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Jüdische Rundschau · 1913-05-23 · Heft 21 (23.5.1913) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 21 (23.5.1913)
Date
1913-05-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 208 JU EPISCH E RUNDSCHAU jüdische Wirtschaftspolitik Von Heinrich Margulies*)-Berlin, Die Ausführungen von Hans Goslar fordern zur Diskussion heraus, und cs wäre zu wünschen, daß es nicht bei einer solchen bleiben, sondern daß sic sich in Geschehnisse uinsetzen würde. Doch hevor dies geschieht, ist es notwendig, klar zu sehen, und alles ins Auge zu fassen, denn cs handelt sich hier um so bedeutsame Dinge, daß ein falsch angesetzter Heilungsversuch den Krankheitsprozeß nur verschlimmern und beschleunigen könnte. Wenn man einem Fieberkranken durch kühle Umschlüge Linderung verschafft, so ist dies mcnsclienfreundlich; doch ein rechter Arzt wird sich zuerst bemühen, die krankheitserregenden Bazillen zu erforschen. Und wenn wir dem von einer Krankheit befallenen deutschjüdischen Wirtschaftsorganismus zu Hilfe kommen wollen, müssen wir, bevor wir an Linderung denken, die Ursachen, Gesetze und Not- Wendigkeiten begreifen, die vor der Krankheit lagern. Tut man dies, so wird man rasch erkennen, daß wir es hier nicht mit einem plötzlichen Krankhcitsfall, sondern mit einem lang vorbereiteten Sicclitum, vielleicht gar mit endgültiger Agonie zu tun haben, und daß die seit 1895 statistisch erfaßbare Verdrängung der deutschen Juden aus den von ihnen bisher vorwiegend okkupierten wirtschaftlichen Berufen eine unaufhaltsame ist, gegen die es keinen dauernden Schutz mehr geben kann. Man wird sich daher darüber klar werden, welche Möglichkeiten uns geboten sind, den Wirkungen‘ dieses verheerenden Prozesses zu entgleiten oder auszuwcichcn und beispielsweise untersuchen, ob wir in der Lage sind, durch eine soziale Umschichtung die jüdischen Massen von den bedrohten Stellen in geschütztere abzulcitcn, dem uns Schritt für Schritt nachrückenden deutschen Kaufmannsstand vorbeugend das Feld zu räumen und die Juden etwa in die Beamten- oder Handwerkerheere zu verteilen; was weiterhin geschehen muß, wenn diese Möglichkeiten nicht bestehen (und sic bestehen, wenn überhaupt, nur in minimalem Maße), und in welcher Weise wir einer etwa cintrctcndcn Auswanderungsnotwendigkeit durch System und Organisicrung den katastrophalen Charakter nehmen könnten. Auf dieser Warte angclangt, kann man sich schließlich den Versuchen zuwenden, durch Einzel- Sktionen den Prozeß wenigstens zu verlangsamen. Dies alles zusammen wäre eine ״jüdische Wirt- Schaftspolitik“. Dadurch aber, daß Goslar den erkenntnistheoretischen Unterbau wenig berücksichtigt und sich vorwiegend auf die Eiiizelaktiouen heschränkt, geschieht es mit Notwendigkeit, daß die Mehrzahl seiner Projekte des ausreichenden Fundaments entbehrt. Von vornherein ergibt sich beim Problem eine Zweiteilung; die Verteidigung gegen die entpersün- *) Wir bringen diesen Aufsatz, der an einen Artikel in Nr. 18 der J. R,“ anknüpft, als Beitrag zur Diskussion, wenngleich wir den Ansichten des Verfassers nicht in allen Teilen beipfiiehten können. Lustig-trauriges Symbol zu Lag- Baomer Nach Schalom Alechem . In dem sechsten Band der Werke Schalom Alechcms, ״Jüdische Kinder“ übcrschricben, sind kleine Erzählungen aus dem Kinder- und Sehnlichen auf die Stufen des jüdischen Jahres, die Feste unteres Kalenders, gereiht. Jetzt, vor Lag-Baomcr nachlesend, finde ich eine, ״Ein verspielter Lag-Baoiner“, die mich wie ein seltsam tiefes Symbol berührt. Sic