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Jüdische Rundschau · 1913-04-04 · Heft 14 (4.4.1913) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 14 (4.4.1913)
Date
1913-04-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 136 Nr. 14 JUED1SCHE RUNDSCHAU wirken können, das Maßgebende. Geheimrat Fuchs hat zwar ausgeführt, daß der Zentralverein sein Verhallen nicht cinrichtcn will nacii dem, was die Antisemiten sagen. Indes klingt doch aus jeder Seite des Berichts diese Rücksichtnahme. Denn das Schwergewicht der Stellung des Zcntralvcroins gegen den Zionismus beruht allein auf der einen Erwägung, wie die Antisemiten diese oder jene Aeußerung atifiassen könnten. Es ist die glänzendste Ehrenrettung für den Zionismus, daß während der ganzen Versammlung nicht eine Tatsache bekannt gegeben werden konnte, die den Zionismus als unpatriotisch kennzeichnen könnte. Und man hat — besonders der erste Referent, Prof. Falkenh e i m . tat sich darin hervor — doch alle Aeufierungen, die Bemerkungen der jüngsten Studenten, zusammengetragen, um vor dem Zionismus bange zu machen. Was ich in der letzten Nummer über die Staatsbürgcrlreue des Zionismus gesagt habe, bleibt aufrecht stehen. Und wenn jetzt der Zentralvercin verkündet, als eine neue Lehre, daß wir deutsche Juden an der deutschen Kultur mitarbeiten wollen, so brauchen wir Zionisten den Vergleich nicht zu scheuen, wenn gegeneinander abgewogen werden soll, was Männer aus unseren Reihen für die deutsche Kultur geleistet haben und was die übrige Judenheit nach dieser Riehtung getan hat. Auch hier entscheidet die Tat und nicht das Wort. Es ist außerordentlich bezeichnend für die Denkart der Mehrheit, daß sic einen Antrag auf Streichung des Wortes ״des Ostens“ in dem Satze: ״Soweit der deutsche Zionist danach strebt, den entrechteten Juden des Ostens eine gesicherte Heimstätte zu schaffen“ abgelchnt hat. Der Unterschied zwischen Ost- und Westjudentuin wurde scharf gezogen. Derjenige, der in Deutschland etwa in seiner beruflichen Karriere entrechtet wird, hat keinen Anspruch auf die gesicherte Heimstätte; wenn er aber dann statt nach Palästina vielleicht nach England oder Amerika auswandert und dort gar ein reicher, angesehener Vollblutengländer oder -Amerikaner wird, dann zielten auch die Männer vom Zentralverein voller Verehrung den Hut. Der Anspruch auf die gesicherte Heimstätte wird nur den Juden des Ostens zuerkannt; denn diese Juden können, wie Geheimrat Fuchs nach der ״Voss. Zeit.“ ausführte, kein Heimatsgefühl haben. Ich fürchte, die Zentralere ine russischer oder rumänischer Staatsbürger jüdischen Glaubens — denn auch in diesen Ländern gibt cs reichlich Juden, ״die für die Gleichberechtigung ihrer Religion mit deren Tochterreligioncn kämpfen“ — werden es Herrn Fuchs schwer verübeln, daß er ihnen das Heimatsgcfüli! a!»gesprochen hat. Auf der Versammlung hat man sich gegen eine Aeußerung unseres Freundes Köllenscher gewendet, der gesagt haben soll, daß die Vaterlandsliebe im wesentlichen von sozialen Gesichtspunkten abhängig ist. ״Je größer die Vorteile, die der Staat bietet, um so größer sei der Patriotismus.