Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1913)
- Date
- 1913-05-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 199 angesichts dieser Ausführungen fällt es mir selber schwer, meine eigene Mahnung zu befolgen. Ich bin nicht Zionist, wohl aber Mitglied des Zcntralvcreins seit seiner Begründung und protestiere als solches laut und energisch gegen die Worte des Herrn Nathan: |)ic deutschen Untertanen jüdischen Glaubens (blicken stolz auf ihre Nationalangehörigkeit) und haben keine Veranlassung, nach außen hin ihr Judentum mit Emphase hervor* * 111 k c h r c n." Ja, ist denn nicht das gerade eine, ja ich möchte sagen d i c Aufgabe des Zcntralvcreins, seine Mit* glieder zu stolzen, ihr Judentum frei und offen bckennenden Israeliten zu erziehen? — Wir sind — in Deutschland lebend — Bürger (der Begriff Unterinnen ist mir fremd) dieses Landes, das schließt nicht aus, daß wir jüdischer Nationalität, d. h., wie der Artikelschrcibcr selber sagt, jüdischer Abstammung sind, aber trotz dessen unsere Pflichten als Staats■ biirgcr treu erfüllen, ganz gleich ob wir Zionisten sind oder nicht. — Ist es denn wirklich nötig und der Mühe wert, diese Binsenwahrheiten zum taudendsten Male zu wiederholen? Herr Nathan, der sich als religiöser Jude legi■ diniert, hält es für richtig, daß Juden aus einem jüdischen Verein ausgeschlossen werden, weil sie jüdischer fühlen wie ein großer Teil ihrer bisheriger Vcrcinsbrüder! Und zwar aus einem Ver* ein, der gegen den Ausschluß von Juden aus Vereinen, die nur aus Christen bestehen, öffentlich Protest erhebt! Man muß sich an den Kopf fassen und sich fragen, wie es möglich ist, daß trotz der nicht eiidenwollcnden Vorträge über diese Dinge und der zahllosen Schriften aufklärenden Inhaltes noch so viel Unklarheit bet einem in Berlin, der gcistigen-deutschcn Metropole, lebenden Mannes herrschen kann. Auch ich, Herr Nathan, bin nicht in der Lage, ein abschließendes Urteil über den Zionismus abziigcbcn, darum bin ich eben kein Zionist, aber das halte ich jedenfalls für einen schweren Felder, den Zionismus einfach in die Philanthroncncckc zu schieben, ihn zu einem Wohltätigkcitsvcrcin zu stempeln und der Tatsache völlig zu vergessen, daß er an Stelle des leider bei so vielen verloren gegaitgcncn religiösen Ideals ein anderes das nationale jüdische Ideal gesetzt und damit große Scharen von Jünglingen unu Jungfrauen, die sonst dem Judentum verloren gegangen wären, als begeisterte Kämpfer für jüdische Dinge erhalten hat. lieber manche anderen Punkte mögen sielt die Zionisten selbst, wenn sie Lust dazu verspüren, mit Herrn Nathan auscinandersctzcn. Ich will nur noch, hinzufügen, daß in der letzten Zentralvcreinsver- Sammlung in Beuthen, in welcher Herr J. R. Dr. Horwitz sprach und der ich zufällig beiwohnte, die Diskussionsredner — alles Herren, die frei von Ziouismus sind, z. B. Herr Rabbiner Dr. Kopfstein, Herr Rechtsanwalt Dr. Neumann u. a. — daß diese Herren alle unter starkem Beifall der von Zionisten völlig freien Versammlung erklärten, die Resolution des Zcntralvcreins tief zu bedauern. Die nächste Zukunft schon wird erweisen, daß dieses Bedauern von sehr zahlreichen nichtzionistisehen Zcntralvereinsmitgüedern geteilt wird, auch von dem ergebenst Unterzeichneten.