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Jüdische Rundschau · 1913-04-11 · Heft 15 (11.4.1913) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 15 (11.4.1913)
Date
1913-04-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 148 JUED15CHE RU NI 5 ׳ C .. A U Nr. 15 Auf Wunsch des Herrn Dr. Julius Moses, Mannheim, des Verfassers unseres Leitartikels in der vorigen Nummer, teilen wir mit, daß der letzte Absatz des Artikels nicht von ihm stammt, sondern von seiten der Redaktion eingesetzt wurde. Die Redaktion, Die Sehnsucht unserer Landwirtschaftsschw.ilmer nach der üblich-bäuerüchcn Unterlage unseres Volkstums ist blanke Ideologie, die beim ersten Regen zerfließen würde. In unserer Lyrik heißt es auch: ״Wir düngen mit unserem Schweif!«, mit unserem Herzensblit, deinen heiligen Boden, du alter starker Gott * *).'׳ In Wirklichkeit aber lassen wir die schwierigeren Arbeiten meistenteils von Arabern ausführen, statt Schweiß und Herzensblut verwenden wir Kalisalze (entschieden vorzuziehen) uiul der lyrische Schwung tritt häufig hinter Lohndifferenzen und Streikberatungcn zurück. Was wir brauchen ist nicht die Rückkehr zu Vater Abrahams Dreschschlitten (mit dem tatsäehlieh in den jüdischen Kolonien noch das Getreide gedroschen wird), sondern modernes Pjonicrtum. Mehr Kenntnis und Schulung statt jener oft so windigen Begeisterung, intelligente Arbeitsweisen und nicht die Rückkehr zum Holzpflug und zum Hornochsen und zu ähnlichen Primitivitäten, Aber das Beste für unseren Fall ist und bleibt die Verbindung von städtischen und ländlichen Berufen, von industrialisierter, intensivster Landwirt- Schaft mit auf das Land verlegten großen und kleinen Industrien, Gewerben usw. Mit einem Wort: die Gartenstadt oder das Industriedorf. Die Anregung hierzu (und auch die hartnäckige Wiederholung dieser Forderung bis zu ihrer ordentlichen Durchführung) ist auch landwirtschaftlich fruchtbarer, als alle ״Ansichten der überwiegenden Majorität“ . . . Die wundervolle Gartenstadt. 111 seinem Buche ״IXr Sieg des Industrialismus*•)“ sagt Josef Grun/el: 111״ Europa läßt sich konstatieren, daß seihst bei der Versorgung der Großstädte aus n a 11 e gelegenen landwirtschaftlichen Betrieben der vorn Produzenten erzielte Preis auf dem Wege zum letzten Verbraucher bei Milch und Fleisch,oft um 100 , bei Obst und Gemüse um 200— 400 ״» verteuert wird. Nach den vom städtische» statistischen Amt in Frankfurt a. M. kürzlich veröffentlichten Daten entfällt von dem Milchpreis in einigen großen Städten ein Drittel auf die Vermittlungskostcii, so daß der Produzent mir zwei Drittel erhält. Das amerikanische Aekerbnimiinisterium hat jüngst auf Grund von Erhebungen in 78 verschiedenen Städten Nordamerikas ermittelt, daß die Farmer von dem Konsunicntcnprcis bei Milch und Geflügel kaum 50״״, bei Eiern (»9 bci'Kohl 48—55 ״,'«, bei Aepfchi 5(1—60 bei Zwiebeln 28 ״>, bei Orangen 20—50»״ erhalten; bei dein kommerziell am besten gestellten Weizen beträgt dagegen der Produzentenanteil 80 ״«.“ Was will das alles anderes besagen, als daß der Landwirt und der Städter durch die getrennte Produktion ihrer gegenwärtigen Bedürfnisse kolossale Beträge verlieren, und zwar nicht nur an Vermittlung«- gebühr des Händlers und für den Transport — beides auch Erwerbszweige — sondern auch durch Risiko und Verluste, die niemandem etwas nützen. Landwirtschaftliche und!städtisch« Berufe, auf dem billigen Boden des flachen Landes, nebeneinander ausgeübt, verbilligen enorm den Bedarf beider Gruppen und erhöhen ihre Leistungsfähigkeit, ermöglichen die sehr viel billigere Produktion, ohne die Lebenshaitung der Leute zu drücken. Um 5 ס/״ mehr Lohn stürzen sich die intelligenten Arbeiterschaften der Kulturländer in die gewagtesten Streiks: der Gartenstädtcr verbilligt sich seinen Bedarf in der friedlichsten Weise un1 Hunderte von Prozenten. Ja, der intelligente Gartenstädter der letzten Konsequenz baut sich seinen Bedarf an Lebensmitteln selbst, und zwar ohne größere Arbeit als mancher Städter im Sport leistet, um seinem Körper die notwendige Bewegung zu schaffen! Die große Unkenntnis. Im Anfang war bei uns das Wort, und seine Herr- Schaft ist noch nicht zu Ende. Ein geschickter, gut klingender Satz begeistert den Kongreß, der sehr *) In dem prachtvollen Psalm von Leo Rafac *ל Verlag von Dunckcr & Humblot, Leipzig 101 — Zu der Frage: ״Was ist Landwirtschaft?