Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 13 (28.3.1913)
- Date
- 1913-03-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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9 Nr. 13 J U EDISCH E RUNDSCHAU Seite 127 sogleich in der ״Welt am Montag“ ein Gedicht, antisemitisch, daß sich die Balken biegen. Und wenn Ernst l iss aucr patriotische Lieder singt, so wird es nur nach kurze Zeit (lauern, bis die ״germanistische“ Fliigblattwissenschaft sich ihrer liebevoll angenommen hat. Moritz Goldstein hätte das Gegenteil sagen können, und es hätte dem Baseler antisemitischen Wochcnblättchen gewiß auch nicht gefallen. Glauben die Herren von der Abwehr wirklieh, daß der Antisemitismus irgendeines Deutschen, aber vor allem derjenigen Kreise, welche die Judenfrage mit Straflcnliteratur zu losen pflegen, durch unsere Worte und Schriften irgendwie beeinflußt wird? Wir glauben es nicht! Daher ist auch der Sinn der Abwehr, wie v i r sie verstehen, nicht die Bekehrung des Feindes, sondern die Rechtfertigung unseres Selbstbewufltscins. Alle Bekeimingsversuche sind unnütz: f>cnn man ist nicht Antisemit, weil man die Juden fiir minderwertig hält, sondern man hält *die Juden für minderwertig, weil man Antisemit ist, - s״ ähnlich hat So in hart einmal mit Recht gesagt, Das stimmt auch für den ernsthafteren Antisemitismus, aber gewiß für die Seele dieses dummdreisten Radau-Antisemitismus, dem• gegenüber stell der Zciitralvcrein endlich mit etwas mehr Gleichgültigkeit wappnen sollte. Der Radau• Antisemitismus hat nicht nur das Verdienst, daß ohne ihn A, L. seine ״Umschau“ nicht sehreihen könnte, sondern er hat in der Tat mehr als alle Abwehr- In Strebungen dazu beigotragen, daß sieh viele besseren Kreise des Deutschtums vom politischen Antisemitismus etwas zurückgezogen haben: Diese Wahrheit hat Fritz M a u t h 11 e r folgendermaßen ausgedrückt: ,,Das Uebclvvollen gegen die Juden ist durch* aus nicht auf die Kreise der Antisemiten beschränkt; ich glaube im Ciegenteil, daß die barbarische Kampfesweise der Antisemiten seit Jahrzehnten Judenfeindliehe Aeußerinigen liberal, d. 11. billig denkender Mensehen nur zurückgedrängt hat.“ Es ist traurig, daß diejenigen, die sich gewöhnheitsmiißig mit der Abwehr des Antisemitismus heschädigen, die Psychologie und das historische Gewicht dieser Erscheinung so falsch einsdiätzcn, daß sie glauben, eine Erörterung der Jutlcnfrage, in der jeder Jude frei sagt, was er denkt, könnte die Ent- Wicklung des Judenhasses irgendwie beeinflussen! Und wir Zionisten haben ja den!kutschen nur etwas zu sagen, was sie längst wissen: daß es eine jüdische Nation, ein einheitliche« jüdisches Volk gibt. Es ist eine Wahrheit, die man den Abwehrmännern - weil sie au dem Urteil der anderen kleben, wie die Fliegen am Leim - nicht oft genug vor Augen fuhren kann: dal! es im Grunde keinen einzigen christlichen Schriftsteller gibt, der die Existenz des jüdischen Volkes und der nationalkulturellen jüdischen Eigenart nicht sähe und fühlte, Zum Beweise brauchen wir uns nicht auf diejenigen «antisemitischen Schriftsteller, die man nicht ohne weiteres als böswillige Fälscher übergehen kann, auf T rcitschke, Eduard von H a r t m a n n , Paul de Lagarde, Richard Wag- 11 er zu beziehen, sondern vor allem gerade auf philosemitische oder neutrale Autoren. Es kommt auf die Terminologie nicht an, — und in den Zeiten, in denen die antisemitische Theorie ihre emanzipationsfeindlichen Forderungen mit Vorliebe aus der natioder Himmel zu röten, leise erwacht das Meer, atmet noch kaum, noch hört mau kaum sein Brausen, noch liegt es schlaff und im Traum versunken da. Hier und da flattert ein weißes Flügelpaar in der Luft, kreischt ein Vogel auf; stille Schimmer fliegen über das Meer, goldene Flocken gleiten über den gelben Sand. Noch sind die Schiffcrhäuschcn am Strande geschlossen. Da knarrt eine Tür. Satje verläßt sein Haus. Sein Gesicht ist fromm und ernst. Still leuchten seine Augen. Er geht, ein frommes Werk zu tun: den Fisch für den Versöhnungstag will er fangen. Und eilt ans Boot, faßt die Kette, mit der es ans Ufer gebunden ist. Die Kette klingt und rechts und links ertönen Stimmen: ״Nicht doch!