Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1913)
- Date
- 1913-04-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 159 Pessach- Fragen Von Josef Lin• Berlin. Mit vier Fragen wird der Seder, Israels Volks- Irnldings-Feier, eingeleitet־, ein vielsagendes %m* bol, Denn wer hätte soviel Fragen an »las Schicksal, an •ich selbst, an die Mitwelt zu richten, wie wir Juden? Nur ist die Antwort nicht immer gleich gcgclnn, wie zu Beginn der Hagadnh — wenn auch das ״A"intim kojiuu" gar manches erklärlich machen kaue. Mitunter allerdings wollen wir gar keine Antwort haben — weil wir entweder eine solche fürchten oder an der eigenen Rätselhaftigkeit Oenub veispnren , . . Und auch hierbei geht es wie bei der allgemeinen jiidisihen Ueberlieferung zu. Da gibt es eine kodifj/ime und eine mündliche Lehre, -- und zu den eie! mi ״Ma nischtano?“ festgelegten Fragen mögen in »ms am Pessach gar viele andere noch auftauchen. zunächst dieser Pharao — was war das für ein somit 1 barer Judenverfolger? Dali er die Wohltaten vcii ib, die Josef seinem Lande geleistet hatte, kann n\;1 nicht wundernehmen. Hierin gleicht er den Judenfressern aller Zeiten und Länder. Ebenso mag cs bcgi«!flieh sein, dali er die Judenmädchen von seinen Vctnichtungsmaßrcgvln ausschloß und sie nicht in den rini; iiiiieimverfcn ließ. Werden doch die Jüdinnen auch von manchem modernen ״Patrioten“-bevorzugt. Geradezu klassisch ist Pharaos Befehl, alle neu-!;eh« neuen Judenknaben ins Wasser zu werfen, - und man kann sich nur darüber wundern, daß dieses cbcii-o einfache wie sicherwirkende Mittel keine weitere Nachahmung gefunden hat. Da plagt sich mancher moderne Staat mit der vermaledeiten Judenfra.,< ab und muß in seiner Not zu komplizierten Judciigesetzen, Verordnungen, Abwehrmaßregeln, admiiu-trativen Maßnahmen, Prozenlnormen, Wohnfcthi-beschränkungen, Senatsverfügungen, Ritualmord- Prozessen und dergleichen mehr umständlichen Mitteln zur Bekämpfung der ״Judengefahr“ Zuflucht liehmen — während es doch viel einfacher und für die Juden selbst weniger qualvoll wäre, sie nach Pharaos Art im Flusse zu ertränken. Wie schwächlich ist doch dagegen das Wasserheilmittel, das in der modernen Zeit in der Taufe zur Lösung der Judenfrage hegülMigt wird! . . . Zeigt sich nun Pharao hierin als konsequenter und ziclbewußter Judenvernichter, so erscheint da- *’«•gen ganz, unbegreiflich seine hartnäckige Weigerung, die verhaßten Juden aus seinem Lande fortziehen zu lassen. Wenigstens vermögen wir, Kinder der Neuzeit, dies nicht zu verstehen. Statt Judenausweisungen - Juden-Festhalten! Ist cs nicht etwas ganz Verkehrt cs, Zweckwidriges, Unsinniges? Da muß inan doch anerkennen: der Fortschritt, den die Juden- Politik der Kulturvölker auf dem Wege vom Nilus über den Tajo nach der Newa gemacht hat, ist in der Tat ein sehr beträchtlicher. So hat einmal, gleichsam um diesen Fortschritt zu beleuchten, ein russischer Gouverneur eine Anzahl Juden gerade zu Pessach ausgewiesen. ... Ja — wir Kinder der Neuzeit, die wir Jmlenausweisungen täglich miterleben und sie schon beinahe als ein Grundgesetz, zur Bekämpfung der ״Judengefahr“ zu befrachten gewöhnt sind: wir können Pharaos Judcn-Festhaltungs-Mcthode nicht bcgreifen. Und wir fragen dabei vergeblich: ״Ma nischtano?