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Jüdische Rundschau · 1913-05-02 · Heft 18 (2.5.1913) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 18 (2.5.1913)
Date
1913-05-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 180 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. lg bankgeschäftc in den Anleihckonsorticn und bei den Industriegesellschaften schrumpft gegenüber den Aktienbanken immer mehr zusammen. Besonderes Interesse beansprucht aber die Lage der jüdischen Bankbeamten, über die mir eine ganze Reihe sehr wichtiger Details bekannt geworden sind, die einmal später verwertet werden können, wenn es gelingen sollte, eine Aktion zur Unterstützung des Wirtschaftskampfes der jüdischen Angestellten zustande zu bringen. I lier soll nur betont werden, daß heute eine auffallend grolle Zahl von Aktienbanken jüdischen Bankbeamten prinzipiell ihre Tore verschließt. Nun wäre cs nicht ganz richtig, annchmeii zu wollen, daß hier stets einzig und allein der Antisemitismus der Direktoren daran die Schuld trägt. In den weitaus meisten fallen wird es sich allerdings so verhalten, aber in manchen Fällen, wo sich mir Gelegenheit bot, in die Verhältnisse etwas tiefer Einblick zu nehmen, zeigt cs sich, daß auch an der passiven Resistenz der Kundschaft der Bank die Beschäftigung jüdischer Bankbeamter an prominenten Stellen scheitern kann. Der Direktor einer großen Bank, die in gewissen Städten keine Juden beschäftigt, sagte mir einmal, daß die jüdischen Angestellten als Bankbeamte nicht beliebt seien, weil sie zu wenig ״Beamte“, sondern ein zu unruhiges und intclligentes Element seien, dem auf den unteren und mittleren Stellen der ״typische Goy“ vorztizichen sei, der sich die Hosen getreulich absitzt und dessen Ideal die beamtenmäßige Pensionsberechtigung nach so und soviel Dieustjahren ist, — auf den höchsten Chargen könne man sic aber deswegen nur schwer verwenden, weil man im Verkehr mit der schweren Industrie bestimmter Landesteile auf die persönlichen Empfindungen der Leiter der alten christlichen Familiengründungen und der von Christen geleiteten Oes eilschäften aus geschäftlichen Gründen Rücksicht nehmen müsse. Diese und ähnliche Momente haben es dahin gebracht, daß heute die Liste der strikt antisemitische Angestelitenpolitik betreibenden Aktienbanken derart stark angewachsen ist, — cs sind sehr viel Institute mit weithin klingenden Namen dabei — daß bei ihrer Veröffentlichung den Leuten, die die Kraft des Antisemitismus lediglich nach der Stärke der diversen Grüppchcn im Parlamente cinschätzcn und behaupten, daß ״in unseren Kreisen“ von Antisemitismus ״nichts mehr zu merken sei“, ein heilsamer Schreck in die Glieder fahren würde. Viele unter diesen Banken sind von Juden ins Leben gerufen und ausgebaut worden und cs zeigt sich auch hier die alte Tragik der jüdischen Gcsdiichtc, daß das, was wir geschaffen, nicht uns die Früchte trägt und zum Schluß sogar gegen uns verwendet wird. Ein Schandfleck ganz besonders typischer Art aber ist es, daß nachweislich auch in jüdischem Besitz befindliche Privatfirmen dem Beispiel antisemitischer Bankdirektionen folgen. (Fortsetzung folgt.) Ein kompetentes Urteil über unsere Arbeit in Palästina Der bekannte Professor Dr. Hartmann• Berlin veröffentlicht in der Frankfurter Zeitung vom 29. April das erste Stück von ״Reisebriefen aus Kleinasien“. Er verbreitet sich über Beobachtungen, die er über den Kulturzustand Palästinas und den Einfluß der