Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1913-03-28 · Heft 13 (28.3.1913) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 13 (28.3.1913)
Date
1913-03-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2651815-2651829--08869-2666151
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 126 Nr. 13 laliöniljufeitfiiii und Antisemitismus Von Felix Rosenblüth (Berlin). Seit langem warten wir auf eine geistige Tat des Antizionismus. Der politische Zionismus ist fast 20 Jahre alt, und er hat es an Eifer nicht fehlen lassen, die Notwendigkeit seiner praktischen und theo■ rrtischen Ideen nachzuweisen. Lkr Antizionismus ist über Redensarten nicht hinausgekommen. Wer hat es unternommen, sich mit einem Buche wie Ruppins ״Juden der Gegenwart“ ernsthaft auseinanderzusetzen? Wenn wir Zionisten in allem anderen unrecht haben sollten, - wie denken sich unsere ' Gegner die Erhaltung des Judentums angesichts der augenscheinlichen, gesetzmäßigen Zusammenhänge *wischen Emanzipation und Assimilation? Wie denkt man über die jüdische Erziehung der Jugend? Mit Phrasen ist nur wenig geholfen. Der ebenso heliebte wie gedankenlose Appell an den bewährten, ' altjüdischen Optimismus ist kein Argument gegen Ruppins Lehre von der Auflösung des westlichen Judentums; und die Jugend läßt sich auf die Dauer für die ethische Mission des Mosaismus nicht einfangen. 1 Gewiß hat der Zionismus das geistige Leben der deutschen Judenhcit bereichert. Man lebt nicht mehr ausschließlich von der Widerlegung sinnloser antisemitischer Behauptungen, von Betrachtungen darüber, daß die jüdische Religion vor der christlichen immerhin unleugbar gewisse nicht zu verkennende Vorzüge habe, von Biographien und Selbstbiographien jüdischer Justizräte. Vom Tisch des Zionismus fällt mancher Brocken ab, den sie in der Rosinen״ sauee des Liberalismus noch einmal kochen und dann als frische Speise ausgeben: wer davon gegessen hat, ist gegen den zionistischen Hunger geschützt. Und der antizionistische Trieb wirkt jedcsfalls aufmunternd. Wenn ein Zionist in der deutschen Oef* fcntlichkeit ein kräftiges Wörtlein sagt, dann wachen sogar die geübtesten Schläfer auf, und dann erfüllen sie ihre Zeitungen und Versammlungen mit erstaunlicliem Geschrei. Ja, es wäre ungerecht, zu verkennen, daß der Antizionismus unser Wissen vom Judentum um zwei Ideen vermehrt hat. Wozu hat man seine Denker? Man hat sie, damit sie ergründen, daß zwischen Judentum und Deutschtum eine natürliche, gottgegebene — nicht etwa bloß historisch begründete — Geistesverwandtschaft besteht. Von den Zweckdcnkem der französischen, englischen, italicnischen, spanischen und serbischen Judenhcit wird sicherem Vernehmen nach für die Bedürfnisse ihres Patriotismus zurzeit eine analoge Theorie konstruiert. (Nur in den Grenzgebieten zwischen der Türkei und den Balkanstaaten hat man die Arbeit vorläufig eingestellt.) Wie werden wir die unbegreifliche Vielfältigkeit des jüdischen Geistes preise», wenn diese Arbeiten dereinst in der Jüdischen Enzyklopädie nebeneinander erscheinen werden! Und wie unintcressant wird sich daneben der zionistische Programmartikcl machen, der da will, daß die Juden in der Aehnlichkeit mit sich selbst ihr Genüge finden! - Die zweite Idee ist nicht weniger bedeutend! Wozu hat man seine Rabbiner? Man hat sic, damit sic beweisen, daß sich ein Zionist von rechts wegen taufen lassen c:\-v' ■׳•׳.יי; ־־,. ' könnte. י':׳» i 1t «kr *ft j, .׳!.' ■ן:!tc M: ווי 1שך״ histPti'rtu. t der ׳ ־ . <'»' *riur * A 1• milanie» eigen. ... i ׳,., in u.1.1 :;;cnaindcii iX1׳tken unserer Ge;;,!er erneute Triumphe. Viel *<»,hr ־' t un:;. Oegr,׳ :׳weit Hielt! ein* gefallen! Vv'o.'w■; i.'irt du.sc Ar:׳!