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Jüdische Rundschau · 1913-04-18 · Heft 16 (18.4.1913) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 16 (18.4.1913)
Date
1913-04-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seile 158 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 16 wir bestreiten, dal! unsere Kultur einfach deutsche Kultur sei, wir halten sie für jüdisch bedingt — und wir können dabei die Kultur der Herren vom Vorstand des Zentralvcreins nicht ausnehmen, zu utiserin Bedauern —, wir bestreiten, daß man in dem Begriffe dcutschnational das Element der deutschen Abstammung einfach eliminieren dürfe. Auf dieser Grundlage wird es nicht schwer sein, sich mit Herrn Justizrat Fuchs, — dessen Rede ich nur aus dem ausführlichen Referat der ״Jüdischen Rundschau“ kenne — auseinanderzusetzen. Er übersieht in dein Worte dcutschnational geflissentlich die Komponente der Abstammung. Das ist psychologisch begreiflich. Eben weil das Wort in der Gegenwart die Tendenz hat, alle deutsche Tätigkeit in sich zusamnieiiziifassen, glaubt man, es nicht entbehren zu können, um seine Stellung im Deutschtum sicher zu bezeichnen, besonders wenn man das Gefühl hat, diese seine feste Stellung erst beweisen zu müssen. (Ein Mann wie Otto Harnack, an dessen deutscher Gesinnung kein Zweifel erlaubt ist, will das Wort, seines schillernden Charakters, seiner Unklarheit wegen auf zwanzig Jahre verboten wissen, — so etwas ist freilich vom Zentralverein nicht zu verlangen.) Herr Justizrat Fuchs übersieht die geschiehtliehe Komponente. Oder glaubt er wirklich, hundertfünfzig Jahre gemeinsamen geschichtlichen Erlebens — und das ist sehr hoch gegriffen, — könnten genügen, um auch mir die Tatsache zu verwischen, daß das deutsche Lehen, selbst der Neuzeit, sich jahrhundertelang auf religiösgeistige Kämpfe konzentrierte, die ganz abseits von der Teilnahme der Judcnhcit geführt vvnrden und die die heutige geistige Struktur des deutschen Volkes viel stärker bestimmt haben, als taktlose jüdische Skribenten — ich erinnere an den Fall Jatho — es sich träumen lassen? Herr Justizrat Fuchs übersieht, und das ist das wichtigste, die auf kultureller Verwandt- Schaft beruhende ürundstimmung des deutschen Judentums. Das hätte ihn! schwerlich geschehen können, •wenn er wirklich jüdischen ״Glaubens“ wäre und mit diesem Glauben historisches Bewußtsein verbände; denn dann wüßte er, daß ein Glauben, ein wirklicher, nicht ein zufälliges Kleid ist, sondern auf dem tiefen Erleben der Seele sich aufbaut. Da das nicht der Fall ist, so ist ihm sein Versehen nicht allzu übel zu nehmen: es gehören geschärfte Augen und Ohren dazu — und unsere Sinne hat der jüdische Nationalismus geschärft —, um unter der gleich- Die Geschichte von der redenden Hagada Von Lina Wagncr-Taubet, Da liegen sie alle vor mir, die Hagadas sehe! pcssach, die Geschichte unserer grollen Volksbefreiung; grolle, kleine Formate, mit und ohne Bilder. Jene Bilder, die in ihrer naiven Aulfassung uns so sonderbar anmuten. 111 einigen. Exemplaren sind die Namen der Besitzer verzeichnet, in anderen wieder Aufzeichnungen über Familienfreutk׳» und Familiensorgcn. Eine dritte Hagada ist über und über mit Wein begossen. War es ein stürmischer Zecher oder ein Tölpel, der den Wein vergoß? Vermut lieh keins von beiden. Eher wird es wohl ein aufflammender Zorn gewesen sein, der bei den Worten: ״Schfauch chamoscho el haganim“ den Becher unwillig umstieß. Der gerechte Schrei nach Vergeltung! - Da sind Hagadas aus Italien und Holland, aus Rußland und Deutschland, zwei, dreihundert Jahre alt und noch ältere. Was würden sie erzählen, wenn sic reden könnten! — , Die italienische Hagada würde sagen: welche Mühe gab man sich, uns dem Glauben der Viiter zu entreiß«! lind uns dem Christentum zuzuführcu; mit Gutem und Bösem hat inan cs versucht. Gewaltsam hat man uns wie die Schafe in die Kirche getrieben, wo uns von den Segnungen christlicher Nächstenliebe gepredigt wurde. In Rom wurden wir durch den Titusbogen gejagt, daß uns die Schamrote ins Gesicht stieg und das Herz uns zusammenkrampfte vor Weh und brennender Sehnsucht nach der geliebten Heimat. Doch sic vermochten es nicht, uns unterzukriegen — awodim hojinu — einst waren wir Sklaven, nun nicht mehrt —י Und was würde uns die holländische Hagada erzählen? — O, das würde wie «’*’״״״*,x 1 מ*i | j 1? *■*> 1 י י tai '■.