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Jüdische Rundschau · 1913-04-11 · Heft 15 (11.4.1913) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 15 (11.4.1913)
Date
1913-04-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 15 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 149 a|S(1 insbesondere auch über den Zionismus, der die bedeutendste Bewegung im nationalen Judentum ist. Wen» diese Verbreitung von Kenntnissen ober den Zionismus als Propaganda für ihn betrachtet wird, s0 spricht das nur für den Zionismus, dessen Werbekraft selbst von gegnerischer Seite so hoch cingc• scl1;it/1 wird. Die jüdische Turnerschaft wird als nationatjüdische Organisation die Konsequen/en aus der Resolution des Zentralvereins ziehen müssen, die sich nicht nur gegen den Zionismus, sondern in erster Linie gegen das Natioualjudentum überhaupt richtet, nie vom Zentral verein gemachte Unterscheidung zwischen verschiedenen Arten von Natioualjudentum lehnen wir als aus Mangel an Aufrichtigkeit und Furcht vor Konsequenz hervorgegangen ab. Unsere Pflicht dem deutschen Vaterlande gegenuhcr werden wir stets erfüllen und glauben, Deutschlaml mehr zu nützen durch die l(X) Rekruten, die wir alljährlich ins deutsche Heer aus unseren Vereinen schicken, als der Zentralverein durch die tausend Reden seiner Vorstandsmitglieder." Herr l>r. Witkowsky legte alsdann in klar durchdachten Ausführungen dar, wie schädlich das Prinzip unserer Assimilanten wirken müsse, deutsche Dinge vojn jüdischen und jüdische Dinge vom deutselten Standpunkt zu behandeln. U nser e Ciewohnheit sei die umgekehrte. Sie sei ehrlicher und, wie wir glauben, für Deutschtum und Judentum ersprießliclter. Jenen mangele das Verständnis für die Dinge, die dem national bewußten Deutschen heilig und unantastbar seien. Nachdem Herr Möller dargelegt hatte, da» auch für den gesetzestreucn Juden jetzt kein Platz mehr im Zentralverein sei und nachdem sich trotz der dringlichen Aufforderung des Vorsitzenden kein einzigri (iegner zum Wort gemeldet hatte, wurde die folgende Resolution mit allen gegen zwei Stimmen angenommen: ״Die von der Berliner Zionistischen Vereinigung cinhcrufcnc Volksversammlung spricht ihre schärfste Fntrüstung darüber .ms, da» der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der bisher die Vertretung der deutschen Juden aller Rieh- Hingen darstellte, den Kampf gegen die Gleichbereclitigung eröffnet und den Standpunkt der Unpariciliehkcit verlassen hat. Die Volksversammlung bedauert aufs tiefste, da» von jüdischer Seite die Loyalität der Zionisten als Staatsbürger angezweifclt worden ist und daß damit die Mitarbeit jedes aufrechten Juden im Zentralverein unmöglich geworden ist.“ Zionistischer Gruppenverband Oberschlesien Stellungnahme zur Resolution des Zentralvereins. Am 6. d. M. fand im Monopol-Hotel zu Kattowitz die in der Zentralvereinssachc einberufene Ans* schuß Sitzung statt. Sie war außerordentlich gut beschick». Sämtliche elf Ortsgruppen des Bezirks waren durch ihre Vorstände vertreten und außerdein waren über öO obcrschlesischc Ocsinnungsgenossen als Zuhörer erschienen. Die Entrüstung über das Vorgehen des Zentralvereins war eine einheilige, und es wurde von allen Seiten die Notwendig- Reit betont, da» die deutschen Zionisten unverzüglich ihre Beziehungen zu m Zentralverein zu lösen haben. Den Niederschlag der Debatten bildet folgende Resolution, welche einstimmig angenommen wurde, bis auf einen einzigen Punkt, welche von einem Ausschuttmitgliede beanstande» und noch schärfer formutiert wurde. ״Nach Kenntnisnahme tler Resolution des Zentralvereins und der Gegenerklärung der Zionist!