Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1913)
- Date
- 1913-05-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 178 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 18 Nach Herrn Dr. Klee sprachen die Herren Dr. Mos es •Mannheim, Kurt Bl u in e n f e ld ־ Berlin und Julius £ i ni o n - Mannheim, auf deren interessantc Ausführungen wir in der nächsten Nummer einfachen werden. Von seiten der national-jüdischen Verbände, gegen die die Resolution des Zeutralvcreins in gleichem Malte wie gegen den Zionismus gerichtet war, wurden Erklärungen abgegeben, die wir gleichfalls in der nächsten Woche veröffentlichen werden. Dr. Rosenkranz sprach für den ״Bund jüdischer Corporationell“, Dr. Hirsch für den ״Deutschen Kreis der Jüdischen Turnerschaft“ und Richard Licht* heim liir das ״Kartell zionistischer Verbindungen“. Im Schlußwort hob der Vorsitzende, Herr Dr. Hantkc, noch einmal hervor, daß die energische Abwehr, zu der wir jetzt gezwungen sind, unsere positive Arbeit im Sinne des Basler Programms keinen Augenblick zu verzögern vermöge und daß wir gerade jetzt mit doppeltem Eifer daran gehen würden, das deutsche Judentum mit der großen Schicksalsfrage unseres Volkes zu befassen, für Ausbreitung unserer altncucn Kultur und Sprache zu wirken und die Jugend mit nationalem Geiste zu erfüllen. Unter stürmischem Beifall des vollbesetzten Saales gelangte die folgende Resolution einstimmig zur Annahme: ״Die am 1. Mai d. Js. in Berlin versammelten Vertrauensmänner der Zionistischen Vereinigung für Deutschland weisen in Uebereinstimmung mit den Erklärungen ihres Zentralkomitees den Versuch des Zeutralvcreins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, sich zum Richter über die Anschauungen der deutschen Zionisten aufzuwerfen, als utigebührliclic Anmaßung zurück. De» Vorwurf mangelnder Vaterlandsliebe haben Antisemiten von jeher gegen das Judentum in seiner Gesamtheit erhoben. Nunmehr hat der Zentralverein die Waffe dieser Denunziation gegen seine eigenen Stammes- und Glaubensgenossen gerichtet. Nur Parteihaß konnte dazu verleiten mit dem vieldcutigen Wort ״Nationalismus“ gefährlichen Mißbrauch zu treiben und auf Grund willkürlicher Begriffsdefinition, Judentum und Deutschtum gegeneinander auszuspiclcn. Die nationaljüdisclic Gesinnung ist das Bewußtsein der Zugehörigkeit zum jüdischen Volke und der Wille, für seine Erhaltung und Entvvick* lung in der Zukunft durch Schaffung einer öffentiich-rcchtlich gesicherten Heimstätte in Palästina zu wirken. Diese Gesinnung stellt mit den Interessen keines Staates und keines Volkes in Widerspruch und kann die deutschen Zionisten niemals hindern, gemäß ihrer historisch gegebenen Stellung am politischen und kulturellen Leben Deutschlands tätigen Anteil zu nehmen. Die deutschen Zionisten haben bisher im Zentralvcrein deutscher Staatsbürger jüdischen Glanbens die Vertretung der staatsbürgerlichen Interessen der deutschen Juden erblickt und ihm deshalb ihre Mitarbeit nicht entzogen, obwohl der Zentralerem oft genug seiner Aufgabe nicht gerecht wurde. Nach der unerhöhrten Stellungnahme des Zeutralvcreins gegen den zionistischen Teil der deutschen Juden erklären die deutschen Zio- Bücher und Zeitschriften ״Wolken,“ Jargongcdichtc. (Gesungen vom Leben. — Vun mein Mummes Tiig. — Jüdische Toner.) Von Salamon Dembitzcr. Antwerpen, S. Kahan, Verlagsbuchhandlung. Preis 1 M. Ich möchte jedem Leser dieser Zeilen persönlich gegenüberstehen, um ihm recht eindringlich sagen zu können: ״Versprich mir, daß du dieses Buch kaufen und lesen wirst 1 Tu’s um deinetwillen, denn cs wird dich reich machen.