Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 15 (11.4.1913)
- Date
- 1913-04-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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April 1913 — 4. Nissan 5673 XVIII. Jahrgang Ausweis 1 Schekel! Schönlanke 25,—, Erfurt (l. und 2. Quartal) 11,25, Memel 48,—, Posen 6,—. Berlin 1,—, Glogau I,—, Frankfurt a. M, 10,—, Krolicn 5,— Cötlicn 18,—, Neuwied 10,—, Jarotschiu 25,— M, Landesorganisationsbeiträge: 1. Ortsgruppen: Schönlanke 75,—, Erfurt 33,75, Bosen (3 Einzclbciträgc) , Berlin (2 Einzelbeitrage) 5,—, Kröbcn 15,—, Frankfurt a. M. 48,—, Cötlicn 54,—, Neuwied (Einzclbcitr.) 3,— , Jarotscliin Kt, , B. Z. V. Id, - M, 2. Einzelpersonen: Aus Halberstadt: Ernst Baer 10,—, Jacob Hoffmaim, New York, 10,—, Otto Levy 0,-, Kuben Samson 10,—, Elias Marx, Mündien, 10,—, Professor Klassmcr, Breslau, 20.—, Willy Meyer, Schwelm, 10,—, Ferdinand Bloch, Floss, 5,—, Eugen Friedmann, Berlin, 8,—, Dr. M. Mayer, Miindien, 5,—, Apotheker Heinrich, Ncufahrwasscr bei Danzig, ö,—, Leo Förder, Berlin, 10,—, Dr. Kurt Roscnhcrg, Berlin, 10,- , l)r. jur. Königsberger, Mülhcim-Kuhr, 6,—, Simon Strauss, Cassel, 25, -, Rechts• anwalt Wilk, Crone a. d. Br., 5,—, Ludwig Moritz, Breslau 5,—, Ludwig Tockus, Breslau, 10,—, Selma Veilehcnfcld, Hamburg, 5,—, Architekt Adolf Kaliski, Berlin, 5,—, Kurt Bettsak, Berlin, 10,—, Dr. Rosenfehl, Königsberg, 5,—, Hugo Fracnkel, Berlin. 10,--, Assessor Hirsen, Hamburg, 6,־ , David Rakowski, Stettin, 5, , Dr. R. Straus^ Charlottenburg, 51), — M. 3. Verschiedene Spenden: Hamburg 1, , Gr.-Strchlitz 1,50 M. Eingang vom 3. bis 9. April! Schekel: 160,25 Mark; Landesorga 11 isationsbeitrii ge: 5öl,25 M. Gesamteingang! Schekel: 1100,25 M.; Laudesorganisationsbeitriige: 6089,82 M. Adresse für Geldsendungen: Zionistische Vereinigung für Deutschland, Berlin W15, Sächsische Straße 8. Postscheckkonto! Berlin 8091, Bankkonto! A. H. Hcymaiin k Co., Berlin W56, Hinter der Katholischen Kirche 1, Deutsches Nationalgefühl Der ״Zentralverein deutscher Staatsbürger jü* dischcn Glaubens“ hat erklärt, daß er sich von Zionisten trennen müsse, welche ein deutsches Nationalgefühl leugnen, Was ist Nationalgefühl? Zweifellos ein Gefühl, das der Tatsache entspringt, daß man Angehöriger einer Volksgemeinschaft ist. Es gibt Staaten, in denen nur eine oder hauptsächlich nur eine Volksgemeinschaft existiert, z. ß. Frankreich; Staaten, wo viele Völker nebeneinander auskommen müssen und miteinander den Staat bilden, z. B. Oesterreich. Die Gemeinschaft des Volkes beruht auf der Bluts- und Familicnverwandtschaft, der gemeinsamen Vergangenheit und den durch diese Faktoren begründeten gemeinsamen Zusammengehörigkeitsgefühlen. So denke ich mir die Grundlage des Nationalgefühls! Neben dem Nationalgefühl gibt es noch andere Gefühle ähnlicher Art, welche nicht auf der Blutsgemeinschaft aufgebaut sind. Pole und Tscheche können gleichartig fühlen als Staatsbürger Oesterreichs. Diese staatsbürgediehen Gefühle ähneln dein Nationalgefühl, aber sic sind ihm absolut nicht identisch. Sie sind auch nur da ähnlich, wo nationale Interessen und Staatsbürgerinteressen sich nicht feindlich gegenüberstehen, wie es z. B. beim Polcntum in Deutschland der Fall ist. Das Gefühl des Staatsbürgers für den Staat, das sich im