erzählt aus der Zeit des Chcdcrs, da die Knaben schon über die ersten Anfangsgründe der Gelehrsamkeit hinaus sind und als ״Chumisch-Jünger“ gewürdigt werden, die Bücher Mose zu lesen, mit berechtigtem Stolze sehen sie auf die ״Aleph-Beth- Knäblcin“ hinab, wenngleich sie selber oft genug die Rute des Rabbi, Nissel des Kleinen (so heißt er, weil er ein Kleiner ist), und seiner' Gehilfen, *der ״Behclfcr“, spüren müssen. Das war das Arge an Rabbi Nissel dem Kleinen, daß er sich von seinen Behelfen! an der Nase führen ließ. Kam der erste und sagte, man solle die Kinder heute früher freilassen: hieß er die Kinder früher frcilasscn. Kam der andere ßchclfcr und sagte, die Kinder würden die Welt uinkehrcn, man müsse sic in der Schule halten; hieß er sic in der Schule hallen. Nur nicht selber denken, selber einen Entschluß fassen müssen! So herrschte über uns, sagt Schalom Alechem, nicht der Rabbi, sondern die Bchclfcr. In andern Schulen unterstützen die Bchclfcr die Schüler, wiederholen mit ihnen, tragen sic aul dem Rücken über die schlammige Straße, bringen ihnen das Früh- •tück in die Schulstube. Unsere Bchclfcr unterstützten uns nicht, wiederholten nicht mit uns unsere lichten Großbetriebe muß andersartig sein als die gegen Privatfirmen. Nehmen wir eine Industrie-Aktien-Gesellschaft. Mit ihr kommt das Kaufpulilikum nur indirekt in Berührung. Wie sollte man dieses zu einer Einwirkung benutzen können? Warn jemand ein Glas Bier trinken will, wird er darauf achten, ob die Brauerei Juden anstellt? Wenn jemand seinen Börsenvertreter beauftragt, Papiere zu kaufen, wird er hinzu fügen; ״Aber nur von Gesellschaften, die nicht antisemitisch sind?“ Oder die Goslarsche Aktionärpolitik■, es ist möglich, daß eine Interpellation in der üencralvcr- Sammlung den Direktoren am Anfang ein wenig unbequem sein wird; doch an so etwas gewöhnt man sich rasch, und sollten sie um eine Antwort verlegen sein, so würden sic sich die Worte vom Kriegsminister soufflieren lassen und ״feierlichst bctenern“. Denn was kann denn weiter geschehen? Die Fiuanzprcssc? Boykott? Kursbceinflussung? ja welcher jüdische oder zionistische Kapitalist hat sich denn durch die Pogrome beeinflussen lassen, wenn er Russen oder Rumänen kaufen wollte? Wer hat verhindern können, daß diese Papiere gerade in der dcutschjüdischcii Kapitalistcnwclt den besten Absatz fanden und daß sich ihr Kurs besser behauptete, als der der deutschen Rcichsanlcihc oder der englischen Konsols? Mit dieser Struktur des Kaufmanns muß man rechnen; darum würden Interpellationen in GcneralVersammlungen nur rhetorisch sein und wie im ״Sommernachtstraum“ werden die drohend sich Gc* bürdende» bald die Löwenmaske abnehmen müsse» und das Publikum beruhigen: sie wären gar keine wirklichen Löwen . , . Das gleiche gilt von den Banken. Wenn ein jüdischer Kaufmann Baugeld braucht, für seine Firma einen Warenkredit in Anspruch nehmen oder wenn er sein Unternehmen in eine Akticn-Gcscllschaft umwandeln will, wenn irgendwer irgendeine finanzgeschäftliche Transaktion vorzunehmen beabsichtigt, wird, ja kann er sich dann einen Bankier aussuchen, der Juden garantiert anstcllt? Wird er nicht denjenigen wählen, der ihm die vorteilhafteren Bedingungen gewährt? Nein, mit solchen Waffen werden wir den großen Gesellschaften kaum wirksam begegnen können. Ja es ist überhaupt sehr die Frage, ob wir noch Möglichkeiteii des Widerstandes ihnen gegenüber haben. Allem Anschein nach ist vielmehr der Expropriationsprozeß der deutschen Juden bereits soweit fortgeschritten, daß sie die vorgeschobenen