“ So rufen ihm die N«1<cltbarn zu, die die Köpfe aus den kleinen Fenstern ihrer Häuschen herausgesteekt haben, Weithin still liegt das Meer, fließt mit dem Saum des lachenden Morgeuliimitiels zusammen. Es nimet kauin, runzelt sich kaum am Strand, und wie bei einem guten GroßmUtterdien, so tanzt ein leuchtcnücs Liidieln zwischen den Runzeln. Und murmelt etwas, erzählt den Felsenklippen ein Märchen, streicht ihnen, liebelnd und spielend über ihr langes Algenhaar. Aber die Fischer kannten das Meer besser und trautem ihm nicht. ״Nicht doch!“ Bald wird der leuchtende Spiegel brechen. Aus stillem Spiet wird Ernst, aus leisem Brummen ein mächtiges Brausen werden. Und aus den Großmutterrunzeln werden gewaltige Wogen erstehen, die werden Schiffe und Boote verschlingen, wie der Leviathan der Judensage die kleinen Fische. . . . ״Nicht doch I" Und ^ein barfüßiger alter Mann, ohne Hut, mit na len Souderart der Juden herzulcitcn pflegte, haben die philo.scniitischcn Schrif:steiler gegen den Begriff der jüdischen Nation vielfach polemisiert, so besonders Moni rn s c 11, Daß sic aber im Grunde die Kulturilifferenz zwischen Deutschtum und Judentum genau ebenso scharf empfinden, zeigt sieh darin, daß gerade sie eine Lösung der Judenfrage fast immer nur von der völligen Auflösung des Judentums erwarten. So sagt Moinmsen: ״Der Eintritt in eine große Nation kostet seinen Preis“, und er wünscht, daß die Juden diesen Preis durch Ucbcrtritt zum Christentum zahlen. Professor G u r 1 i 11 wünscht und das ist ein stets wicdcrkchrcndcr Wunsch der Philoscmiten - ,,daß die Juden, die hier geboren sind, sich in jeder Weise einlebcn, also ihre religiöse Sonderstellung aufgeben und sich als gute Deutsche in Wort und Tat erweisen mögen“. Köhler schreib): ״Allerdings müssen bei solcher Verschiedenheit des Denkens und F ü h - lens diese zwei Volkskrcisc (der jüdische und der germanische) einander stark genähert werden, damit eine Assimilation möglich wird.“ Er meint: ״es läßt sich auch heutzutage nicht verkennen, daß die Vereinigung in der Synagoge nicht nur ein religiöses, sondern auch ein stark nationalcs Element in sich faßt“, und weiter: ״Der Ucbcrtritt ist die Bedingung vollständiger Assimilation“. Der mosaische Glaube, sagt Dehrn el, verhindert die Anpassung der Juden ״an unsere besten Traditionen und erst recht an neue Kulturteiidenzcn“. Hermann Bahr schreibt: ״Ich kenne Juden, die völlig Deutsche geworden sind, höchstens eine gewisse Gewaltsamkeit ihres Deutschtums verrät, daß es ihnen nicht nngeboreit ist, tmd was es sie gekostet haben muß ... Ich kann mir aber nicht denken, daß sich die Masse der unter uns lebenden Juden in Deutsche verwandeln wird.