“ ״Dieser verstandesmäßige Patriotismus mag wohl mit dem Zionismus vereinbar sein,“ meint Prof. Falken heim »vegwerfend. Aber dieser verstandesmäßige Patriotismus wird ausdrücklich von Fuchs statuiert, wenn er die Heimatsliebe den deutschen Juden zuspricht und den Ostjuden aberkennt. Schon Max Nord au hat vor vielen Jahren auf das Beispiel der spanischen Juden hingewiesen, die nach ihrer Vertreibung noch Jahrhunderte lang des verlassenen Vaterlandes in treuer Anhanglichkeit gedachten, und daß die Juden in den Ländern der grausamsten Verfolgungen oft ein warmes Heimatsgefühl bekunden. Wir bleiben allen diesen Künsteleien in der Definition des Patriotismus gegenüber auf unserem alten bewährten Standpunkt, den ich sowohl in dem ״Israelitischen Familienblatt“, wie in der letzten Nummer der ״Rundschau“ kurz gezeichnet habe. Für ein so natürliches Gefühl braucht es nicht des schweren Geschützes tiefgründiger Beweismittel. Im deutschen jüdischen Blätterwalde des Reiches und darüber hinaus werden anläßlieh der Berliner Tagung Lobeshymnen auf den Zentralverein , erschallen. Man möge aber auch auf nichtzionistischcr Seite bedenken, daß mit den Acußcrungen der Unduldsamkeit, wie sie auf dieser Versammlung gegen den Zionismus fielen, sich der Zentral• verein die Legitimation, i in N a in e n cl e r deutsche n J 11 d e n T o 1 e r a!1 z u ri d Gleichberechtigung zu f ordc r 11, selbst unter den F ii ß e n w c g g c z o g c 11 hat und daß er das Vorgehen, das er jetzt gegen den Zionismus Ungeschlagen hat, eventuell unter Wiederholung des Divisionsverfahrens, gegen diese oder jene ihm unbequem werdende Gruppe in der deutschen judenheit in Anwendung brin• gen kann. Man wird sich innerhalb der jüdischen Bevölkerung in Deutschland cs ernstlich überlegen müssen, ob mau fortan dem Zentralverein noch mit der Wahrung der politischen Interessen betrauen soll. Wir Zionisten, auch soweit wir Anhänger des Zentralvereins waren, stellen jedenfalls nach dem Verlaufe der Generalversammlung dem Zcntralvcrcinc auch in bezug auf seine Kampfarbeit für die Gleichberechtigung fortan mit Mißtrauen gegenüber. Ls soll nicht verschwiegen werden, daß es in der Versammlung auch nicht an für uns ertreulichen Momenten gefehlt hat. Zunächst wurden die Erfolge des Zionismus in Deutschland, die man lange genug zu leugnen versucht hatte, rückhaltlos anerkannt. Damit wurde allerdings wieder bestätigt, daß die Motive zur Bekämpfung des Zionismus zum großen Teile auf die Ausbreitung der Bewegung zurückzuführen sind. Zum zweiten hat man hervorgehoben, daß man in dem Zcntralvcreine eine Wandlung durch gemacht hat, von einem Abwclirvereine zu einer Organisation, die eine Renaissance und Vcrinnerliehung des Judentums herbeiführen will. Man wird auf Seite des Zentral Vereins kaum zugeben, dal) diese Wandlung, die allerdings noch wenig markant in Erscheinung getreten ist, doch letzten Endes auf den revolutionierenden Einfluß zurückzuführen ist, den der Zionismus weit über die Zahl seiner Anhänger hinaus in der jüdischen Psyche erlangt hat. Aber w׳ir erkennen, daß tinbewußt die seelische Struktur unserer jüdischen Umwelt von zionistischem Geiste uni gebildet wird. W i r werden von dein nationalen jüdischen Standpunkt, der uns die Geschlossenheit unserer Bewegung verbürgt, nicht weichen. Wäre jeinals von nichtjüdischer Seite unsere staatsbürgerliche Zuverlässigkeit verdächtigt worden, wie es liier von jüdischer Seite geschehen ist, so könnte uns auch das nicht beirren. Denn eine Gemeinschaft, die leben will, wird sich ihr Verhalten immer nur durch ihre eigenen Notwendigkeilen diktieren lassen. Angst ist ein schlechter Berater. Sie wird auch dem Zentralverein nicht die Renaissance seines Judentums bringen, die die Herren etwas großsprecherisch im Munde führen. Die Hauptversammlung des ״Zentralvcreins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ wurde am Somilag, den 30. März, im Lehrervereinshaus um 10 Uhr vormittags eröffnet. Herr Justizrat Horwitz begrüßte die Erschienenen und erteilte sofort dein ersten Redner, Herrn Prof. Dr. FaJkcnheim- Königsberg, das Wort. Prof. Dr. Falkenhplm-Königsberg: Das Verhältnis des Zentral Vereins zum Zionismus steht hier zur Besprechung. Es wird zu erörtern sein, ob die Bahnen der beiden Organisationen — wie bisher — nebeneinander laufen können, ob sic sich berühren oder einander widerstreben. Was der Zentralverein will,_ besagt § 1 seiner Satzungen. Die Ziele des Vereins sind damit klar und deutlich ausgedrückt. Von wenig freundlicher Seite hat inan unseren Verein m der letzten Zeit mit dem Spottnamen ״Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Unglaubens“ belegt, Zweifellos müßte man unserem Verein, wenn er heute gegründet werden würde, einen anderen Namen geben, denn er umfaßt Mitglieder der verschiedensten rcllgiösen Schattierungen. Wir stehen aber auf dem Standpunkt, daß, solange jemand nicht aus dem Judentum austritt, er als Glaubensjude zu betrachten ist, allein der Uebertritt zum Christentum, der ja die Abstammung nicht verändert, bewirkt Fortfall der Hemmungen. .. daß Recht werde ist der Zentralverein gegründet worden. Daß dies notwendig war, ist traur|g, trauriger noch, daß noch heute, nachdem ein volles Jahrhundert nach der Emanzipation verflossen ist, sein Bestehen eine Notwendigkeit ist. Das abweichende Glaubensbekenntnis war der hauptsachliebste Umstand, dem die Sonderstellung der Juden zii/usclireibcn ist. Ware dies nicht gewesen, so hatten wir heute keine ludenfrage, wenigstens nicht bei uns in I )eutschlaml. Es wäre eine rückhaltlose Aulsaugung erfolgt, wir wären dann genau wie in Eng. land Engländer, in Erankrcieh Franzosen, in Deutschlriiiii Deutsche. In deutscher Sprache in Deutschland aufgewaeIlsen, in I)eiitsdiland erzogen, fühlen wir uns als Deutsche. Die deutsche Sprache ist unsere Muttersprache, wir sind Deutsche und lassen 1ms unser Deutschtum nicht rauben. ״Wer mir den Ansprucli auf mein deutsches Vaterland bestreitet, gegen den muß ich mich wehren, wie gegen einen Mörder“, sagte einst Gabriel Riefler. Das gilt heute noch in erhöhtem Malle. Gerade der Kampf gegen den Antisemitismus ist der beste Beweis dafür, daß dem Juden das deutsche Vaterland am Herzen liegt U n d nun der Zionismus und das N a t i0• n a 1 j u d e n t u m! Redner skizziert kurz das Ent. stehen der zionistischen Bewegung, verliest einige Stellen aus der Begrüßungsansprache von Dr. Kar] Lippe auf dem 1. Kongreß und den Protest der Rabbiner V o g c I s t e i n und M a v bau m gegen den Zionismus. Im Laufe der Jahre hat der Zionismus und der Gedanke des Nationaljudentums in Deutschland nicht unerhebliche Fortschritte gemacht. Eine große Anzahl von Männern und Frauen haben die Sache unterstützt und sind durch begeisterte Agj. tatoren in den Gedanken des völkischen Judentums verstrickt worden. Zweifellos ist das Anwachsen der Bewegung vielfach begünstigt worden durch die Zurücksetzting, die der einzelne an sich selbst erfahren hat. Die Zahl der organisierten Zionisten ist nach dem Bericht, der dem Posener Dclegiertcntag erstattet worden ist, in den Jahren 1010—1012 von 6200 auf 8-100 gewachsen. Nimmt man auch an, daß hierbei die in Deutschland lebenden ausländischen Juden mitgezählt sind, so ist die Zahl immer noch sehr beachtenswert. Dvr Zionismus selbst hat Wandlungen durchgemacht. Er hat sich den Verhältnissen angepaftt. Man