Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1913)
- Date
- 1913-05-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 20 TURneh 6.SPORT Der Jüdische Ruderklub ״Ivria“ Der Gedanke der körperiidien Regeneration des jüdischen Volkes hat in der deutschen Judcnhcit feste Wurzel geschlagen. Hauptsächlicli war es die ״J ii - dische Turnerschaft״, die ihn erfolgreich propagiert hat. In den Vereinen ihres ״Deutschen Kreises“ turnen heute viele Hunderte unserer Brüder und Schwestern. Wie schon die Erfahrung im deutschen nichtjüdischen Turnbctricb zeigt, genügt aber das Turnen allein nicht als Mittel zur Herbeiführung der physisehen Renaissance eines Volkes. Man macht die Beobachtung, daß gewisse Kreise das in geschlossenen Räumen ausgeübte Turnen meiden und sich einem andern Zweig der Körperkultur, dem Sport, zuwenden. In der richtigen Erkenntnis von der Bedeutung des Sports für die Wiedererstarkung auch unseres Volkes wendet die Jüdische Tumcrschaft dem jüdischen Sport ebenfalls ihr Augenmerk zu, hauptsächlich durch Gründung von Sportabteilungen in den einzelnen Turnvereinen. Aus diesen Motiven heraus ist vor vier Jahren in Berlin ein Verein gegründet worden, der sich nur der Pflege des Sports widmet, der ״Jüdische Ruderclub Ivria“. Die Ivria hat denjenigen Sportszweig gewählt, der heute in mannigfacher Hinsicht eine hervorragende Stellung einnimmt, das Rudern. Die hauptsächlichsten Vorzüge des Ruderns liegen darin, daß bei dieser Art des Sports der ganze Körper, besonders die wichtigen Bauch- und unteren Rückcnnniskeln, in harmonischer Weise ausgcbildet werden und daß die Ausübung des Ruderns im Freien, außerhalb der stickigen Atmosphäre der Großstadt, in schöner Natur geschieht. Neben diesen Vorzügen nach der Richtung der physischen Ausbildung bietet nun der Rudersport gerade für den jüdischen Ruderklub das Mittel für die Erreichung noch anderer Ziele als desjenigen der körperlichen Regenerierung. Zunächst hat der Klub die Erziehung seiner Mitglieder zu ganzen Männern im Auge. Wer einmal ein anstrengendes Match unter der blau-weißen mit dem Davidssteril geschmückten Flagge mitgemacht hat, der lernt cinschcn, daß die eigene Person mit ihren kleinlichen Interessen ganz hinter das Wohl des Ganzen zurückzutreten hat. Hier wird dem jungen Ruderer, der bisher von einer allzu zärtlichen jüdischen Mutter verhätschelt wurde, das Grundübcl der heutigen Judenheit, der ghettojüdische Individualismus, gründlich abgewöhnt. Hierin schafft gerade das Kudern als ausgesprochener Mannscliaftssport, wo alle Kraft und alle Gewandtheit des einzelnen überflüssig und unnütz sind, wenn sic sich nicht dem Ganzen einordnen, Erfreuliches. Aber auch int übrigen werden alle Eigenschaften des Mannes durch das Rudern gestählt. Wie jeder Sport, so bildet es den Mut, die Eneirgie, die Geschicklichkeit, die Geistesgegenwart, das Vertrauen auf sich selber in ganz hervorragender Weise aus. Auf dem Bootssteg und dem Boote herrscht unbedingte, fast militärische Disziplin, und der Ruderer hat widerspruchslos den Befehlen des selbstgewähiten Führers zu gehorchen. Wer diese Erziehung durchgemacht hat, der wird auch im öffentlichen jüdischen Leben seinen Mann stehen. Solchermaßen vorgebildet, hat nun der lvriaruderer einen Kampf zu bestehen, in welchem alle geschilderten Eigenschaften in vollem Maße zur Geltung kommen. Denn