Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 14 (4.4.1913)
- Date
- 1913-04-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 13& Nr. 14 deutsch-national. Der Vorstand erlaubt sich, Ihnen nachstehende Resolution zu unterbreiten: ״Der Zcntralvcrcin deutscher Staatsbürger jüdischcti Glaubens bezweckt nach § 1 seiner Sat/ungen, die deutschen Juden ohne Unterschied der rdigiösen und politischen Richtung zu sammeln, um sic jn der tatkräftigen Wahrung ihrer statsbiirgerliehen und gesellschaftlichen Gleichstellung sowie in der unbeirrten Pflege deutscher Gesinnung zu bestärken. Hieraus ergibt sich die Stellung des Zentralvereins zu den Zionisten. Wir verlangen von unseren Mitgliedern nicht nur die Erfüllung der staatsbürgerlichen Pflichten, sondem deutsche Gesinnung und die Bctiitigung dieser Gesinnung im bürgerlichen Lehen. Wir wollen die deutsche Judcufragc nicht international lösen. Aul dem Hoden des deutschen Vaterlandes wollen wir als Deutsche an deutscher K u I - tur m it ar!1 c it e 11 und unserer, durch Rctigkm und Geschichte geheiligten Gemeinschaft treu bleiben. — Soweit der deutsche Zionist danach strebt, den entrechteten JudcndcsOstens eine gesicherte Heimstätte zu schaffen, oder den Stolz des Juden auf seine Geschichte und seine Religion zu liehen, ist er uns als Mitglied willkommen. Von dein Zionisten aber, der ein deutsches Nationalgefühl leugnet, sich als Gast im fremden Wirtsvolk und national mir als Jude fühlt, müsens wir uns trennen.“ Professor Dr. Carl Lewin! Um jeden Zweifel aus/.uschließeii, bemerke ich, daß ich Zionist bin. Bei Beurteilung der ganzen Sachlage dürfen Sie doch das psychologische Moment nicht vergessen. Wir sind mit unsere ganzen Seele mit dem Lande, in dem wir wohnen, verknüpft. Wir deutschen Juden haben jinmcr betont, daß wir Deutsche und nichts anderes als Deutsche sind. Wenn es darauf angekommen wäre, was w i r gefühlt und betont haben, so wären vielleicht manche der Argumente, die wir f'chört haben, zutreffend. Wenn Sie aber Vorurteilsos die Meinung unserer deutschen Mitbürger hören, so werden sic erkennen, daß alle unsere Versieherungcn, die aus tiefstem Herzen kommen und die wir gar nicht anders abgeben könnten, ganz anders aufgenommen werden, und zwar liegt die Ursache nicht nur darin, wie Sie glauben, daß wir eine andere Religion haben. Ich habe erst jüngst mit einem Christliehen Chirurgen, den ich außerordentlich schütze, gesprochen, der weit davon entfernt ist, Antisemit zu sein, und durch diese Unterredung bin ich in meiner Meinung bestärkt worden. Wenn Herr Geheimrat Fuchs hier mit vollem Optimismus verkündet hat, tlaß Wahrheit und Gerechtigkeit doch endlich zum Ziele führen werden, so bin ich anderer Meinung. Ich habe noch nie gefunden, daß Wahrheit und Gercchtigkeit gesiegt naben. Wir wollen von Einzeläußerungen hier wirklich abschcn, aber noch einmal unterstreichen möchte ich das, was in der ersten zionistischen Versammlung, die ich in Berlin mitcmacht habe, Herr Dr. H i I d e s 11 c i in e r gesagt at: ״W a s wir für das Judentum gut halten, das müssen wir tun, nur mit Rücksicht auf das Judentum selbst und unabhängig von dem, was die anderen sagen werden.“ Wenn der Begriff deutschnational richtig aufgefaßt wird, dann sind auch die Zionisten deutsch-national. Weil ich aber glaube, daß wir in Deutschland einen Kampf kämpfen, der im Grunde genommen für die Geschicke lies Judentums als Ganzes nicht von ausschlaggebender Bedeutung sein wird, darum sehe ich mich genötigt, noch auf andere Weise an der Erhaltung des Judentums mitzuarbeiten. Wir müssen, wenn uns diese Erhaltung am Herzen liegt, eine Form schaffen, die allen Juden die Möglichkeit gibt, in menschenwürdigen Verhältnissen zu leben. Es ist ja selbstverständlich, daß wir in