“ ״■ ~ Und noch viele, viele andere Fragen tauchen, ach, heim Nahen des PessaehfestCH in unserem Innern auf. Wo bleiben die Wunder, die einst zur Erlösung Israels führten? Wo der Moses, der die Sendung zur Befreiung seines Volkes vollbrachte? Wo die ITuiersäiile, die diesem Volke auf der Wanderung voranleudiUie? Und wo bleibt dieses Volk selbst, »las einst der Sklaverei in seiner Gesamtheit den Rücken gekehrt? Können Jahrtausende des Golus nicht «las bewirken, was Jahrhunderte in Mizrajim vermocht hatten? .. Wohl zieht ein neuer Frühlingshauch durch Judas Lager, -- wie groß aber ist doch noch die Zahl der welken Blätter, der verdorrten Zweige! Werden sich diese neu verjüngenI? — — Ma nischtano? Wurum sind wir darin anders als die anderen? Ein jedes Volk kämpft geschlossen, hingcbungsvoll um seine nationale Freiheit und Ehre. Wir aber, die Auserwählten, seit unzähligen Geschlechtem Zeugen und Erzeuger edelster Kulturwerte ־ wir müssen gegen unsere Eigenen mühselig ankümpfen, auf daß sic ihren Selbstwert erkennen, dem nationalen Freiheitsstreben zumindest keine Hindernisse in den Weg legen 1 Ma nischtano? Im Innern und nach außen: Warum sind wir schlimmer daran als die andern? — Pessach-Fragcn, das Moraur in unserer Festfreude — wer erteilt die Antwort darauf? Der Kampf des Zentralvereins gegen den Zionismus Presseschau — Stellungnahme der Königsberger Repräsentanz — Die el■ sässischen Juden — Eine Reminiszenz Der ungewöhnliche Schritt, den der ״Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ durch den Ausschluß seiner zionistischen Mitglieder unternommen hat, hat naturgemäß innerhalb des Judentums sowohl wie in der allgemeinen Presse einiges Aufsehen erregt. Was zunächst die allgemeine Presse betrilft, so muß gesagt werden, daß der Zcntralvcrein, soweit wir sehen können, vorbehaltlosen Beifall eigentlich nur bei der ״S t a a t s b ü r g e r - Z c i t u n g“ findet, die den Inhalt der Resolution widergibt und triumphierend iiusruft: ״Also ״antisemitisch“ im wahren Sinne des Wortes! Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens predigt hier antisemitische Lehren* von denen Herr Liebknecht sagt, daß man sich ihrer schämen müsse.“ Wir wissen natürlich sehr wohl, daß in dieser Anerkennung ein gutes Stück demagogischer Heuchclei liegt. Aber es muß doch daran erinnert werden, daß gerade jene Herren vom Zcntralvcrein gar so gerne uns als Schrittmacher des Antisemitismus hinzustelkn belieben. Nach dieser kompromittierenden Anerkennung wäre es aber wohl gut, wenn man auf jener Seite endlich einmal aufbörtc, den Beifall, den irgendein radauantisemitisches Organ dem Zionismus aus agitatorischen Gründen zollen zu müssen glaubt, gegen uns auszuspielen. Die ״Kreuzzeitung" erkennt dem Zionismus zwar die größere Ehrlichkeit zu, bemerkt aber zur Resolution unseres Zentralkomitees, daß sic der Tat- Sache nicht genügend gerecht werde, ״daß Deutsch* land ein nationaler Einheitsstaat sei.