“ Diese ״Gesänge vom Leben“, diese ״Jüdischen Töne“ kommen direkt aus dem Borne der jüdischen Volksseele, sind ״Volkslieder", zwar nicht im Sinne litcraturtcchnischcr Systcmathik; aber in der höheren Bedeutung als elementare Schöpfungen eines Ein- *einen, in denen das Volk mit Freude und Rührung seine eigene Seele weinen und jubeln hört. ״Volkslied“ ist nicht nur das Lied, das das Volk singt, ohne daß es den Namen des Dichters weiß, sondern sicherlich entstand auch da ein Volkslied, wo das Volk im Sänger seinen Sänger erkannte, und in seinem Lied das seine, das Lied des Volkes, das ״Volkslied". So sind Salamon Dcmbitzers ״Jargongcdichtc“ beschaffen. Auch von uns Westjuden wird keiner sic lesen können, ohne sich dessen bewußt zu werden, daß dieser Ostjude, trotzdem er von einer uns fremden Welt in einer uns fast ebenso fremden Sprache singt, doch auch für uns sie geschrieben hat, ein Jude für das jüdische Volk. Wenn man von ״Jargonpocsie“ spricht, so fällt einem unwillkürlich Morris Roscnfcld und sein Buch: ״Lieder des Ghetto“ ein. Diese Erinnerung wird in öembitzer noch bestärkt durch den Eindruck des ersten Gedichtes, das eine gedankliche Verwandtschaft mit dem Eingangsgedicht: ״Mein Lied“ von Rosenfeld weder im Titel noch im Inhalt verleugnet. Aber das ist nicht etwa eine ״Nachempfindung״ nisten den Zcntralvcrcin als unfähig und nicht mehr legitimiert, in Zukunft die Gesamtheit der deutschen Judenheit zu vertreten. Die Vertrauensmänner der Zionistischen Vercinigung für Deutschland fordern daher die deutscheu Zionisten zum Austritt aus dem Zentralverein auf. Sie halten es für dringend erforderlich, daß ein Verein gegründet wird, der unter strikter Wahrung der Neutralität in allen innerjüdischen Fragen für die Rechte aller deutschen Juden eintritt.“ Abends schloß sich an die Tagung eine Bespreclumg der Vertrauensmänner an, in der Fragen der Jugendpropaganda zur Erörterung standen. Nietzsches Stellung zu hi Zionismus Von Dr. Gustav W i t k o w 8 k y. Sichen Jahre vor dem Beginn des Zionismus als politischer Bewegung traf Nietzsche der geistige Zusammenbruch. Hält man sich nur an diese zeitliehe Tatsache, so möchte die Frage nach seiner Stellung zum Zionismus widersinnig erscheinen. In* dessen gibt cs unter den zahlreichen Acußcnmgcn Nietzsches über das Judentum auch solche, die das nationale Problem in so prägnanter Form behandeln, daß aus ihnen sich eine durchaus eindeutige Antwort finden läßt. Es soll von ihnen an dieser Stelle die Rede sein. 1111 11. Band der großen Nietzsche-Biographie veröf!entlieht Frau Förster-Nietzsche Briefe, die ein junger Wiener Gelehrter, Dr. Panctli, im Winter 83/il aus Nizza, wo er sich mit geologischen Studien beschäftigte, über seinen Verkehr mit Nietzsche an seine damalige Braut richtete. Fs heißt da unter anderem: ״Dann ging ich zu Nietzsche. Nach wenigen einleitenden Bemerkungen kamen wir auf den Antiscinitismus.,Er wünschte von mir zu wissen, was dem! unter den Juden für Hoffnungen da wären.“ Worauf ich ihm sagte, daß ich und die so wie ich dächten, gar nicht als Juden, als Rasse angesehen sein wollten, solidem jeder als Individuum; daß der Glaube an das nuscrwiililtc Volk mit dem Glauben an die fünf Bücher Mosis stehe und falle; daß cs für das Judentum nirgends eine Einheit, ein Zentrum gäbe. Fr wollte anfangs den Einfluß der Rasse verteidigen, gab es aber dann auf und stimmte mit mir überein, daß es reine Rassen nicht gäbe; .... Ais wir so vom Einfluß der Nationalität spredien, sagte er, der lasse sieb nicht leugnen; ein Faktum wie die französische Revolution liege im Blute jedes Franzosen. . , , Sein persönlicher Wunsch sei cs, daß die Juden mit den besten und edelsten Familien aller Länder in Verbindung trete!» sollten und so ihre guten Eigenschaften übertragen; es sollten das überhaupt alle Nationen. Und dann sollten die Juden als einzige und beste . — —— —— . -.'