verschiedenen Nationen auf diese Stellung gemacht hat und kommt zu Werturteilen über die jüdische und zionistische A r b c i t, die mit besonderer Aufmerksamkeit gehört werden müssen. Sie stammen von einem wirklich Unbefangenen. Mit Bezug auf die Stadt Haifa konstatiert Profcssor H artmann mit Bedauern, daß auf sie das deutsche Wesen recht wenig abgefärbt hat, ״Nun wird aber von einer anderen Seite her ein Angriff auf den bisherigen traurigen Zustand des Landes gemacht, ein Angriff, dein der Sieg nicht fehlen wird, wenn das Unternehmen mit der gleichen Zielbewußtheit und Kraft, mit der es begonnen, zu Ende geführt wird. Wie im Westen Haifas die deutsche Kolonie einen Mittelpunkt kultureller Tätigkeit im schönsten Sinne des Wortes darstcllt, so wird sich binnen kurzem im Osten der Stadt ein Gebäudekomplex erheben, von dem eine starke Wirkung auf Haifa, auf Palästina und auf ganz Syrien ausgehen wird: das ״jüdische Institut für technische Erziehung in Palästina“. Professor Hartmann bespricht die hohe kulturclle Bedeutung, die gerade die Pflege der tcchnischcn Wissenschaften auf den Orient haben wird, die an der vom Hilfsverein der deutschen Juden zu begründenden Schule gelehrt werden sollen. Nach einer verständnisvollen Würdigung des vom Hilf!- verein inaugurierten Schulwerkes kommt Professor Hart mann auf den Zionismus zu sprechen: ״Ich meine die Bewegung, die als Zionismus bekannt ist und die in ihren Anfängen aufs engste mit dem Namen des Wiener ״Dr. H%rzl" verknüpft ist. Für die Phasen, die diese Bewegung durchgemacht hat, ist hier nicht der Ort. Es sei nur.festgestellt, daß der Grundgedanke, die Schaffung eines neuen Israels im heiligen Lande, in einer Richtung eine erstaunlichc Verwirklichung gefunden hat, in der Schaffung größerer jüdischen Gemeinwesen mit selbständiger Verwaltung und in der Durchsetzung des Hebräischen als Verkehrssprache, naiueutlich als Schulsprachc unter den Juden in Palästina. Es ist hier eines Mannes zu gedenken, der für die sprachliehe Evolution unermüdlich gearbeitet hat, des Schriftstellers Ben Jahuiia in Jerusalem. In den zahlreichen Kindergärten wird nur hebräisch gesprochen,“ ..Wem» man gesagt hat: Von Belgrad bis Bagdad sind die Juden eine Brücke für die deutsche Sprache und deutsche Kultur, so ist das vielleicht ein etwas kühner Wechsel auf die Zukunft. Aber die große jüdische Bewegung, welche auf Palästina gerichtet ist, wird sehr wohl Material schaffen können, um diesen Gedanken zu verwirklichen. Jetzt ist der Augenblick da, die Bewegung in solchem Sinne zu verwenden. Wir dürfen das Vertrauen zu den leitenden Männern in Deutschland haben, daß sic neben den jüdisch-nationalen Bestrebungen, die für sie bei dem Werke in Palästina in erster Linie stehen müssen, die deutsche Sache gern fördern werden. Die Reichsrcgicrung und die deutsche Ocffentlichkeit werden ein Auge auf die Betätigung der Anstalten haben, die nach der Leitung und den an ihnen wirkenden Lehrkräften deutschen Charakter tragen . . Solch eine Erkenntnis — mit der Prof. Hartm a n n unter den Verfechtern deutscher Orientintcressen übrigens nicht allein steht — ist uns gewiß wertvoll. Denn eine jede Sympathie, die uns von Vertretern irgendeines Volkes entgegengcbracht wird, kann uns nur fördern, solange unsere eigene Politik ihren rein national-jüdischen Charakter behält. Wenn wieder Plätze frei werden, so können nur solche russische Studierende aufgenommen werden, die sich über eine ausreichende