kann heute wohl sagen, daß alle Zionisten National j u den sind, wäh• retul nicht alle Nationaljudcn Zionisten sind. Nach einein Artikel in der heutigen Nummer der ״Jüdischen Rundschau“ vom Referendar Felix Roseuhlüth, empfindet es der deutsche Zionist als Beleidigung, nicht als Nationaljude angesehen zu werden. Wir können also wohl bei unseren heutigen Erörterungen Zionismus und Nationaljudentum als gleiche Faktoren betrachten. Die charitativen Ziele des Zionismus kann wohl jeder von uns begrüßen, wenngleich sie mehr aus politischen wie aus humani- Liren Gründen erfolgen. Immerhin kann das Ergebnis dieser Arbeiten nur begrüßt werden. Es dar! min aber von zionistischer Seite nicht vergessen werden, daß schon früher von anderer Seite aut diesem Oebiete mit Erfolg gearbeitet worden ist. Nicht nur in Palästina, sondern auch in Argentinien, wo die An* sledhmgstätigkeit zu Erfolgen geführt hat, von denen die zionistische Gefolgschaft aber nichts erfährt. Wir müssen von den Mitläufern des Zionismus absehen. Es gibt verschiedene Schattierungen im Zionismus, wie aus einem Artikel von Dr. Franz Oppenheim er ״Volksbewußtsein und Stam* m c s b e w u ß t s e i n“ hervorgeht. Redner zitiert dann einige Stellen aus diesem Artikel. Der Zionist erklärt: Noch heute ist ein jüdisches Volk. Vom Judentum selbst ist dabei wenig die Rede. Es gibt allerstramniste Zionisten, die es in religiösem Indifferent ismus mit jedem auf nehmen können, dessen Zugehörigkeit zum ״Zentralverein deutscher Staatsbiirger jüdischen Glaubens“ bei ihnen Spott erregt. Um die Wurzellosigkeit des deutschen Juden zu beweisen, wird mit allen Mitteln gearbeitet, bemüht man sich, ihn zu verärgern, ihm sein deutsches Vaterland zu verekeln. Die Rüstkammer des Antisemitismus wird geöffnet. Mit denselben Mitteln, mit denen der Antiscmitismus die deutschen Juden bekämpft, mit denselben Ideen versucht der zionistische Agitator die Richtig• keit seiner Ideen zu beweisen. Wie sehr der Zionir,- raus den Antisemiten in die Hände arbeitet, beweist die starke Anteilnahme, die die antisemitische Presse an ihren Kundgebungen nimmt. Redner verliest dann eine Kritik einer antisemitischen Freiburger Zeitung über einen Vortrag von Herrn Blumenfeld in Freiburg. Ich bin überzeugt, daß die Zionisten, die Ansichten, die sie vertreten, auch wirklich haben. Es liegt kein Grund vor, an ihrem guter! Glauben zu zweifeln. Bis aber der Erfolg ihrer Tätigkeit ein* getreten sein wird, werden sic weit länger zu warten haben, als diejenigen Leute, die an die Durchführung der Gleichberechtigung glauben und über deren Ge- (luld sie spotten. Daß die Tätigkeit der Zionisten di« Abwehrbestrebungen des Zentral Vereins aufhält, hegt auf der Hand. Von der religiösen Idee erwarten sie wenig. Herr Lichtheim hat in Königsberg erklärt, der spitze Stachel des Elefantentreibers ist für uns die National-Idec. Ich weiß nicht, ob Ihnen bekannt ist, daß für zionistische Zentralzwcckc allein in Deutschland in den letzten zwei Jahren 306 000 M. aufgebracht worden sind. Dazu kommt iiocli eine anonyme Spende für den Nationalfonds im Betrage von 54 0«) M. Die Zionisten in Königsberg bringen für zionistische Zwecke im Jahre 12000 Mark auf. Es mag sein, daß die Erfolge in Königsberg durch die ständige Berührung mit den dort lebenden aus Rußland stammenden Juden beeinflußt werden. Würde der Zionismus sich bei seinen Be* Strebungen den Unterschied zwischen 0$t* und west־ /

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