“ fine *ich in diesem Buche folgende schöne Gcgcnübi Stellung: ״Der österreichische Bauer, der mit seine Gesinde alle Produkte verzehrt, welche die Wi *chaft hervorbringt, ist ein wirtschaftliches F o s s Der kanadische oaer argentinische Farmer aber gar nicht Landwirt im europäischen S Getreide* oder Flcisdvfabrikant, der m Mitteln für■ den größten Markt arbeitet. mie, sonde t modernst ungeduldig weiden kann, wenn wichtige sachliche Erörterungen versucht werden. Den größten ״Erfolg" hat 11er geschickte, gut klingende Satz, wenn er recht allgemein gehalten ist und außerdem nicht stimmt. Je falscher, je besser. Das süße Publikum ist dann erst frappiert, und der Kongreß jubelt. Ein Schulbeispiel ist das ״berühmte״ Wort: Warteil ist ein Unglück, aber keine Schande! Das Paradoxon riß die Leute hin. Vergessen war, daß wir die zionistische Bewegung nicht gemacht bähen, um zu warten, sondern um das Menschemnögljche zu tun, tun die vorhandenen Möglich* keiten bis ins Letzte auszuschöpfett und neue, größere und schönere zu suchen, tun zu retten und zu bauen — ohne eine Stunde zu verlieren! Vergessen war, daß auf Grund vermeintlieber Möglichkeiten erst kürzlich das Volk enthusiasmiert worden war mit der Aussicht auf unmiUelbar bevorstehende großzügige Siedlungsarbeit. Die Massen sollten sich in Bewegung setzen. — Vergessen und verweht war, daß die neuere Eutwickhing im Zionismus die Wartepolitik abgeschafft hatte. Vergessen war, daß Palästina voll ist von ungenützten Möglichkeiten, angesichts deren das Warten und Bremsen schlimmer ist als eine Schande. Die Herrschaft des Wortes ist ein Unglück. Die Autoritäten ohne Sachkenntnis sind ein Unglück. Die ״überwiegenden Majoritäten“, die ein Volksredner auf Kongressen findet, sind ein Unglück. Warten ist eine Schande! Protestversammlung in Berlin Unsere Antwort an den Zentralvereln Die ״Berliner Zionistische Vereint* g u 11 g“ hatte am Dienstag ihre Mitglieder und Freunde nach den ״Prachtsülen des Westens“ in der Spichernstralk berufen, um gegen die jüngste Resolution des Zentralvcreins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens Stellung zu nehmen. Mehr als 1000 Personen füllten den geräumigen Saal und die Galerie. Die Referate des Abends lagen in den Händen der Herren Rechtsanwalt Oroncmann und Kurt B I ti m e 11 f e I d, Herr Rechtsanwalt Oroncin a 1111 führte 11. n. aus, daß die Tagung, mit der wir uns zu beschäftigen hätten, entschieden einen Fortschritt in der Entwicklung des ״Zentralvcreins" bedeute. Zum erstenmal begännen die Herren über ihre eigene Existenz und über ihren Namen nachzudeiiken. Der Zionismus bekämpfe nichts so sehr, wie die üedankeulosigkeit int Judentum. Denn wo man immer beginne, über das Schicksal unseres Volkes nachzudenken, und konsequent bis zum Ende gehe, da müsse man beim Zionismus landen. Der Zeiitralvercin habe jetzt seine zionistischen Mitglieder ausgeschlossen, den Zionismus könne er nicht atisschließen. .Denn immer wieder würden neue Scharen von Zentralvcreinlcrii auf Grund eigenen Nachdenkens zu Zionisten werden und der Verein müßte in regelmäßigen Zcitabstämlcn immer wieder sich von einem Teil seiner Mitglieder trennen, wolle er wirklich zionistenrein bleiben. Es mag viele unter uns geben, die sich nur