- sehen Vereinigung für Deutschland gibt der Ausscliull des Zionistischen Oruppenverbaiules Ober- Schlesien folgende Erklärung ab: Wir sprechen unsere Entrüstung über das Vorgehen des Zentralvcreins aus, welcher einen Teil tler (leutsdien Juden vor der Ocffcntlichkeit zu diskreditieren versucht hat und erachten cs für selbstverständlidi, daß alle Gesinnungsgenossen ihre Beziehungen /u diesem Vereine lösen werden. Wir sind dessen gewiß, daß weder unser Judentum, noch unser deutscher Patriotismus dadurch Schaden nehmen wird. Wir erachten es für notwendig, daß die׳ deutsche Landesorganisation sich fortan auch der Kleinarbeit in! Rechtskampfe der Juden in Lkutschland widmen, hierfür ein Dezernat im Geschäftsführcnden Ausschuß errichten, und auch die erforderlichen Mittel hierzu bereit stellen werde. Der Zentralverein ist hinfort nur eine Partei- Vertretung innerhalb des deutschen Judentums und führt seinen Namen zu unrecht. Damit ist auch die Voraussetzung aufgehoben, welche dem Zentralverein eine offizielle Stellung innerhalb des Verbandes der deutschen Juden und der jüdischen Jugendvereine Deutschlands verschafft hat. Das Zionistische Zentralkomitee wird ersucht, die Stellungnahme dieser Organisationen zu der Resolution des Zentralvereins zu erforschen und danach unser Verhältnis zu den genannten Verbänden alsbald fcstzulegen.“ Die oberschlcsisehen Gesinnungsgenossen werden gleichzeitig hierdurch gebeten, sich an den Berichts- Versammlungen, welche in den nächsten Tagen an den verschiedenen Orten des Bezirks seitens des Zentralvereins abgchaltcn werden, nicht mehr beteiligen zu wollen. Deutschland Am 5• Marz d. J. hat der Herr Minister für geist* liehe und Untcrrichtsangclcgcnhcitcn zu Berlin an die I’rovinzial-Schulkollcgicn zur Mitteilung a<1 die Aiistaltsdirektoren verfügt, daß bei den schriftlichen Examensarbeiten diejenigen jüdischen Schüler, welche während ihrer ,Schulzeit am Sonnabend und den Festtagen nicht geschrieben haben, auch beim Examen zur Verletzung ihrer religiösen Verpflichtungen nicht gezwungen werden sollen, sondern daß die Arbeit an einem anderen Tage geschrieben werden soll. Wo dies aber nicht tunlich, soll der betreffende Schüler ebenso behandelt werden wie ein Schüler,• der infolge plötzlicher Erkrankung die Arbeit nicht mitschreiben konnte. Jedenfalls aber wünscht der Erlaß des Ministers, daß die jüdischen Schüler durch das Nichtschrcibcn am Sonnabend vor Verlust eines halben Jahres geschützt seien. * Bei Besprechung der neuen Wchrvorlagc und der außerordentlichen finanziellen Opfer, die sie von allen Kreisen der Bevölkerung - einschließlich der Jtiilen erfordert, war darauf verwiesen worden, daß es nun endlich an der Zeit sei, mit der verfassungswidrigen Zurücksetzung der jüdischen Offiziersnspiranten zu brechen. Das gab dem freikonservaliven Abgeordneten von Licbert den Anlaß, im Plenum des Reichstages dieser Forderung mit einigen anmaßenden und verletzenden Wendungen entgegenzutreten. U. a. sagte er, man habe ja an dem Beispiel der Türkei gesehen, wohin es führe, wenn ״Fremdkörper“ in das Offizierkorps einer Armee eintreten. Für einen deutschen General war es ja nun an und für sich nicht allzu geschickt, in diesem Falle das Beispiel des türkischen Heeres hcranzuzichcn. Demi mit derartigen