Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1913)
- Date
- 1913-05-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. >8 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 170 , e j b w o r t u n t e ז c h r g e i z i g e 11 I ״ d e n. Geist 11., 1 ulicli adelt nicht; vielmehr bedarf es erst!!* *,is. das den Geist adelt. Wessen bedarf K (jc1m dazu? - - Des Geblüts? An einer anderen?die sagt er; ״Alle Tugend, alles Gute, mul) Erb• Jehaft sein. - Was nicht ererbt ist, ist unvollkom- ״cn,•‘ Oder: ״Nur innerhalb des Herkommens, der leiten Säte, der Beschränkung׳ gibt es Wohlbehagen in dCf W*U.“ — — ״ *־Meine Philosophie ist auf o-nirorJ<mng gerichtet: ״nicht auf eine i n d i - v,1l1!.!i 1stische Moral.“ Ilea't es den Tatsachen Gewalt antun, wenn wir jUf tti,ml solcher AeulSeruugen annehmen, dal) Niet/s■.:•*־, hätte er den Zionismus erlebt, in ihm keine ,׳< iktionäre״ Bewegung gesehen hätte, wohl aber dm Versuch, den Typus des ״Uebermenschen“, den in 1 miflversländlich als eine neue Gattung auf- 1.111״! hat, mit herauf führen zu helfen? * Si 1 n wir uns nicht eines solchen Kronzeugen (reuen,!hnc Rücksicht darauf, wie seihe Stellung zum Judeni!,in überhaupt war? ,Nt a lut Nietzsche besonders auf jüdischer Seite ,um 1'!,1״semiten gestempelt, weil er ein heftiger Ucgnei des politischen Antisemitismus war. (Jan/ :1.1! Unrecht. Das Judentum als Kulturersclieiinnig h.<t er mit den leidenschaftlichsten Worten hekämpft. sali er in ihm doch den Zerstörer griechischer Lehens M iiassung und es ist richtig, was Overbeck bcl1aup;,׳t, dal) ״seine Urteile über die Juden allen Antisemitismus weit hinter sich lassen, dal) ״sein Anti-t hndentum vornehmlich antisemitisch begründet is! “ luti so wertvoller muß uns dann die Erkenntnis sein, d 11) allein die Konsecjuenz.cn seiner Philosophic Nietzsche zur Anerkennung unserer Bewegung geführt hätten. Jüdische Wirtschaftspolitik Von Hans G 0 s I a r- Berlin. I. Oie Haltung der deutschen Judcnheit gegenüber den sie angehenden wirtschaftlichen Problemen ist - was mit Bedauern konstatiert werden muß — noch fast durchweg indolent. Diese Gleichgültigkeit ist meines Erachtens in der Hauptsache daraus nt erklären, daß über die ökonomische Lage der deutschen Juden unter ihnen selbst noch keine hinreichende Klarheit herrecht und man noch nicht versticht hat, sich ein geschlossenes Bild davon zu veric/iaffen, in welchem Maße die deutschen Juden von der wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands seit der Umwandlung zum Industriestaat tangiert worden lind und wie sich die Zukunftsaussichten für sic ge׳ Italien. Erst Sonibarts Standardwerk über die Stellung der Juden im Wirtschaftsleben bat eigentlich den Anstoß dazu gegeben, in Forschungen darüber cin/utrctcn, ob die dominierende Rolle, die unsere Slammesgenossen nicht nur im frühen und späten Min Halter, sondern bis zweifellos in die Milte des vorigen Jahrhunderts hinein in ökonomischer Be■ Ziehung gespielt haben, auch für die nähere Zukunft verbürgt erscheint. Die Arbeiten Theilhabers und vor allem Jacob Sc ga II1 haben uns nun ift den Stand gesetzt, an Hand brauchbaren statistischen Materials die wirtschaftlichen Aussichten der deutschen Juden mit einiger Sicherheit cinsehätzcu zu können. Zweifellos ist hiermit, wie auch das Resultat aus• sehen mag, viel, ja außerordentlich viel gewonnen, gibt cs uns doch die Möglichkeit, unsere Wirtschaft• liehen Schwächen zu erkennen und — falls die Energie und der Selbsterhaltungstrieb der deutschen Judcnheit dazu aiisreicht, — vermittels einer einheitliche n jüdischen Wirtschaftspolitik den Be- Strebungen entgegeiiziiarbeiten, die bewußt oder