Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1913)
- Date
- 1913-03-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2651815-2651828--08856-2666137- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 114 j U E D i ב C11 E RUNDSCHAU Nr. 12 schmähliche Gesinnung, in 11er sic ihr «M!k sahen erzeugte in den Seelen der Groden eine Sehnsucht und ein Pathos, das sich mit elementarer Gewalt zur Wirkling durchrang. Man sah, dall jetzt ein Emgrilf nottue, und Fichte ging so weit, lolgeiule Fragen zu formulieren: 1. Ol» es wahr sei oder nicht wahr, daß cs eine deutsche Nation gäbe tnttl daß deren 1 ortdauer in ihrem eigentümlichen und m*tbst1״uhgen Wesen dermalen in Gefahr sei? 2. Oh es der Muhe wert sei oder nicht wert sei, dieselbe zu eilt.du 11? 3. Ob es irgend ein sicheres und diirchgreilondes Mittel dieser Erhaltung gäbe und welches dieses Mittel sei? Und der feurige Mahner Ernst Moritz Arnut sagte: ״Unwissenheit und Aufgeblasenheit haben den letzten deutschen Staat zerstört und dazu jene Faulheit, das gefährlichste Laster der Sterblichen, die nichts Besseres will, als die Väter hatten und taten. Wer still stellt, geht zurück; wer auf Lorbeeren ruht, die er nicht brach, liegt wold auf einer schönen Bärenhaut. Nur wer immer mehr tun will, als schon getan ist, wird das tun, was er kann.“ .... Man hat uns Weltmcnschcn, allgemeine Philosophen, Kosmopoliten genannt und wunder gemeint, wie sehr man uns mit diesen Namen lobte. Man hätte uns die Juden des neuesten Europa nennen sollen, denn wie die Juden sind wir umher verstreut und Ihnen fast gleich geachtet; nur daß die Juden in ihrer ewigen Physiognomie noch mehr Stärke mul und Charakter verraten als die jetzigen Deutschen.“ — ״Es ist kaum glaublich“ — heißt es in Ikiycns Erinnerungen — ״was für eine Masse von hrbürin* lichkeit sich damalen unter einem großen Teil der sogenannten gebildeten Stünde zeigte, Sie waren verweicliliclit durch langen Friedensgenuß, immer gewohnt, den eigenen Vorteil als das Ziel ihres Bestiebens anzuschcn, und so war der Gedanke an mutige Pflichterfüllung und Aufopferung aus ihrer Seele gewichen.“ Ein solches Volk nun mußte vernichtet werden. Das deutsche Volk ist vielleicht Napoleon, den Flegel damals die ״Wcltseele“ nannte, am meisten zu Dank verpflichtet: Er hat durch die Not, in die er es brachte, bewirkt, daß es das Faulende abschüttelte und das, was noch stark und echt war, unter dem Drucke den drängendsten Gegend ruck erzeugte. In dem kurzen Zeitraum von 6 Jahren wurde ein neues Volk, neue Menschen geschmiedet. Politische und militärische Reformatoren, wie Stein, Scharnhorst, Gneisenau, deren Wirken gewiß nicht unterschätzt werden soll, sind dabei doch erst in zweiter Linie zu nennen. Denn auch ihr Werk konnte nur gehngen, weil es vom rechten (leist erfüllt war. Der Geist der Begeisterung, die damals die Romantiker, ein Schlciermuchcr, ein Fichte, ein Kleist, ein Arndt, schufen, die den Stolz, auf die eigene Vergangenheit, auf das eigene nationale Wesen und den nationalen Kulturboden, dem damals schon Goethe, Schiller und Kant angehörten, weckten, dieser Geist war es, der schließlich in die Gemüter fuhr und sic zur Tat foririß, der die Losstürmcmlen zu einer unüberwindlichen Kraft machte. Den Geist zu befreien, das war Fichtes eisernes Gebot. Man müsse vor allem die Jugend nach neuen, freieren Grundsätzen erziehen, daß sie stark werde im Wollen, stark im liamlel!־., Charakterfest und mulig. Mögen dann immerhin die Feigen, die Lauen, die Trägen und lfc1|1!cmen abfallen oder nicht mitiun, die Geschichte wird über sie zur Tages- Ordnung übergehen. ״Nie galt cs mehr als damals, daß der Geist den Leib befreie“, sagt Karl Joel von jener Zeit. Alle ftihrcmlcn Männer lehrten die sittliehe Tat: 0(1״■ eben wallten sie alle damals, die heroischen Geis kr,!■;rolle Gedanken Tat werden lassen, hohe Ideale liiaauskiliren ins Leben, sic verwirkliehen, und daniiu war ts das Zeitalter der großen Idcalpraktiker, der /;rollen Prediger, Erzieher, Reformatoreii.