworden war. Der Verlauf de» Frankfurter Dclegierlciüages lifltte vollends den Beweis erbracht, daß der Verbund nicht gewillt ist, die Grundlage der formalen Neutralität des Verbandes uüfrcchtzucrhaltcn, und daß eine Weiterarbeit der Zionisten im Verbände unmöglich wäre. Anstatt der unfruchtbaren und für uns unwürdig gewordenen Arbeit Im Verbände sollte mit Energie an die Gründung eigener Organisationen und an dem Ausbau der Bestehenden gegangen werden. Seine Ausführungen faßte der Referent in folgender Resolution zusammen, die er der Versammlung zur Beratung und Annahme empfahl: Der VII. Obcrschlesischc Zionistentag ist der Ansicht, tlall die Mitarbeit von Zionisten in den dem Verband der jüdischen Jugeiulvcrcinc angehörenden Organisationen, die auf dem Poscncr D. T. d, Z. V. f. D. neben der Arbeit in nationalen Jugcudgruppcn für zulässig erachtet worden war, nach dem Verlauf der Frankfurter D.-V. des Verbandes und insbesondere nach der Haltung des Verbandsvor- Standes, die seitens der erdrückenden Mehrheit der Delegierten Billigung fand, unmöglich geworden Ist. Der VII. Obcrschlesischc Zionistentag ersucht daher das Zentralkomitee, den sofortigen Austritt der Zionisten aus den vcrbandsvereincn herbeizuführen und jegliche direkte und indirekte Förderung der Verbnmlsarbeit als mit den Interessen und der Würde des Zionismus unvereinbar zu erklären. Der VII. Obcrschlesischc Zionistentng erwartet, daß das Zentralkomitee nunmehr die Beschlüsse des Poscncr Delegiertentages auf Förderung eigener Jugendorganisationen, deren Form den lokalen Erfordernissen anzupassen ist, mit größter Energie durchführen wird. Die hierauf einsetzende Generaldebatte zeitigte eine fast völlige Ucberciiistimmuug der etwa 20 Redner mit den Forderungen des Referenten. Es wurde ebensowohl als eine Frage der Würde wie als eine deinentare Forderung/für die Wahrung eigenen Interesses angesehen, daß kein Zionist mehr seine Arbeit einem Vcrbamlsvereiiie widmen dürfe, daß er im Gegenteil verpflichtet wäre, init aller Kraft für unsere Jugendorganisationen tätig zu sein. Ganz vereinzelt wurde nur der Standpunkt vertreten, daß aus opportunistischen and taktischen Gründen die Beziehungen zum Verband noch nicht gelöst werden sollen. Die Resolution wurde schließlich mit 138 gegen 7 Stimmen a 11 g e n o 111 in e n und die Verkündung des Abstiininungsrcsuitats mit stürmischen Zustimmungskundgebungerj begleitet. Nachdem Herr Rechtsanwalt Dr. Hantke ein großzügiges und interessantes Rcferat über die Aufgaben des nächsten Kongresses und über aktuelle Probleme in der Bewegung gchalten hatte, das wir Raummangels halber im Rahmen dieses Berichtes nicht bringen können, fand die Tagung mit dem Absingen der Hatikivah und unter Hochrufen auf die Partei ihren Abschluß. Am Abend fand eine vieihundertköpfigc öffentliche Volksver• Sammlung statt. Der Verlauf des VII. Oberschlcsisehen Zionistentages lieferte von neuem den Beweis, daß die oberschlesisclicn Zionisten auf dem Posten sind, wenn es gilt, die Würde und die Interessen der Bewegung zu schützen. S. R. *•*AUS« Al. LCR WflJ’t׳ Oesterreich in Wien ist es, wie unsere Leser den Berichten der Tagespresse entnommen haben, zu Schlägereien zwischen den jüdisch-nationalen Studenten und den deutsch-nationalen, im Waidhofencr׳ Verbände zusammeiigesclilossenen Studierenden gekommen. Der Ausgang der Differenzen ist der skandalöse Zustand, daß die Dcutschnationalen dem Juden die Satisfaktion verweigern und trotzdem den ״Mut“ besitzen, den einzelnen Juden sowohl, wie die jüdische Gemeinschaft dauernd in der