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Jüdische Rundschau · 1913-03-21 · Heft 12 (21.3.1913) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 12 (21.3.1913)
Date
1913-03-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 12 JUED׳ au־unjm;cw: Seite U5 so oubcdingt den Vorzug, daß die beiden Standpunkte fast zu einem verschmelzen. Und doch lassen siel» die jener Auflassung entgegenstehenden Tatsachen nicht leugnen und noch weniger aus der Weit schaffen. Tatsache Ist, daß der größere Teil der mit der Idee landwirtschaftlicher Siedlung nach Palästina gekommenen, sich schließlich städtischen Berufen zugewendet hat. (Diese Tatsache gilt auch für Argentimen. Dort sind Hunderttausend elngcwandert, von d.1<i1 nur ein Fünftel in den Kolonien geblieben, wahrend die vier Fünftel sieh in den Städten niederließen. — In Palästina ist es nicht ganz so schlimm.) Tatsache ist auch, daß die Umwandlung eines Schneiders aus Wilna in einen Schneider in Jaffa (oder in Buenos Aires) auf dem direkten Wege billiger ist, als auf dem Umweg über eine Kolonisten- Existenz, über einen Versuch, dessen Kosten in die Z.!!!׳tausende zu gehen pflegten. Mit den Mitteln, die zu jener indirekten und ungewollten städtischen Ansiedlung nötig waren, konnte man jederzeit ein Vielfaches (oft das hundertfache!) an direkter und gesoßter städtischer Ansicdlung leisten״). . . , Der Industriebedarf des Orients und die Lösung der Judenwanderungsfrage■ Die größte jüdische Auswanderung, die wir uns für jede absehbare Zeit denken können — das ganze jmlenwanderungsproblem — kann seine Lösung finden in dem Industricbcdürfnis der Türkei. Dieses ist heute schon groß genug, für eine indu- *tricile Einwanderung von Zehntausenden pro Jahr, und es wächst rapide. Manche werden einwenden wollen, auch die Landwii tsehaft des Orients biete Platz genug. — Ocwill! Aber die landwirtschaftliche Form der Kolonisation ist für uns viel schwerer (wenigstens in ihren bisherigen Formen), sic kostet viel mehr Geld und sic erfordert auch sehr viel mehr Zeit. Sic könnte (als alleiniger oder vorzuziehender Plan) jn Frage kommen, wenn wir Zeit und Oeld im Ucbcrfluß hätten, und wenn der Zustand der Juden zum mindesten erträglich wäre. In dem Maße aber, in dem diese drei Voraussrl/tingcn nicht stimmen — und dieser Maßstab ist ein geradezu ungeheuerlicher — wird die ideologische Bevorzugung des kostspieligsten und langwierigsten Weges zum nationalen Verbrechen. Dieser kostspielige und langwierige Weg führte von städtischen Berufen des europäischen Ostens in der großen Mehrzahl der Fälle schließlich doch wieder /n städtischen Berufen im neuen Lande. Ein planvolles Vorgehen hätte uns langst viel größere und bessere landwirtschaftliche Resultate gegeben, auf dem viel billigeren und naturgemäßeren Wege der Ansiedlung von Industrie-Arbeitern auf industrieller Basis. Ich habe in meinen zahlreichen Arbeiten über die Oartcnstadt (oder das Industriedorf) usw. gezeigt, wie ökonomisch dies gemacht werden könne, und wie die industrielle Kolonisation — aller Schäden und Nachteile europäischer Irdustrievcrhältnisr.e enthoben — sofort ein gut Teil landwirtschaftlichen Charakters an:<cä1raen kann. Ucbcrhaupi Int sich meine: Wissens nicht einer von den Landv/irlsdssi'tsnekwürmcrn auch nur ein Zehntel der Müae gegeben, die ich aufgewendet habe, um die besten spezifisch -jüdischpalästinensischen Möglichkeiten der Landwirtschaft zu zeigen. Zlo ••) Damit das nicht als