Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1913)
- Date
- 1913-05-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr, 18 Seite 181 nach Jerusalem entsandter erfahrener Kaufmann glaubt, falls die Fabrik mit genügenden Betriebsmitteln ausgestaltet wird, ein reelles und rentables Geschäft verbürgen zu können. Er macht sich in diesem Falle anheischig, das Unternehmen auf eine gesunde kaufminnischc Grundlage zu stellen. An die Uebcrnahmc der kaufmännischen Leitung stellt er aber die ausdrück liehe Bedingung, da fl das bisher noch fehlende Betriebskapital von mindestens 150 000 Fr«, baldigst;•!!gebracht wird. Dali cs an Absatz für die in Jerusalem berge- *♦״fiten Waren des Bczalel nicht fehlt, geht schon 1!:1׳aus hervor, dall der Leiter der russischen Vert iebsgcsellschaft des Bczalel berichtet, er könne, v. enn er nur genügend von den verlangten Waren bckommen würde, den Umsatz in der nächsten Zeit bi׳• auf 500000 Frs. im Jahre bringen. Dazu kommen noch kleinere Vertriebsgescllschaftcn in Galizien und i; .,;unien, sowie die durchaus nicht mehr unbedeu- Hilden Umsätze der gröfleren Verkaufsstellen, wie Wertheim, Berlin; Wronker, Frankfurt », M.; Liberty, f!,:hIoii; denen sich in der nächsten Zeit noch zahlreiche andere angliedern werden, mit denen schon Verhandlungen schweben. Außerdem sind fortgesetzt in den verschiedenen Ländern Ausstellungen mit guten finanziellen Resultaten im Gange. Die Zukunft der Betriehsgesellsclinft erscheint auch schon dadurch hinreichend verbürgt, dal) eventueile Defizite der ersten Jahre durch die etwa Su 000 M. betragenden Jahrcscinnalimcn des Vereins Bczalel gedeckt werden können, wie dies ja auch bisher geschehen ist. Von den benötigten 150 000 Frs. ist über die lialftc* schon fest zugesichert, den Rest suchen wir dadurch aufzubringen, daß etwa 200 Mitglieder und Freunde des Bczalel ihre Jahresbeiträge kapitalisieren, indem sic durch einmalige Zahlung von 300 M. die immerwährende Mitgliedschaft des Vereins erwerben. Selbstverständlich steht es ihnen auch frei, durch Zeichnung von mindestens 500 M. einen Geschäftsaiitcil der zu gründenden Gesellschaft zu erwerben unJ dadurch ein Anrecht an die cventl. zu verteilenden Dividenden zu erlangen. Auch Spenden von beliebiger Höhe sind natürlich gleichfalls erwünscht. Wir erwarten von den vielen Freunden unseres Vereins, daß sie sich alle nach Kräften in der einen oder anderen Weise an dem gemeinnützigen Werke beteiligen, denn der Betrieb des Bczalel ist schon jetzt das bei weitem bedeutendste und größte wirtschädliche Unternehmen Jerusalems und man kann sagen, auch das einzige, dem es gelungen ist, dadurch, daß es vielen Hunderten von Armen Brot und Verdienst gibt, einen großen Teil der Bevölkerung dem erniedrigenden Einfluß der Chalukah zu ententziehen. . Wir erwarten diese tatkräftige Unterstützung umsomclir, als sie eine Lebensfrage für die fabrikatorische Tätigkeit des Vereins ist, da die Mitgliedsbeitrage infolge der schnellen Ausdehnung des Bctriebes bei weitem nicht mehr ausreichen, um mit den stark wachsenden pekuniären Erfordernissen desselben Schritt zu halten. Der Bczalel kann nur dadurch vor folgenschweren Stockungen bewahrt blciben, daß jeder seine Schuldigkeit tut, damit die Betriebsgesellschaft möglichst bald gegründet und dadurch der Betrieb auf eine sichere kaufmännische Basis gestellt werden kann. Geldsendungen nimmt entgegen: der Schatzmeister des Vereins, Herr Bertrand Hamburg, Berlin W 15, Bleibtreustraßc 34/35 (Deutsehe* Postscheck-Conto Nr. 4060, Ocsterreichischcs i'ostschcck-Conto Nr. 50318). Bankkonto des Vereins: Direktion der Disconto-Gesellschaft, Depositenlasse, Unter den Linden 11. Vorstand und Ausschuß des Vereins ״B e z a l c I“. teT GLOSSeii פג־ Gabriel Ricsser, der Antizionist, oder warum das Deutsche Reich ge-!