Deutschland schon aus Gründen der Ehre danach streben müssen, daß keiner wegen seines Glaubens und wegen seiner Abstammung zurückgesetzt wird. Der Unterschied zwischen Ost und West ist der, daß im Osten der Pogrom der jüdischen Bevölkerung ihre Verschiedenheit von ihrer Umgebung klar macht, während wir im Westen die seelische Bedrückung vielleicht ebenso stark empfinden wie den Pogrom. Ich bin nicht in der Leitung der ״Zionistischen Vereinigiiiig für Deutschland" und spreche nur als ganz gewöhnlicher Feld-, Wald- und Wiesenzionist. Ich glaube aber sagen zu können, daß die ״Zionistische Vereinigung für Deutschland“ bereit ist, den gemeinsamen Kampf in Deutschland zu führen. Die Resolution, die Sit• uns hier vorlegen, mag ja von vielen als sehr milde empfunden werden. Mir gefällt sic nicht und ich empfinde dieselbe als vollkommen überflüssi« Mit Ihrem Kampf gegen den Zionismus werden c ja schließlich doch nichts erreichen. Glauben Sie, daß Sie mit der Betonung des deutschnationalen Gedankens, wie er in der letzten Zeit in jüdischen Kreisen Mode geworden ist, etwas erreichen werden? Glauben Sie vor allem, daß Sie damit bei •jnscren Gegnern Erfolge erzielen werden? (Zurufe: h wohl, durch Kampf zum Sieg!) Ich glaube nicht, daß die anderen ihre Gefühle uns gegenüber durch eine solche Proklamation ändern werden, ich hätte mich niemals aktiv an der Arbeit des Zentral- Vereins beteiligt, wenn ich damit ein Opfer meiner Uebcrzcugung hätte bringen müssen, und ich glaube, daß alle diejenigen Zionisten, die den Kampf gemein- ®am mit Ihnen geführt haben, ebenso denken. Wir hätten nicht mit Ihnen gearbeitet, wenn wir nicht der Ansicht gewesen wären, daß der Kampf, den Sie fuhren, notwendig ist. Aber wie ich bereits schon einmal angeführt habe, wir denken weiter, daß das Geschick der Juden jede® Landes JUEDiSCHE RUNDSCHAU abhängig Ist von dem Geschick der Juocn aller Länder. Redner geht dann auf die Verhältnisse in LngLnid und Amerika ein und beweist, daß der Antisemitismus ühenill Ja teilt wird, wo Juden in größerer A וו za 111 cmwandern. Ich resümiere, wir sind gern bereit, im Rahmen der gegebenen Verhältnisse im Zentral-Verein iiiitzuarheiten, wir wollen aber vermieden wissen, daß der Ton schärfer wird. Aber es muß auf heulen Seiten Mall gehalten werden. Die Zeitschrift ״Im Deutschen Reich“ muß sich weniger als in der letzten Zeit damit beschäftigen, den jüdisch-nationalen Gedanken zu hekämpien. Die Redner des Zentral-Vereins müssen auch ermahnt werden, in «len Versa mmhingen alles zu vermeiden, was zu einem Zusammen* stoli mit den Zionisten führen kann. Dr. IlerzfelcI - l'fi.i'ti betont, daß, wenn alle Zionisten auf dem Standpunkt voll Professor Lewin standen, keine Debatte notwendig sein würde. Der Zionismus wolle die Judenfrage in Palästina lösen. Auf dem Posencr Delegiertentage hätte die Zionistischc Vereinigung für Deutschland ausdrücklich erklärt, daß Kompromisse mit anderen Organisationen unmöglicli wären. Er empfehle die Resolution des Vorstandes. Dr. Rißer- Hamburg bittet darum, nur den ersten Absatz der Resolutton an/imehmcn, die anderen seien überflüssig. Man dürfe von einem anständigen Zionisten verlangen, daß er dem Zentral- Verein nur beitrete, wenn er auf dem Boden seines Tendcnzparagraplicn stehe. Sanitätsrat Dr. Reich - Breslau bekämpft den Zionismus auf Grund seiner Erfahrungen in Breslau. Die Zionisten hätten dort niemals mitgearbeitet, sondern nur die Versammlungen des Zentral-Vercins gestört. Dr. Weil - Straßburg begreift nicht, daß der Vorstand nach den Referaten, insbesondere nach dem von Prof. F a 1 k c n 11 e i 111, eine so milde Resolution vorlegcn konnte. Der Zentral-Vcrcin könnte sich doch nicht selbst einen Zionismus konstruieren, sondern müßte sich an das Baseler Programm halten. Er