unbewußt darauf hinauslaufen, den wirtschaftlichen Einfluß der deutschen Juden znrückzudrüngcn. Ein Blick auf die Lage des deutschen Judentums vor ungefähr 50 - (».) Jahren, also in einer Periode, die mit dem Einsetzen eines systematischen Eiscnbahul),׳nies und dem Entstehen der ersten Kredit• banken den industriellen Aufschwung Deutschlands vorbereitete, zeigt, daß zu dieser Zeit der wirjschaft• liehe Einfluß der deutschen Juden In mancher Hin■ sieht niißcrordentlieh bedeutend war. Speziell im Bank fach lagen die Verhältnisse derart, daß man sagen kann, dal) die deutschen Juden, die heute nur noch einen Maclitfaktor, und durchaus nicht ein• mal mehr einen ausschlaggebenden darstellen, zu jener Zeit tatsächlich d i c Macht im Bankgewerbe waren. Den Einissionsmarkt beherrschte das Frankfurter Haus Rothschild, das heute, — sehr bezeichnend für die Wandlung im Kreditwesen, — sein Stammhaus aufgelüst hat. Und das, vielleicht zuerst im Scherz geprägte Wort, das ein deutscher Finanzininistcr, der sieli mit den Rothschilds nicht zu stellen verstand, ruhig sein Portefeuille wieder zurückgcbeu könne, hat sich, wie* die Geschichte der RotlischiUlsclien Emissionen beweist, manchesmal als zutreffend er• wiesen. Und außer den Rothschilds saß in Süddetitscliland (das Zurücktretcn der Frankfurter Börse hinter der mächtig aufstrebenden Rivalin an der Spree ist nicht ohne Einfluß auf die Entwicklung des jüdischeu Bankiertums in Frankfurt und im übrigen Süddeutschland geblieben), im Rheinland, in Hessen, Schlesien, der Ostmark und auch sonst in den aufstrebenden Mittel• und Kleinstädten ein alt-seßhafter wohlhabender jüdischer Bankierstund, der mit dem Wechsel• und Kreditgeschäft vielfach die Pflege eines umfangreichen Warengeschäftes (Baumwolle, Zucker, Warenkommissionsgeschäft) geschickt verband. Ganze andere Handelszweige, wie z. B. in Hessen und Süildcutschland der Pferde- und Viehhandel, wie ferner ein guter Teil des Posamentenvertriebcs lagen ausschließlich in den Händen von Juden, denen man ihr Monopol kaum irgendwie streitig machen konnte und wollte. Der soziale Aufstieg breiter jüdischer Schichten vollzog sich in dieser Zeit und den darauf folgenden zwei bis drei nächsten Jahrzehnten mit aullerordcntlicher Schnelligkeit, da die Zeit der entpersönlichten Riesenbetriebe noch nicht gekommen war und noch persönliche Beweglichkeit־ und geistige fortschreitenden Veräußerlichung des Lebens, des herrschenden Materialismus, der nationalistischen Kasuistik der streitenden Parteien wurde in den rcligiös empfindenden Volksschichten jene Wcltuntcr• ga״( *Stimmung, jene Erlösungssehnsucht erzeugt, aus der allein wir die Wirkung des Christentums, das der Verfasser ja richtig in seiner Urbewcgung als jüdische Schöpfung auffaßt, verstehen können. Daher geht cs doch wohl nicht an, z. B. von den graudioscu Visionen des Henoclibuchcs bei einer Dar- «iclluug der jüdischen Religion jener Zeit ״am besten l»nr abzusehen“, wie Lcszynsky will (S. 2(14) Man *M wohl nicht fchlgehcn, wenn man annimmt, daß Itr.nle bei diesen pseudoprophetischen Schriften noch wcs< nliehcre Interessen ausschlaggebend waren als die; ״rteinahme im Kampf der offiziellen Parteien. f' s überaus interessante Werk, dessen Vcrwcndbark.-it ein Sachregister erhöhen würde, wird auch dm Niditwisscnsclmftier fesseln. Die Resultate sei- Bcr Forschung hat Lcszynsky in einer kleinen Bro* •:hüte ״Pharisäer und Sadduzäer“ (im < Heit der ״Volksschriften über die jüdische Reli- 1311“ von I)r. lg. Ziegler, Frankfurt a. M., Kauff- ווויי5׳) in populärer, lebendig geschriebener DarstclliMR zusamm.agcfaflt. Prag. Robert Wcltsch. 