gemeinsten Weise zu beleidigen. Greift dann irgendein jüdischer Student zu Tätlichkeiten, so wird er von den Universitätsbehörden mit Relcgiertmg bestraft. Eine Massenversammlung der ״Deutsdinationalcn“ die am vergangenen Sonntag auf akademischem Boden stattfand unif sich in wüsten antisemitischen Schmähungen erging, führte dazu, daß die lange angcsammcitc Verbitterung sich endlich Luft machte, Etwa 40 Juden, die gerade anwesend waren, entsandten einen Füufcrausschuß smm Rektor, um dagegen Protest zu erheben, daß eine derartige Ver- Sammlung in der Wandelhalle der Universität ge* duldet werde. Die Herren wurden barsch abgewiesen und aus dem Rcktoratsziimncr hinausgedrängt. Nun stießen sic und das Häuflein der gerade anwesenden Jüdisdinationalen auf die nngcsammelicn 500 Deutschnationalen. die sich nicht scheuten, in zwölffachcr Uebcrtnacht mit eisenbewehrten Knüppeln, Schlagringen usw. auf die Juden cinzuluucn. Es gab blutige Köpfe und teilweise ernstliche Verletzungen. Ein ״Jordane“ erhielt einen Messerstich. Die Beamten der Universität nahmen in em* pörender Weise für die Deutsch nation a I c 11 Partei. Am Montag wiederholten sich die Krawalle in verstärktein Maße. Die Dcutschnationalen hatten sich noch besser ״bewaffnet“ als am Samstag und vermochten sich dank ihrer numerischen Uebermacht bei der Verteidigung der Rampe mehrmals abzulösen, während die ״Jüdischnationalen“ mehrere Stunden lang dem Anprall der Gegner standhaften mußten. Aus den ״eroberten“ Kleidungsstücken und Büche» zündeten sie auf dem einen Sockel der Rampe einen Scheiterhaufen an. Am Dienstag wurde dann eine Kundgebung des Rektorates publiziert, die das Verschulden der Deutschnationalen zugibt, ein allgemeines Farbenverbot und die Sperrung der Universitätsvorhallc verfügt. — Die antisemitischen Studenten haben ihren Tatendrang übrigens nicht auf diese Raufereien beschränkt, sondem überdies in einer Versammlung der Antiduellliga ihr Treiben fortgesetzt und die Tagung gesprengt. Das Verhalten der Dcutschnationalen wird von der wir den Pfeil auf den Bogen gelegt hatten, hageltcn schon die Schläge auf uns, wie auf Holz . . . Von den Radbüchsen ganz zu gcschwcigcn: was nützt eine Radbüchsc, wenn der Feind nicht warten will, bis man ihn einmal trifft, und auf dich zurennt und sie dir aus der Hand schlägt? Schlimm! Wir mußten alles Kriegsgerät wegwerfen, Schwerter und Bogen und Radbüchsen und so in den Kampf gehen, wie ״Gott geboten hat“, das heißt, wir begannen schließlich mit den Fäusten und den Füßen zu arbeiten. Das Schlimmste aber war, daß wir, müde, ausgehungert und erfroren, uns ohne Plan schlugen und ohne Ucberlegung, denn unsere Bchelfcr waren ja weit hinten geblieben, eifrig beschäftigt mit unseren Vorräten. Und sie, die kleinen Eichkätzchen, waren gekleidet und recht gesättigt, überfielen uns von drei Seiten zugleich, libemdiüttetcn uns mit I lieben; genau die Schlüge, die wir ihnen austcilcn wollten, halten sie uns ausgeteilt, Und Ihre Bchelfcr standen In der ersten Reihe und hörten nicht auf, sic anzufeuern; ״Rechnet ab mit den Chumisch-Jüngern! Schlagt sie, schlagt sic, die Hünenrccken mit den langen Beinen!