“ Karl J ent sch redet von dem ״in der Weltgeschichte einzig dastehenden Phänomen ihrer (der Juden) Erhaltung, als eines erkennbaren und deutlich unters e 11 c i d b a r e n Volkes“. Kurzum, es gibt keinen deutschen Schriftsteller, der die Ansicht des Zentralvereins teilte, daß sich Deutsche mul Juden nur durch ihre Konfession unter• scheiden, Und wir Nationalj'udcn kämpfen für die Theorie der jüdischen Nationalität, weil in der Er• k e 11 n t n is des jüdischen Volkstums die einzige Möglichkcit seiner Erhaltung begründet ist, Zweifellos -- aus der besonderen Nationalität der Juden hat die Lehre vom christlich-germanischen Staat schon im Beginn des 19. Jahrhunderts nntisc• mitischc Folgerungen gezogen. Gegenüber diesen Angriffen gibt cs zwei Mittel der Verteidigung: Man kann entweder die jüdische Nationalität ableugnen und damit implicitc zugeben, daß ihre Existenz den Antisemitismus rechtfertigen würde, - das ist die Methode des Zentral Vereins; oder, man kann die Existenz der jüdischen Nationalität zugeben, aber be• streiten, daß sie dem Antisemitismus auch nur den mindesten Anspruch gestattet, — das ist die Methode des Zionismus. Unser Kampf erscheint den Abwehr• männern, die sich nicht vorstellen können, daß inner• halb eines Staates mehrere gleichberechtigte Nationnlilätcn bestehen,־ schwieriger, in Wahrheit ist er ungleich aussichtsvoller, weil er offen und ehrlich ist. Der Scheinkampf, den der Zcntralvercin auf dem flatternden grauen Haaren, mit einem verrunzelten Gesicht wie das Meer, nur ohne das falsche, süße Lächeln des Meeres, kommt aus einem der Häuschen heraus, geht auf Satcj zu, legt ihm die Hand auf die Schulter und spricht: ״Sieh doch!“ Und zeigt ihm einen kleinen schwarzen Punkt, den nur ein Fischcrauge sehen kann, am Saum des Himmels. ״Daraus wird eine Wolke. . . .“ ״Ich werd' noch früher zurück sein,“ antwartet Satje, ״ich will nur einen Fisch fangen.“ Und ernster wird das Gesicht des alten Nachbarn: ״Hast Weib und Kind, Satje!“ ״Und einen Gott im Himmel!" antwortet Satje zuversichtlich. Er geht ja, um sein frommes Werk zu tun. Stößt das Boot ab und springt hinein. Und wie eine Feder, so leicht schwebt Sntjes Boot über das Meer hin, und das Meer wiegt cs, süße Liedehen summend, und umsäumt es mit den schönsten Perlen, die es besitzt. Der alte Fischer aber steht am Strand und murmelt: ״Heilige MariaI" Leicht yehwebt Sntjes Boot über das Meer hin. Geschickt wirft er sein Netz aus und das Netz wird immer schwerer und schwerer. Mit aller Kraft kann er e« kaum hernusziehen. Aber: kein einziger Fisch ist drin. Nichts als Wasserpflanzen und Seesterne. Der alte Fischer am Strand hat das Boot schon längst aus den Augen verloren, Satje zieht schon zum dritten und zum vierten Male das Netz aus den Fluten. Nicht leicht ist’s, denn allerlei Wasserpflanzen haben sich drein verflochten. Nur kein Fisch, kein einziger Fisch. Und das Meer wogt immer stärker und stärker und die Sonne ist schon zum Himmel emporgestiegen. Doch feucht Ist ihr Glanz; eine trübselige Sonne. Boden einer doktrinären Theorie ausführt, ist nutzlos: er spricht eine Sprache, die kein Deutscher ver•. steht. Uns dagegen wird man begreifen! Hermann Bahr und viele andere Christen haben das selbständige Nebeneinanderbestehen des jüdischen und des deutschen Volkskreises in völliger staatlicher Gleich• berechtigung als eine befriedigende Lösung empfunden. Sogar Sombart, der ja angeblich ein böser Antisemit ist, hat uns verstanden: ״Wenn ein Volksstamm in einem Staats wesen seine Art erhalten will, so braucht er damit nicht in irgendeinen Gegensatz gegen diesen Staat gedrängt zu werden und der Staat nicht in einen Gegensatz gegen ihn. Daß die heutigen Staatsmänner nicht in allen Fällen die Kunst bcsitzen, auch über die volklich besonderen Gruppen im Frieden zu herrschen, beweist nur ihre Unfähig- - keit, aber nicht die Unmöglichkeit, sehr verschiedene Völker, die auch ihre Eigenart pflegen und erhalten wollen, in einem Staafswesen zu vereinigen.