'Wische Monatshefte für Turnen und Sport. O r K*11 der jüdischnationalen Jugend b c Weinnig, April 1913. Redaktion und Geschäfts- •Wie Berlin W 15., Blcibtrcustr. 25. Jälirl. M. 3,30. ‘5י״. Aprilheft dieser Zeitschrift enthält an lei- /Mer Stelle einen mit überzeugender Logik geschrie- 111«״ Aufsatz von Dr. Louis W e i n b e rg - Dort- und, der die gedanklichen Wege aufweist, auf denen 5™ jeder nationaler Jude zum Zionismus gelangen muß. ncßfriod Weitzmann-Charlottenburg bietet In sei- ‘W Aufsatz ״Der Jüdische Witz" eine psy- Tioiogiiche Studie, die gewiß zu dem Besten zählt, Elastizität, verbunden mit schneller Adaptionsfähigkeit, auf nllen Gebieten des Wirtschaftslebens den Mangel an Kapital paralysieren konnte. Die Wandlung, die sich seit der Zeit des indu- striellen Ausbaues Deutschlands vollzog, ist außerordentlich radikal gewesen und hat der Vorzugsstellung der Juden auf wirtschaftlichem Gebiet in mancher Hinsicht ein Ende gemacht. Am evidentesten ist der Umschwung im Bank- und Kreditwesen gewesen. Freilich ist nicht allein der jüdische Bankierstand von dem Wandel der Zeiten betroffen worden. Bekamst ist ja, daß mit dem Erstarken der Großbanken zu riesigen Geldreservoircn, in die aus tausend und abertausend Kanälen die flüssigen Gelder eines bedeutenden Teils der gesamten Volkswirtschaft geleitet werden, eine Konzentrat ioiistätigkcit eingesetzt hat, die unter den privaten Bankgeschäften gewaltig aufgeräumt hat und — ganz abgesehen von der durch die Wandelungen des Wirtschaftslebens bedingten Fruktifizicrung neuer Geschäftszweige — das ganze deutsche Baiikgcwcrbc auf eine neue Basis gestellt hat. Die Polypenarme der Großbanken haben Privatgeschäft über Privatgeschäft mifgesaugt; allein die Konzerne der Berliner Großbanken haben nach R i c s s c rs Ermittlungen bis September 19H nicht weniger als 197 Privatbunkgcsclüiftc in sich aufgenommen; hinzu kam, daß die Stempelgesetzgebung, das Depotgesetz und vor allem das vom Polizeigeist diktierte Börsengesetz die Reihen der Privatbankfirmen gewaltig lichtete. Da nun eben die Juden besonders stark im privaten Baiikgcwcrbc saßen und darin zum guten Teil ihr Wohlstand und vor allem ihr wirtschaftlicher Einfluß begründet war, wurden sie auch von dem Erstarken der Aktienbetricbc, die dem Bankier mit magnetischer Gewalt die Kundschaft entzogen, verhältnismüllig sehr stark betroffen. Nicht wenig wurde ihr wirtschaftlicher Einfluß auch durch die Uebcrgiingc gerade der großen, in ntühseiiger Arbeit von Generationen geschaffenen Bankiergeschäfte in Christliehe Hände infolge von Taufen und Mischehen (cs sei nur an die Kölner Oppenheims erinnert) geschwächt*). Heute liegen nun die Verhältnisse im Bankgewerbe ganz eigenartig; in einer Anzahl führender Institutc unter den Aktienbanken sitzen noch relativ zahlreiche jüdische Direktoren und Aufsichtsrätc und ihre Zahl hat sich — wie auch S c g a 11 konstatiert infolge der Ucbernahme der bisherigen Inhaber zahlreicher aufgesaugter Privatgeschäfte als Dirck* toren und Filialleiter in letzter Zeit noch vermehrt. Allerdings gibt cs dafür auch eine wachsende Zahl von Banken, deren Verwaltung ״judenrein“ gehalten wird, oder in der das Avancement jüdischer Herren in höhere Posten vom Ucbertritt zur Landeskirche abhängig gemacht wird. Der wirtschaftliche Einfluß der Juden in den Direktorenkollegien kann naturgemäß nicht sehr groß sein, der der jüdischen Privatwas bisher über diesen Gegenstand geschrieben wor den ist. An einigen Beispielen legt er dar, wie oft mals dort, wo der oberflächliche Beobachter nichts weiter als ein steriles Wortspiel zu sehen vermeint, die Sonne wahren Humors aus unscheinbarem Ge׳ wände hervorlugt. Er will den jüdischen Witz durch aus als Erscheinung unserer nationalen Kultur ge׳ wertet wissen und schließt mit den Worten: ״Niemand kann uns hindern, hinter diesen Geständnissen den Herzschlag eines Volkes zu hören.