!"■» Dcmbitzers. Man hat vielmehr den Eindruck, als müsse jeder Ghettodichter mit diesen Gedanken sein Werk beginnen, mit diesem Gedanken, den Mosche Lilien, der jüdische Denker mit dem Zeichenstift so wunderbar symbolisierte, als er auf das Vorsatzblatt der ״Ghettolieder“ einen flammenden Altar setzte mit den Worten: ״Kodcsch l’amil“ (״Heilig meinem Volke!“) Ein ähnliches Wort thronte einst auf der Stirn des jüdischen Priesters; auch der jüdische Dichter ist in unserer Zeit ein Priester, der die Heiligtümer seines Volkes behütet. Daß Dembitzcr cjn wirklicher, echter Dichter ist, wird au dieser Stelle nicht zum erstenmal verkündet. Aber welch eigenartige Schönheit in seinen Liedern wohnt, das erfaßt nur der, der sie selbst liest. Schildern läßt sie sich 80 wenig wie der Duft einer Blume. Den vielen Lesern von Gorcliks ״Lieber Provinz“ wird dieses feine Buch den Wunsch gegeben haben, mehr über diese eigenartigen Menschen zu erfahren. Nun wohl, hier ist der Dichter dieser Menschen — gehet hin und lauschet! Noch einmal: ״Ich bitte euch, lest dieses Büchlein!" Es sind Lieder eines jüdischen Dichters. Oder meint ihr, daß wir deren schon so viele haben, daß wir cs uns erlauben könnten, einen von ihnen unbeachtet zu lassen . . .? Chöskel Zwi Klötzel. Rudolf Lcszynsky, Die Sadduzäer. Berlin 1912, Verlag von Mayer ßt Müller. Preis 6 M. Die Zeit, in die diese historische Monographie uns führt, ist zweifellos die religionsgeschichtlich be-!duldsamste Epoche des Judentums; es vollzieht sich die Entwicklung einerseits zum Rabbinismus, andererseits zum Christentum. Den Sadduzäern hat man seit jeher weniger Beachtung geschenkt; dagegen wurden die Pharisäer von der christlichen Theorie' als Folie für das Neue Testament!ungestaltet, wo- Wiederlegung eine Anzahl großer Manncr produzieren; denn die auf die man bis jetzt iiinweisen könne, Heine, Lassalle seien nicht rein genug. Semitismus als Schimpfwort zu gebraueben, sei eine Frechheit; etwas so Schönes, wie die maurische Kultur Spaniens hätte es In Europa nicht wieder gegeben, immerhin schien er zu erwarten, daß die Juden als Volk ein besonderes Ideal hätten, und war etwas enttäuscht, als ich davon nichts wissen wollte und jede Ausnahniestellimg abklmtc; die Wiederauf rieht u 11 g des Reiches Palästina in i t Oute oder Gewalt verbat ich mir aufs Entschicdcnstc. — — — Ich erwähnte dann, daß die Juden, die so wie ich dächten, ihre jüdischen Traditionen ja verloren hätten; für mich sei das Faktum, im B r ü c k c s c 11 c n Laboratorium gewesen zu sein, maßgebender als mein Judentum. ״Ja, aber diese von Allem losgelösten Geister,“ sagte er, ״sind gcfahr lieh und verderblich.“ ״Es sind die freien Geister in Ihrem Sinne.“ ״Ja, aber freie Geister sind gefährlich und verderblich.“ ״Zunächst,“ sagte ich, ״ist man wie man sein kann, nicht wie man sein sollte oder möchte; (usw.).“ Mit alledem schien er einverstanden.