“ Jüdische Zeitung, Wien Unser Gesinnungsgenosse Adolf Böhm schreibt über ״Palästinasiedlung und Bodenreform“. Er erinnert daran, wie stark das bodenreformcrischc Prinzip, das ja mit dem alten jüdischen identisch sei, in den Anfängen unserer Bewegung betont worden war, und wie dann die praktische Tätigkeit zu gewissen Kompromissen gezwungen habe und fuhrt dann fort: ״Solange die bodcnreformcrischcn Ideen von ihren Verfechtern nur als schöne Theorien in die zionistische Bewegung getragen wurden, hatte man vielleicht eine Entschuldigung, sic nicht zu beachten: sic drohten die Kolonisationsaufgabc noch mehr zu erunverwüstlichen Glasur versehen. Das ist Emaille. In den ,Museen bekommen wir überraschend schöne Sachen zu sehen, die damals in dieser Technik entstanden sind. Es kamen aber nachher Zeiten, wo das Gefühl für Emaille fast ganz verloren ging. — Heut- *utage ist diese Technik im Orient fast gar nicht vertreten, und in Europa wird sic auch nur wenig geübt. Nun kommen wir Juden und wollen diese Tech- ״!k neu beleben. Es ist natürlich schwer, voraus- »1sagen, welchen Erfolg dieses Unternehmen haben wird. Wir können aber auf Grund folgender Tat- •3cbc11 das Beste erwarten: Wenn diese Emaille-Technik heutzutage in Europa weniger geübt wird, so ist es nicht deshalb, weil die Menschen das Gefühl für Emaille verloren haben, dc״n wir wissen doch, daß die Freude an farbigem Schmucke und farbigen Metallgeräten dem mensch- «dien Gcschlcchtc von Natur aus eigen ist. Die Unralw und Ungeduld der Stadt, aus der doch die ganze Initiative herauswächst, bringt es mit sich, daß diejsnjgcn Techniken, die viel Zeit und Ruhe erfordern, Gidrängt werden, obwohl die Erzeugnisse aus früherer «1t sich allgemeiner Wertschätzung erfreuen. Das!,tBe gjjj, durch zahlreiche Beispiele belegen, aber « dürfte genügen, daran zu erinnern, wieviel Freude un* die alten Kupferstiche machen, — auch so eine 1 *<d»nik, die Zeit und Ruhe vom Künatlcr fordert. schweren, von ihr die erstmalige Lösung von Problemen zu verlangen, die noch nirgendwo gelöst wurden. Seit aber aus der Praxis in Palästina heraus in Stadt und Land sich die Stimmen mehren, welche auf die empfindlichsten Schäden hinweisen, welche aus der privaten Aneignung des Bodens naturnotwendig fließen mußten, wäre cs für den Zionismus an der Zeit, die bodcnreformcrischcn Ideen mehr zu beachten und zu befolgen, als es bisher der Fall war.“ , » ßus,änej! GED״־ Deutschland *׳*. «* In Landsberg a. d. Warthe ist am 10. April das Dienstmädchen Berta Wol f f, in Stellung bei dem dortigen Justizrat L., verschwunden, und am 30. April als Leiche aus der1 Warthe gezogen worden. An das Verschwinden des Dienstmädchens hatten sieh in der dortigen Bevölkerung Gerüchte geknüpft, die schließlich zu Belästigungen der jüdischen Einwohnerschaft geführt haben. Infolgedessen soll sich die jüdische Einwohnerschaft an die dortige Polizeibehörde gewandt haben, die daraufhin in der Nr. 108 des dortigen ״Generalanzeigers“ nachstehende Bckanntinachung erließ: Ueber die Todesursache des am 10. April verschwuudcnen und am 30. April als Leiche aus der Warthe gelandeten Dienstmädchens Berta Wolff sind in einem Teile der Bürgerschaft falsche Gerüchte verbreitet. Auf Grund der von den Herren Königliehen Kreisärzten in Landsberg (Warthe) und Friedeborg Nin. im Aufträge des Gerichts vorgenommenen Leichenöffnung stellen wir fest, daß die Schuld einer fremden Person an dem Tode der Wolff ausscheidet. Mit dem körperlichen Befunde stimmen auch unsere sonstigen eingehenden Ermittelungen überein. Wir warnen daher nachdrücklich vor der Verbreitung von Gerüchten, durch die angesehene Bürger der Stadt schwer beleidigt werden und erklären, daß wir von Amts wegen mit allen Mitteln des Gesetzes gegen die Verbreiter cinsclueitcn werden. Landsberg (Warthe), den 8. Mai 1913. Die Polizei-Verwaltung. Ein zweiter Fall ereignete sich in Lobsens bei Bromberg. Dort war am Abend des 31. März dieses Jahres das sechsjährige Töchtcrchcn des poinisehen Arbeiters Kador spurlos verschwunden, nach* dem es noch kurz vorher am Karussell gesehen worden war. Man wollte beobachtet haben, wie ein Mann vom jüdischen Aeußern das Kirnt mehrmals Karussell fahren ließ. Dann habe er gesagt, wenn es nochmals fahren wolle, müsse es erst mit ihm nach einem benachbarten Gartenlokal gehen, wo er Geld wechseln wolle. Das Mädchen ging mit und ist seitdem nicht wieder gesehen worden. Am 20. April nun fanden zwei Arbeiter unweit der Chaussee bei Lobsens die Leiche des Kindes mit dem Kopf nach unten in einem Torfloch. Wie ein Lauffeuer Verbreitete sich die Kunde durch das Städtchen, und in wenigen Minuten war eine gewaltige Menschenmenge am Fundort der Leiche versammelt, so daß der Platz abgesperrt werden mußte. Bei der gerichtlichen Leichenschau wurden keinerlei Verletzungen wahrgenommen, die auf ein Verbrechen schließen ließen. Trotzdem verdächtigte ein Teil der fanatischen Bevölkerung die Juden, so daß es am 2. und 3. Mai zu Kundgebungen kam, bei denen mehreren jüdischen Bürgern die Fenster eingeworfen wurden und sogar der Bürgermeister mit Steinen bedroht wurde. Ferner wurden die Häuser von vier jüdischen Einwohnern mit Blut bespritzt. Ein herbeigeholter Polizeihund vermochte weder in bezug auf Heutzutage werden leider nur Buchstaben oder sonst kleine Ornamentverzierungen gestochen, — sonst ist der Kupferstich fast gar nicht mehr vertreten. Emaillearbeit ist auch eine mühsame Technik, zuerst das Aufmalen — und dann das Brennen — erfordern Ruhe und Geduld. 111 Palästina, glaube ich, sind die Verhältnisse ganz andere wie im modernen Europa. Ich erinnere midi an ein Schreiben meines Freundes, in dem er midi auffordert, nach Palästina zu gehen, denn die Ruhe der Umgebung würde mich da zu vielem anregen, zu dem ich sonst in der Großstadt niemals kommen würde. Auch unsere prächtigen Kolonien beweisen uns dodi die Ruhe und Geduld der Jugend! Und «ndlidi lassen uns die Gegenstände, die wir vom Bezalcl zu sehen bekommen, mit voller Sicherheit daran glauben. Die kleinen Elfenbein- Schnitzereien, die reizenden Filigranstückc und die wunderbaren Spitzen beweisen uns die Ruhe- und Geduld, die die ״Bczalclnikcs“ besitzen. (So ruft Professor Schatz die Schüler des Bezalcl und so heißen sic in Jerusalem.) Wir dürfen also hoffen, daß die Schüler die Emaille-Technik mit Freude aufnehmen und mit Liebe und Fleiß an die Sache Herangehen werden. Wie mir Herr Schur sagte, gedenkt Cf zuerst eine Reihe von palästinensisdten Landschaften In Emaille auf verschiedenen Gegenständen auszuführen. Nun werden den Tod des Kindes, noch hinsichtlich der Bespritzung der Hauser eine Spur aulzunehmen. Die Erregung gegen die Juden wuchs imitier mehr, und immer lauter wurde behauptet, daß hier ein Ritualmord vorlicgc. Die polnische Presse begünstigte diese unsinnigen Gerüchte und behauptete, die Leiche sei bei ihrer Auffindung noch ganz frisch gewesen und könne höchstens zwei Tage im Wasser gelegen haben. Außerdem habe sic eine Schnittwunde am Halse gehabt und die Hände seien verbrüht gewesen. Zur Beruhigung der Bevölkerung hat nunmehr der zuständige Erste Staatsanwalt beim Landgericht Schneidemühl in der ״Ostdeutschen Rundschau“ folgendc amtliche Aufklärung gegeben: ״Die Untersuchung der im Torfloch bei Lobsens aufgefundenen Leiche der sechsjährigen Agnes Kauor hat