mit lebhaftem Bedauern von dem ״Zeiitralvercin“ trennen, denn wir haben früher im ,,Zentralverein“ die Instanz erblickt, die zur Vertretung des deutschen ludcntums im Kampf um unsere Gleichberechtigung berufen war. Oft mochten wir im einzelnen mit der Taktik dieses Kampfes nicht einverstanden sein, aber wir fühlten uns als disziplinierte Mitglieder und hielten zur Stange. Jetzt habe der Verein aufgehört ein ״ZciitraP'-Vcrein des deutschen Judentums zu sein, und nndulem er einen Teil der Juden aus seinen Reihen verwiesen habe, habe er kein Recht mehr, im Namen der Gesamtheit zu sprechen. Denn man könne nicht nach außen für die Glcichbcrechtigung eintreten und nach innen eben diese Gleichbercchtigimg versagen. Das würde den Herren wohl in Zukunft auch von den Stellen, an die sie sich mit ihren Gesuchen wenden, vorgehalten werden. Für uns Zionisten, ja für einen jeden anständigen Juden, gebe es jetzt kein Bedenken mehr. Es sei nicht angängig, zu sagen: Ja, solch einen Zionisten, wie er in der Zentralvcreinsrcsolutioii konstruiert wird, gibt es ja überhaupt nicht, und ich selbst beziehe sie erst recht nicht auf meinen eigeneu Zionismus“. Solch ein Standpunkt ist schon deshalb nicht akzeptabel, weil wir cs überhaupt als eine Beleidigung empfinden müssen, daß sich der Zeiitralvercin mit unseren Verhältnissen zum Deutschtum befaßt, dann aber würde solch ein Zionist durch sein Verbleiben diejenigen, die austreten, herabsetzen, indem man dann mit einem Schein von Recht sagen könnte, daß die künstlich konstruierte Zweiteilung der Zionisten in unserem Verhalten ihre Bestätigung fände. Deshalb müßten wir alle uns von diesen Leuten trennen, die uns aufs schwerste beleidigt haben. “ Der Zentralvereln hat jetzt über seinen Namen nachgedacht und Justizrat Fuchs hat gesagt, wenn der Verein jetzt gegründet würde, hätte man den Namen Zcntralvercin jüdischer Deutscher“ gewählt. Diese Acndcrutig würde die Wandlung, die der Zentralvercm gemacht habe, nicht ganz erschöpfen. Die Bezeichnung ״Zentralverein“ ist nach dem Ausschluß der Zionisten hinfällig geworden. Den Begriff des Staatsbürgertunis lehnen die Herreh zur Kemizcichmmg ihres Verhältnisses zuin Deutschen Reich ab die Gläubigkeit sei auch keine Voraussetzung für die Mitgliedschaft. Ihr jüdisches Empfinden aber sei lediglich objektiver Natur. Er schlage deshalb als neuen Namen vor ״Zentralverein subjektiv deutscher objektiv jüdischer IKutscher“. ’ Nachdem sich der Beifall gelegt hatte, der den Worten Rechtsanwalt Gronemanns folgte, ergriff I Rrr Kurt li I uni e n f e I d das Wort und führte etwa folgendes aus: Die Herren vom Zeiitralvercin ver* laugten immer, daß wir überzeugt sein sollten von ihrem ehrlichen Willen. Neben jener subjektiven Ehr* lichkeit, die wir ihnen gerne zugestehen, gäbe es aber eine innere Wahrhaftigkeit, die wir ihnen absprechen müssen. Wahren Respekt könne man nur sulchen Leuten entgegenbringen, die ihrer Uebcrzcu* gung leben. Jene aber lassen eine jede Wahrheit die sie in der Theorie verfechten, in der Praxis zur Unwahrheit werden. Der Gegensatz zwischen uns und ihnen sei deshalb weit weniger ein politischer als ein rein menschlicher. Dieselbe Oberflächlichkeit und Halbheit, die das allgemeine Bildungsideal unserer heutigen AssiinilationsjmJcn kennzeichne, mache sich auch in ihrer Behandlung jüdischer Fragen breit. Man vermeide cs ängstlich, in die Ideenwelt des Zionismus cinzudringcn und bemühe sich lediglich sich Brocken aus unserer zionistischen Terminologie zueigen zu machen. Mag man immer die letzte Haupt- Versammlung als Sympton eines kleinen Fortschritts zum Judentum werten, was diesen Leuten fehlt, das sei eben der Mut zur Wahrhaftigkeit. Sie bekämpfen den Antisemitismus, erklären seine Anschauungen und Folgerungen für eine Kulturschande und machen sich dann eben diese