die Ivria hat sich weiter das große Ziel gesteckt, als reinjüdischcr Verein den anderen Klubs, besonders denen, weiche Juden von der Aufnähme ausschlieilcn, zu beweisen, daß der Jude dasselbe leisten kann, wie der Nichtjude. Sie will auf Strichen eine Geschichte der jüdischen Nationalmusik yorgezeichnct und ist dann iin speziellen auf das jüdische Volkslied als solches cingcgangen. Dieses zerlegt er dem Inhalte nach in verschiedene Unterabteilungen, wie Kitideriieder, Liebeslieder, Soldatenlieder usw. und bringt über jede Rubrik interessante Notizen. Bemerkenswert ist seine Mitteilung, daß es gar keine jüdischen Volkslieder in der kräftigen dur-Tonart gibt; alle sind in ״moll“ verfaßt und über allen schwebt mehr oder minder sichtbar die jahrhundertalte Judennot und Judenpein. Obwohl der Verfasser bloß das Jargonlied erwähnt hat, hat er es verstanden, uns den Reichtum der jüdischen Volkspocsic zu zeigen. Daß er speziell ■ auf die Lieder der Chassidim hingewiesen hat, ist noch besonders hervorzultcben; denn gerade im geheimnisvollcn Halbdunkel der Mystik ist so recht eine Brutstätte unzähliger Lieder und Legenden, während der klare Talmudverstand doch immerhin pocsie- . raubend und desillusionierend wirkt. Ob wohl heute noch zahlreiche solcher Lieder entstehen werden? Ausgeschlossen ist dies nicht, wenn zwar die moderne Zeit darin doch mehr sammelnd und verarbeitend als eigentlich produzierend sich verhält. Darum ist solch eine kurze Schrift zur Einführung in den jüdisehen Volksgcsang von Herzen zu begrüßen, wiewohl wir gerade bei diesem Stoff, der über kurz oder fang sicher auch wissenschaftlich bearbeitet werden dem Wasser den Kampf gegen den Antisemitismus führen und für die ülcichl>erechtigung der Juden im Rudersport cintreten. Es ht dies eine schwere Aufgäbe, welcher der Klub erst mit der Zeit in wirksanier Weise wird genügen können, wenn ein ganzer Stamm von gut ausgebiideten Ruderern ihm zur Verfüpung stellen wird. Aber auch jetzt schon hat in manchem Match die jüdische Mannschaft ihre und ihres Stammes Tüchtigkeit bewährt, und der Achter ״Bar Kocliba“ hat schon manchesmal die Augen der übrigen Ruderer auf sich gelenkt. Und noch eins hat der jüdische Ruderklub in seine Bestrebungen aufgenotmnen: Er will vermöge seiner Leistungen eine veredelnde Einwirkung auf die deutschen Juden ausüben. Durch den Beweis der Ebenbürtigkeit jüdischen Könnens will er das Seihstbcwußtscin und den Stolz, der Juden heben und neu beleben. Er will ihnen neuen Mut einflößen und ihnen die Zuversicht geben, daß dem jüdischen Volk noch eine Zukunft beschieden ist, wenn nur die Juden selber unter Hintansetzung ihrer persönlichen Interessen zum Besten der Gesamtheit mitwirkcii wollen. Das Ehrgefühl soll im Herzen der Juden wieder wach werden, daß sic sich aus den kleinlichen Sorgen des Geschiiftslcbcns zu großzügiger, wirksamer Arbeit für ihr Volk aufraffen und wieder zu innerlich freien Menschen werden. Die Ivria hat sich hohe Ziele gesteckt. Aber sie glaubt deren Erreichung nicht etwa in weiter Ferne und hält die Arbeit dafür nicht für verschwendet, sondern sie ist eifrig bemüht, ihre Pläne in die Tat uinzusctzen. Es wird in dem in Niederschöiicwcide, Berliner Straße 07—OB, gelegenen Bootshause so häufig geübt, wie wohl in keinem anderen Rudcrvercin Berlins. Die Ausbildung der in diesem Jahre neueingetretenen