Uebcrtreibung angesehen wird: Die Spitzcn-Industrie, die jetzt an 400 (I) Mädchen und Frauen beschäftigt und weitaus der beste Erfolg unserer palästinensischen Tätigkeit ist, hat nicht mehr erfordert, als in zahlreichen Fällen die erfolglose Bemühung, einen jüdischen Städter als Bauern anzusiedeln! Jia Nationalökonomie. Solche spezifischen Möglichkeiten gibt c» nämlich. Ja sogar: allen wen nicht s p c z i f i s ch-jüdisch und spezifisch - palästinensisch ist, taugt für unseren Fall ungefähr so wenig, wie die französische Statistik beispielsweise eine jüdische ci setzen, oder eine Kenntnis Sehüdland.; die Kenntnis Palästinas für unsere Arbeit üfcciflürsig machen kann. Keine noch so gute Vertrautheit mit allgemeiner Nationalökonomie kann sich unterfangen, unser Kolonisationswerk bccinflusr.cn zu wollen, wenn nicht eine tüchtige Kenntnis der Juden und Palästinas daneben hergeht. Natio-!!;!!ökonomisch jn irgendwelchem modernem Sinne sind aber weder die Juden noch haben sic Palästina erforscht, und das ist der Grund, weshalb wir meist 80 schiefe Urteile über unsere Kolonisation von scheinbar oder vorgeblich ״fachkundiger" Seite zu hören bekommen. Das ״Fach“ der jüdischen Orlcntkolonisatlon existiert noch nicht 1 Es ist erst zu schaffen. Und unsere jungen Leute, die neuerdings immer zahlreicher fragen, was sie tun könnten, um sich auf einen Beruf für Palästina vorzubereiten, können gar nichts besseres finden, als die Spezial-Erforschung der Fähigkeiten der Juden, und der Eignung und der Bedürfnisse des nahen Orients. Je mehr diese Spezial-Themata studiert werden, um so mehr wird die Herrschaft der Schlagworte fruchtbarer Arbeit Platz machen. Zeit wär’s, daß wir eine ״zionistische National- Ökonomie" bekommen. Eine Ente der ״Deutschen Tageszeitung“ Wenn man über den Zionismus in der Redaktion der ״Deutschen Tageszeitung" nicht unterrichtet ist, so trifft die Schuld nicht uns. Seit dem ersten Kongreß war es immer und immer wieder unser Bestreben, die Oeffcntlichkeit über das Ziel unserer Bewegung, unsere Mittel und Wege aufzuklären und unsere Verhandlungen vor den Augen der europäischen Oeffcntlichkeit zu führen. Diejenigen, die das Judentum bekämpfen, hatten in erster Linie die Pflicht, sich unsere Aufrichtigkeit zunutze zu machen. Es fällt daher schwer, anzunehmen, daß Herr Oertcl und sein Stab wirklich so unorientiert sind, wie eine Korrespondenz glauben machen möchte, die sie sich unter der Spitzmarke ״Abtretung Palästinas a n el i e Zionisten?" aus Petersburg verschreiben ließen. Hier der Wortlaut: ״Die Türkei macht jetzt alles zu Geld( was nicht ״niet- und nagelfest" ist. In zionistischen Kreisen rechnet man damit, die Geldnot der Türkei zur Wiederherstellung des jüdischen Reiches in Palästina auszunutzen. Davon Versicherungsordnung und dem Angestelltcnversicherungsgesetz wird nicht übergangen. Aus statistischen Beilagen sieht man, daß die jüdische Bevölkerung in Baden mit insgesamt 25 896 Personen in 139 jüdisehen Gemeinden 1,208 Prozent der Oesamtbevölkerung im Jahre 1910 (gegen 1,76 Prozent im Jahre 1864, also vor etwa 50 Jahren) ausmachte und daß für jüdische Zwecke, abgesehen von der allgemeinen Wohltätigkeit, für die Jahre 1911—1913 je 304300 M. veranschlagt sind, von denen 85 700 M. als allgemeine Kirchensteuern aufgebracht werden. Dr. Tanne n w a 1 d * Hamburg. Friedrich Kaytaler, ״Kreise“, Verlag Erich Reiß, Berlin. Pteis 1,60 M. broch., 2,50 M. geh, ״Kreise" nennt Friedrich Kaysslcr einen