Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1913)
- Date
- 1913-04-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die Beratungen und Beschlüsse des Wiener Kongresses werden beweisen, dass die zionistische Idee die lebendigen, die zukunftsfrohen Kräfte unseres heimatlosen Volkes zur Arbeit für die nationale Erneuerung zusammenschliesst. , Die Vertretung des jüdischen Volkes wird dieses Mal in einem grossen jüdischen Zentrum tagen. Die Zionisten haben dafür zu sorgen, dass ihr Kongress wirklich das Bild des nationalen Judentums unserer Tage werde. Wir kennen unsere Kraft. Wir wissen, dass die Zukunft unseres Werkes die Zukunft unseres Volkes ist. Pllichthewussle zionistische Arbeit muss unserer moralischen Kraft, unsercr inneren Stärke den Ausdruck prägen. Die Zahl der Delegierten, die von der Zahl der gesammelten Schekel bestimmt wird, ist das Zeichen der Grösse und Macht unserer Organisation. Denn der Schekel ist das offene Bekenntnis zum Zionismus. Darum fordern wir die Zionisten der ganzen Weit auf: Sammelt den Schekel als das Symbol der Zugehörigkeit zu unserer Gemeinschaft und des Willens, ihre Zukunft zu sichern. Das Aktions-Komitee der Zionistischen Organisation Warburg Jacobson Hantke Levin Sokolow ״Der Zionismus erstrebt für da» Jüdischo Voll: di<a Schaffung einer &f feistaich-rechtlich £eairhorten Heimstatt• ln Palästina.“ Boeder Programm. Deutsch-national Von Moses Calvary. ln dem Aufsatz, den Ludwig Wassermann an dieser Stelle gegen den Zcntralvcrcin deut• sclier Staatsbürger jüdischen Glaubens schrieb, wird der Versuch gemacht, das Wort ״national“ negativ dadurch zu definieren, daß es in einen Gegensatz, zum staatsbürgerlichen Gefühl gestellt wurde. Positiv verweist der Verfasser auf das Zusammengehörigkeitsgefühl,'das auf der Bluts- und Familicnvcrwandtscliaft, sowie der gemeinsamen Vergangenheit begründet ist. Zu dieser Auffassung, die sicher Im wesent* lieben berechtigt ist, stimmt die Etymologie des Wortes: nasci - abstammen. Aber bei der Bedcutung, die die Frage zum mindesten für die öffentliche Diskussion hat, mag es erlaubt sein, ihr weiter nachzugehen. Die Etymologie hilft wenig; es g'bt Werte, die sich weit von ihrem Ursprung entfernt haben. Eine Geschichte des Wortes ״national“ könnte weiter fülircn; aber sie sagt doch nur dem etwas, der geschichtlich zu sehen gelernt hat. So halten wir uns lieber an den heutigen Sprachgebrauch. Das Wort ״Nationaigefühl“ gehört zu den Wörtern, in denen eine Fülle der verschiedensten Gedanken und Stimmungen sich zu einem fast unentwirrbaren Komplex zusaminengcfunden hat. Das Wort wurde mit einer gewissen Plötzlichkeit in die Sphäre des allgemeinen Volksbewußtscins gehoben, hier von der Wärme und dem Enthusiasmus des Gemeinschaftswillens erfallt und von ihm getragen. Das ist auch andern Begriffen so gegangen, und immer zeigt sich in noleli einem Wolle die Tendenz, möglichst viele Fln/eliiiiialte zu umfassen und Ihnen von!einer Wärme nbztigehen, Es gilt nun, den Begriff wieder in seine hauptsächlichen Elemente zu zerlegen. ln diesem Sinne kann kaum ein Zweifel sein, daß heute auch das deutsche Staatsb e w u ß t s c i n mitverstanden wird, wenn man von deutschem Nationalbcwußtscin redet. Seitdem die individuelle Staatsauffassung, nach der der Staat berufen ist, dem einzelnen zu dienen, geschwunden oder im Schwinden begriffen ist, seitdem wir erkannt haben, daß im Staat, insofern er nicht nur die individuellen Leistungen steigert, sondern die Welt um einen neuen, überindividucllen Wert bereichert hat, sich eine höchste menschliche Kraft manifestiert, seitdem hat der Staatsgedanke eine innere Beseelung erfahren, die ihm auch in der Vorstellung ״deutsches Na- »ionalgefühl“ eine beherrschende Stellung anwies. Aehnliches gilt