Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1913)
- Date
- 1913-05-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 190 JUBDISCHE RUNDSCHAU Nr. 19 Zusammensetzung tatsächlich doch. Die Beschlüsse, die wir gefaßt haben, sind insofern negativ, als sie eine Abwehr darstcllcn. Wir haben sie nicht gefaßt 11! der Absicht, andere Organisationen «1 schwächen. Unsere Entschlüsse waren geboten durch die Wahrhaftigkeit gegen uns selbst. Nur aus diesem Gesichtspunkt müssen unsere Beratungen und Be• Schlüsse betrachtet werden. Die Aufforderung zum Austritt aus dem Zentralvereiu, die an die deutschen Zionisten ergangen ist, stellt eigentlich bloß eine vollzogene Tatsache fest, denn die ganz überwiegende Mehrzahl der deutschen Zionisten gehört schon heute nicht mehr dem Zentralverein an. Unsere zionistische Arbeit erschöpft sich nicht im Abrücken von anderen Organisationen und in ihrer Bekämpfung. Wir werden auch in Zukunft den Kern unserer Arbeit im Positiven suchen. Gerade »achdem der Zentralerem das Programm der Assimilation verkündet hat, wird es uns immer klarer, «laß kein Zionist jemals seine Arbeit zurückstcllen darf. Unser Hauptaugenmerk muß darauf gerichtet sein, die Grundlagen der Assimilation in Deutschland zu bekämpfen, vor allem die Unkenntnis unseres jüdischcii Wesens. Wir werden die nationale Gesinnung mit Inhalt zu erfüllen suchen, indem wir die hebräische Sprache und Literatur, die Kenntnis der Gegenwart und Vergangenheit unseres Volkes verbrüten und zeigen, w׳ic die Probleme des Judentums gelöst weiden können. Mit dem Gelöbnis treuer Arbeit für die Durchführung des Baseler Programms schließe ich im Nainen der Zionistischen Vereinigung für Deutschland diese Tagung. Schluß der Sitzung um >/z8 Uhr. Jüdische Wirtschaftspolitik Von Hans Goslar- Berlin. II. Nicht viel anders als im Bankfach, dessen stark antisemitischer Einschlag im ersten Teil des Auf- Satzes dargelegt war, sieht es in vielen Industrien aus. Ein Schulbeispiel ist die chemische 111 d u s t r i e, deren wenige gewaltige Konzerne sich gegen jüdische Chemiker und kaufmännische Angestellte hermctisch schon seit geraumer Zeit zu verschließen begonnen haben. In der elektrotechnischen Industrie zeigen sich ähnliche Tendenzen und auch sonst wird, wohin man blickt, in einem dem Außenstehenden, —- der sich durch die relativ noch hohe Zahl der in leitenden Stellungen tätigen Juden blenden läßt, die meist noch seit der Eutstchungszeit des Unternehmens in ihm tätig sind und schwerlich zum größeren Teile jüdische Ersatzmänner hinter sieh haben, — kaum glaublichem Maße die paritätische Struktur der Aktiengesellschaft als reines Erwerbsunternehmen zu antisemitischen Zwecken mißbraucht. Die Entwicklungstendenz ist überall dieselbe: selbst in von Juden einst zum großen Teil inaugurierten und finanzierten Industrien wird der einst mallgeb• liehe oder doch gewichtige Einfluß des jüdischen Elementes langsam aber sicher zurückgedrängt. Ist es aber erst einmal gelungen, den jüdischen Einfluß in den Verwaltungen der großen Unternchnnmgen zu brechen, dann wird auch in der Mehrzahl der Fälle die letzte Konsequenz im Verhalten gegenüber den jüdischen Angestellten gczogeif und ihre allmähliche Eliminierung vorbereitet. Man kann so rein empirisch die These aufstellcu, daß sich im deutschen Wirtschaftsleben ein Prozeß der Expropiierung des in führenden P 0 s i - tionen befindlichen jüdischen Elemen• t c s und gleichzeitig der P r o1et a r i - s i e r u n g der breiten jüdischen Augestellten niassen zu vollziehen beginnt, Ein Prozeß, der durch die zahlreichen Tauten innerhalb der jüdische« Oberschicht, die zur Erschütterung der