•; < ü n d c t worden ist. Es handelt sich leider *11;dt nicht um ein Filmdrama dieses Titels, sondern vorläufig nur um ein sieben Spalten langes Feuilleton r ״F r a n k f u r t e r Z e i t u 11 g“ vom 23. April 1913, g •widmet einer Betrachtung über Gabriel iGestcr anläßlich der fünfzigsten Wiederkehr *'ines Todestages und verfaßt von Herrn Professor W irtin Ph i I i p ps0 n. Letzterer hat uns bekanntlieh vor einigen Jahren in seiner dreibändigen Neuesten Oeschic hte des jüdischen Wolle cs“ den Titel eines jüdischen Geschichtswerkes Beschenkt. Das ist ihm damals denn auch von seinen Zintralvereinsbrüdcm ziemlich übel vermerkt worden.!,Mußte gerade ein solcher Name gewählt werden, '*er schon 80 häufig zu Mißverständnissen Anlaß geleben hat? Hieße es nicht besser ״Geschichte des Judentums ־und seiner Bekenner“ V“, so schrieb •chmerzlich bewegt der Motiatshistoriker A. L. in ®cm Zentralvereinsblatt ״Im deutschen Reich“. — JÜ EPISCHE ksJ;:guCS-IAU ' Nachdem man es ihm damals ״vonwegen jüdisches Volk“ so kräftig gegeben hat, äst Plülippson gründlieh in sich gegangen. Seine Ri;':scr-Abhandlung ist ein wahres Prachtstück deutscher Geschichtsschreibung jüdischen Glaubens. Den beschränkten Raumes halber können wir nur wenige .Sätze zitieren: ״Die Juden bewohnen Deutschland seit den Römerzeiten. Sie saßen in diesem Lande lange Jahrhunderte, ehe die slawitrhen Ostelbier von deutschen Fürsten unterworfen und durch die Einwanderung westlicher Ansiedler gewaltsam zu Deutschen gemacht wurden. Trotzdem gibt es Leute, und zwar besonders unter den Nachkommen jener ostelbischen Slawen, die den Deutschen jüdischen Glaubens die Zugehörigkeit zum deutschen Volke absprcchcn; und wie diese Antisemiten, so auf der anderen Seite, von ihnen hervorgerufen, die Zionisten mit ihrer Behauptung einer unwandelbaren jüdischen Nationalität. Heute begeht man die fünfzigste Wiederkehr des Todestages eines Mannes, dessen Leben, dessen ganzes Wesen und Wirken einen flammenden Protest gegen solche Behauptungen mismnclit: Gabriel Rlesscrs." Ueber den Verdacht, seinen Aufsatz durchgclescn zu haben, ist Philippson turmhoch erhaben. Denn alsbald fährt er fort: ״Sein Vater, Lazarus Jakob Ricsser, war der Sohn eines «ach Deutschland ver• pflanzten polnischen Rabbi 11 e r *.“ Muß da nicht selbst der verbohrteste Antisemit zugeben, daß die Juden tüchtige Kerle Rind? Wo sie sowas fertig bekommen? Seit den Romcrzelten hier zu wohnen und doch gleichzeitig polnische Rabbiner zu sein? -- Aber nicht nur die Zionisten, auch Kaiser Wilhelm I. und Bismarck bekomm eil es von unserem Historiker! U. a. heißt es besdieideiierwcise: ״Aber die Schöpfer des neuen Rcichsgcdankcns sind der Verfassungsausschuß der Nationalversammlung von 1818 und besonders der Jude Gabriel Ricsser gewesen. Das wird von den Bismarck- Schwärmern und Erfolgsanbetern nur allzu sehr in Vergessenheit gebracht.“ Mit feiner Ironie spielt Philippson alsdann auf die Zionistenhetze im Zentralerem an, indem er ausgerechnet das folgende Wort Gabriel R icsscrs anführt: ״nur eine kraftlose, feige Nation kann in dem Gegensätze einer geringen Anzahl Unterdrückter ein Mittel der Spannung ihres Selbstbcwußtseins, ein Reizmittel für ihre krankhafte Ohnmacht suchen.