Patriotismus in der Liebe zum Land und zum Herrscher (als dem Repräsentanten des monarchischen Staates) äußert, basiert auf der Gleichheit der Interessen, auf der Einsicht, daß alle wirtschaftlichen und kulturellen Wohltaten die Existenz des Staates zur Voraussetzung haben. Darum wird der gute Staatsbürger ganz selbst- ״Der Zioninmua erstrebt für da■ Jüdische Volk dlo Schaffung einer Üffcntilch-’rcchtlich gesicherten Heimstätte im PaULsäna• Baseler Programm. verständlich den Staat fördern, ihn schützen und mit Gut und Blut für ihn eintreten. In diesem Sinne glaube ich gibt es nicht das leiseste Hindernis für den Juden (gleichviel, ob Zionist oder nicht) guter Staatsbürger zu sein; ja der Zionismus ist geradezu geeignet, zum guten Staatsbürger zu erziehen, Indem er in uns den ungcsiinden Egoismus erstickt und uns die Augen öffnet über die höheren Pflichten, die dem Einzelindividuum, als Teil der Gesamtheit, erwachsen. Erzieht der Zionismus uns zu sittlich höher stehenden Menschen, so leistet er dabei gleichzeitig (wenn aucli ohne direkte Absicht) staatsbürgerliche Erziehung, Alle diese staatsbürgerlichen Eigenschaften und Gefühle haben nichts gemein mit dem Nationalgefühl. Deutsches Nationalgefühl kann auch der Oesterreichei־ Iniben oder der Schweizer. Nationalgefühl und Staatsbürgerliebes ( j e f ü h I si nd also ganz, verse hied e n e Dinge. Wichtiger fü, den Staat ist das letztere. Oft entspringt es dem ersteren, doch kann es dies nur, wo gewisse Voraussetzungen gegeben sind. Diese Voraussetzungen aber liegen in der Geburt. Darum kann kein Jude deutsches Nationalgefühl haben, er kann und mag der beste deutsche Staatsbürger sein! Daraus erhellt, daß der Zentralere!» U n - mögliches .verlangt hat. Aber noch eins. Da und dort haben sögenannte Notabein, Rabbiner und auch sonst im jüdischen Gemeinwesen angesehene Männer immer wieder versucht, uns in unserer Eigenschnft als gute deutsche Staatsbürger zu verdächtigen, weil wir Zionisten sind. Zionismus und Staatsbürgertum sind zwei voneinander völlig unabhängige Faktoren. Man kann Zionist und dabei ein recht schlechter Staatsbürger sein und man kann andererseits sich als bewußter Nationaljude fühlen und als der beste deutsche Staatsbürger wirken. Wir müssen uns — die wir dies so viele tausend Mal erklärt haben — nicht länger derartige Anschuldigungen unserer Gegner gefallen lassen. Wer uns als deutsche Staatsbürger verdächtigt, weil wir Zionisten sind, der beweist doch entweder nur grenzenlose Unwissenheit oder grobe Gesinnungslosigkeit. Er verdient nicht länger geschont zu werden. Und weil unsere Gegner ihr Judentum meist darin erblicken, daß sie vor der nichtjüdischen Außenweit mit ihrem Deutschtum paradieren, so sei ihnen angekündigt, daß wir, wenn sic mit ihren grundlosen Verdächtigungen nicht aufhören, ihnen vor aller Oeffentlichkeit die Larve herunterreißen und zeigen werden, was sie für gute deutsche Staatsbürger sind. Wir lieben das deutsche Vaterland, weil wir ■genau wissen: guter Staatsbürger und guter Zion i st sein, das Ist kein Widerspruch! Sie aber posaunen ihr Staatsbürgertum, ihr ״deutsches Nationalgefühl“ nur in alle Welt hinaus, damit man sie um Gottes Willen nur jä nicht für gute Juden halte. Dr. Ludwig Wassermann, München. Varia Von Davis Trietsch. ״Differenzen mit der Majorität.