jüdischen Position beitragen, beschleunigt wird und dessen Vorhandensein auch nicht dadurch abgeleugnet werden kann, daß man sich auf das statistisch erweislichc steigende Steuersoll der jüdischen Bcvölkcrung mancher Landesteile beruft. Denn Steuersoll ist durchaus nicht identisch mit Wirtschaftlichcm Einfluß, dessen Schwinden hier dargelegt werde:! soll. Vielmehr ist es sehr gut denkbar, daß gleichzeitig mit dem Zurückgehen des jüdisch-ökonomischen Einflusses im öffentlichen Leben Deutschlands eine relativ vielleicht nicht kleine jüdische Oberschicht sich längere Zeit erhält, deren Vermögen dank der dem einmal akkumulierten Kapital innewohnenden Kraft weiter anwächst. An der Lage der großen jüdischen Massen, deren voraussichtliche Entwicklung nur durch einen organisierten Akt der Selbstwehr in für uns günstige Bahnen gelenkt werden kann, ändert das aber nicht das Mindeste. Das sind Tatsachen, die es dahin bringen werden, daß in vielleeht schon einem halben Mcnschenalter, wenn auch die ragenden Gestalten der Fürstenberg, Simon, Ballin, Rathenau verschwunden sein werden, das äußerliche Bild des deutschen Wirtschaftslebens in Hinsicht auf die Stellung des jüdischen Eiementes vielfach anders sein wird, als es jetzt noch ist. Die organisierte ,Macht des Aktienkapitals hat den Juden dann wohl vieles, was in gcncrationcnlanger Arbeit aufgebaut war, aus den Händen gerungen. Dies fällt dann um so schwerer ins Gewicht, als auch der selbständige jüdische Mittelstand — teils infolge der zunehmenden Ausschaltung des Kommissionärs, teils infolge des gewaltigen An- Wachsens der ländlichen Konsum- und Vieheinkaufs• genossenschafteil, teils endlich infolge ziclbcwußtcn Boykotts — in gleichem Maße wie die Angestelltenklasse in seinen Interessen bedroht ist. An diesen Erscheinungen wird auch der Verband der Jugendvereine, Wenn er die Berufswahl der jüdischen Jugend auf seinem Verbandstag zu Pfingsten einer materiellen Kritik unterziehen will, nicht achtlos Vorbeigehen können, wenn er auch wohl kaum die Konsequenzen aus dem Zusammentreffen all dieser Umstände ziehen kann, wie wir, dem« kein Neutralitäts-Programm gewisse Grenzen in der Kritik und im Handeln auferlegt. Die Notwendigkeit des Einsetzens einer einheitliehen jüdischen Wirtschaftspolitik, die vor allem erst einmal dahin gerichtet sein soll, die drohende Degradienmg und Proletarisierung weiter Schichten jüdiselter Angestellter zu verhindern, liegt aut der Hand, wenn man bedenkt, daß die Statistik uns klar und deutlich zeigt, daß in Handel und Industrie die Zahl vier selbständigen erwerbstätigen Juden im Abnehmen begriffen ist und die der Angestellten im Steigen begriffen ist und wenn inan ferner als besonders typisches Moment sich vor Augen hält, daß der Prozentsatz der jüdischen Angestellten in leitenden Stellungen andauernd sinkt und der der subalternen wächst. Die Aussichten für die heranwachsende jüdisclie Jugend, deren Hauptbetriebskapital ihre Arbeitskraft ist, haben sich somit zweifellos erheblich verschlechtert, und ohne systematische organisierte Unterstützung dürfte sich angesichts des wachsenden wirtschaftlichen Antisemitismus der wirtschaftliche Existenzkampf recht schwierig gestalten. Ich habe an anderer Stelle schon einmal aasgeführt, wie ich mir eine wirtschaftliche Organisation der deutschen Judcnheit ungefähr denke und will hier nur einige kurze Umrisse geben, die meinen Plan skizzieren sollen: Zu schaffen wäre eine jüdische Wirtschaftszcntralc — möglichst unter Assi- Stenz der großen jüdischen Verbände aller Richtungen, die es sieh zur Aufgabe stellen müßte, alle für die Juden bedrohlichen Erscheinungen des wirtschaftlichen