“ Sollte Herr Philippson beabsichtigen, eine ״a Herne uestc Geschichte des Judentums und seiner Bekenner“ zu schreiben, so stellen wir ihm folgenden Grundgedanken gratis zur Verfügung: Die Juden haben nicht nur das deutsche, sondern auch schon das römische Reich gegründet, und zwar da- .mit sie von den Römern später aus Palästina vertrieben werden und nach Deutschland aus wandern könnten, um dort die Zeitschrift ״Im deutschen Reich“ und das gleichnamige Staatsgebilde zu gründen und hierdurch im vorauseincnflammcndenProtestgegcn den Zionismus e i n zu I ege n. W i r machen die törichte Methode nicht mit, von längst Verstorbenen rückwärts zu prophezeien, ob sie heute Zionisten oder Antizionisten sein würden, und das gar noch ketzerisch aufzuputzen. Aber immerhin kann man sich der Vorstellung nicht erwehren, daß Gabriel Riesscr, diesem Urbild zorniger Mannlichkcit, grün und blau vor den Augen werden würde, wenn er mitansehen müßte, wie ihn heute die F a I - k c!1 h c i m und Philippson als Schutzpatron zitieren. C. K. * ״F I u g k u 11 s t s t ü c k e" der Deutschen Tageszeitung. In der Deutschen Tageszeitung vom 28. April findet sich wieder einmal ein Aufsatz, der die Ausschließung der Juden von der Offiziersfaufbahn im deutschen Heer« rechtfertigen soll. Es wird da versucht, festzustcllcr», daß die deutschen Juden an anderen Stellen, die Mut und Ausdauer erfordern und die ihnen nicht verschlossen sind, es versäumen, sich auszuzcichncn. An erster Stelle wählt der Verfasser das Gebiet des Flugsportes. Er schreibt: ״Vor mir liegt die lange Liste der deutschen Flieger, die sich im Laufe der letzten Jahre totgestürzt haben, ich vermisse darunter Namen wie Moses, Goldstein, Levy, Cohn, Israel und wie sie sonst heißen mögen, ja cs ist auch nicht ein ein* ziger darunter, der uns einen jüdischen Träger vermuten ließe. Nun wäre aber doch hier eine prächtige Gelegenheit, sich die gute Meinung der verstockten Deutschen im wahrsten Sinne des Wortes ״im Fluge“ zu erringen. Die Herren, deren höchstes unstillbares Sehnen nach Schärpe und Portepee drängt, müssen sieh doch sagen, daß sieal• 'Offiziere gewärtig sein müßten, an einem Erkundungsfluge teilzunehmen . . Hier haben wir wieder einmal «in kleines Kabinettstück antisemitischer Argumentation. Mit gutem Grunde hat der Verfasser nur di« Liste der Flieger berücksichtigt, die bei Ausübung ihres Sports ihr- Leben eingebüßt haben; auf die Flugtltigkcit überhaupt angewandt, würde seine Feststellung nämlich nicht stimmen. Ein Blick in den Sportteil der Tagesblättcr muß diese Tatsache belegen. Welchen Zweck kann cs d,1 haben, sich gerade tin die Verlustliste de» deutschen Flugsportes zu halten, wenn nicht den einer plump tendenziösen Feststellung? Der Heldenmut derer, die bei Ausübung des gefahrvollen Sportes von einem Unglücksfall betroffen wurden, ist gewiß nicht herabzusetzen, aber cs ist doch sicher, daß das Verdienst eines Fliegers dadurch nicht geschmälert wird, daß Geschick und Besonnenheit oder auch perpersönliches Glück Ilm vor Abstürzen bewahren. Am gleichen Tage, an dem dieser Artikel in der ״Deutschen Tageszeitung“ erschien, wurde auf dem jüdischen Friedhof in Köpenick der ״russische" Flieger Elia Dun et z begraben, den vor einigen Tagen in Johannisthal das Flicgcrschicksal ereilte. Vielleicht paßt es den Herren aber gerade• jetzt in den Kram, die' russischen Juden rassemäßig scharf von den deutschen zu trennen. Aber diese ganze Art dieser Argumentation ist 80 lange ganz albern und unnvaßgebtieh, wie dos Zahlen verhält nis der deutschen Flieger überhaupt zur Bevölkerungszahl noch ein so geringes ist, wie heute. Auf die gleiche Weise ist übrigens bereits fcstgcstellt worden, daß unter den deutschen