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Jüdische Rundschau · 1913-03-28 · Heft 13 (28.3.1913) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 13 (28.3.1913)
Date
1913-03-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 128 JUED1SCIIE RUNDSCHAU Nr. ד׳ der Anti/ionisiniis auf das Niveau der Erkenntnis gehoben ist, die die geistige und moralische Stellung der Juden inncrltnlb ihrer Wirtsvölker mit uubefangencr Ruhe sieht. Das ewige Verschleiern der Wahrheit irt weder ein Mittel gegen den Zionismus, noch gegen den Antisemitismus. Es gibt auch eine Ehrlichkeit und Anständigkeit im Intellektuellen. Wir Zionisten rühmen uns ihrer und gcniellcn daher die Achtung aller anderen. Unsere jüdischen (iegner aber werden immer mehr Erbitterung gegen sieh säen, und das Gefühl wird immer allgemeiner werden, dein Peter Rosegger einmal mit drastischen Worten Ausdruck verliehen hat: ״Ich fürchte nur das eine, daß, wenn der Ruf zur Auswanderung ertönt, diese minderwertigen Juden hier bleiben, wahrend doch «nein Wunsch der wäre, daß die Zionisten, die mir das einzig sympathische Element im Judentum darstellen, hier blieben und die andern uns verließen.“ I. Turntag des Deutschen Kreises der Jüdisch. Turnerschaft Eröffnungssitzung. Der erste Turntag des Deutschen Kreises der Jüdischen Turnerschaft wurde am Sonnabend, den 22. März, in Berlin mit einer Festsitzung eröffnet. Der schöne Saal des Logenhanses in der Kleiststraffe bot für diese Veranstaltung den rechten, feierliehen Rahmen. Die Vertreter zahlreicher befreuudetcr Organisationen waren erschienen; u. a. die studentischen Korporationen in Wichs und mit ihren Fahnen. Der Vorsitzende des Kreises, Herr Burin, eröffnete den Turntag mit einer Begrüßungsansprache, in deren Verlauf er die zweifache erzieherische Aufgäbe — die körperliche Ertüchtigung und die nationalc Durchdringung unserer Jugend —, die der Turner- Schaft zufällt, würdigte. Darauf nahm Rechtsanwalt Orcifcnhagcn, der Vorsitzende der ״Jüdischen Turnersd alt“, das Wort, um die Tagung im Namen des ״Ausschusses“ zu begrüßen. Es folgte dann ein Referat I)r. Aron S a 11111 e r s über: ״Degeneration und Regeneration.“ Diesem Vortrag, der das Problem in, einer Weise erfaßte, wie es besonders für den jüdischen Turner von praktischer Bedeutung ist, dürfte durch seine Sachlichkeit und die Logik seiner Beweisführung eine besondere Weibekraft innewohnen. Es wurde daher beschlossen, Sand• lers Ausführungen in Kürze als Broschüre heraus• zugeben. Der Referent führte־ aus, wie gar vieles am heutigen Judentum, was auf Grund vergleichender Geschichtsforschung und vorurteilsloser Rnsseforschling als reine Dcgcncrutionscrschcinung zu werten sei, von der Pseudowissenschaft der Antisemitismus als Rasserncrkmal ausgegeben werde, und wie diese Angaben auch unter uns Juden bis in die allcrncueste Zeit vielfach Glauben gefunden hätten. Unsere Hoffnung und die ganzen erzieherischen Möglichkeifen der Turnerschaft beruhen aber auf der sicheren Erkenntnis, daß die körperlichen und seelischen Mindcrwc 11c, die heute unleugbar seien, ihre Erklärung finden in der Geschichte unseres Volkstums in der Diaspora und in dem Milieu, dem es vielfach heute noch ausgesetzt sei. Und cs sei ganz übermich, fange mich; laß mich dir dienen für das fromme Werk, das du vorhast. Da steuert Satje wieder herum; aber schon ist der Fisch wieder verschwunden. Wieder hat sich eine Woge zwischen ihn und das Boot geschoben. Der Zorn des Meeres hat wieder zu toben begonnen. Es singt kein süßes Lied mehr, sondern ein grimmes: