Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1913-04-25 · Heft 17 (25.4.1913) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 17 (25.4.1913)
Date
1913-04-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2651273-2651815-2651833--08917-2666203
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 170 JU ED ISCHE RUNDSCHAU Nr. 17 Versammlung in Pilsen ״Die orientalische frage und der Zionismus“ behandelt. In Hoden hach führte ein Vortrag über ״Zionistische Arbeit und ihre Erfolge“ am 15. M ii r /. zu dem Beschlüsse, in Bodenbach einen Verein /u gründen, (ilan/enile Versammlungen fanden nacheinander am 10., 17. und 18. März in Brüx, Tcplitz und Koinolaii, statt, wo Herr Blumenfeld über ״Probleme im ino* dernen Judentum“, ״jüdische Minimalprogramme“ und ״Die Juden als Nation" referierte, ln diesen Orten kam es zu enthusiastischen Kundgebungen für den Zionismus. Doch scheint schon jetzt festzustehen, daß die Wirkung eine nachhaltige sein wird. Am 10. März sprach der zionistische Referent in Reichenberg über ״Assimilation oder Zionismus“, am 20. März in Traute 11 au über ״Zio nistischc Wirklichkeit und assimilatorische Utopien", am 23. März in E g e r über ״Die Zukunft der Juden". In Prag wurde am 22. März eine grolle Massenversammlung veranstaltet, in der Herr Kurt T I u in c n f c I d über ״Zionismus und Liberal»• mus" sprach. Diese Versammlung war von sehr vielen Nicht/iouisteii besucht und das überaus sad liebe Hof fl Actions-Comüe in Oesterreich entfaltet worden ist, dieses Land allmählich wirklich zu einem zionistischen Musterlaude machen, das es bisher, trotz aller Arbeit, doch nicht gewesen ist. n jWnt/ioinsteii nesuent unu uns uncraus saai- Referat war auf sie von tiefgehender Wirkung. Hoffentlich wird die Propagandatätigkeit, die vom Die Konferenz der ostjüdischen Studenten in Westeuropa Ein Epilog. Die 37 Delegierten von 27 Vereinen und 23 Städten, die sich da in Zürich zu einem Ko 11 grell der o s t j ü d i s c h e n S t ti d e 111 e 11 v e r e i 11 e Westeuropas versammelt und vom 7. bis iitJcl. 13. Mjiv. beraten haben, streben nichts Geringeres an, als eine Zentralisierung der gesamten kulturellen, ökonomischen und akademisch-beruflichen Arbeit, die der Ein/elvcrein nur ungenügend, also schlecht leisten kann, da es ihm immer an geistigen Kräften und materiellen Mitteln gebrich», die schönen Programm• ziele, die sich jede Korporation setzt, zur Ausführung zu bringen. Vertreten waren bloll Vereine, die keine politischen Zwecke verfolgen. Man befürchtete nicht mit Unrecht, dal! eine Konferenz, deren Teilnehmer in ihren Entschliellungcn durch die politische färbe des Vereins, den sie vertreten, von vornherein imperativ gebunden sein müssen, keine praktische Arbeit leisten und über ein müßiges Debattieren nicht hinauskommen kann. Das soll nicht sagen, daß die Züricher Kon• gressisten politisch geschlechtslos waren. Man sali dort neben einer Minorität von Parteilosen 0 Poale• Zionisten, 7 Zionisten, 5 ״S. S.", 3 ״Serp“ und 3 Territorialistcn, aber keiner kam im Aufträge und mit den Direktiven einer politischen Vereinigung. So konnte es geschehen, daß die leidige Sprachenfrage — der gefährliche Konfliktsstoff aller Versammlungen von Ostjuden — in Zürich zwar nicht ausgeschaltet blieb aus den Verhandlungen, aber doch sehr viel von ihrer sonstigen Schärfe cinbüßte. Dazu mag nicht wenig beigetragen haben, daß in seinem Referate über ״die Aufgaben des künftigen Zcntralvcrbandcs" Dr, Natluin Birnbaum, den der Kongreß zum Ehren- Präsidenten gewählt hatte, über den Sprachenstreit sehr gemäßigt sprach und für das Hebräische — dessen obligaten Unterricht er in den jüdischen Schulen forderte — begeisterte Worte fand, die im Munde des alten leader des Yiddisch viel Verwunderung erregten. Was über alle Parteischattierungen hinweg in Zürich einen Willen zeugte, das war die Erkenntnis von der dringenden Notwendigkeit eines