“ — IX־r anerkannte Vonlenker des deutschen Anti- Zionismus, Professor Julius Goldstein in Darmstadt, hat in dem gleichen Heft des Zentralvereinsblattes einen Text geschrieben, in dem zwei Anmer• klingen interessant sind, ln der einen behauptet er, daß längst nicht alle Zionisten in Deutschland Nationaljuden sind. Das ist eine Beleidigung des dcut• sehen Zionismus, die gerade jetzt vor der Haupt- Versammlung des Zentralvcrcins zurückgewiesen werden muß, auf der über die Stellung des Zentral- Vereins zum Zionismus verhandelt werden soll. Wer die lichtvollen Ausführungen Dr. Holländers über den K. C. in ״Ost und West" gelesen hat, der ahnt, daß der Zcntralvercin den Zionismus als Kolonisationsbewegung willkommen heißen, aber das Bekennt- 11 is zum Nationaljudcntuni verdammen wird. Darum muß hier mit aller Schärfe hervorgehoben werden, daß es einen Zionismus ohne Nationaljudentum nicht gibt. In einer zweiten Anmerkung sagt Professor Julius Goldstein folgendes: ״Ein außerhalb aller Parteikämpfe stehender Gelehrter äußerte mir gegenüber einmal: ״Wenn der Antisemitismus in Deutschland nicht schon dagewesen wäre, — die Zionisten hätten ihn ganz allein hervorgerufen.“ Wir wollen nicht ungerecht sein, und nicht ohne weiteres unterstellen, daß dieser außerhalb aller Parteikämpfe und des Lebens stehende Gelehrte Ludwig Geiger gewesen ist. Vielleicht war cs ein anderer, vielleicht sogar — diese Möglichkcit wird offen gelassen ־ ein christlicher GelehrterI Man denke, ein christlicher Gelehrter hat sich abfällig über den Zionismus geäußert! Bedarf es da noch weiterer Argumente? Wir verschmähen es, auf die Aeußerungen einer großen Zahl von Nichtjuden zu verweisen, die dem Zionismus die höchste Anerken* nung gezollt haben, 1. B. auf Professor Hem an in. Basel, der hei dieser Gelegenheit auch bemerkt hat: ״Der Antisemitismus wird solange volkstümlich blcl* ben, als cs Assimilantcn in Deutschland gibt.“ Wir wünschen nur, daß der Zentralverein aufhören möge, mit dem Märchen vorn schwarzen Mann gegen den Zionismus zu agitieren, und daß er endlich gegenüber dem Antisemitismus jenes Oefühl der Ruhe und unbekümmerten Sicherheit gewinnen möge, das das Bekenntnis zum Nationaljudentum uns verleiht. Wir warten auf eine geistige Tat des Antizionismus. Wir werden sic nicht erleben, solange nicht Und der kleine schwarze Punkt am Saum des Hirnmels hat sich inzwischen unter ihr hingezogen, wie eine braune Schlange; die wird dunkler und dunkler und rückt ihr immer näher. Schon ist Mittag; und noch immer fährt Satje auf seinem Boot, versucht noch immer sein Glück. Gott will wohl nicht, daß ich in diesem־ Jahr mein frommes Werk tue, denkt er. Nun, so muß ich zurück. Und ihrri wird gar traurig zu Mut. Er muß sich wohl gegen Gott versündigt haben, daß er heuer kein Opfer von ihm haben will. Mit festem Oriff faßt er das Ruder und will das Boot zurücksteuern. Im selben Augenblick aber spritzt ihm Gischt ins Gesicht, er wendet sich um und sieht einen großen goldenen Fisch, der spielend über das Meer schnellt und mit seinen Schwanzflossen um sich spritzt. Den Fisch muß er fangen. Den hat ihm Oott gesandt, der seinen Verdruß sah und seinen heißen Wunsch, das fromme Werk zu tun. Und er steuert wieder herum und jagt dem Fisch nach. Das Meer ist ganz unruhig. Immer höher heben sich die Wellen. Schon ist die halbe Sonne von einer Wolke bedeckt, hinter der ein Bündel weißer Strahlen schräg hervorfällt. Und der Fisch schwimmt über die Wogenkämme und Satje* Boot ihm nach, nach. Plötzlich verschwindet er. Eine Woge, die der Wind aufgescheucht, aufgeblasen hat, türmt eich zwischen ihm und dem Boot. Ein Blendwerk, denkt Satje, und will wieder herumsteuern und zurückfahren. Schon aber sinkt die Woge und der Fisch ist wieder da, kommt fast bis ans Boot herangeschwommen und sieht Satje mit seinen großen Augen, als bäte er ihn: Fange