Lebens mit besonderer Aufmerksamkeit zu verfolgen. Sie müßte ilire Tätigkeit nicht erst mit der Unter- Stützung der Angestellten beginnen, sondern bereits mit der Beratung der Eltern und Vormünder und so versuchen, durch Hinweis auf die in diesem oder jenem Falle ungünstigen Verhältnisse, die ihr die von den Eltern und Erziehern gebilligte Berufswahl des ins wirtschaftliche Leben tretenden jungen Juden als nicht opportun erscheinen lassen, eine relativ gesunde soziale Gliederung des jungen Nachwuchses üurch/uführen. Auch das Ableiten vieler für die immer höhere Anforderungen stellende kaufmännische Laufbahn nicht geeigneter Elemente in das Handwerk wozu u. a. die Schaffung geeigneter Lehrstellen, eine weitgehende Berücksichtigung der jüdischen Handwerker bei Vergebung der Oemcindcatiftrüge tisw. Voraussetzung wäre -- gehörte zu ihren Funktionen. Ganz besonderen Wert aber lege ich auf die Bekämpfung des wirtschaftlichen Antisemitismus bei den Aktiengesellschaften aller Branchen. Hier halte ich es für das einfachste und bei weitem wirksamste Mittel, das einmal gegebene Beispiel des Bundes technisch-industrieller Beamten zu akzeptieren und zu modifizieren, indem man von der Wirtschaftszentrale deren mit einer — im Notfälle geliehenen — Aktie bewaffneten Vertreter in die Gencralvcrsammlutigeii der Unternehmungen entsendet, von denen es notorisch ist, daß sie antisemitische Angestelltenpolitik treiben. Die Vertreter haben dann die Beschwerden in bezug auf die Zurücksetzung oder auch auf die Nichtcinstellung jüdischer Angestellter zur Sprache zu bringen und an die Verwaltung das Ansuchen zu richten, ihren Standpunkt klar und dcutlieh zu präzisieren. ,Unser Aktienrecht gibt dem Leiter eine Generalversammlung m, E. k c i 11 c H a n d h a b c, eine solche Beschwerde zu unterbinden, vorausgesetzt, daß sie nicht etwa in einem persönlich verletzenden Tone vorgetragen wird, der dem Vorsitzenden die erwünschte Möglichkeit zur Wortentziehung gibt (ein Präzedenzfall hierfür liegt leider vor), denn die Debatte über die Verhältnisse unter der Angestelltensehaft ist für eine Aktiengesellschaft durchaus von Wichtigkeit und darf ohne Verletzung der Aktionärrechte ebenso wenig inhibiert werden, wie etwa die Besprechung des Abschlusses. Unter Umständen kann ja von der Arbeitsfreudigkeit und der Auswahl des Personals denn doch mehr abhängen, als mancher Aktiendirektor glauben mag. Ich bin überzeugt, daß derartige Interpellationen in sehr vielen Fällen den Erfolg zeitigen werden, daß die Direktion von ihrem bisher beobachteten antisemitischen Prinzip abrücken wird, denn den wenigsten Gesellschaften mag es lieb sein, in den Gcncralversammlungsbcrichten der Handelspresse die gegen sie wegen ihrer antisemitisehen Handlungsweise erhobenen Vorwürfe zu lesen; etwas Derartiges kann ihr — und erst recht bei planmäßiger Information der Presse durch die Wirtschaft*, zentrale — nur zu leicht den Verlust eines Teiles ihrer jüdischen Kundschaft einbringen und deshalb wird spater oft schon lediglich die Ankündigung einer solchen Interpellation Wunder wirken. Ich glauln־, ,hg auch alle vornehm und gerecht denkenden christlichen Kreise ein solches Vorgehen nicht anders autfassen und deuten werden, wie es gemeint ist, nämlich als einen Akt berechtigter Notwehr, der im wirtsdiaftlichen Existenzkämpfe durchaus erlaubt ist. Eine notwendige Ergänzung der Wirtschaft*, zentrale wäre eine für die jüdischen Angestellten wie auch für den kleinen Mittelstand bestimmte Kredit - und Unterstütz 11 ngskasse, über deren juristische Struktur die Zweckmäßigkeit ent. scheiden müßte. Bringt das deutsche Judentum die Energie auf