hartnäckigen und systematischen Kampfes gegen die assimilierenden Tendenzen in der ostjüdischen Intelligenz. Und die Kampfmittel, darüber waren sich alle einig, können nicht papierene Resolutionen sein und Blufidemonstra• tionen. Was nützt cs, noch soviel und noch so scharf gegen die Schmadbcvvcgung zu protestieren, die sieb durch geharnischte Verwahrungen nicht aufhalteu läßt? Die Parole des Kongresses war; cs gibt nur ein Mittel der Entjudung, die in der Intelligenz, so furchtbare Ernte hält, entgegenzuwirken und dieses ist; strenge nationaljüdischc Erziehung, die in der frcmdnatioiialen Schule vergiftete Seele des jungen Juden durch intensive Beschäftigung mit der jüdische« Kultur vor einer ״Erlösung durch Ucbertritt" recht• zeitig zu bewahren, kurz, zuerst den jüdischen Stu• deuten zum Volljuden und dann diesen zum Bildner der jüdischen Volksmassc zu machen. Ucbcr das ״Wie" war man sich nicht unklar. Man weiß, daß die nationaljüdischc Schule die einzige Grundlage ist für eine jüdische Erziehung. Man wird mit der Volks• schule anfangen müssen, aber heute schon ist eine jü• dischc Universität dringendstes Bedürfnis und wichtige Bedingung für die Erhaltung unserer Art. Es wirkte darum wie eine Befreiung, als auf dem Studenten• kongresse der Vertreter des E. A. C., Berthold Fei• w e I, unter freudiger Erregung der Delegierten mitteilen konnte, das Problem einer jüdischen Univcrsitat werde - in der einen oder mideren form ״ ־ in nicht mehr all/uferner Zeit einer Lösung zugeführt werden. Aber was soll, muß beute schon geschehen, den einzelnen Verein in der Ausbildung seiner Mitglieder zu fördern? Die ״Organisierung der Kulturarbeif“ bildete den wichtigsten Bcratimgsgegeustand. Das Referat zu diesem Punkte, ebenso wie die folgcmlc Diskussion ließen keinen Punkt iincröricrt, der nur irgendwelchen Zusammenhang mit dem behau- (leiten Thema haben konnte. Errichtung von Warnler* hihliotheken, Austausch von geistigen Kräften, die Gründung einer Zentralbibliothek, Schaffung einer jüdisclicn Bibliographie, Subventionierung von Dissertatioucn, die die Wissenschaft vom neuen Jmlcutunie und die jüdische Oekonomik zum Gegenstände haben, Wanderkurse für jüdische Geschichte und Philosophie, Herausgabe eines jüdischen Bädeeker über alle denkwürdigen und für den jüdischen Reisenden seitens• werten Golutbstlitten wie Heidelberg, Worms, Krakau, Prag usw. — man sieht, es sind nicht geringe Dinge, die sich die Züricher aiiszuführcn vorgcnoinmcn haben. Zu diesem Punkte mag noch der beifällig aufgcnoinmene Vorschlag ßerthokl F e i w e I s erwähnt werden, der empfahl, in Deutschland für ostjüdische Studenten eine jüdische Fcrinlhochschulc zu errichten, für die sich Kräfte zur Verfügung stellen würden, an die mau bis heute noch niemals gedacht hatte. - Der zvveitwiehtigste Punkt der Tagesordnung war ״die ökonomische Lage des jüdischen Studenten". Es gibt an den Universitäten pseudo-russische Unterstützungskassen, die, von jüdischem Oelde genährt, Herde der Assimilation sind. Diese Kassen zu ״judaisieren", in den Orten, wo solche noch nicht existieren, rein jüdische zu gründen, gehört zu den nächsten Aufgaben der neugcwählten Leitung. Schließlich wurden noch die ״Standesfragen des jüdischen Akademikers" behandelt, nachdem die Studeuten Deutschlands in besonderen Sitzungen über die Klinikerfragc beraten hatten. Die neue Organisation gab sich ein Statut und wählte eine siebengliedrigc Leitung. Der Zentralverband wird eine Monatsschrift ״Der jüdische Student" herausgeben, der Informationen in jiddischer, Artikel in jiddischer und hebräischer Sprache bringen und der Erörterung aller die kulturellen, Ökonomischcii mul akademischen Fragen des jüdischen Studenten betreffenden Angelegenheiten gewidmet sein wird. Die Delegierten gaben der Züricher Judenschaft ein Meeting, die Züricher Ortsjuden durch ihren Bildungsverein den Delegierten einen musikalisch-literarischen