“ Sehr geehrter Herr Redakteur! Sie hatten die Freundlichkeit, zu meinen Ausführungen über ״Landwirtschaft und städtische Berufe“ (in der Rundschau vom 21. März) zu bemerken, daß sie sich mit den Ansichten der überwiegenden Mehrheit unserer Partei nicht decken. Ich quittiere dankend diese Belobigung und möchte nur sagen, daß ich hoffe, cs stimmt für das meiste, was ich schreibe. Denn ich kann wirklich meine Aufgabe nicht darin erblicken, dem Publikum zu sagen, was es schon wußte oder bereits begriffen hat. Andererseits aber halte ich cs für nicht zutreffend, wenn Sie von Ansichten der überwiegenden Mehrheit sprechen. Die überwiegende Mehrheit hat keine Ansichten über diese Frage, sondern allenfalls Irrtümcr und Unklarheiten. Es kann auch kaum anders sein. Die überwiegende Mehrheit kennt die Dinge nicht. Sic hat nicht in Palästina gelebt, sie beschäftigt sich nicht in der Hauptsache mit Fragen unserer Kolonisation. Ansichten über diese Dinge zu haben, ist und kann nur sein eine Sache von wenigen Leuten. Wenn ich trotzdem gern •len Raunt der ״Rundschau“ dafür in Anspruch nehme, so geschieht cs, um den Leserkreis dieses m gewissen Hinsichten sehr maßgebliehen Blattes an meine Behandlung der Probleme zu gewöhnen, und selbstverständlich auch, um durch Oewinnung möglichst vieler einzelner auf den Verlauf der Dinge cinzuwirkcn. Die Erfahrung langer Jahre hat mir gezeigt, daß cs auf das Publikum allmählich Eindruck macht, wenn abweichenden Meinungen gegenüber die instinktiv gcllenden Irrtümcr gar nicht oder nur unzureichend verteidigt werden. Soll doch einmal jemand kommen und in klarer und sachlicher Weise die ״Ansichten der überwiegenden Majorität“ verteidigen. Solange das nicht geschieht, wird das Publikum - auch ohne selbst tiefer in die Materie einzudringen — sich immer häufiger bei meinen Differeiizcn mit der Majorität denken: es wird wohl stimmen. Zum Beleg dafür, wie schwer es für eine überwiegende Majorität ist, in solchen. Dingen Ansichten zu haben, lasse ich —mit Ihrer Erlaubnis — noch einige ״Varia“•folgen. Was ist Landwirtschaft? Ist Hühnerzucht Landwirtschaft? Ist Milchwirtschaff und Orangenbau Landwirtschaft? Vom Orangenbau sagen unsere jungen Arbeiter in Palästina, die die Sache vor Augen sehen, es sei eine kapitalistische Industrie. Man fabriziert Orangen prinzipiell nicht anders, als man Hosenträger fabrizieren würde. Die Juden der Stadt Safed in Galiläa haben mehr Milchwirtschaft getrieben als kürzlich noch alle unsere Kolonien zusammen Die amerikanischen Sektierer in Jerusalem treiben in der Heiligen Stadt Luzernenbau und Milchwirtschaft mit bestem Erfolge. Eine große deutsche Organisation führt gegenwärtig die Hühnerzucht als städtisch-häusliche Beschäftigung ein (in der Wohnung zu betreiben I nicht etwa Im ״Oarten“ oder im ״Hof“). Die moderne Entwicklung geht darauf hin, daß Landwirtschaft zur Industrie wird, und das ist gut 80, und außerdem liegen hierin die außerordentliehen Chancen für die Juden als Landwirte. In dieser einzig menschenwürdigen Form der Landwirt- *chaft können wir bald an erster Stelle stehen. E» ist ein Vorzug, daß wir nicht in gencrationenlanger Tradition der primitiven Landwirtschaft Hecken, mittelst deren heute noch das Hauptquantum landwirtschaftlicher Produkte erzeugt wird.