“ Im übrigen muß anerkannt werden, daß die Presse fast ohne Ausnahme ihre neutrale Haltung in der Angelegcnhcit dadurch dokumentiert hat, daß sic unserer Gegenerklärung in bereitwilliger Weise Aufnahme gewährt hat. Der vom ״Zcntralvcrein“ erhoffte Erfolg ״nach außen“ dürfte ausgcblicben sein. Die liberale jüdische Presse macht heute noch einen etwas betretenen Eindruck und hat noch nicht recht Stellung genommen. Bemerkenswert ist, daß selbst das ״Israelitische Familienblatt“ in Hamburg schon, bevor es von unserer Erklärung Kenntnis hatte, sehr richtig vorausgesehen hat, daß wir uns auf die künstliche Zweiteilung der deutschen Zionisten, die die Zcntralvereinsrcsolution vornehmen möchte, nicht einlasscn würden. An unserer Erklärung selbst hat cs natürlich manches auszusetzen. Der ״Israelit“ mißbilligt die ״ganze Veran- Stallung des Zentralvcreins entschieden“, findet aber in einem Leitartikel, den er der Angelegenheit widmet, wieder den bekannten väterlich mahnenden Ton, den wir so wenig zu schätzen vermögen. Die Königsberger Repräsentanten• Versammlung hat als erste ihr Mißfallen über den ״neuen Kurs“ im Zcntralvcrein durch Annahme der folgenden Resolution zum Ausdruck gebracht: ״Die Repräsentantenversammlung bewilligt auch in diesem Jahre wieder 150 M. für den Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, jedoch in der bestimmten Erwartung, daß der Verein sich fortan von jeder einseiti• gen Parteinahme gegen einzelne Teile der deutschen Juden fernhalten werd c.“ Naturgemäß versucht man dem an sich wenig befriedigenden Ergebnis der Tagung durch eine starke Versammlungspropaganda tiachzuhelfcn, und, wir berichten an anderer Stelle (siehe Vereinsnachrichten) über eine ganze Reihe von Versammlungen, in denen Vorstandsmitglieder das Vorgehen des Vereins mit zweifelhaftem Erfolge zu verteidigen suchten. UebcraU waren unsere Freunde auf dem Posten und es gelang ihnen, das blamable Vorgehen der Herren in seinen letzten Motiven und Konsequenzen darzulegen. Besonders lehrreich wird für den Zentralverein die Lektion sein, die er im Elsaß erhalten hat. Denn die dortigen Juden denken gar nicht daran, es in der vom Zcntralvcrein geforderten ״deutschen Gesinnung“ den geblieben und schließt bei sewach pessach. Uebcr Rschono habo b’iruscholajim sind zwei dicke Striche gezogen, schräg übereinander, wie ein umgefallenes Kreuz. Auf die kleinen harmlosen Lieder k» lau uoc, adir Im und chad gadjo verzichtete der jüdische Lehrer gleichfalls. Warum? Die Lieder sind doch ungefährlich. Weder religiös noch national im eigentlichen Sinne. Sie stammen ursprünglich aus Deutschland und sind im Laufe der Jahrhunderte jüdische Volkslieder geworden, die m der Hagada ihren Platz gefunden haben. Kann man sieh heute eine Hagada ohne diese Lieder vorstellen? Aber für jüdische Traditionen hatte der jüdische Lehrer eben nichts übrig. — — Das ist die Geschichte von der redenden Hagada, die uns von der Angst eines kleinmütigen Geschlechts *r/ählt, von einem Geschlecht ohne Stolz und ohne Kraft. Wir aber, wir jungen Juden, wir werden durch unser einwandfreies jüdische 1 Lebe 11 den Schandfleck ausmerzen. Uns soll die Geschichte, die Sprache, die Tradition heilig sein. Ein unantastbares Gut. Awodim Hojinu Lefarau B’mizrajim. Einst waren wir Sklaven des Pharao im Mizrajim. — Einst! — — Bücher und Zeitschriften 1• L. Perei. Volkstümliche Geschichten. Aus dem Jüdischen übersetzt von Mathias Ach er. Jüdischer Verlag. Berlin. Man klagt heute sehr häufig und sogar nicht ganz «it Unrecht über eine Ueberproduktion an literawehen!Werken in unserer Zeit; aber in bezug auf die jüdische Literatur wäre eher eine Klage in umgekehrter Richtung am Platze. Oanz besonders aber ist von dem reichen Schatze der ostjüdischen Literatur für uns