Kenntnis der deutschen Sprache sowie darüber ausweisen, daß sie ein acbtklussige* Knabengyninasium absolviert und schon an einer russisehen Universität oder russischen technischen Hochschule studiert haben. Auch für die Studierenden aus den BalkanstaatCD sind Hödistzahlen festgesetzt und können nur ins», weit Aufnahmen st.ittfinden, als Abgänge statlfindcn• Gesuche um Vormerkung auf frei werdende Platze könneu unter Beifügung der Zeugnisse an das Univcrsi• täts-Rektorat gerichtet werden,“ In einer vom ״Verband der ostjüdischen Studcntcnvcrcine in Westeuropa" versandten Erklärung wird zu dem Leipziger Beschluß ausgeführt: ״Der weitaus größte Teil der in Deutschland studierenden russischen Staatsangehörigen ־ etwa 80 ־־־ ס/״ besteht aus Juden, die in Rußland ־aut Grund der für sie herrschenden Ausnahmegesetze vom Universitätsstudium fast vollständig ausgeschlossen sind, und zwar durch die Bestimmung, daß an den russischen Universitäten Juden in ganz beschränktem Maß (3—5 «/״ der Zahl der nichtjüdischen Studierenden) aufgenommen werden können. Es ist also dem größten Teil der jüdischen Jugend die Möglichkeit genommen, an einer h e 1 inat• liehen Universität auch nur i m 111 a t r i. |י^ kuliert zu werden, und demnach sind diese schon von Anfang an auf die Gastfreundschaft der deutschen Universitäten angewiesen. Der Beschluß der Universität Leipzig . . . be• raubt, wie auf der Hand liegt, gerade die russisehen Juden vollständig jeder Möglichkeit, an der Universität Leipzig zu studieren, Er geht in dieser Hinsicht also weit über die Forderungen hinauf, welche die antisemitischen Blätter aulstellcn.“ Der Ausschluß der russischen Juden von den Universitäten Mit unheimlicher Schnelligkeit bemühen sich die Behörden, den Forderungen der auslündcrfciudlidicn Studentenschaft durch drakonische Maßnahmen gcrecht zu werden. Diese Bestimmungen laufen, wie an dieser Stelle mehrfach dargelegt wurde, letzten Endes auf einen beinahe vollkommenen Ausschluß der russischen Juden von den europäischen Universitäten hinaus. Bei der eigenartigen Struktur unseres Volkes bedeutet das eine neue und äußerst empfindliche Komplizierung der jüdischen Frage und es muß für die’ Bildungsmöglichkeiten, die unseren Brüdern genommen sind, ein Ersatz geschaffen werden. Das Projekt der jüdischen Universität in Jerusalem, das von seiten des zionistischen A. C. gegenwärtig bearbeitet wird, erhält durch die traurigen Ereignisse eine besonders aktuelle Bedeutung. Unter der Einwirkung der Atisländcrhctze an den deutschen Universitäten hat, wie gemeldet, der Senat der Universität Leipzig beschlossen, daß künftig nur solche Studenten aus Rußland in Leipzig immatrikuliert werden sollen, die ein zweisemestriges Hochschulstudium in ihrer Heimat aufweisen können. Dieser Beschluß bedeutet eine völlige Ausschließung der russisch jüdischen Studenten von der Leipziger Universität. Die Verordnung der Leipziger Univcrsitäisbchörden soll sogar rückwirkende Kraft bekommen. In Leipzig besteht nämlich die eigenartige Vorschrift, daß jeder Ausländer nach vier Semestern seine lmmatrikulation erneuern muß. Den russischen Medizinern, die gerade jetzt vier Semester absolviert haben, wurde die ״Neuimmatrikulation“ auf Grund der jüngsten Bestimmung versagt. Sie mögen zunächst vom sächsischcn Kultusminister und Reichskanzler die Erlaubnis zur Abhaltung.des Physikums erlangen, dann würden sie wiederum Aufnahme finden. Vorläufig aber sind sie ausgeschlossen. Audi