Argumenten kann man gewiß auch die Ansichten derer rechtfertigen, die den militorischen Zusammenbruch des Osmanenreichcs auf die Wirksamkeit der deutschen Instruktoren zurückführen. Aber man wird cs sich immerhin merken müssen, daß der platteste antisemitische Jargon in den berufencii Vertretern der Reichspartei noch immer seine Wortführer findet. -- In der ßudgetkommissiou des Reichstages wurde gleichfalls über die Zulassung jüdischer Reserve- Offiziere gesprochen, und zwar war es wieder der Abgeordnete Gothein, der diese Frage anschnitt. Auch der Kriegs minister erneuerte seine früheren Ausführungen. Die Militärverwaltung trete durchaus ein für die völlige Gleichbe r e c It t i g u n g und sei auch jederzeit bereit, in jedem einzelnen Fall in eine Prüfung einzutreten, Er sei aber nicht in der Loge, direkt in die Offiz.ierswähl eiimigrcifen, Man muß den Oeist des preußischen Heeres keimen, um sich ein Bild davon zu machen, wie hilflos solch ein Kriegsminister seinen Untergebenen gegenühersteltt. Dann wird man ihm ein verstandnisvollcs Mitleid nicht versagen können. Auch Vertreter des Zentrums wandten sich mit großer Schärfe gegen die zweifellos vorhandene Zurückset/ung jüdischer Offiziersaspiranten. Vom Zentruni wurde angeregt, ob nicht die Wahl der Rcserveoffiziere dem Reserveoffizierkorps entzogen und dem aktiven Offizierkorps überwiesen werden könnte. Es würde dadurch manche Beschwerde, sei es über Zurücksetzung einer Konfession, sei es über ungleichmäßige Behandlung aus politischen Gründen, verschwinden. Gegen diesen Vorschlag hatte der Kriegsminister Bedenken, Gegenüber der Klage, daß Juden in den Kadetten schulen keine Aufnahme fänden, erwiderte er, daß cs sich hier um ■christliche Erziehungsanstalteil handle. Das ist für Deutschland eigentlich ein etwas neuartiger Gesichtspunkt, der seine Herkunft aus dem östlichen Nachbarstaat nicht verleugnen kann. Macht diese Anschauung Schule, so darf man erwarten, daß allmählich nacheinander den Hochschulen, den Gymnasien und noch einigen anderen Anstalten der rein christliche Charakter zugesprochen wird. Ein sozialdemokratischer Abgeordneter wünschte, daß durch Allerhöchsten Befehl die Aufnähme einer bestimmten Anzahl von Juden in die Kadettenanstalten garantiert werde. Ein Redner der Fortschrittspartei wollte diesen Weg nicht beschreiten, da er Gegner dieser Anstalten sei. Daß sie christliche Anstalten seien, davon stehe im Etat nichts. Der ״Antrag Cassel", auf Gewährung Staatlieber Beihilfen an leistungsschwache Synagogengemeinden, gegen den, wie wir berichteten, in der Kommission des preußischen Abgeordnetenhauses von verschiedenen Seiten staatsrechtliche Bedenken geh tend gemacht wurden, hatte auch im Plenum, wo die Angelegenheit von seiten des Herrn Justizrat Cassel wieder vorgebracht wurde, ein ähnliches Schicksal. Allerdings stand der Antrag nicht zur Ab- Stimmung, aber aus den Aeußcrungen der Vertreter verschiedener Parteien kann man darauf schließen, daß er der Ablehnung verfallen wird. — Die Konservativen ließen durch den Abg. Winkler erklären, daß sic aus ״prinzipiellen und praktischen״ Gründen gegen den Antrag seien. Sic werden also auch dagegen stimmen. Der freikonservative Abg. Viereck hatte zwar allerlei Bedenken, aber er gab doch zu, ״daß es der Gerechtigkeit entsprechen würde, daß die jüdischen Mitbürger, welche in Form von Steuern Beiträge für die Landeskirchen zu zahlen haben, w׳enn ihre Religionsgemcinden in Not