“ Die Acußerungen des Assimilantcn sind typisch. Die Ableugnung des Einflusses von Rasse und Nation, die geringe Wertung des Judentums, der Stolz auf die Losgclöstiu'it von jeder Tradition. Wer kennt diese Gesinnung nicht aus zahllosen Gesprächen mit ״freidenkenden“ Juden. Um so interessanter sind uns naturgemäß Nietzsches Anschauungen. Es scheint ihm ganz natürlieh, daß die Juden ein nationales Ideal haben und er ist enttäuscht, das Gegenteil zu hören. Ungemein reizvoll ist cs, sich vor/.ustellen, was dieser feine Psycholöge empfunden haben mag, als der Jude sich voller Entrüstung die Wiederatifrichtung des Judcnlandcs verbat. Daß Nietzsche schließlich mit ihm ״übereinstimmte“, ״mit alledem einverstanden schien“, — cs wird wohl so gewesen sein. Nur darf man nicht vergessen, daß es Nietzsches Art war, im Gespräch sehr zurückhaltend 7.u sein, und, wo er auf Wider- Spruch stieß, taktvoll zu schweigen. Eins ist jedenfalls sicher, daß Nietzsche in jener Sorte ״freier Geister“, zu denen sich der Assimilant stolz bekennt, nicht den Typus des höheren, des durchaus ״wohlgeratenen“ Menschen sah, dessen Erzeuguug ihm der Sinn des Lebens schien. Nietzsches Freund, Prof. Overbeck nennt ״diese Begegnung eine der folgelosestcn, von der in seinem Leben zu erzählen ist.“ Abgesehen von diesem Urteil läßt sich auch aus seiner Philosophie der Beweis, erbringen, welchen Wert der Verteidiger der ״Rangordnung“ auf Tradition, Kaste usw. legte. Im Jahre 1886 schreibt er: ״Es gibt nur Geburtsadel, nur Geblütsadcl (״- ich rede hier nicht vorn Wörtchen ״von“ und dem Gothaischcn Kalender: Einschaltung für Esel). Wo von ״Aristokraten des Geistes“ geredet wird, da fehlt cs zumeist nicht an Gründen, etwas zu verheimlichen; cs ist bekanntermaßen ein gegen sich wieder die jüdische Apologetik, die die Meister der Mischnah nicht herabwürdigen lassen konnte, gewendet hat. Die Sadduzäer gelten seit Geiger und Wcllhauscn als ״die Partei der Priester mit vorwiegend oder ausschließlich weltlichen Interessen“. Dieser herrschenden Ansicht tritt nun Leszynsky entgegen; nach ihm sind die Sadduzäer jene Gruppe, welche nach einem hellcnistisch-assimilatorischen Intermezzo durch die Makkabäersiege zum Judentum zurückgeführt wurde. Der Masse des national gebliebenen Volkes, das die alte, volkstümliehe Tradition nie verloren hatte, steht jetzt dieser Adel gegenüber, der, in der fremden Kultur aufgewachsen, nach der Rückkehr zum Judentum nur an das schriftliche Gesetz anknüpfen konnte. Die Sadduzäer haben, wie später die Karäer, die Verbindliehkeit der Tradition geleugnet und nur das schriftliche Gesetz anerkannt. Daraus erklären sich im Grunde alle Gegensätze der streitenden Parteien. Diese Auffassung belegt Lcszynsky durch Intcrprctation der Quellen und zahlreiche Beispiele aus dem Talmud. Er stützt sich außer auf Joseplius, Apokryphen, Pseudoepigraphen und Evangelien, vor allem auf die vor kurzem in der Gcniza von Altkairo auf* gefundenen Fragmente der hebräischen Schrift einer jüdischen Sekte, die der Verfasser mit Schlechter als sadduzäiseh erkennt. Die Sadduzäer gerieten in den heftigsten Streit mit den Lehrern und Führern des Volkes, die die nationalen Bräuche verteidigten; doch sahen sich diese, um ihren Standpunkt wirksamer vertreten zu können, genötigt, die ganze Tradition aus den Schriftworten herzulcitcn oder in sic hineinzudeuten. Dadurch siegt eigentlich das Prinzip der Sadduzäer, während die Partei selbst verschwindet; ״ohne Sadduzäer kein Thorastudium, keine Mischna, kein Talmud, kurz, kein Judentum.“ — Anfechtbar erscheint mir die Behandlung der apokalyptischen Literatur, die mir doch zu wenig der Stimmung jener Zeit Rechnung zu tragen scheint. Denn infolge der