beantragt daher, den letzten Absatz der Resolution so zu fassen, daß jeder, der sich zum Baseler Programin bekennt, nicht Mitglied des Zcntral-Vcrcins sein könne. Justizrat Auerbach - Frankfurt a. M. bekennt sieh dazu, einer von den von Herrn Fuchs angegriffenen Heißspornen zu sein. Er wüßte nicht genau, ob er die ihm vorgeworfencu Aeußcrungen in Mainz wörtlich getan habe, aber er sei offen, zu bekennen, daß er sie gedacht hätte. Iin Gegenteil zu Herrn Fuchs meint er, daß cs notwendig wäre, derartige Gedanken auszusprechen, cs müßte eben in jeder Organisation Heißsporne und Leisetreter geben. Oberrabbincr Dr. Werner - München: Ich warne Sie vor dem Anträge, den Ihnen mein Vorredner unterbreitet hat. Wenn Zionisten erklären, daß sie mit uns arbeiten w01׳len, dann können sie uns sehr willkommen sein. Ich bin gewiß ein Gegner des Zionismus, aber ich halte einen Zionisten für einen ehrlichen Menschen, der seine Mitarbeit nicht zur Verfügung stellen wird, wenn es ihm nicht ernst darum ist. Mach meinem Gefühl könnte die Resolution, die der Vorstand uns vorgclcgt hat, ruhig angenommen werden, ob die Zionisten sie annehmen können, darüber müssen sic selbst entscheiden. Dr. Marcusc - Stettin beantragt in der Resolution im Absatz 4 die Worte ״des Ostens“ zu streichen. Professor Carl Lcwin: Ich habe die Resolution jetzt genau durchgeprüft und möchte Ihnen Vorschlägen, den zweiten und dritten Absatz zu streichen und den vierten folgendermaßen zu ändern: Der Zcntral-Vcrcin erkennt alle Bestrebungen an, entrechteten Juden eine gesicherte Heimstätte zu schaffen und den Stolz des Juden auf seine Geschichte und seine Religion zu lieben. Die Wege des Zentral-Vereins trennen sich aber von denjeuigeu, welche betonen, daß die deutschen Juden an den Geschicken des deutschen Vaterlandes kein inneres ,Interesse haben. Ich für meine Person würde auch gegen diese Resolution ,stimmen, weil ich die Annahme einer solchen überhaupt für überflüssig halte. Professor Falkcnhcim - Königsberg verw ahrt sieh gegen den Vorwurf, daß die vom Vorstand vorgelegte Resolution nicht mit seinem Referat uberemstimmc. Er bedauert ferner, daß Prof. Carl Le will nicht in der Leitung der ״Zionistischen Vereinigung für Deutschland“ sitzt, dann würde es keine Differenzen geben. Er fürchtet aber, tlaß für Herrn Prof. Lewin, ebenso wie es Herrn Dr. Franz Oppenheimer geschehen ist, von seiten der Zionisten der Zahltag kommen würde. Oclieimrat Fuchs verliest sodann die eingegangenen Antragsiinderungen und befürwortet eindringlich die Annahme der vom Vorstand vorgclegtcn Resolution. Dieselbe wird dann mit allen gegen einige Stimmen angenommen. Die ״Hauptversammlung“ am Sonntag sollte nach Angabe der Referenten den Zweck haben, ״Klarbeit“ zu schaffen zwischen den ״Zentralverein“ und der zionistischen Bewegung. Schon der Wortlaut der vom Vorstand vorgcsdilagencn Resolution mußte jedem Einsichtigen zeigen, daß diese Absicht ernst- Haft nicht bestanden haben kann. Wie an anderer Stelle ausgciührt ist, war die Absicht der Herren vielmehr die, Verwirrung zu stiften. Diese Absicht wird ihnen nicht gelingen. Denn die politische Einsicht unserer Mitglieder ist den Ränken unserer ״jüdischen Deutschen“ das schöne Wort stammt vom zweiten Vorsitzenden des Vereins — über. Mau wollte historisch Vorgehen und angeblich nur die offiziellen Kundgebungen beider Parteien zur Beurteilung der Streitfrage heranzuziehen. Sehr srhfin so! Aber wäre cs nicht vielleicht nützlich gewesen, auch ein wenig die Manöver zu beleuchten, die von seiten des Zcntralvcrcins und seinen leitenden Personen hinter den Kulissen entriert wurden? Wir erkennen an, daß sich Herren vom Vorstände des Vereins mit unserem Zentralkomitee /usaiimieiigetundeu haben, um die Möglichkeit eines friedlichen