Wie dreist, jetzt auf ihm fahren, jetzt seine Wellen treten zu wollen! Und die Sonne versteckt sich hinter die Wolke, als wäre sie vor dem Meer erschrocken. Der Wind aber hat wohl nur darauf gewartet. Nun ist er frei und läßt in entfesseltem Zorn sich gehen, peitscht das Meer wie mit Ruten und reizt es noch mehr auf. Und das Meer braust und kracht, als ob tausend Baßgeigen in seinem Innern, tausend Kesselpauken in seinen Wellen spielten. Zurück! Zurück! Satjes Herz, klopft. Er zieht das Netz ein, faßt das Ruder mit stärkerem Griff und arbeitet mit aller Kraft, daß ihm fast die Adern an den Armen bersten. Wie eine Nußschale hüpft das Boot hin und her auf den Wassern, der Himmel ist schwarz, zornig, braun das zerrissene Meer. Und er arbeitet wieder mit aller Kraft. Plötzlich sieht er, wie von der Seile etwas an das Boot heranschwimmt: ein menschlicher Körper; ein Ertrunkener; ein Weib. Er sieht die Haare ganz nah vor sieh, schwarze Haare . . . Sein Weib hat solche Haare, Unter den Haaren lugen weiße I Rinde hervor. . . . Sein Weib 11a» solche Hände, Und eine Stimme ruft; ״Rette mich!“ Das ist die Stimme seines Weibes, der Mutter seiner Kinder. ... Sie wird ihm auf dem zweiten Boot nachgefahren sein. Sie ertrinkt, si» ruft ihn um Hilfe an. . . . Er dreht das Boot nach rechts, will auf die rasclieml, in welch kurzer Zeit eine Armierung der äußeren l.obcnsbediugungeu zur Regeneration des Juden in physischer Hinsicht führe. Bei den nach Amerika eingewamlerten Ostjtidcti lasse sich diese Veränderung vielfach bereits in der folgenden Gern:- «.11 j<>11 /.ihlenmäßig nachweiseii. Den jüdischen Turnein falle die Aufgabe zu, durch ihre Arbeit diesen Kegcncratioiispro/eß wenigstens bei einem Teile tniserer Volksgenossen zu fordern und zu beschleunigen. Als sieh der Beifall gelegt hatte, der dem Refereiileii in reichstem Maße zuteil wurde, wunde der Saal geräumt und die Gäste nahmen alsdann an Tischen zu einem Festkommers Platz, dem Herr Arno Wagner präsidierte. Nach einer begeisterten und begeisternden Tciulcn/rede des Herrn Rechtsanwalts G r e i f e n h a g e 11 iiahinen die Vertreter der hefreundeten Organisationen das Wort, tun die Grüße ihrer Mitglieder zu Überbringern Der Kommers hielt die Turner und Gäste alsdann noch viele vergnügte Stunden beieinander. Die technischen Lehrstunden. Schon um 8 Uhr morgens fanden sich die Vortnrner ntn folgenden Tage zur Vorturnerstimde zusammen. Die ״Jüdische Turnerschaft“ hat von jeher Wert darauf gelegt, den Besuchern ihrer Tagungen auch rein turnerische Anregungen und Belehrungen zu bieten und eine Aussprache unter den technischen Leitern der Vereine iicrhei/ufiilircn, Diesmal wurde dieser Teil der Tagung besonders ausgebatif, indem zur Vorturnerstimde eine Vortunicriniieiistumie und sportliche Leistungen hinzukamen. Für diese Zwecke Stand die Turnhalle der jüdischen Knabenschule mit ihrem Schulhofe zur Verfügung. Die Vorturn erstünde, die Herr Burin allhielt und zu der eine Reihe Berliner und auswärtiger Vorturner interessante Beiträge brachten, bot eine große Menge wertvoller Aitregungen, die auf den Turnböden der verschiedenen Vcrbandsvercinc gewiß ihre Früchte tragen werden. Die Vorturncrin neust 11 n d c , die unter der bewährten Leitung der Turnlehrerin rrl, Johanna Tomaschewsky vom ״jüdischen Frauenbund für Turnen und Sport“ stand, brachte interessante Beiträge zur Methodik des Frauenturnens, Da in vielen der Verbandsvereinen die Leitung von Frauenabteihingen in den Händen männlicher Vorturner liegt, mußte eine derartige Instruktion