Band Oedichte, mit welchem uns der Bühnenkünstler beschenkt, und mit dem sich nun auch der Dichter eine große Anzahl Freunde erwerben wird. Es ist eine kleine auserlesene Anzahl von Gedichten (37 an der Zahl), in welchen die ganze dichterische Eigenart des stolzen und starken Künstlers zum Ausdruck kommt. Von den Balladen verdient vor allem die ״Ode des Königs Regnar Lodbrug״ Erwähnung, in welcher der Dichter den Tod des nordländischen Königs schildert, der Anno 817 auf Befehl des englischen Königs Elba im Oef&ngnis durch die Bisse von Schlangen umgebracht wurde. Sabbataricr in Amerika. Eine amerikanische jüdische Zeitung Veröffentlicht einen Artikel über das Leben der Sabbataricr in Amerika. Wir yntnehmen diesem Aufsatze folgendes: Freitag abends sperren die Sabbatarier ihre Geschäfte, legen ein Sabbatgewand an und enthalten sich jeder Arbeit. Nach Sonnenuntergang liest man aus der Bibel. Die Vorlesung stimmt die Familie feierlich. Die Juden aber verbleiben ganz ruhig in ihren Geschäften und warten mit Sehnsucht, daß ein Sabbataricr, der vielleicht vergessen hatte, während des Tages Eßwarcn oder dergleichen zu kaufen, ins Geschäft komme und ihm etwas abkaufe. Die Sabbatarier zahlen kein Geld am Sabbat, sondern sie hinterlassen ein Pfand, das sie an Wochentagen wieder ausläsen. + Eugen Dühring. In seiner selbstgcsuchten Vereinsamung feierte kürzlich der Philosoph Eugen Dtthring seinen achtzipten Geburtstag. Erstaunliches hat dieser seit mehr als 50 Jahren Erblindete geleistet. Auf zahllosen Gebieten, Mathematik, Phy sik, Nationalökonomie, Philosophie — schuf er be deutende Werke und erst ganz kürzlich versetzte er die mathematischen Fachkreise durch Vcröffcnt- Uchungcn über seine Lösungsversuche am ״Fermat"* Problem, die er gemeinsam mit seinem Sohn durch* geführt hat, ln Staunen. Für uns ist Dühring nur als einer der Schöpfer des sog. ״Wissenschaftliehen Antisemitismus" interessant. Dieser große Menschenfeind war stets ein gewaltiger Judenhasser, er verstlcg sich zu Behauptungen wahnwitzigster Art, um ■eine ״wissenschaftliche" Theorie mit wurde In Petersburg schon längst gesprochen, doch cs war verständlich, daß die zionistischen Redens•' arten nicht ernst genommen wurden. Auf die Oriir.de dieser Zweifel sei nicht cingegangen. Werden doch die Zionisten selbst von ihren Glaubensgenossen ״meschugge“ usw, gemacht. Nun aber' scheinen jene Leute ihren Mund vielleicht, doch nicht allzu voll genommen zu haben. Man hört, daß ein französisches Konsortium mit der jungtliikiRdicn Regierung über eine ״Abtretung" Palästinns an die Zionisten verhandele, und daß die französische Regierung diesen Verhandlungen Nachdruck verleihe. In Zlonistcn-Kreiscn deutet man die Weissagung des Propheten Daniel (Dan. 8, 14) dahin, daß in den Jahren 1912/13 144 000 Zionisten nach Palästina zurückkehren, die Annr-Moschcc niederreißen und den Tempel wieder errichten werden. Unter der Moschee sei die Bundesiadc vergraben. Wir finden diese Angaben in vielen Auslegungen der Advenfistcn, Apokalyptiker usw., so auch im Buche des Obersten Th. van Beuningcn ״WachetI Ich komme bald!