׳ «... .seit? Sie fließt aus der gleichen trüben Qttc!:־.׳, die das ge ׳.amte geistige Leben der tl<:«:l.che1i Juden in den letzten Jahrzehnten gespei .1!1! ,׳. Eine gedankliche Air einondersetzuug 1r,lt tmv., en (Jcgucrn ist unmöglich, weil der Antisemitcnsclireck ihr Gehirn gelahmt hat. Weil sie über das primitivste Bedenken einfach nicht h1״au־kor.״:!e11, de wt. ,;11 isi jede Diskussion so aussichtslos und 1 mgweihg. Es ist sehmi oft gesagt worden, aber es ist leider noch immer wahr. Wie die Schlange Kaa im Dschtmgelbuth die Blicke und Sinne der Affen mit magnetischer Gewalt an sich zieht und gefangen nimmt, so fesselt der Anfisemitismus alles Denken und Sorgen und Sinnen der deutschen Juden an das Problem der Abwehr, als ob cs heute nicht tausend wichtige!c, it.ricrlicliere, drängendere Fragen zu überlegen gäbe! So befangen und benommen ist dieses Apologctengcschkcht durch die Furcht vor dem Antisemitismus, daß sonst kluge Leute in jüdisehen Dingen kurzsichtig bis zur Blindheit sind. Die Abkömmlinge eines Volkes, das einst für Ideen zu sterben verstand, bekämpfen den Zionismus mit schamloser Ollenheit, weil man um Gottes willen befürchten müsse, daß der zionistische Wind das antisemitische Feuer stärker entfachen könnte. Als ob das — wenn es wahr wäre — ein Einwand gegenüber einer Idee wäre, welche die Rettung des Judentums will! Das ist der Kern des Antizionismus! ״Der Zionismus macht uns verdächtig, er ist inopportun, er gibt dem Antisemitismus Nahrung!“ lXas war ihre Anklage int Jahre I8*>5, das ist ihre erste und letzte und erbärmliche Weisheit auch heute noch! Darum — und weil ein aktueller Anlaß dazu drängt — ist cs notwendig (gewiß nicht für uns, aber für unsere Gegner), das Verhältnis von Nationaljudentum und Antisemitismus wieder einmal zu beleuchten. Der aktuelle Anlaß ist die Märznummer des Zentralvcrcinshlattcs ״Im Deutschen Reich“. Sie ist ein klassisches Dokument der Assimilation, In dem man wie in der Seele der offiziellen judenhrit selber liest. Im Mittelpunkt steht der entscheidende Sieg des Herrn IV. Goldmann (Oppeln) über den mittelaUerliehen Ritualmordgläubigen Stauf f, den er in glänzender Form abfertigt. Ein Artikel appelliert an ״die deutsche Treue gegen historische und verfassungsmäßige Versprechungen — dann wird mit einem Schlage die Erscheinung beseitigt sein, daß die deutschen Juden fast immer in den Rethen der Gegner der konservativen Partei zu finden sind, dann wird es bei uns genau so wie in England sehr viele Juden geben, ״welche mit zu den besten Stützen der konservativen Partei gehören“. In seiner bekannten ״Umschau“ äußert sich A. L. unter anderem folgendermaßen (es handelt sich um den Hammerbund): ״Die weitaus größte Mehrheit des deutschen Volkes hat zwar noch gesundere Anschauungen und einen tiefen religiösen Sinn, der sie gegen die Irrlehren chauvinistischer Wotansanbeter schützt, in der Bibel das Licht aus Osten verehrt, in der humanistischen Bildung und in der Humanität das schätzen läßt, was den Kern und den Ruhm der deutschen Kultur ausmacht. Diese Schätze der den. che!! Jugend gegen nationalistisch überspannte Sch.. . :;er zu sichern, müssen alle wohlgesinnten Staatsbürger aller Bekenntnisse als eine ernste Pflicht betrachten. Wer dafür einstcht, der wirkt ״.feil! ,!Molkisch“ in des Wortes edelster Bedcuti;:«;׳! Mögen die Bekenntnisse uns als kehgioiis-■׳c’mrimicn trennen, in der Vaterlandsliebe und!1! der Heuen Pflege deutscher Kulturemmgenschäften ii:ü.sc!i und werden wir eins sein, ein* in der Ablehnung roher, afthcidnischer Sitten und Anschauungen, eins aber auch in der Ueberzeugunp: ״ex Oriente lux!