“ Wer der erste war, der dem Feinde den Rücken wies, Ist schwer zu sagen. Ich weiß nur, daß wir liefen, eilig liefen, bergauf, bergab, nach Hause, nach Hause, nach Maascpewke; und sie, die kleinen Eichkätzchcn, liefen hinter uns. drein wie toll, schrien und johlten und hörten nicht auf zu lachen und uns in die Ohren zu rufen: ״Hurra, Chumisch-Jüngerl Hurra, Hünenrecken 1” Als wir heimkamen, müde, hungrig, schläfrig, zerrissen, zerschlissen, geschlagen, geprügelt, hofften wir Helden wenigstens, die Eltern würden ein Erbarmen haben und uns etwa einen Kuchen stecken für die Hiebe, die wir bekommen hatten. Aber es 1 wies sich nur zu bald, daß wir jn falscher Hoffden der Logik überzeugt und durchdrungen, daß wir mit einem bloßen Blick diesen armselig«! win- 1׳;cn Eichkätzchen den Garaus und ein Ende mit Schrecken machen würden. Wir wollten sic auch kunstvoll angreifen, von allen Seiten zugleich htschleichen; und so würden wir noch Beute machen, ilns heißt, wir würden ihre Wegzehrung wegnehmen und uns daran gütlich tun. Vor Mut und Plänen und Heldentaten (beabsichtigten zunächst) und Heldenkraft begannen wir, eihander zu stoßen; die Bchelfer aber riefen uns streng zu, wir sollten schneller gehen. Selber aber blieben *if alle paar Schritte stehen und versuchten unsere En- und Trinkwaren. Von immer fernerher gaben *ic uns Zeichen mit den Händen, wir sollten weitergehen, weiter I . . . Und wir gingen weiter und weiter über das freie Feld, der Wind pfiff uns um die Ohren, stärker äud stärker, der Himmel verdüsterte sich, ein dichter, kalter Regen sprühte uns gerade Ins Gesicht, vor Kälte Kurilen unsere Finger starr, braun und blau und die Schuhe wurden weich und patschten durch den Schlamm. Zu singen hatten wir längst aufgeliört, wir Eilten uns müde und hungrig. Sehr, sehr hungrig; und wir beschlossen; uns irgendwo für eine Weile ”iederzulassen, um auszuruhen und zugleich einen Jmbiß zu nehmen. ״Wo aber sind unsere Bchelfcr?“ rief plötzlich siner von uns. ״Sind sic in die Erde versunken, die Bchelfer? t Unser Essen, unser Essen ... I“ Und die gaftze Schar hob an, wider die Bchelfcr murren: ״Hochverrat ist das, unser Essen und *finken zu nehmen und uns ganz allein zu lassen •td weitem, freiem Feld, preisgegeben der Kälte, oent Hunger, dem Durst: verflucht seien sic!“ ״Ein Ende mit Schrecken über unsere Bchelfer!“ ״Pest und Tod über alle Bchelfer der ganzen Welt!“ ״SstI Stille! Unser Feind! Der Feind kommt!“ ״Kleine Eichkätzchen mit großen Stöcken l“ ״Die Meerkatzen 1 Die Meerkatzen I“ ״Hurra, Meerkatzen 1“ . . . Und sobald wir sic erblickten, rannten wir auf sie los wie wilde, hungrige Wölfe, bereit, sic in Stücke zu reißen. Aber — es traf uns ein Unglück, ein großes Unglück, das niemand hatte voraussehen können . . . Wenn cs einem nicht bcschicdcn Ist, helfen weder Weisheit noch Stärke und Bündnisse. Hört, was unter dem Himmel möglich ist. Die Meerkatzen sind zwar kleine, kurze Eichkätzchcn und A-B־C־Schütze11, aber dumm, nein, dumm sind «ie nicht. Ehe sic uns entgegen ins Feld zogen, haben sie sich daheim ordentlich beraten. Dann haben ule «ich recht vollgegessen, Dann haben sie warme Kleider ungezogen und Gummischuhe übergestreift. Dann haben sie sich bewaffnet von Kopf bis Fuß, nicht weniger als wir, jo, vielleicht besser als wir. Auch mit Schwertern und Bogen und Radbüchscn. Und sie wollten gar nicht warten, bis wir sie anficlcn, sondern sie fielen uns an und schlugen auf uns los. Von allen Seiten kamen sie so rasch und plötzlich, daß wir gar keine Zeit hatten uns mimischen, wo denn in der^ Welt wir wären, und griffe« uns an, an der Spitze ihre Bchelfer, die sie anfeuerten: ״Rechnet ab mit den Chumisch-Jüngern! Schlagt sie, die Hünenrccken mit den langen Beinen!“ Natürlich haben wir nicht geschwiegen. Wie Helden stellten wir uns gegen die kleinen Eichkätzchcn, stachen mit den Schwertern, spannten die Bogen und zielten mit den Radbüchsen. Aber, o weh, unsere Schwerter waren stumpf wie Holz, und ehe