Mitglieder schreitet rüstig vorwärts. Nach Pfingsten wird das strenge Training zu der am 6. Juli d. J, auf dem Crassinscc statttiudenden Regatta einsefzen, welche mit den beiden anderen Rudervereinen des ״Deutschen Kreises“, der Ruderabtcilung der Vereine Jüdischer Studenten und der Ruderabteilung des J. T. V. Bar Kocliba, Hamburg, gefahren wird. E. H. Hebräische Sprachlehrer Die Organisation für hebräische Sprache und Kultur (Histadruth Ibrith) bittet hiermit hebräische Lehrer,die nach der deutschen Provinz zwecks Erteilung hebräischen Unterrichts zu gehen bereit sind, dem Bureau (Berlin-Charlottenburg, Kantstr. 93) da von gefl. umgehende Mitteilung machen zu wollen. Hebräische Sprachkurse Wir beabsichtigen, im Sommcrscmester (15. Mai bis Ende Juli) hebräische Untcrrichtszirkel für Er- Wachsens in Berlin einzurichten, Jeder Teilnehmer soll zweimal in der Woche je U/g Stunden Unterricht erhalten. Wir bitten diejenigen, die sich an diesen Kursen beteiligen wollen, uns gefl. rechtzeitig da von schriftliche Mitteilung machen zu wollen. Das deutsche Landeskomitee der Organisation für hebr. Sprache und Kultur, Berlin - Charlottenburg, Kantstr. 93 (Tel.: Amt Wilhelm 1113). Hebräische Sprechklubs Abgesehen von unseren Gruppen, die für Hebräischsprcchendc bestimmt sind, und in Ergänzung derselben, beabsichtigen wir, engere hebräische Sprechklubs in Berlin und Vororten einzurichten Diese Klubs sollen in zwei Kategorien cingncilt werden: 1. für diejenigen, welche hebräisch verstehen aber sich bisher in der Konversation nicht geübt haben; 2. für diejenigen, welche bereits hebräisch sprechen können und Gelegenheit haben wollen, jn engerem Kreise hebräische Unterhaltungen zu führen. Zu diesem Zwecke bitten wir diejenigen, die sich an einem der Klubs beteiligen wollen, um gefl. schriftliche oder telephonische Mitteilung. Das deutsche Landeskomitee der Organisation für hebr. Sprache und Kultur Berlin -Charlottcnburg, Kantstr. 93 (Tel.: Amt’ Wilhelm 1113). wird, weniger trockene Sachlichkeit als vielmehr des Verfassers Schwung und Begeisterung gewünscht hätten. S. Dreifuß. Schaffsteins ״Grüne Bändchen“• Herausgeber: Nikolaus H enningsen, Hamburg. Verlag Hermann & Friedrich Schaffstein, Köln a. Rh. Diese ״Grünen Bändchen“ seien hier bestens empfohlen, weil in ihnen eine vorzügliche Volks- und Jugendlclctüfe geboten wird, die man unbedenklich auch jedem Heranwachsenden jüdischen Kinde in die Hand geben darf. Sie enthalten Chroniken, Kriegstagebücher, Rciscbcschreibungen, Berichte berühmter Entdecker, überhaupt interessante Quellen zur Weltkünde und zur Geschichte. Jedes Bändchen ist ungefähr 100 Seiten stark und mit Zeichnungen von besten Künstlern, wie Liebermann, Slevogt, Kiey u. a. geschmückt. Wir heben aus der Menge des Guten besonders hervor zwei Bände, die Sven Hcddin zum Verfasser haben und seinen großen Werken entnommen sind. Vortreffliches bietet auch ein Buch Amundsens über die Eskimo. Die Leser dieses Blattes wird besondm ein Heft: ״Mit dem roten Halbmond nach Tripolis“ interessieren, das unsern bekannten Gesinnungsgenossen Dr. Felix A. Thcilhaber zum Verfasser hat. Es ist dies der einzige bisher erschienene Bericht eines Augenzeugen über den türkisch-italienischen HU5 06H 66Me!HMB Eydtkuhncn. Am 6. Mai feierte Herr Louis Glaser sein 25jlihrigcs Jubiläum als Mitglied des Vorstandes der