“ und in der von dem deutschen Altmeister Goethe ausgegebenen Losung: Orient und ük/ident sind nicht mehr zu trennen!“ Besonders lieblich aber ist der Dult der Blüten, die der Kampf des Zentralvereins gegen unseren Ge* sinmmgsgenossen Moritz Gold stein getrieben hat. Das Heft beginnt mit einer Replik Goldsteins gegen Professor Julius Goldstein in Darmstadt. Hierzu hat der schriftleitende Abwchrmann folgende Notiz gefertigt: ״Wir haben uns entschlossen, Herrn Dr. Moritz Goldsfein in Friedenau eine Veröffentlichung in unserer Zeitschrift zuzugestehen, trotzdem uns dies nicht unbedenklich schien, einem Verfasser gegenüber, der durch seine von uns bereits gewürdigten Ausführungen im Kunstwart dem Antisemitismus (siehe auch Bartcis-Akademiker-Versammlung) überreiche Nahrung zugeführt hat.“ Damit wären wir wieder beim Thema! Moritz G o 1 ü s t e i n, der im ״Kunstwari" mit erfrischender Offenheit gesagt, daß wir Juden andere Mensehen sind, hat also dem Antisemitismus reiche, nein, überreiche Nahrung zugeführt. Denn das Baseler antisemitischc Wochcnblättchcn und das Flugblatt des deutsch-völkischen Studenten verbände* haben sich seines Satzes bemächtigt: ״Wir Juden verwalten den geistigen Besitz des deutschen Volkes." Man muß die Abwehrmänner zuerst fragen: ob cs ihnen nicht bekannt ist, daß es eine Sorte von Antisemiten gibt, deren Geifer durch jede Lebensäußerung des Judentums genährt wird, ohne Rücksicht auf ihre Tendenz und ihren Inhalt, gleichgültig, ob es sich um vergangene oder gegenwärtige, um deutsch- oder jüdisclinationale oder sonstwie geartete Kundgebungen jüdischen Geistes handelt. Wenn cs eine Sünde ist, durch antisemitische PampE’e'f hindurchgezogen zu werden, dann allerdings *reilim wir die Bibel lind den Talmud und das ganze;־deLscbe Schrifttum aus unserem Gedächtnis streichen, weil sie dem ״Antisemitismus überreiche Nahrung“ zogtführt haben. Dann war Heines Ringen um die Krone des deutschen Dichters nichts als eine Quelle de* Antisemitismus. Dann war Graetz׳ Geschichtswerk ein Katechismus des Judenhasses. Dann sind Männer wie Rothschild, Ballin, Rathenau und viele andere Schädlinge. Dann sind die ״Alliance Isradlitc Universelle“ und selbst ״der Verband der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur“, gewiß eine Pflegestätte der Harmlosigkeit, die Verderb■ liebsten Schöpfungen, die das Judentum je hervorgebracht hat! Wenn Herr Cassel — ein Sprecher des deutschen Volkes und seiner Residenzstadt — nicht einmal, sondern zweimal hintereinander, von den Erinnerungen des Jahres 1813 übermannt, die Fahne des Patriotismus aus dem Boden reißt und hoch in allen Winden flattern läßt, — dann erscheint 1 Satje, der Fischer*) Von J. L. Percz. In Holland, in einem halb verfallenen Häuschen am Strande de» Meeres, wohnte eine stimmte Seele, ein jüdischer Fischer. Er hieß Satje; vielleicht nach irgendeinem Urahnen Saadja. Doch hatte er keine Kenntnis davon, wie er überhaupt nur sehr wenig von ״Jüdischkeit“ wußte. Schon seine Vorfahren waren Fisdter gewesen, die Familie war die einzige jüdische unter Nichtjudeo. Und alle Tage und Jahre auf dem Meere: wie hätte er etwas wissen sollen? Er fing seine Fische, sein Weib strickte Netze und besorgte das Haus, die Kinder spielten im Sand und suchten nach Bernstein. Und brach ein Sturm los, wenn er auf dem Meere war, so daß er in Gefahr geriet, dann konnte er nicht einmal das ״Höre, Israel!