antisemitischen Staatstheorien zueigen, um den Zionismus zu bekämpfen. IX’tin was ist es denn anderes, als ein Stück antisemitischer Denkweise, wenn man erklärt, der deutsche Staatsgedankc werde durch eine jüdische Anschauung gefährdet. Es gibt wohl kaum eine antisemitische Ver- Sammlung, auf der so viel von deutschem Nationalismus gesprochen wurde, wie auf der Tagung des Zentralvcreins, Wenn ein Unbefangener solch eine Versammlung mit anhört, so muß er auf den Gedanken komincn, es gehe im Judentum heute keine andere Frage, wie eben die des deutschen Nationalismus. Als man gehört habe, daß Professor Falkenh e i 111 als Referent gegen den Zionismus bestimmt sei, da 11aIn: man;imsehmcn dürfen, daß die Auscinaiidcrsetzung sich in sehr milden und konzilianteil Formen ab wickeln wurde. Denn als einmal die Frage zur Diskussion stand, wie man sich zu der Kandidatur von Täuflingen stellen solle, da habe derselbe Professor falkeniieim, der solch scharfmachcrische Rede gegen den Zionismus führe, einen sehr vermittelnden Standpunkt eingenommen. Er habe gesagt, man müsse sieh solche Leute genauer ansehen und wenn sie sonst anständige Leute seien und vor allem keinen antisemitischen Neigungen huldigen, dann könne man solch einem Manne ruhig seine Stimme gehen. Dieser Standpunkt sei verständlich, wenn man bedenke, daß Falkenheim, der in Königsberg Vertruiiensmann des Zentral Vereins ist, A. H. einer antisemitischen Burschenschaft sei, die seit zwanzig Jahren keinen Juden aufuimmt, und sein Band immer noch nicht ziirückgesandt habe. Auf allen Gebieten des Lebens zeigt es sich, wie die Herren im jüdischen Leben den entgegengesetzten Standpunkt, wie in der allgemeinen Oe Mentlichkeit, vertreten. In der deutschen Politik seien sie freisinnig, im Judentum aber, wo sie alle Prinzipien des Liberalismus vei leugnen, seien sic erzreaktioniir. Sie verlangen das gleiche Wahlrecht im Staate und konservieren in den Gemeinden das Dreiklassen- Wahlrecht, sie geben vor, für Gewissensfreiheit zu kämpfen und bedrohen ausländische Juden mit Wahlrcehtsrnub und Ausweisung, wenn sie einer Anschau• ung huldigen, die ihnen nicht paßt. Man suche die Bemerkung unseres Freundes k o I I e 11 s c h c r aus* zuschl.ieliten, daß der Patriotismus von sozialen Momenten sehr wesentlich mit diktiert werde. Diese Anschauung aber gehe zurück auf den liberalen Staatsrechtslchrcr Wende, den man verleugnen zu müssen glaubt, sobald es sich darum handelt, den eigenen Patriotismus in hellerem Lichte erstrahlen zu lassen. Die Herren haben selbst gesagt, daß ihre Ver- Sammlungen erst dann interessant würden, wenn die Rede auf den Zionismus komme. Da zeige sich eben die .Kraft unserer Idee, die sich überall Eingang verschafft. Wo immer ein Zionist in! jüdischen Leben auf* tauche, mache er sich als solcher bemerkbar, aber es könnten hundert Zentral Vereinsmitglieder an einem Orte sein, ohne daß sie das jüdische Leben bcein- Bussen, in dem Kampfe, der uns aufgedrungen ist, werden wir siegen, weil ein jedes unserer Mitglieder von unserer Idee so durchdrungen ist, daß es in jeder Lebenslage als ihr ergebener Verfechter für sie eintritt. Im Namen der ״jüdischen Tumcrschaft" gab ihr Vorsitzender, Rechtsanwalt Greifenhagen, die folgende Erklärung ab: ״Die jüdische Turnerschaft ist von Professor Falkenhcim angegriffen worden als Pflcgcstättc des nationalen Judentums und des Zionismus,!)entgegenüber haben wir zu erklären : Die jüdische Turnerschaft erstrebt die körperliche Hebung des jüdischen Volkes durch Turnen und Sport, sowie die Pflege nationaljüdischer Gesinnung. Von diesem Standpunkt aus ist es selbstverständliche Pflicht der jüdischen Turner• Schaft, ihre Mitglieder über alle Strömungen und Bewegungen des nationalen Judentums zu unterrichten!

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