von dem Heimatsg e f ü h I. Sicher mag auch ein Deutscher, der in einem deutsch sprechenden Kreise Brasiliens geboren und erzogen ist, ein gesteigertes deutsches Nationalgefühl besitzen, vielleicht ist es sogar reichet־ an Intensität, als das selbstverständliche Bewußtsein des in Deutschland Lebenden; aber seine Intensität ist mehr ein Ausdruck der Sehnsucht, als des natürlichen Daseins. Der Heimatschütz, die Hcimatkunst, die Heimatdichtung sind alle von der Quelle des erwachten Nationalgefülils gespeist. Wenn aber beide Erlebnisse, das Staats- und das Heimatbcwußtscin, nur den Bürger Deutschlands — im geographischen und staatlichen Sinne des Wortes — erfassen können, so erhebt doch das deutsche Nationaigefühl den Anspruch, auch für der. Deutschen Oesterreichs und der Schweiz zu gelten. Hier eben wird der Begriff der gemeinsamen Abstammung wichtig, nicht im Sinne einer germanischen Rasse, sondern eben eines deutschen Stammcstums, mag dieses wie immer keltisch-romaniscli-germanisch-slawisch gemischt sein. Aber entscheidend ist sic nicht: der Deutsch- Amerikaner ist im Begriff, in ein amerikanisches Nationaigefühl hineinzuwachscn. Den Ausschlag scheint die Sprache zu geben: aus welch an* dererm Grunde hätte der Schweizer, nicht aber der Holländer deutsches NationaigefühlI Die Sprache aber ist, neben der Sitte und neben der gemeinsamen Geschichte ein Hauptmerkmal der Kultur: in dem Bewußtsein deutscher Kulturg c in c i n s e 11 a f t steckt das vierte wichtige Moment des deutschen Natianalgcfühls. Um dieses Unterschiedes willen, der das Nationalgefühl des deutschen Staatsbürgers von dem ebenso vorhandenen der anderen Deutschen scheidet, scheint eine Abbiegung in der Bcdeutung des Wortes ״Nationalität“ stattgefunden zu haben: während cs früher die Volkscigcnhcif bczeichnete, wird es heute meist im Sinne von Volkstum gebraucht, eben für die Volkstcile, die von dem Staate abgesplittert sind, Das Nationalgefüllt aber umfaßt beide: die Nation und die Nationalität *). Das unterscheidet es vom bloßen Stammesgefühl, daß der Stamm nur eine Blutscinheit bedeutet, gewissermaßen in die Naturgcschichte gehört, während Nation und Nationalität den Stamm darstellen, soweit er auch zur Kulturgcmcinschaft erwächst, ein Begriff des Geisteslebens. Ein Volk, schreibt Gundolf in seinem Sliakespearebuch, entsteht und besteht nicht durch biologische Bande, auch nicht durch Instiliiiioiicn und Wlilschiiflsiu-l/e, sondern durch ein tv11״ all 11 lesen ursprünglich umibliänglgei) gemeinsames Pathos, eine Gesaintspannung, einen zentralen Willen, der durch alle seine Glieder waltete. Das also ist deutsches Nationaigefühl: der Wille zu einer auf gemeinsamer Abstammung und Geschichte beruhenden gemeinsamen Kultur, der aber für die Bürger Deutschlands die Liebe zur gemeinsamen Heimat, den Zusammen- Schluß zu einem gemeinsamen Machtstaate mit in sich umfaßt. Wenn wir uns jüdischnational empfinden, so meinen wir nicht, daß es eine dem deutschen Nationaigefühl kongruente Tat- Sache gäbe, nur daß einfach das Wort deutsch durch das Wort jüdisch ersetzt wäre. So schabionenhaft entstehen keine geschichtlichen Oebilde. Elemente des deutschen Nationalgefühls nehmen wir durchaus für uns in Anspruch. Nicht nur das Staatsbewußtsein, nicht nur das Heimatgefüllt und ein Stück dcutsch-geschiclitlichen Bcwußtscins; ich habe an anderem Orte, wie ich glaube, nachgewiesen, daß unter uns Juden gerade der Nationaljude imstande ist, Kulturwerte, auch deutsche Kulturwcrte zu erzeugen. Aber *) Eine Differenzierung bildet sieh: das von Puristen gebildete Wort ״deutsch-völkisch“ wird mehr für die Gefühle der Nationalität gebraucht, ohne Be- Ziehung auf Heimat und Staat, während es ursprünglieh das Wort ״deutsch-national“ überhaupt er* setzen sollte.