kommen, Unterstützung erwarten dürfen . . . Immerhin werden wir uns weiter bemühen, nach einer Lösung zu suchen, durch welche wir den armen jüdischen Gemeinden helfen können, vielleicht durch Förderung ihrer Organisation dahin, daß die schwächeren Gemeinden von den wohlhabenderen unterstützt werden“. — Der Redner des Zentrums, Abg. Dr. Kaufmann, präzisierte den Standpunkt seiner Partei folgendermaßen: ״Daß an und für sich manche Billigkeitsgründe dafür sprechen, daß den Wünschen der jüdischen Mitbürger entsprochen wird, erkennen wir unbedingt an. Solange aber nicht praktische Vorschlage gemacht werden, die unser Verhältnis von Staat und Kirche auch bezüglich der Israeliten anders regeln, so lange haben wir nicht die Möglichkeit, praktisch den Wünschen des Antrages Cassel entgegenzukommen. Sehr scharfe Opposition machten die Sozialdemokraten, die ihren ״Fachmann“ den Abg. H o f f m a n n vorschickten, gegen den Antrag. Er bezcichnete cs als eine ״unwürdige Bettelei und Kriecherei“ des jüdischen Antragstellers und seiner jüdischen Gesinnungsgenossen, Zuschüsse für ihre religiösen Bedürfnisse von demselben Staate zu verlangen, der ihnen noch immer die staatsbürgerliche Gleichbcrechtigung versage. Man sicht, daß der prinzipiell nicht Judenfeindliehe Standpunkt der Sozialdemokraten für uns recht wertlos sein muß, wenn in jedem Falle, wo es sich um eine wirkliche Entscheidung handelt, irgendwelche doktrinären Bedenken ein Eintreten für unsere gerechten Forderungen verhindern. Da das antisemitische Grüppchen für den Antrag gewiß nicht zu haben sein wird, so bleiben schließlich nur die Freisinnigen und die Nationalliberalen, deren Stimmen zur Durchsetzung des Antrages nicht ausreichen. England Eine interessante Transaktion ist im englischjüdischen Zeitungswcsen zu verzeichnen. The ״Jewish ־ World", die seit dem Jahre 1872 besteht, und zum Preise von einem Penny verkauft wurde, ist in den Besitz, des ״Jcvvish Chroniclc“ übergegangen. Zu den Chefredakteuren dieses angesehenen Blattes zählte u. a. eine Zeitlang der bekannte Itoführer Luden Wolf. Die ״Jewish World“ stand bisher dem Zionismus ablehnend gegenüber, während unsere Bestrebungen von seiten des ״Jcwish Chronicle“ stets eint׳ gerechte Würdigung erfuhren. Russland In Russisch-Polen tauchten jetzt wieder einmal Gerüchte von einem Ritualmord auf, die Anlaß zu großer Erregung unter der Bevölkerung gaben. In Petrikai bei Lodz war die dreijährige Tochter des Hausknechts Werner verschwunden, worauf einige Russen das alberne Märchen von einem jüdischen Ritualmord in Umlauf setzten und zwei jüdische Handwerker beschuldigten, das Kind zum Passahfest er« mordet zu haben. Der erregte Mob wollte auf die Versicherung, daß die Leiche des Kindes im Keller jener Handwerker liege, schon zu einem allgemeinen Judenpogrom schreiten, als die Polizei energisch eingriff und eine Haussuchung hei den beiden Handwerkern vornahm. Diese förderte nichts zutage. Die Polizei trieb die Menge auseinander, die schon mit der Verprügelung der Juden begonnen hatte. Der Hausknecht Werner wurde unter dem Verdacht verhaftet, daß er ein Judenpogrom provozieren wollte. Seine kleine Tochter wurde plötzlich völlig ge- und aufgefunden. Die Bu reaustunden der vereinigten zionistisehen Bureaus Berlin W. 15, Sächsische Str. 8, sind für die Sommermonate wie folgt festgesetzt: Montag bis Freitag 8—1 und 3—6; Sonntags 1/19 bis 1/1,2 Uhr.

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