Nebeneinander zu erwägen. Aber wir wissen auch, daß fast zur gleichen Zeit dieselben Herren die jüdischen Oberlehrer Berlins zusammenriefen, um sie zum Kampfe gegen den Zionismus auf/ustachcln. Und die gleichen Leute, welche die Heiligkeit der Religion so gern im Munde führen, haben sich nicht gescheut, in einem Rundschreiben dazu auf/uforderii, der! jüdischen Religionsunterricht zu antizionistischcr Propaganda auszuschlachtcn. Wir waren bisher der Ansicht, daß der Religionsuntcrriclit auch heute noch ein Ocbiet sei, dem man den Kampf der politischen Ucbcrzcugungen fernzuhaltcn gewillt sei. Aber die Angst der Leute vor dem Zionismus und — der Meinung der anderen kennt auch diese Grenzen nicht. — Wir sollen uns nicht an die ״Entgleisungen ein- /einer Heißsporne“ halten. Auch schön! Aber wenn in einer jeden Versammlung, die der Zcntralverein veranstaltet, nur diese sogenannten ״Heißsporne" zu Worte kommen, so können wir beim besten Willen die Schuld nicht nur der Desorganisation des Zentral- Vereins zuschreiben und lediglich die Worte des stets friedlich gesinnten Geheimrat F 11 c h $ als bare Münze nehmen, Es ist möglich, daß wir von diesem oder jenem Schritt, den die Herren auf Schleichwegen gegen uns unternommen haben, nicht unterrichtet sind. Aber was wir wissen, genügt zu der Fest- Stellung, daß dieser Kampf nicht mit ritterlichen Waffen geführt worden ist. Und nur der kann verstehen, wie verlogen im Grunde das ganze versöhnliehe Getue auf der Versammlung war, dem es vergönnt war, die Herren gelegentlich bei ihrer ״stillen“ Arbeit zu beobachten. Was war denn das überhaupt für eine Vers am mhing, die sich da anmaßte, über die Vorschrift'- mäßige Gesinnung eines Zentralvercinsmitgliedes za befinden. Wir Zionisten sind gewohnt, daß auf unseren ״Hauptversammlungen“ tatsächlich die Erwählten der Mitgliedschaft Zusammenkommen, um die Richtlinien unseres Vergehens auf Grund der Ansichten ihrer Mandatare zu bestimmen, und man könnte da auf Grund eines Analogieschlusses zu der Ansicht gelangen, daß die einmütige Ansicht der Zcntralvcrcinsmitglicdcr sich gegen den Zionismus entschieden habe. Das ist aber nicht der Fall. Denn die Herren, die nach Berlin kamen, waren keineswegs berufen!* Vertreter der Mitgliedschaft, sondern lediglich von den Vorständen entsandt, um deren Ansichten zu vertreten; wie aber solch ein Zentralvereinsvorstaml zustande kommt,!Jas ist wohl zur Genüge bekannt; Dieselben Herren, die in der ״Liberalen Vereinigung'' und im Gcmcindcvorstand die erste Geige spielen, werden auch noch mit dieser Würde bedacht, die ja so herzlich wenig eigentliche Arbeit verlangt uml in erster Linie repräsentativen Charakter trägt. Das konnte man , so lange ltingehcn lassen, wie der Zentralverein als Vertretung des gesamten J11deutums gelten durfte, und es ausgeschlossen erschien, daß er sich in seinen Beschlüssen gegen eine bestimmte Gesinnung innerhalb des Judentum richten würde. Da es nun aber anders gekommen ist, können wir den Herren, die tapfer mitgestimmt und mitgehetzt haben, verraten, daß ihrer teilweise in den Ortsgruppen kein sehr freundlicher Empfang wartet. Nun die Zcntralvcreinsfrage: ״Was werden die Christen sagen, denen zuliebe doch letzten Endes d.is ganze Schauspiel vor sieh ging?“ Werden sie der! nun zum so und sovielteiininl vorgetragenen Ver- Sicherungen von der ,,deutschen Gesinnung“ glauben? Uns liegen bisher nur wenige Prcßkommentare vor. Aber wir finden bereits mehrfach in die Wiedergabe der Resolution eine Reihe von Frage- Zeichen cingdlochtcn, die den Herren sehr schmerzlieh sein müssen. Diese Fragezeichen sind mit noch 8° lautem Phrascngcbiinmel nicht totzukriegen. Denn an dem volkstümlichen Worte ״haltet den Dieb“ wird auch diese Verleumdungskampagne zuschanden werden.