*ä L״» /1"וד m ריי r. f ץ*־"/ ׳ י \**״/ ר V j L- 4 f ■י. V.,,J 41J *nr)ן wenn die ״Jiidisdie Rundschau" ihnen nicht pünktlich geliefert wird. — Erst wenn dieser Schritt erfolglos bleibt, bitten wir, uns zu benachrichtigen Verlag ״Jüdische Rundschau“ BERLIN W15 Sächsische Str. 8 artigen Decke deutscher Sprache und Sitte das jüdische Tricbleben, im deutschen Inhalt die jütlischc Form hcraus/umeiken. Die Juden im Theater, in der Literatur, in der Presse, auf dem Büchermärkte, in der Kunst, um nur von geistiger Kultur zu reden, bilden überall ein Kapitel für sich. (Ucbrigens hat nicht einmal Herr Professor Julius Goldstern in Darnistadt, der es doch wissen müßte, gemerkt, in wie unvcriiältnismäßiger Anzahl die Juden au einer so wichtigen kulturellen Talsache der Gegenwart, wie der Kondensierung des wissenschaftlichen deutschen Prosastils, betciligt sind: Gundolf, Harden, Hciniaun, Jellinek, Kerr, Emil. Ludwig c tutti quanti.) leb bin für jeden, der eine Zeile von mir gelesen hat, gewiß über dem Verdachte erhaben, als ob ich die deutsche Kultur nicht als einen ganz wesentliehen Bestandteil meines Ich betrachtete, und so hat es wohl auch Moritz Goldstern gemeint, wenn er kürzlich von seine 1« deutschen Nationalgefiihl spracl), — aber das darf uns nicht dazu bringen, vor der tiefen Bestimmtheit unserer Kultur durch jüdisches Blut die Augen zu vcrschlie- Ben. Das ergibt Konflikte? Ja, wer in aller Welt heißt denn den Zentralverein, ein lebendiges, immer wieder erneutes Erlebnis auf eine reine Formel bringen zu wollen? Gehört es doch zum Wesen aller Kultur, daß begrifflich reine Kreise sich tausendfach schneiden: fielen sie zusannnen, wäre der Tod das Ergebnis. Wenn wir nicht nur die jüdische Abstammung betonen, sonder» uns zum jüdischen Nationalismus bekennen, so kann es uns ja doch nicht einfailen, in Deutschland eine jüdische Kultur schaffen zu wollen. Aber die Kulturfähigkeit der deutschen Juden, das ist die Fähigkeit, Kultur zu schaffen, nicht die, Kultur zu empfangen, wollen wir durch Betonen und Vertiefen des jüdischen Nationalgefiiltls erhalten und steigern. ■י■—י. ■ יי' י" •י■ "י"'1 •"■!'"י"'■— *" ein Aufatmen aus tiefster Brust klingen. Eine Ruhepause nach langer Qual und tiefem Schmerz. Hier, würde die Hagada sagen, könnt iiir mich in Ruhe studiere״, nicht versteckt in unterirdischen Verließen mul finstern Kammern, wie ihr es in Spanien getan. Hier haßt ihr eine gastliche Heimat gefunden, wo ihr euer Judentum frei und offen bekennen könnt, ohne dafür den Flammentod zu sterben! *— — Da füllt mein Blick auf die Hagada aus Rußland. ln Wilna hat sie vor ungefähr 120 Jahren «las Licht der Welt erblickt. 1 lundertundzwanzig' Jahre in Rußland leben, wißt ihr, was das heißt, würde'die Hagada fragen, llo lachmo anjo, seht, welch armseliges, mühevoll erkämpftes Brot essen wir hier. Zusammengepfercht ohne Lieht und Luft k'beu wir, der rohen Willkür täglich preisgegeben. Und die Hagada würde weiter fragen: wie lange noch? — Und weiter finde ich Hagadas aus Deutschland, aus Worms und Trier und Speyer und vor meinen Augen ziehen Bilder vorüber, die das Blut in den Adern erstarren lassen. Feuer und Sehwert, Verfolgung über Verfolgung. Wo gibt es im deutschen Lande einen Ort, da kein jüdisches Blut floß? — Wo ein Ort, da kein Scheiterhaufen für einen Juden brannte? — Wenn die deutschen Hagadas reden könnten! Doch da ~ da ist eine Hagada, die redet. Eine klare und deutliche Sprache. Und so lebhaft klingen die Worte, wahrhaftig man könnte glauben, das Protokoll irgendeines liberalen Vereins vor sieh zu haben. Die Hagada ist noch jung, kaum 50 Jahre alt, in der guten alten Stadt Rödelheim ist sie geilruckt und von Heidenheim übersetzt worden. Das ist alles au sich nicht auffallend. Aber --׳ die Hagada ist korrigiert worden von ihrem Besitzer, einem jüdischcn Lehrer zu Berlin. Und diese Korrektur redet! Wahrlich, der jüdische Lehrer ist ein Prophet gewesen. Ein jüdisch-deutscher oder deutsch-jüdischer Prophet der unsere Zukunft voraussali, der schon vor Jahr- Darin werden wir uns auch dadurch nicht stören lassen, daß der Zentralverein das Wort ״dcutscimationnl“ für seine Zwecke zurcclithicgt. Die eigentümliche Sorte sprachschöpferischer I;,.