Festabend. Meeting und Festabend verliefen glänzend. Die Vater kehrten zu ihren Söhnen heim und die Söhne zu ihren Vätern. War der Kongreß der 27 nichtpolitischen Vereine, die über 1Q0Ü Mitglieder aus Deutschland, Belgien, Frankreich, Oesterreich und der Schweiz repräsentieren, ein zionistischer Erfolg? Eine müßige Frage. Die Züricher Konferenz hat gutjüdische, also zionistische Arbeit verrichtet. Die Versicherungen, dem neuen Stuiientenvcrbande tatkräftig beizustchen, die Berthold F e i w e 1 im Namen des E. A. C. in Zürich abgegeben hat, werden getreulich erfüllt werden. S. Patästina-Rclse-GescIIschaft e. V. in Hamburg Die Generalversammlung der Gesellschaft findet statt am Sonntag, den 27. April er. (1. Tag Chol-ha- Mocd Pcssach) im Bureau des kgl. Notars Dr. Victor, Wandsbek, Lübecker Straße 20, um 11 Uhr vormittags. Tagesordnung: Bericht, Verlosung, Wahlen. Eine national-jüdische Woche Die verflossene Woche stand im Zeichen der Stellungnahme zur Resolution des Zentral Vereins. Am Montag, den 14. d. M. fand ein Diskussionsahciul im hiesigen Jüdischen Turnverein Bar Koch ha statt, der sich mit diesem Gegenstand befaßte, am nächsten Tage vereinigte die Zionistische Ortsgruppe ihre Mitglieder zu einer Aussprache über aktuelle Fragen, welche Herr Dr. Unna mit einem Referate über das Thema:• ״I )er Zionis m u $ i nt K a nt p f c“ cinlcitete. J einer gab der Vorsitzende, Herr Leopold Landau, bekannt, daß das Israelitische Familienblatt dem Vorstand der Ortsgruppe mitgeteilt habe, es halte s i c 11 11 i 1:1! t a 11 tl 1 e z w i s c h e ti s c i n e m f r ü h c - reu Redakteur Eduard L c vin s o n und der Ort s g r 11 ppe gctroifcncii Vcrcinbarunr K « b ‘י « d e u und verweigere Anzeigen und Versammlungsticrichten der Ortsgruppe nach wie vor die Aufnähme. Von einer besonderen Resolution mit Bezug aut das Verhalten des Zentral Vereins wurde Abstand genommen nachdem Herr Dr. Unna unter dem lebhaften Beifall der Versammlung erklärte, daß cs auch ohne Resolution für einen jeden Zionisten eine Selbstverständlichkeit sei, aus dem Zcntralvcrein auszutreten. Am gleichen Abend fand eine Mitgliedcm rsamm- 111111׳ des Jüdischen Jugeudbumles Hamburg statt in welcher die Wahlen zum Frankfurter Delegierten, tag des Verbandes der Jüdischen Jugcndvcrcinc vor*, genommen wurde. Gewählt wurden die Herren Rechtsanwalt (1 o 11 s c 11 a I c k , Leser und $ i |. b e r Inr g und I rl. (irete L i p s t a d t. Die Ikratunj über eine von unserem Freunde Dr. Kalmus eingebrachte Resolution, welche der Erwartung Ausdruck gibt, daII der Vertreter des Zcnlralveteins, nachdem der Zcntralvcrein den Boden der Neutralität verlassen habe, seinen Silz, im Verbandsvorslaiidc iiicderlcge wurde vertagt nachdem sämtliche anwesenden f)ele! ios band« gierte erklärten, für die Forderung dieser Resoluti! im Interesse der ferneren Neutralität des Vetbanc! i!1 Frankfurt einziitreten. Am Donnerstag, den 17. 11. M. fand eine größt ö f f e 11 11 i c h c P r o t 0 s t v c r s a in in I u n g statt, zu welcher die sieben jüdisch-nationalen Organisationen Hamburgs, der ltc/irksvcrhand Hamburg des B. I.C. die Hamburger Altherrenvereinigung des K. Z. V., der Herzl-Cltib Hamburg, der Jüdische Turnverein' Bar Kochba, die Misrnäii-Uruppc, die Zionistische I rauen- Vereinigung und die Zionistische Ortsgruppe eingeladen hatten. Der große Saal des Logenhauses wclckerstraflc, war bis auf den letzten Platz gefüllt! Den Vorsitz führte Herr Dr. Ernst Tuch, welcher einleitend mitteilte, daß der angekündigte Referent unser Freund Licht heim, verhindert sei, und im letzten Moment unser Freund Dr. Max Besser eingesprungen sei. Sodann erteilte er Herrn Dr. Besser das Wort, welcher etwa folgendes ausführte; In früheren Zeiten bildeten Religion und N'ationalität so starke Scheidewände zwischen den Völkern, daß die Gefahr völliger Assimilation größerer Teile des jüdischen Volkes niemals so akut Werden konnte wie