unzweifelhaft ergeben, daß die Leiche längere Zeit, mindestens mehrere Wochen, irn Wasser gelegen hat, also sehr wohl schon seit dem Tage des Verschwindens des Kindes, daß sie ferner keinerlei irgendwie in Betracht kommende Verletzungen aufwics, die eine Blutentziehung überhaupt nur «!gelassen haben könnten, insbesondere keinerlei Schnittwunden am Halse. Auch von einer Verbrühung der Hände kann keine Rede sein. Dahingehende Gerüchte sind völlig haltlos und entbohren jeder tatsächlichen Unterlage. Die ganz ge• ringfügigen und oberflächlichen kleinen Hautver- Ictzungcn im Gesicht der Leiche sind ohne weiteres dadurch zu erklären, daß das Kind beim Sturz ins Wasser vom harten Schilfrohr leicht gekratzt worden sein kann, sind jedenfalls für die Todes- Ursache ohne jede Bedeutung. Die Möglichkeit der Annahme eines Ritualmordes wird durch den Leichenfund jedenfalls völlig zweifelsfrei widerlegt.“ Russland Man weiß, welches Gewicht die Kiewer Anklagebehörden den Gutachten im Fall Justschinski beimißt. Auf ihnen basiert die Ritualinordbcschuldigung und mit ihnen fällt sie. Was Sik&rski, der Psychiater, vorgebracht hat, ist eine Grundlage der ersten An- Klageschrift gewesen und bildet auch in ihrer zweiten vergrößerten Ausgabe einen Kernpunkt. Da ist es nun von Wichtigkeit, zu erfahren, wie europäische Gelehrte von Weltruf dieses Outachten beurteilen. Eine ganze Reihe bekannter Professoren, wie Ford, Bleuler, Bonhöffer, Meyer und andere, haben das Gutachten nachgcpriift und ausnahmslos über das Sikorskischc Machwerk den Stab gebrochen. Die Professoren v. Jauregg und Obersteiner wollen sich mit dem Sikorskischen Gutachten sogar nicht befassen, da sic bezweifeln, ob es ein Psychiater geschrieben habe. Und wie die ״Psychiatrischen" Schlußfolgerungen als absurd oder tendenziös gekennzeichnet werden, so erweisen sich auch die gerichtsärztlichen Auslassungen von Obolonsky und T u f a n o w als vollkommen falsch, und sämtliche Fachgenossen widerlegen deren Versicherung, daß der Mord an Justschinski durch besonders reichliche Blutentlcerung charakteristisch ist. Damit fällt das ganze Qebäude des ״Ritualmordes" in sich zusammen. E3rJISTJSCfä£ CcUüGÜMS Die Gesinnungsgenossen, welche im Sommer die böhmischen Kurorte besuchen werden, werden ersucht, ihre Adressen dort dem Zionistischen Distriktskomitcc für Böhmen mitzutcilen. Zionistisches Distriktskomitefc für Böhmen in Prag, Langegasse 41. wir die Freude haben, in der Zukunft Sachen vom Bezalcl zu sehen, die uns gleichzeitig auch von der schönen Natur Palästinas erzählen. Herr Schur wird es w׳ohl wissen, daß er an eine schwere Aufgabe herantritt. Hoffentlich wird er es wohl verstehen, den Schülern die Möglichkeit zu geben, ihre individuelle Fähigkeiten zu entfalten und ihnen gleichzeitig systematisch den Lehrgegenstand beizubringen, um reife, selbständige Minner ins Leben zu schicken. Bei der energischen Arbeit der Leitung und bei dem Ernst des Lehrers dürfen wir hoffen, daß auch diese neue Abteilung recht produktiv sein wird, und wir beglückwünschen von Herzen das neue, so überaus bedeutsame Unternehmen. Bücher und Zeitschriften Klsselhoff 1 Das jüdische Volkslied. (Jüdischer Verlag.) Preis M. --,50, Diese neue Broschüre aus der Sammlung: Die Jüdische Gemeinschaft (her. v, Ahron Eliasberg) schließt sich ihren beiden Vorgängerinnen: Goldstein: ״Begriff und Programm einer jüdischen Nationalliteratur" und Schüler: ״Der Rassenadel der Juden" in Aufmachung und Ausstattung ebenbürtig an. Der Verfasser hat uns in kurzen, scharfen