hiesigen Synagogengemeinde, Aus diesem Anlaß wurde dem Jubilar von einer Kommission ein silberner Tafelaufsatz mit Widmung überreicht. In einer Ansprache wurden die Verdienste unt das jüdische Gcmcindeleben Eydtkuhnens hervor, gehoben. Herr Olaser, der auf allen Gebieten des jüdischen Lebens regen Anteil nimmt, ist Ehrenvorsitzender unserer Zionistischen Ortsgruppe. VKR'ei^RUNDStHAU Bcuthcn. Am Sonntag, den 18. Mai 1913, findet in Bcuthcn (Konzerthaus), der VII. Oberschlesische Zionistentag statt. Nachmittags pünktlich 3' < Uhr (im kleinen Saale): Interne Sitzung. (Nur für Mitglieder nationaljüdischer Organisationen.) Tagesordnung: 1. Er• ölfnungs- und Begrüßungsansprachen. 2. Ansprache des Vorsitzenden der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Herrn Rechtsanwalt Dr. Hantke- Berlin. 3. Geschäftsbericht der Gruppenverbandslei• tung. 4. Unsere Stellung zu den ״neutralen“ Jugend• vereinen. Referent: Herr Rechtsanwalt Dr. Weiss• mann. 5. II. Jüdischer Volkstag in Bielitz. Referent: Herr Rechtsanwalt Dr. Dobrzynski. 6. Diskussion zu Punkt 3, I (und 5. 7. Vortrag des Herrn Rechtsanwalt Dr, Hantke: ״Die allgemeine Lage der zionistischen Bewegung und die nächsten Aufgaben der Organisation.“ 8, Diskussion. Abends pünktlich 8',!׳ Uhr im großen Saale: Oeffentüchc Versammlung. Tagesordnung: 1. Vortrag des Herrn Rechtsanwalt Dr, Hantke; ״Der nächste Zionistcnkongroß in der Stadt Theodor Herzls.“ 2. Vortrag von Herrn Rechtsanwalt Dr. Kollcnschcr• Posen: ״Der Z c n t r a I v c r e i n im Kampf gegen den jüdischen Einheit sgedank c n.“ Freie Aussprache. Berlin. Zur Begrüßung der aus Palästina zurück• gekehrten Turner und Studenten veranstaltet der ״Jüdische Turnverein Bar Kochba“ am Sonnabend, dem 17. Mai, abends 9 Uhr, einen Kommers im großen Saal des Tiergartenhofs. Gäste willkommen. Eintritt 30 Pfennig. Rawitsch. Am Sonntag, den 18. Mai 1913, abends 9 Uhr, findet in Rawitsch im Saale des Jüdischen Gemeindehauses ein Vortrag des Herrn Direktor K a r e s k i - Posen über das Thema ״Die Lage der Juden in D c u t s c h 1 a n d“ statt, zu dem alle Freunde herziiehst geladen sind. Krieg und bietet in seiner interessanten Art und prächtigen Anschaulichkeit ein ebenso interessantes wie lehrreiches Stück Zeitgeschichte. Besonders anschaulich schildert es natürlich die Zustände beim ״Roten Halbmond", und für uns werden diese Berichte einen Beweis mehr dafür geben, welch wich• tiges Stück Kulturarbeit die jüdische Kolonisation in Palästina dem türkischen Reiche allein dadurch leistet, daß es die Bevölkerung allmählich wenigstens an die elementarsten Forderungen der Hygiene gewohnt. Wir wünschen den ״Grünen Bändchen“, deren Verzeichnis man vom' Verlag einfordern wolle, einen recht großen Leserkreis bei dem jüdischen Publikum. Jund und Alt werden Freude an ihnen erleben. C. Z. Klötzel. Das am 15. Mai erscheinende zweite Heft der ״Freistatt“ alljüdische Revue hat folgenden lnhalt: F. M, Kaufmann, Alljüdische Kritik, Dr. Nathan Birnbaum, Sprachadcl, Schalom Asch, Jerusalem, Davis Tri et sch, Der große und der kleine Zionismus, L. Chasanowitsch, Ha* jüdische Proletariat in Nordamerika, Dr. M. Mayer. Einführung in die hebräische Literatur, Gedichte von Eise Lasker-Schüler, Nowonod, Ludwig Strauss, Yiddische Volkslieder, Glossen. Probe* nummern durch den Verlag der ״Freistatt“, Eschweder. 11 a! ft ti fc 1