Vcrschanzungen der großen Bank-, Handel- und Industricgeseilschäften räumen uiul sich auf den zweiten Festungsring zurückziehen müssen. Hier erleben wir wieder einmal das tragische Phänomen, daß die Juden erst ihren Wirtsvölkern die höheren Wirtschaftsformen vermitteln, um von - der nachrückenden Wirtsbevölkerung allmählich aus ihnen verdrängt, in nächst tiefere gedrückt und dadurch gezwungen zu werden, ihrem eigenen Naturell widersprechend die niedrigere Wirtschaftsform gegen die höhere zu verteidigen. In Galizien und Oesterreich müssen sie den Hausier- und Zwischenhandel primitivster Art gegen das Genossenschaftswesen ver- Aufgaben, trugen uns nicht auf dem Rücken; aber dafür brachten sie uns sehr gern das Frühstück und aßen cs auch gleich selber auf. Es dem Rabbi zu klagen wagten wir nicht, gar seit ein Vorlauter so behandelt worden war, daß er eine ganze Zeit lang krank war. Jene Zeit kann man nennen: ״Galuth Habchelfrim“ .... ״Wajlii hijmej galuth habchelfrim". — Und es war in der Zeit, da die Bchclfcr regierten, da kam bei uns in Mascpesokc ein kalter, nasser Lag-Baomcr, wie ja manchmal noch Ende Mai kühle, düstere Tage kommen. Und cs ist eine Sitte bei jüdischen Kindern, wenn Lag-Baomcr kommt, kriegerisch zu werden; man waffnet sich vom Kopf bis zu den Füßen mit Kriegsgerät, hölzernen Schwertern, Radbüchsen und Bogen mit Pfeilen, man nimmt reichliche Wegzchrung mit und zieht heimlich ins freie Feld hinaus, in den Krieg. Jüdische Kinder, die das ganze liebe Jahr in der finstern engen Schulstube sitzen, unter dem Joch der Lehre, in der Furcht vor dem Rabbi und unter den Ruten der Bchclfcr, wenn Lag- Baomer kommt und sie ins freie Feld hinauszichcn, bewaffnet von Kopf bis Fuß mit hölzernen Schwertern, Radlniehscn und Bogen: da dünkt es ihnen, sic seien Helden, die den stärksten Feind besiegen, die der Welt den Garaus machen können, und sie bekommen Mut und singen Lieder, muntere Lieder, halb jüdisch, halb russisch: Raz dwa tri tschetirel Jüdische Kinder Lernen Immer, Glauben an Wunder, Fürchten sich nimmer. Schma Jisrocl! Nitschcwo! Nje bojimsja nikawo, Kromje boga odnawo! ... Nr. 21^ fechten, und in Deutschland stehen sie vor der Not- Wendigkeit, als Vertreter des Privatbetriebes gegej Aktiengesellschaft, Trust und Kartell zu kämpfen* In der Tat eignen sich die Privatbetriehe, dcrtB jeder einzelne ein llalbdut/end tüchtiger Kopfe er. fordert, weit mehr für die Juden, als der entpersöo. lichte Großbetrieb, in dem Tausende von Stehkragen- Proletariern mit ihrem Kontokorrcntkontobuch silberne Hochzeit feiern. Hier hat der Jude seiner gamtB Struktur nach weit bessere Chancen als der Nichtjude, hier ist er noch unentbehrlich, hier (aßen die beiden Punkte fort, die den Kampf gegen die große Gesellschaft illusorisch machen: Unpersönlichkeit de» Feindes und Vertretbarkeit des Juden. Den einzeinen Chef kann man packen, den Beauftragten einer Anzahl anonymer Aktionäre, nur selten. Darum wird die erste, weil nicht unmögliche Aufgabe der jüdischen Wirtschaftspolitik darin bestehen, die Post tion der Juden in diesen Berufen zu stärken. So sehr wir uns der Ucbericbtheit oder zumindest Zukunftslosigkeit dieser Wirtschaftsformen bewußt sind aus Gründen der Selbstcrhaltung müssen wir all un! serc Kräfte in diese Bollwerke werfen, um so den Entthrommgspro/cß wenigstens aufzuhalten. Wir werden den aussichtslosen Kamp! des Privatbankien gegen die Aktienbank, des Zwischenhandels gegen die Genossenschaft aulnehmen, werden Wirtschafts, stufen verteidigen müssen, deren Wert wir innerlich selbst