an der Münchener alma mater sollen künftig, wie in Leipzig, jüdische Studenten aus Rußfand nicht mehr immatrikuliert werden I Ein jüdischer Student, der in Rußland ein Gymnasium absolviert und in Bern sein erstes Semester verbracht hat, erhielt auf sein Gesuch um Immatrikulation an der Universität München folgende gedruckte Erwiderung: Immatrikulation von Studierenden aus Rußland und aus den Balkanstaaten. Für die an der hiesigen Universität studierenden russischen Staatsangehörigen wurde von der bayerischen Regierung im Frühjahr 1911 eine Höchstzahl festgesetzt. Diese Ziffer ist zurzeit noch weit überschritten, da aus früheren Semestern noch viele russische Studenten immatrikuliert sind; es ist auch für die nächsten Semester kein solcher Abgang zu erwarten, daß Neuaufnahmen stattfinden können. Im chemischen Institut der Prager deutschen Universität (medizinische Fakultät) findet sich folgender Anschlag: ״Der Besuch der Vorlesungen über organische Chemie ist nur gegen Vorweisung der Platzkarten gestattet. ־Zum Bezug der Platzkarten und zur Vor• inerkung auf Arbeitsplätze im Laboratorium wollen sich die Studierenden beim Herrn Adj. Dr. Eckert melden, und zwar die Studierenden, deren Name mit A—K beginnt, am H. April, L—R am 15. April, S-Z am 16. April zwischen 8—10 Uhr vormittags und 3—5 Uhr nachmittags. Die Hörer und Hörerinnen des chemischen Sn• stitutes werden gleichzeitig obligatorisch gegen Un• fälle im Laboratorium versichert, wofür die Prämie (1 Krone) beim Bezug der!,latzkarten zu entrichten ist. Für die nach Oesterreich-Ungarn zuständigen Hörer (Hörerinnen) werden bis zum 16. April (inklu• sive) die ersten 120 Sitzplätze im Hörsaal und die ersten 115 Plätze irn Laboratorium reserviert. Da nur eine relativ kleine Zahl von Arbeit*• plätz.en zur Verfügung steht, können im Som• mersemester keine Mediziner im zwei• ten Jahrgang Aufnahme finden. Die definitive Zuteilung der Arbeitsplätze, erfolgt am 21. April von 3—6 Uhr nachmittags. Mayer,“ Der Anschlag klingt harmlos. Tatsache aber ist: Erstens: Die nicht nach Oesterreich-Ungarn zuständigen Hörer sind russische Juden. Zweitens: Im ersten Jahrgang studieren an der medizinischen Fakultät 146 Hörer, davon 46 russische Juden. Es gibt daher nur 100 nach Oesterreich* Ungarn zuständige Hörer. Drittens: Es ist Tatsache, daß in den Vorlesungen die russischen Juden sich nie nach vorn gesetzt haben, sondern in die hinteren Bankreihen, und chß die vorderen de facto den inländischen Hörern re erviert blieben. Viertens: Herr Professor Dr. Mayer ist ein getauftcr Jude. Kommentar überflüssig. An die Freunde und Mitglieder des Vereins ״Bezalel“! Die Kunstgcwerbcschule Bczalel in Jerusalem hat sich in den 7 Jahren ihres Bestehens in außerordent• licher Weise entwickelt. Sic beschäftigt in zwei gro• ßen Häusern in Jerusalem sowie in einer kleinen lind• liehen Kolonie etwa 400 jüdische Arbeiter und Ar• beiterinnen in Teppichknüpfen, in Filigran•, Dam*8״ kus-, Treib- und Batik-Arbeiten, sowie in Kunst- Schnitzerei und Tischlerei. Es konnten im vorig‘״ Jahre für 135 000 Fr». Arbeitslöhne ausgezahlt wer* den und es wurden für 250000 Frs. Waren herg‘• stellt, d. h. 100000 Frs. mehr als im Jahre vorher. Die Zeit ist jetzt gekommen, den fabrikaton* sehen Betrieb von der eigentlichen Schule zu ire#* nen und selbständig zu einem wirtschaftlichen Unter• nehmen auszugestalten. Ein kürzlich zur Begutacht»!

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