* tigkeit ist nichts Neues, der neu jüdische Jargon!gehört zu den bewährten Mitteln unserer Assiinilation. Seit der confessio Augustana kannte mau eine evangelische Konfession. Im Gegensatz zu ihr sprach matt auch von einer katholisehen Konfession, niemandem aber fiel es ein das Wort in dem allgemeinen Sinne von Religion zu gebrauchen und etwa von einer muhamnieda* titschen oder buddhistischen Konfession zu reden. Was in achte das tinscrn Assimilanten? *Fine jii- (lischt• Konfession wagte matt freilich nicht, aber wenn man schon sprachschöpferisch arbeitete, konnte mau auch gleich aufs ganze gehen und so enstund die brave mosaische Konfession, die freilich nach kurzer, aber um so herrlicherer Blütezeit wieder im Begriffe ist, aus dem deutselten Sprachschatz zu verschwinden. Jude zu heißen war ein wenig fatal, nun gut, so wurde man zum ״Israeliten“, vielleicht konnte man mit dem Kleide auch das Wesen wechseln. ״Glaube“, das mochte wohl, wenn man sich nur ein wenig* Mühe gab und es im Brustton der Uebcrzeugung oft genug wiederholte, auch dasselbe bedeuten wie ״Unglaube“, so erhielt der Zentralverein seinen vielbelächelten Namen. Die Unlogik scheint endlich erkannt zu sein, jetzt ist das Wort ״dcutschnational“ an der Reihe. Zwei Dinge sind möglich. Entweder cs ge• Itngt dem Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, durch Petitionen, Vcrsamm« lungert, eine Spracheeke in der von ihm heraus• gegebenen Zeitschrift, seinen Einfluß auf die Entwicklung der deutschen Sprache dahin gcl• tend zu machen, daß künftig das Wort ״deutsch• national“ nicht mehr im Sinne einer auf gemeinsanier Abstammung aufgebauten Kultur ge• braucht werden darf; dann hat er recht, wenig• stens in der Terminologie. Oder aber, und das ist unsere Meinung: unsere deutsche Gesinmurg, sei sie mm das Gefühl der Zugehörigkeit zur deutschen Landschafts•, Staats-, Geschieht«- oder Kulturgemeinschaft, bedarf nicht der lächerliehen Behauptung, die uns neben die Deutschen Oesterreichs stellt. Ob wir dein Judentum, ob wir dem Deutschtum, ob wir beiden in einem Atemzuge dienen wollen, wir mit den Erlebnissen unserer Geschichte, können es nur als Jüdisch-, nicht/als Dcutschnationalc. zehnten ahnte,'daß unsere heutige. Generation Juden, Volljuden sein werden, daß sie mit jüdischem Stolz und ungebrochener jüdischer Kraft sich zum nationalcri Judentum bekennen wird. Da erwacht die deutsche Angst in dem jüdischen Lehrer und er beginnt — die Hagada zu streichen. — Zunächst wird mikol hoainim gestrichen. Wir sind kein Volk mehr. Das \v a r einmal, als wir noch im Ghetto lebten, nun «licht mehr. Auch mikol lnschonnus wird gestrichen; selbstverständlich ist auch unsere Sprache nicht mehr von Wichtigkeit. Und gar über leschono babo bcaro d'jisrod befindet sich ein dicker Strich. Uni keinen Preis im Lande Israel! — Und doch fühlte sich der jüdische Lehrer anscheinend in Deutschland nicht frei, denn der folgende Satz: dieses Jahr Knechte, künftiges Jahr frei, ist unversehrt stehen geblichen. Fühlte er sich abhängig ״in Lohn und Brot״? . Die Auslegungen der Hagada seitens unserer Weisen scheinen dem jüdischen Lehrer gar nicht imponiert zu haben. Die Worte des Rabbi Jose, Rabbi Elieser und Rabbi Akiba sind gestrichen. Dagegen ist das ״dajeiuu“ in tadellosem Zustande geblieben. Vor der Wiederaufbauung der heiligen Stätte und dem Opferdienste scheint der gute Mann besonders Furcht gehabt zu haben, denn diese Stelle ist fast bis zur Unleserlichkeit gestrichen. -• Der weitere Text findet Gnade in seinen Augen bis zu dem Rufe der Vergeilung. Hier setzt die Korrektur wieder ein. ״Sie haben Jakob verdorben und seine Wohnungen vernichtet“ — Liehe deinen Nächsten wie dich selbst ist allerdings jüdisches Gesetz. Doch wo ist der Mensch auf Erden, der seinen Feind wie sich selber liebt? Allein das assimilatorische Judentum muß tolerant sein und seinen Feind wie sich selber lieben, denn im Feindeslagcr liegt ja seine Zukunft - in der Mischehe und in der Taufe. Der folgende Text der Hagada ist verschont

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