“ beten. Und seine Leute zu Hause konnten es auch nicht. Dann sah er nur stumm zum Himmel hinauf, das Weib daheim raufte sich die Haare oder *dilcudcrte gar noch dem bösen, fnstcren Himmel einen bösen Blick zu und die Kinder warfen sich *uf den Sand und schrien mit den anderen Kindern zusammen: ״Heilige Maria! Heilige Maria!“ Wie hätten sie mehr wissen sollen? Zu Fuß war’* nach der nächsten Gemeinde zu weit. Und zum Fahren waren sie zu arm. Sie hatten ja kaum, was sie brauchten. Und dann ließ sie ja auch das Meer nicht los.׳ Satjes Vater, Großvater und Urgroßvater waren alie im Meer umgekommen. Das ist sdton so die Kraft des Meeres: es ist des Menschen gclihr- •) Aus dem Band ״Volkstümliche Erzählungen", der im Jüdischen Verlag in Berlin erscheint. liehster Feind, oft ein tückischer Feind, und doch liebt man cs und läßt sich von ihm anlocken. Man kann nicht los von ihm, will auf ihm leben und in ihm untergehen. Nur eine jüdische Uebcrlielerung war der Familie verblieben: Jom Kippur, der Tag der Versöhnung. Schon am Morgen des Tages vor dem Fest wählten sie den größten Fisch aus. Dann gingen sie in die Stadt und überbrachten ihn dem Schächter, bei dem sie vor und nach dem Fasten zu essen pflegten. Den Tag selbst verbrachten sie in der Synagoge, lauschten dem Gesang des Chors, dem Spiel der Orgel, dem Gebet des Kantors. Natürlich verstanden sie kein Wort, sondern blickten nur zur Heiligen Lade hin, auf den Prediger mit dem goldenen Käppchen. Erhob sich das goldene Käppchen, dann standen auch sie auf. Ließ es sich nieder, dann setzten auch sic sich. Manchmal nickte Satje vor Müdigkeit ein; dann stieß ihn wohl ein Nachbar mit dem Ellenbogen an, wenn es wieder Zeit war, sich vom Sitz zu erheben. Satje ahnte nicht, daß der Versöhnungstag ein Tag des Gerichts ist, vor dem alle Kreatur erzittert, ein Tag großen Geschehens im Himmel. Ihm war er nur der Tag, den man fastend in der Synagoge verbringt und mit einem Abendbrot beim Schächter beschließt. Viel mehr wird übrigens der Schächter selbst nicht gewußt haben. . . . Und niemals blichen Satje und die Seiner» län״er als unbedingt nötig war. Kaum wnr der schwarze Kaffee getrunken, *landen sie schon auf, verabschiedetca sich von den SriGchtersleuten, tauschten Glückwünsche mit ihnen aus und machten ■ich auf acn weg naett aem Atecr. ״Nach dem Meer", sagten sie, nicht ״nach Haus“. Von Ucbcrnachtcn war keine Rede. Sic ließen sich nicht znnickhaltcn. Vergebens bemühen, *ich der Sehachter und die Schuchteriu, Satje zu überzeugen. ״Ihr habt ja nicht einmal die Stadt bc• sehen." ״Die Stadt!" wiederholte Satje mit geringschätzigem Lächeln. Satje ist kein Mann der vielen Worte. Das Meer lehrt Schweigen. Doch die Stadt haßt er. Eng sei sie, ohne Luft und ohne Himmel. Ein Streifen nur zwischen Dach und Dach. Das Meer aber sei weit, so weit. . . . Mat» könne atmen. ״Es ist ja euer Feind, euer Tod!“ ״Ja, aber ein guter Tod!" Er wünsch» sich das Ende seines Vaters und Großvaters: als Gesunder vom Meer verschlungen zu werden. Nicht lange kränkeln, nicht lange Im Bett mit dem Tode ringen, nicht hören müssen, wie die anderen weinen, nicht begraben, nicht in harte Erde hiaci!!gelegt werden. Brr! Es fröstelt ihn, wenn er an ein Begräbnis denkt! . . . Und sie gehen zu Fuß nach Haus, nach dem Meer. Gehen eine ganze Nacht. Und wenn der Morgen graut, wenn der sandige Strand in goldigem Glanz aufschimntert und bald der Spiegel des Meer« heller aulblitzt, dann (reuen sie sich, klatschen in die Hände. Sind glücklicher als Brautleute. Und Jahr um Jahr immer von neuem. . _. ,Es. war nun einmal am Tage vor dcm Versßh» | nungsfest, trüb am Morgen, im Osten begann ttcfc

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.