deutsch sprechende Juden viel zu wenig durch Ucbersetzungen nutzbar gemacht worden. Die Skopsis, die man im allgemeinen übersetzten poetisehen Werken entgegenbringt, ist nicht unbegründet, denn in jeder Sprache gibt es Feinheiten, die sich eben nicht übersetzen lassen. Da aber Jiddisch und Hochdeutsch sehr nahe verwandt sind, so können hier am ehesten Ucbersetzungen zustande kommen, die sich vom Original nur sehr wenig entfernen. — Es ist daher sehr erfreulich, daß der Jüdische Verlag uns in so kurzer Aufeinanderfolge neue Bckauntschaften mit ostdeutschen Literaturwerken vermittelt. ״Volkstümliche Geschichten“ nennt sich der vorliegende Band. Im Titel liegt der einzige Punkt, an dem ich etwas auszusetzen hätte; denn das Buch enthält keine Gcschichtcn-Gcschchnissc, sondern Legenden oder besser und ehrlicher gesagt, Märchen. In den 13 Erzählungen werden wie im deutschen Märchen all die überirdischen Geister lebendig, die guten wie die bösen. Sie erscheinen den Menschen in Gestalt von Feen, Engeln, Teufeln und Teufelinnen, besonders — wohl ein Ausfluß der kabbalistischen und chassidischen Weltanschauung — in Gestalt verstorbener, durch ihre Frömmigkeit und Gelehrsam* keit berühmt gewordener Männer und Frauen, Sie warnen, belehren und bestrafen ganz wie im deutschen Märchen und daß manches Motiv ebenfalls an deutsche Märchen anklingt, ist ebensowenig ein Zufall, wie die vielleicht unbekannte oder unbeachtete Tatsache, daß manche der jüdischen Volkslieder altdeutschen Volksliedern, die in den letzten Jahren wieder ausgegraben wurden, in Dichtung und sogar in Melodie sehr stark ähneln. Der Grund hierfür wird wohl in der Geschichte der Ostjuden und ihrer Sprache zu finden sein. Was dem vorliegenden Werke aber seinen litcrarischen Wert gibt, das ist die künstlerische Form und die starke poetische Kraft mit der Pcrez seine Stoffe gestaltet, eine Kraft, die in jeder Zeile zu fühlen jst, und die in ihrer Knappheit des Ausdruckes oft fast dramatisch aufzubaucn versteht. Ein gutes Teil davon ist auch Mathias Acher zuzuschrcibcn. Hier jst der Ucbcrsctzer nicht mit dem trockenen Werkzeug des Philologen zu Werke gegangen, son* dern das warm empfindende und nachempfindende Herz des Dichters Acher hat die Hauptarbeit getan. So haben Autor und Uebersetzcr zusammen ein Ganzes geschaffen. Hoffentlich ist der Erfolg des Buches ein solcher, daß der Jüdische Verlag veranlaßt wird, uns durch deutsche Ucbcrtragungcn noch vieles aus der jüdischen Literatur des Ostens zur Kenntnis zu bringen; denn dadurch, daß durch solche Werke die Westjuden mit dem Geistesleben und der Empfindungswelt der Ostjuden bekannt gemacht werden, bedeuten dieselben eine kulturelle Tat in nationaler Hinsicht. Josef Ambrunn (München). Die erste Nummer der ״Freistatt, alljüdische Revue, Monatsschrift für jüdische Kultur und Politik“, die infolge anfänglicher technischer Schwierigkeiten statt am 15. April erst am 20. April erscheint, bringt der Assimilation“ von L. Strauß, ״Judaismus und nationales Judentum“ von Nachum Goldmann, ״Das jüdische ökonomische Leben“ von Jakob Lesczinski, ״Inncnkolonisation in Galizien“ von B. Rubstein, ״Capriccio“ von A. Coralnik, ״Die Krähe", eine Novelle von Arnold Zweig, ״Jiddische Dichtung“ und ״Glossen“. Abonnements und Probenummern durch den Verlag der ״Freistatt“, Eschweiler.