gering achten, und von deren Pflege wir nur einen Nutzen für uns, nicht aber für das Gesamt- Wirtschaftsleben des Wirtsvolkes erwarten können. So werden wir ein grelles Beispiel geben für die Wahnwitzigkeit unserer Lage, die nicht eher beseitigt werden kann, als bis wir im eigenen Territorium die Möglichkeit haben, ein eigenes Wirtschaftsleben frei zu entfalten. Auch dieser Verteidigungskampf im Einzelbetrieb zerfällt in zwei Teile: für die Unterstützung der Selbständigen bestehen andere Notwendigkeiten als für die der Angestellten. Goslars Kredit- und Unter- Stützungskassen wären wertvolle Waffen für die erstcrcn: aber sie bedingen so ungeheure Kapitalien und sind so wenig prospcricrungsfähig, daß ihre Verwirklichung unmöglich erscheint. Selbst in Galizien und Böhmen, wo doch jüdische Massen leben, ist es schwer, dieses System durchzuführe». Die ganze wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands macht ein tatkräftiges Eingreifen zugunsten des Privatunternehmers so schwer wie möglich. Auch liegen hier die Verhältnisse noch zu wenig klar, als daß wir von einer tatsächlichen oder unmittelbar bevorstehenden Notlage ohne weiteres reden könnte«. Wesentlich anders verhält es sich aber mit dem Teil der Erwerbstätigen, der das Hauptobjekt der jüdischen Wirtschaftspolitik sein muß; mit dein jiidi* sehen Angestellten. Weist doch überhaupt die allgemeine Tendenz wie die Statistik darauf hin, daß die Juden auch den zweiten Festungsring, die Bollwerke der ״Selbständigen“ zusehends räumen und sich in die Schutzgräben der Angestellten flüchten, liier gilt cs, mit der Kraft der Verzweiflung sich durch/usetzen, denn hinter dieser dritten Vcrschanzung steht rettungslos die vierte: die Proletarisierung, liier Und wir taten, wie die Sitte es will: wir nahmen die vorjährigen hölzernen Schwerter vom Boden, Bogen machten wir aus Reifen von den Pessach- Wcinfüfllein, und Radbüchsen bauten uns die Behclfer, für gutes Geld meistens, so kunstvolle Radbuchsen, daß man mit ihnen eine Fliege schulten konnte, wenn sie nämlich stehen bleibt und wartet, bis inan sie schießt . , . Und noch viele derartige Kriegsgeräte, jüdische Gewehre, mit denen man halb• jährige Kinder zu Tode erschrecken könnte. Von dem Imbiß und der Wegzehrung, womit wir uns versahen, könnte jede Schilderung nur armselige Vor- Stellungen erwecken. So kamen wir diesen Morgen zur Schule, und die Bchclfcr lobten uns, sagten, wir seien wackere, ausgezeichnete Jungen. Die Vorräte nahmen sic zu sich, uns stellten sie in Reih und Glied wie Soldaten und kommandierten; ״Faßt euch an den Händen, jüdische Kinder, und vorwärts marsch über die Brücke hinaus. Dort werdet ihr die Meerkatzen treffen, dort wird man sich schlagen!“ ״Hurra Heerkatzen!“ schrien wir alle wie ein Mann, faßten uns au den Händen und gaben un» einen frischen Schwung zum Ausmarsch, hochgemut und siegesgewiß, wie rechte Helden. Die Meerkatzen — so nannten wir die Elementar- «chüler, weil sie kleine, kurze Kinder und A-1S-C* Schützen waren und gegen uns ,,Chumiscli-Jmi^er“ aiiBs.tlien wie Fliegen. Es schien uns, daß ein Hauch von uns sie umblasen müßte. Wir waren Richer, sie würden uns mir erblicken, bewaffnet wie wir waren von oben bis unten mit Schwertern, Bogen und Radbüchsen, und würden die Füße auf den Rücken nehmen und jämmerlich davonlaufen. Man mußte nur sehen: solche Helden, Chumisch-Jüngcr Hünenrecken, mit langen Beinen 1 Geschlagen hatten wir uns eigentlich noch nicht mit den Meerkatzen. Aber wir waren aus Grün*

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