besonders gute Dienste leisten. Die sportliche Instruktion, die sich auf die Grundübimgen der Leichtathletik beschränkte, lag in den Händen der Herren Abraham und K i k o I c r. Bei einer Reihe von Vorturnern zeigte sich ein reges Interesse an diesen Ucbungszweigen, so daß zu erwarten ist, daß die Bemühungen des Kreisvorstandes dein Sport Eingang in unsere Vereine zu verschaffen nunmehr in den Vereinen eifrige Verfechter gewonnen sind. Den praktischen Uelningen schloß sich eine Besprechung in einem nahe gelegenen Lokale an, in der einige technische Fragen geklärt wurden und bei der die Befriedigung über den Verlauf der Lehrstunden lebhaften Ausdruck fand. Die Turntagsverhandlungen Die internen Verhandlungen nahmen am Sonntagnaehmittag ihren Anfang. Die Jüdische Gemeinde hatte bereitwilligst ihren Plenarsaal zur Verfügung gestellt. Die Verhandlungen wurde« von Herrn Rechtsanwalt O. Sally Hirsch geleitet. Fast samtliehe Verbandsvereine hatten von ihrem Delcgationsrecht Gebrauch gemacht. Etwa 70 Delegierte waren ertrunkene Gestalt zu, das Meer hindert ihn. Wellen türmen sich auf. Der Sturm rast und heult; aber er hörte ihre Stimme durch den Sturm; ״Rette mich, rette mich, Satje, rette mich!“ Die letzten Kräfte bietet et auf, um an sie zu kommen. Nun ist er nicht mehr weit von dem weißen Fleck. Die Haare sieht er nicht mehr, nur das schwimmende, untergehende Kleid, Schon reicht er mit dem Ruder hin. Aber da erhebt sich wieder eine Welle /.wischen ihm und ihr und sic wird nach einer, das Boot nach der anderen Seite getrieben, ihm fällt ein, daß cs ihm mit dein goldenen lösch nicht besser ging. Ein Blendwerk, denkt er wieder. Und da er unwillkürlich nach der Küste blickt, sieht er, daß in dem Fischerhäusdicii schon Licht gemacht ist. Jom Kippur! Er erinnert sich und läßt das Ruder aus den Händen. ״Tue mit mir nach deinem Willen!“ schreit er zum Himmel hinauf. ״Aber am Jom Kippur rudere ich nicht!“ Der Sturm tobt, die Wellen werfen «las Boot von Sclduud zu Schlund. Und Satje sitzt ruhig da, blickt mit weit geöffneten Augen bald zum verschlossenen Himmel empor, bald in das schäumende, tosende Meer hinab. ״lue mit mir, wie du willst, Gott. Dein Wille geschehe!“ Und plötzlich kommt ihm die Melodie eines Liedes in den Sinn, das er in der Synagoge, in der Stadt, vom Chor singen, von der Orgel spielen hörte. Und er hingt an, die Melodie nachzusingen. Die stumme Seele! Hat nur diese einzige Sprache, um mit Gott zu reden. Der Himmel wird schwärzer und schwärzer. Noch anwesend. Nach der Begrüßung des Vorsitzenden nahm Herr Rechtsanwalt I>r. Arthur Hantke, Mitglied des L. A. < der Zionistischen Organisation das Wort, um den Ttirntag im Name״ der ,,Zionistischen Vereinigung für Deutschland“ zu begrüßen. Er wies auf die Vielfachen gemeinsamen Gesichtspunkte hin, von denen aus die Arbeiten beider Verbände geleitet werden. Alsdann erhielt Herr Referenda/ Felix R o s e 11 b 1111 b «las Wort zu seinem Referat über ״Die Auf g a b c 11 d e 1! ü d 1 s c 11 e n J u g e n d“. Er legte dar, daß um einer ״Bewegung“ im eigentlichen Sinne nur dort die Rede sein könne, wo wirklich Keime ans Jehl streben «und war für die Zukunft einer Gemeinschaft gewirkt werde. Innerhalb der jüdischen Jugend gehe es nur eine Organisation, der nach •dieser Definition die Bezeichnung Jugend- Bewegung /!!stelle und das sei die nationaljü »fische Jugendbewegung. Die Betonung unseres nationnljüdisclicn Standpunktes und die nationale Er- Ziehung unserer Turner müsse stets mit Entschiedenheit und fern allen Komprisscti erfolgen. In