eine solche Wirtschattszeutrale, die in mannigfacher Hinsicht erweitert werden kann, zu schaffen, gm so, dann bedeutet es vielleicht nur ein letztes ״Immächtiges Stemmen gegen das über uns hinweg, gebende Rad der geschichtlichen Entwicklung, die uns Juden in der Diaspora nur als Wirtsehaflspiomere benutzen, nicht aber die Früchte unserer Arbeit dauernd genießen lassen will. Vielleicht aber gelingt es auch, uns einen Teil des uns auf Grund unserer Leistungen historisch gebührenden wirtschaftlichen Einflusses zurückzuerobern, wenigstens so weit, daß wir unsere wirtschaftlich Schwachen vor der I roletarisierung schützen können. Aber wie dem auch sei, unser Selbsterhaltungstrieb zwingt uns gebieterisch ans Werk zu gehen — und wo ein Wille ist, ist auch ein Weg! « AUS ALLCR WeiT ״ England Am 29. April fand im Bezirke Whitechapel die Ersatzwahl fürs Parlament statt, da das Mandat des früheren Abgeordneten Sir Stuart Samuel für ungültig erklärt worden war. Sir Samuel war früher Mitglied einer Firma, die in Geschäftsverbindung mit dein Staatssekretär für Indien stand, was von juilenfeindlicher Seite weidlich ausgebeutet wurde, obwohl die persönliche Integrität Samuels klar zutage lag. In der Ersatzwahl wurde nun Sir Stuart Samuel, der der liberalen Partei angehört, gegen den Unionisteii, Kapitän Browne, mit 166 Stimmen Majorität wicdergcwählt. Sir Samuel äußerte sich nach der Wahl, die Antisemiten hatten es verstauden, di einflußreichsten Kreise, insbesondere die führenden Männer der englischen Kirche, gegen seine Wiederwahl mobil zu machen. Die ganze Organisation der Kirche habe gegen ihn gearbeitet. Von unionistischer Seite wird dagegen entschieden bestritten, daß der Wahlkampf gegen Samuel judenfeindlichen Charakter gehabt hätte. Russland ln Riga erhielten vor kurzem 200 jüdische Familien den Befehl, die Stadt zu verlassen. Ueber 100 Familien dürfen nur noch zwei Monate zur Ordnting ihrer geschäftlichen Angelegenheiten in der Stadt verweilen, wahrem! den restlichen Familien eine Frist von sechs Monaten zugcbilligt wurde. Im Kreise Dubno stehen 1500 Juden vor der Aus• Weisung. — Da die zweimonatige Frist für die Ilm!• derte von ausgewieseuen jüdischen Famlicn in Kursk dieser Tage abgelauten ist, hat der dortige Gouverneur Muratow der Polizei strengen Auftrag erteilt, die Ausweisungen unnachsichtlich dunlizuführen. Die Beschwerden der betroffenen Familien an den Senat sind erfolglos geblieben. Türkei Wie erwartet, haben die Kriegsflüchtlinge die Pefiachfeicrtage innerhalb der Mauern Konstantinopels zugebracht. Ihre Anzahl hat sich sogar gegen trüber wiederum ganz bedeutend vergrößert. Neue 500 /־״ gew'anderte haben sie auf nicht weniger als )5 G Seelen erhöht. Für die Pessachwoclic haben diese die doppelte Unterstützungsrate empfangen im Betrage von 20 000 Fra., ungerechnet die Maz/oth, ton denen die Kommission aus den privat bei ihr ein gelaufenen Geldern 7260 Oka 9000 kg angekauft hat. Abgesehen von diesen Kriegsflüchtigen hat die 1 lilfskommissiou über das Fest auch die in Gabipoli befindlichen Flüchtlinge zu versorgen gehabt, die 186 Seelen zählen. Die dortig« Gemeinde hat, auf Verlangen der Zcntralhilfskommission, ein Lok 11• komitee gebildet, das unter Leitung der Direktors der dortigen Gemeindeschule fungiert. — Eine ganze Anzahl von Soldaten hatten zu den Feiertagen Urlaub erhalten und sind entweder durch Bemühungen des Großrabbinats bei jüdischen Familien untergebracht oder auf seine Kosten verpflegt worden. Fünf jüdische Gefangene aus Bulgarien, die in Ismidt kaserniert sind, erhielten durch die Fürsorge der Zentralhills* kommission für die Feiertage besondere Erleichtert!־״