“ — Das Pro׳ blem der körperlichen Ausbildung der jüdischen Jugend in Rußland ist neuerdings für die Turnerschaft aktuell geworden, da sich ihr an einigen Orten neue Wirkimgsmöglichkcitcn geboten haben. Adolf N u 111 a n - Freiburg, der die Verhältnisse aus eige■ ner Anschauung kennt, behandelt die physischen Vor• aussetzungen, mit denen eine solche Arbeit bei unseren russischen Brüdern zu rechnen haben wird. — Einen breiten Raum nimmt ln dieser Nummer naturgemäß die Berichterstattung über den I. Turntag des deut sehen Kreises ein. Die Beratungen, die turnerischen und festlichen Veranstaltungen, werden noch einmal in fachmännischer und kritischer Weise gewürdigt Vom palästinensischen Turnerverband liegen Be richte vor aus: Jerusalem, Jaffa, Pethach-Tikwah Rischon le-Zion, Rcchofaoth, Ekron, Haifa, Sichren Jacob und Ucyruth. Der turnerische und sportliche Teil ist wie immer reichhaltig und Instruktiv. Dem nationalen Gedanken Ist das soeben er scliicncnc erste Heft des neuen (5.) Jahrganges der *ozJalrcligiöscn Monatsschrift ״Die Tat" (verlegt bei Eugen Dlcderlchs, Jena; Abonnement viertel׳ jährlich 3 M.) gewidmet. Es wird eröffnet durch einen Aufsatz von Christ lieh über Paul de Lagardc und eine Auswahl aus den Gedanken dieses ״echt-deutschen“ Mannes, der als enragierter Antisemit bei uns Juden verrufen ist Heute stehen wir, da wir uns innerlich freigemacht 1c *) Bekanntlich haben eine Anzahl getaufter Juden cn erinnere nur an den Gründer und Eisenbahnbauer Strausberg — Hervorragendes in Wirt* schaftlichcr Beziehung geleistet. haben, auch Gestalten wie Lagarde unbefangen, ohne Haß, gegenüber. Was er über das J udentum sagt, interessiert uns nicht: davon versteht er nichts, und wir sprechen ,ihm die Kompetenz ab, darüber zu reden. Was er aber von seinem Verhältnis zu seinem eigenen Volke sagt, interessiert uns in hohem Maße; denn er predigt eine höchste Auffassung des Nationalismus, der wahrhaft das Leben durchdringen soll, der aus dem großen Sehnen die einzelnen zu einer schaffenden Gemeinschaft zusammcnschmicdct. Sein leidenschaftlicher Radikalismus stellt die höchste Forderung: ״Nur daß ein neues Leben angefangen wird, nur darin liegt die Heilung der Krankheit, nicht darin, dafl man ein angeblich allein krankes Glied abscltnci(lt‘t und ein anderes, das nur beim Median!• kus zu beschaffen sein würde, dafür cinsctzt.“ — Wie schon au» den Worten Lagardcs die wesentliche Einheit nationalen und religiösen Gcmclnschaftsstreben* kund wird, so zeugen auch andere Aufsätze dieses nationalen Sonderheftes wie überhaupt die Tendenz der ״Tat“ von der vertieften Auffassung, die den Zusammenhang zwischen Religion und Nation in ganz anderer Weise erkennt als die gerade uns leider noch Immer so oft begegnende langweilige oberflächlichrationalistische Auffassung. Am deutlichsten wird dies aus dem Aufsatz Ernst Horncffcrs über ״Religion und Nation". — Paul Zaunert spricht über ״Volkstum und Entwicklung" und legt dar, welch große Bedeutung für die Erneuerung und Verjüngung eines Volkes die Ucbcrllcfcrung an alten Sagen und Mythen hat, In denen das, was das Volk unbewußt empfand, nämlich das Wesensverwandte, das Lebensgcheimnis in den Dingen, auf höherer Stufe mit Bewußtsein wieder aufgesudit wird. — Wir können aus vielen dieser um des deutschen Volkes willen gesagten Worten auch für unser nationales Streben viel lernen. Das Heft ist überdies noch reichhaltig. Prag. ־־ Robert Weltseh.