der Gen e r a I d i s k u s s i o n wurde tt. a. die Stellung der Turnerschaft zu den anderen jüdischen Organisationen einer eingehenden Besprechung unterzogen. Für den Abend hatte der Berliner ״Har Kochba" die Gäste zu seinem P u r i nt b a 11 geladen. Die Verhandlungen am Montag Vormittag waren in erster Linie den Statutenberatungen vorbehalten. Bereits am Sonntag hatte eine Kommission an Hand der Vorschläge des Vorstandes vorbereitciidc Arbeit geleistet. Das Statut, das nach längeren Beratungen zustande kam, dürfte den Arbeiten des Kreisvorstandes eine nützliche Grundlage geben. Als Vorort des Kreises wurde Berlin festgelegt. Auf Antrag des B a r - K o c h b a - Berlin wurde eine Kreisvorturiicrschaft geschaffen und die bisherigen Funktionen des Kreisturnwarts unter einen Turnwart und einen Sportwart verteilt. Zum Kreisvorsit/eitden wurde Herr Dt. Sally Hirsch gewählt. Weiter setzt sich der neue Vorstand aus den folgenden Mitgliedern zusammen: Fritz Abraham, Frl. Lene Cohn, Richard Bi aller, Dr. Fischer, Julius Hirsch, Arno Wagner. Mit Dankesworten an den Vorsitzenden schloß die inhaltsreiche Tagung. Am Abend nach dem Schauturnen kamen die in Berlin noch anwesenden Delegierten noch einmal zusammen, um das Referat des Vcrliandssportwarts über: ״Die Einführung des Sports in den jüdischen Turn v ereine n“ entgegenzunehmen. Der Turntag hat alle Teilnehmer in der Gewißheit bestärkt, daß sich die Jüdische Turnerschaft durch die Kreiscinteilmig eine nützliche und arbeitsfähige Institution geschaffen hat. Das jüdische Halienturnfest Die volksbewußtc Jugend aus unseren jüdischen Turn- und Sportvereinen in Deutschland feierte Mon־ tag ihr erstes Kreisturnfest. Ein frischer froher Geist durchzog die junge Schar. Ihrem munteren Treiben schauten 130!) Gäste zu. Hunderten mußte der Eintritt in die Turnhalle verwehrt werden. Die größte Halle Berlins war übelfüllt. Noch nie waren soviel hunderte jüdischer Turner und Sportsleute /usammcngekonimeii, ü«11~cflc körperliche Tüchtigkeit ihres Stammes zu beweisen. wütender bläst der Sturm. Die Wogen wachsen, schleudern das Boot in die I lohe, stürzen es in den Abgrund. Eine wirft es der zweiten zu. Fine entreißt ihm das Ruder, eine zweite kommt von hinten; jagt ihm mit offenem Rachen nach. . . . Wie tausend Wölfe, so heult der Sturm. Und in all diesen Lärm hinein singt Satje die Melodie von ״Mi jonunch utni jumia“, ganz so, wie der Ghor sic singt, während ihn die Orgel begleitet. ... Die Woge stürzt über das Boot. Satje möchte singend sterben. Das Boot kippt um. Doch Satje ist der Tod nicht bcschieden. Zwei weiße Gestalten, wie aus Nebel gewebt, mit aufgelösten Haaren und leuchtenden ,tilgen schreiten, an den Händen sich haltend, barfuß übers Meer. Und da jetzt Satje ins Wasser fällt, kommen sie heran, heben ihn auf, nehmen ihn in ihre Mitte, fassen ihn an den Annen, wandeln über die Wellen mit ihm, wie über Wiesen und Hügel, und führen ihn ruhig durch Sturm und Getümmel. Er sicht sic an und will sprechen, will fragen. Doch sie sagen ihm: ״Sing doch lieber, Satje, sing! Dein Gesang wird den Zorn des /Meeres besiegen.“ Sic führen ihn; und Satje hört, wie sein Boot ihm folgt, Er sieht sich um: im Boot ist das Netz und im Netz der goldene Fisch! Am Ufer verlassen sie ihn. Er geht nach Haus und trifft dort den Schächter und die Schächtcrin. In der Stadt war eine Feuersbrunst. Da sind sie zu ihm zu Gast gekommen, ... Den Fisch aber ließ man sich gut schmecken. Und cs blieb beim alten Brauch. . . .

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