Offiziersfliegern der Adel durchaus nicht in dem Maße vertreten ist, wie es seiner Teilnahme an der Offizierslaufbahn überhaupt entsprechen würde. Es gibt eine Art von Polemik, so schreibt die ״Frankfurter Zeitung" vom 28. April, die einem den Ekel in den Hals steigen läßt. Will man Beispiele dafür haben, so findet man eine reichlich fließende Quelle in der ״Deutschen Tageszeitung‘•. Man fragt sich: sind die Leute wirklich so beschränkt, daß sie nicht sehen, worum es sich handelt, oder ist ihre Natur der Wahrheit grundsätzlich abgeneigt? * Evangelische Juden als Gemeinde- Vorsteher. Ein wahrhaft charakteristischer Vorfall wird aus Frankfurt a. Oder berichtet. Der erste Vorsitzende der Frankfurter Gemeinde ist ein liberaler Justizrat, also wohl ein Repräsentant des liberalen Assimilantcntums. Dieser Herr hat vor einigen Tagen beim Magistrat der Stadt eine Eingabe überreicht, seine Kinder vom jüdischen Religionsunterricht zu dispensieren und sie am evangelischen Religionsunterricht tcilnehmcn zu lassen. Man könnte meinen, dem Herrn Gemcindevorsitzenden wäre der jüdische Religionsunterricht vielleicht so wenig jüdisch, daß er selbst den evangelischen Religionsunterricht als jüdischer und für die Erziehung seiner Sprößiinge passender halten müsse. Derselbe Justizrat, Vorsitzender und Vater, ist aber gleichzeitig Dez ernent für das jüdische Religionsschulwesen und daher mitverantwortlich für den jüdischen Religionsunterricht, dem er nun seine Kinder entzieht. Seine Handlungsweise hat schon Schule gemacht. Schon haben sich seiner Eingabe zwei andere Herren der Gemeinde angeschlossen, die auf diese Weise vermutlich die deutschen Mitbürger von ihrer Echtheit und ihrer Bildung überzeugen wollen. Und das jüdische Kleeblatt wird vermutlich bald neue Blätter bekommen. Jeder Kommentar ist überflüssig. Wir gratulieren der jüdisenen Gemeinde Frankfurt a. d. Oder! L. H. * Eine Manifestation des Talmud und des B. T. Das ״Berl. Tagebl.“ sollte darauf halten, daß seine Mitarbeiter und Referenten Satzwendungen, die dem Jargon der antisemitischen Presse entnommen sind, vermeiden, ln der Nummer vom Donnerstag voriger Woche unterzieht ein Herr W. ein Benefizkonzert, das in Berlin unter Mitwirkung von Hertha D c h rn I o w , Alexander Heinemann, Josef M a I k i n und Leo O o 11 a n i n veranstaltet wurde, einer Besprechung, deren Geschmacklosigkeiten und stilistische Mängel hier nicht interessieren. Nur der Schlußsatz soll festgehalten werden, er lautet: ״So war die Manifestation des Talmuds auf der einen, die des guten Herzens auf der anderen Seite bestens gelungen.“ Die Bezugnahme auf den Talmud soll an dieser Stelle nicht etwa auf eine bestimmte gedankliche Richtung hindcutcn. Denn der Referent spricht an anderer Steile von einer Begabung ״die allem Komplizierten aus dem Wege geht“. Dem Herrn W. hat cs vielmehr einfach nicht gepaßt, daß eine große Zahl jüdischer Hörer, die James R o t h 81 e i n wegen seiner jüdischen Schöpfungen schätzen, dem Komponisten Beifall zollten. Und die- 8cs Mißfallen bringt er ganz nach Art der Herren Brüh n und Ocnossen z.uin Ausdruck. Herr W. wird wissen, dall der Talmud nicht die einzige Schöpfung jüdischen Geistes ist. Aber er weiß auch, welcher Sinn diesem Werke von antisemitischer Seite immer wieder unterlegt wird. Und nur in diesem herabsetzendem Sinne hat er das Wort von der Manifcsta*■ tion des Talmuds“ prägen können. Wir nehmen nicht an, daß *ich ein christlicher Antisemit in den Redaktioßsatab des ״B. T.“ eingeschlichen hat. Aus der Feder jüdischer Antisemiten sind solche Ausfälle nicht entschuldbarer.