in der Gegenwart. Niemals vorher ist von Juden der Untergang des eigenen Volkstums so systematisch propagiert worden wie in unseren Tagen. Die Epoche der Judencmaiizipation brachte eine geräuschlose Assimilation, die das selbstverständliche Ideal des gebildeten Juden wurde. Je größer aber der Anteil wurde, den die Juden an der Gestaltung der modernen Kultur heischten, uni so entschiedener wurde das Nein, das ihnen cntgegenschallte. Die Reaktion der nichtjüdischen Umgebung erfolgte in der Form des Antisemitismus, die Reaktion innerhalb des Judentums in der Form der jüdischen Renaissaiice-ilewe• Kling. Der Zionismus war ein Ausdruck dafür, daß uas Judentum nach neuen Lebensformen suchte; mit seinem Auftreten begann der Kampf zwischen erhaltenden und zerstörenden Kräften innerhalb der deutschen Judenheit. Das Auftreten Sombarts und die Knustwartdebatte bildeten bemerkenswerte Ejiisoclcn inner• halb dieser Kämpfe. Die Gegner der national-jwA• sehen Anschauung schieden sich in drei Gruppen: solche, die ein völliges Hinein wachsen in christlich• germanische Kultur erstreben, solche, die das Judentum in der Form der Konfession unter Ab-trcifung aller nationalen Besonderheiten erhalten zu sehen wünschen, und schließlich die Vertreter einer 1110• nistisch kosmopolitischen Anschauung, die eine Lösung der Judenfrage von der Beseitigung aller konfessionellen und nationalen Unterschiede erhoffen. Gegenüber diesen Gegnern haben wir unseren Willen, eine Nation zu bleihen, vom Standpunkt einer hohen Weltanschauung zu begründen. Eine rein ökonomische Begründung würde national-jüdisches Streben in der , Diaspora nicht rechtfertigen; auch eine IfeweMüh* rüng auf biologischer Basis allein führt uns nicht zum Ziele. Unsere Antwort lautet; Die erfolgreiche Assi• milation wurde für die Menschheit einen Verbot an kulturschopfcrischen Kräften bedeuten. Nur dtirdi die Entfaltung unserer nationalen Eigenart, unsereinnersteil, wahrsten Wesens, können wir Vollmenschen werden und Kulturmenschen schaffen, können wir auch an der deutschen Kultur produktiv niitwirken. — Mit seiner Resolution gegen den Zionismus i-t der Zeniralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glau* bens aus dem Bereich akademischer Disku-•innen in das Stadium aktiver Abweltrpoüiik eingetreteii. Sei» bisheriger Zweck, die Wahrung der staatsbürgerliche• Rechte aller deutschen Juden, ist auch von <11! /io* nisten stets als berechtigt anerkannt worden. Da• durch, daß er einen Teil der deutschen Juden eigen ihrer Gesinnung aus der Organisation aiissiDießt, hat er sich als die Vertretung einer bestimmten Rieh• tutig innerhalb des Judentums konstituiert um sich des Rechtes begeben, im Namen aller dtiiuihcn Juden Gleichberechtigung zu fordern. Der Autral• verein ist eine Organisation, die nur durch ein .! ißcr* licltes .Moment, den Kampf gegen den Aniiscmiti-iitus, zusntnnungehahen wird, nicht durch eine Au-chauung, die positive jüdische Lcbcnsinüglichkcitcn ',er• heißt. Was nützt der viclbctontc Stolz auf die jä* dischc Geschichte, wenn er nicht vcrlteißungs' oll in die Zukunft weist! Welchen Inhalt sollte in diesem Kreise das Wort von der ״jüdischen Renaissance“ haben, auch wenn es ehrlich gemeint war! Der Be־ Schluß gegen uns ist nicht aus einer geschlossenen jüdischen Weltanschauung, sondern von der Angst vor dem Antisemitismus diktiert. Wir protestieren gegen die Zweiteilung des Zionismus; es gibt nur einen Zionismus, und der ist jüdisch-national! Wir protestieren dagegen, daß man durch die kritiklose An• Wendung des Wortes ״deutsche Gesinnung“ unseren Patriotismus zu verdächtigen sucht. Jüdisch-nationale Eigenart bedeutet nicht Separation, sondern Diffe־ renzierung, nicht Gegensätzlichkeit, sondern Eigen• art. Auf dieser Basis hoffen wir ein Verhältnis gegensediger Achtung zwischen uns und den Nichtjude« zu schaffen. \!?■ 1;

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.