“ und wenn auch die Zionisten mit der christlich-advcntistischcn Auslegung der Propheten des Alten Testaments nicht einverstanden sind, diese Auslegung der Rückkehr der Juden nach Palästina gehört zu den Glaubenssätzen der zionistischen Lehre, wie zu der der christlichen Advcutisten. Der neue Metropolit von Petersburg, Wladimir, hat den Vorträgen über die Mcssianischcn Weissagungen in Petersburg die Erlaubnis entzogen. Man hört von ihnen daher nicht mehr so viel wie zuvor. Jene Nachricht von den zionistischen Absichten spräche dafür, daß die Ausleger der Propheten nun vom Worte zur Tat gelten wollen, Wie dem auch sein mag, nicht uninteressant ist, daß die französische Regierung den zionistisehen Träumen zur Verwirklichung verhelfen will. Das Konsortium soll über eine bedeutende Summe verfügen. In russischen jüdischen Kreisen bückt man auf das Beginnen dieses Konsortiums mit der größten Spannung, und - die Rabbiner haben alle Hände voll damit zu tun, Auszüge aus den Gcschlcchtsregistcrn zu machen, da eine Unzahl von Juden sich ihre Abstammung von den 12 Stämmen beglaubigen läßt. Denn nur diese Abstammung soll zum Zuge nach Palästina berechtigen." An dieser Notiz ist wahr, daß die Türkei sich in Geldnot befindet. Alles andere ist gelogen und man kann wohl sagen — plump gelogen. Denn selbst dem Leser der ״Deutschen Tageszeitung" sollte es cinleuchtcn, daß die Türkei nicht einerseits Gut und Blut ihrer Bevölkerung dafür einsetzen wird, um ihren europäischen Besitz zu verteidigen, um dann andererseits einen wertvollen Teil ihres asiatischen Stammlandes gegen einen Judaslohn zu verhandeln. — Aber man fragt in solchen Fällen immer am besten gleich: Was bezweckt die Lüge? Und da ist die Antwort nicht allzu schwierig: Das ״jüdische Ocspcnst", das die Herren für ihre innerdeutsche Politik brauchen, muß an Schreckhaftigkeit verlieren, wenn sie nicht von Zeit zu Zeit immer wieder die Mähr von den ungezählten Millionen auffrischen, die für ein jedes alljüdische Ränkespiel zur Verfügung stehen, und da Frankreich gegenwärtig zu Deutsch- Und wenig freundschaftliche Beziehungen unterhält, so muß es natürlich der ״Erbfeind" sein, mit dem wir konspirieren. Nächstes Mal wird es vielleicht wieder England, dann wieder Rußland oder irgend eine andere Großmacht sein. — Amüsant ist übrigens, daß der Gewährsmann der ״D. T." seine Informapraktischen Beispielen zu belegen. So führte er einen ״Nachweis", daß Lessing, der Dichter des Nathan, ein von den Juden bestochener Plagiator und Theaterliterat jüdischer Abkunft gewesen sei und einen andem, daß Heine an einem Ritualmord mitgewirkt habe, dessen Geständnis in einem Gedichte des Romanzero zu finden seil Dies mag recht toll klingen, aber, wenn große Geister, wie Dühring, zu solchen Tollheiten greifen, um den Judenhaß zu verbreiten, was ist dann den kleinen zu verdenken? Der achte Jahrgang des Palästinajahrbuchs des deutschen evangelischen Instituts für Altertums- Wissenschaft des Heiligen Landes zu Jerusalem, den Prof. D. Dalman soeben im Verlag von E. S. Mittler Bf Sohn in Berlin hat erscheinen lassen, zeigt, daß die Arbeit der Anstalt von Erfolgen gekrönt ist Das Jahrbuch erstattet Bericht über die Wissenschaftliehe Tätigkeit, die Tagesausflüge und die Zeltreise, die von Jerusalem nach Samarien zum See von Tibe* rias, dann in weitem Bogen durch Galiläa, durch den Dscholan und Adschlun auf dem linken Jordanufer nach Jericho und dem Ausgarigspunkt führte. Belträge lieferten Prof. Dalman: Das Heilige Land und die heilige Geschichte, Gustavs: Streifzüge durch die Vogelwelt Palästinas, Lindner: Die Passahfeier der Samaritaner und Dalman: Das samaritanische Passah im Verhältnis zum jüdischen, sowie Kahle: Gebrftuche bei den moslemischen Heiligtümern In Palistina. , I I

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