“ Die Frucht reifte und das Volk hat in einem Zustand des Iiödisten Enthusiasmus das Joch abgcwarfen und seine Freiheit und eine herrliche Zukunft gefunden. Und heute gedenkt das Volk jener I icldentage, heute, in einer Zeit, deren Armut und Leere, deren Mangel au jeglichem f leroisinus und jeglichem Schwung evident ist. Wir Juden aber, wir denken uns noch ganz andere׳ Dinge dabei als die Deutschen, die den Stolz auf ihre Vergangenheit haben. Warum sollten wir nicht ein ganzes Volk als Beispiel iicluneii dürfen? Wir haben jene klägliche Scheu, die uns zu anderen Völkern kein rechtes Verhältuis finden ließ, weil wir ״dazugehörcu“ wollten und keine Distanz kannten, überwunden. Während jener Bedrückung vor mehr als hundert Jahren bcgeisterten sich die Herzen der deutschen Patrioten an den Worten, die ihnen ein französischer Held von der damals wirklich als ״moralische Anstalt“ wirkenden Bühne herab zurief: ״Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr alles freudig setzt an ihre Ehre!“ Das Aufrufen aus Schmach und Bequemlichkeit zu Ehrgefühl und aktiver Tätigkeit, das ist ein allgemeiner Satz, unabhängig von den zufälligen Begleitumständen des Volkes und der Zeit. Der junge Jude, der diesen Ruf hört, wird im Innersten ergriffen; denn wir sehen heute um uns 11er, in unserem Volke, so viel Gemeinheit und Erbärmlichkeit, daß wir fast verzweifeln müßten. ״Ihr habt den Glauben an alles Große verloren; so müßt, so müßt ihr hin, wenn dieser Glaube nicht wiederkchrt wie ein Komet aus fremden Himmeln“ — s<» ließ der Dichter (noch vor der Zeit der großen Niederlage) seinen Griechen klagen, und hatte doch seinem innigen Roman vorangesetzt: ״Ich verspräche gern diesem־ Buche die Liehe der Deutschen.“ Es lebt jetzt eine Generation von Juden, die wissen, daß sic den Glauben an das Große wiedergefundeii haben; und darum haben wir auch den Glauben an unser Volk gefunden. Aber wir wissen auch, was unser Beruf ist: Dieses faule und träge Volk mifzurülteln, das Volk von Krämern zu einem Volk von starken, wollenden Männern zu machen. Vor allein aber uns selbst dazu zu machen. Wir müssen das Volk erziehen, auf daß der Geist in es fahre; und jeder fange bei sieli selber an, und suche das Falsche, das Schlechte, das Skiavi-ehe aus seiner Seele zu bannen. Auch uns steht das nationale Werk erst bevor; und wenn wir keinen Fichte heute haben, so muß jeder einzelne von uns ein Kleiner Fieltte werden und zur jüdischen Nation reden. Jeder einzelne muß die Sache des Volkes als persönliche Aufgabe empfinden, die noch nicht erfüllt ist; jeder muß die ganze Verantwortung dieser Lage fühlen lind in der Schwere der zu erfüllenden Pflicht einen Kraftmesser sehen. Jede Zeit der Gefahr ist zugleich eine Zeit der Auslese; was schwach und feige ist, wird;iblalleu wie faule Frucht, was stark ist, wird gestählt zum Sieg. Karl Joel vergleicht in dem oben von mir zitierten Aufsatz (Neue Rundschau, Dezember 1008) das Leben der heutigen, durch alle möglichen Erfindungen der Technik beglückten Zeit, mit dem vor hundert Jahren, als die Fluten der Bewegung hochgingcn* und wahrlich, 1008 kommt nicht gut davon gegenüber 180S. Wir Juden erleben heute das Envachen unserer großen nationalen Bewegung und stellen uns in die Kainpfreilie. Wahrend andere Völker feiern müssen wir arbeiten. Darum aber fühlen wir, daß es eine Lust ist, zu leben, — und wir möchten nicht tauschen wollen mit jenen, die in 100 Jahren — vielleicht uns feiern werden. Varia Von Davis Trictsch. Zur Lage der Türkei. Es gehört nicht allzuviel Verstand dazu, «j finden, daß es den Türken nicht gut geht. Aber ich möchte wünschen, daß man in unseren Reihen sich keineswegs beeilt, die Türkei — auch nicht die eure* p.iisclie — für abgetan zu halten. Wer jemals der Ueber/eugung gewesen ist, daß die Türken unsere besten Freunde in der Welt waren, der sollte nicht leichten Herzens sich mit ihrem Verschwinden aus Europa abfinden. Sehr richtig sagte Friedrich Naumann dieser Tage über die Lage Preußens zu 1kginn des vorigen Jahrhunderts, dall sie schlimmer war als die gegenwärtige der Türkei. Wir ganz besonders sind hier in der Lage desjenigen, dem ein Verwandter oder Freund krank liegt. Die Fremden oder Gleichgültigen mögen den Fall längst aufgegeben haben, während wir uns noch an eine letzte Hoffnung klammern. Solche Hoffinnigen aber sind durchaus noch vorhanden. Schlägt doch eben erst wieder die Stimmung der Mächte wegen der Forderungen des Balkanbundes um. Rumänien droht wieder Bulgarien anzugreifen und würde die Türken damit wesentlich stärken. Ja sogar eine Wiederholung der christlichen Massakers in Mazedonien könnte noch jetzt die Mächte veranlassen, einen Streifen Mazedonien den Türken zuzubilligen, damit die verbündeten Griechen und Bulgaren sich nicht allzu nahe kommen. Die Türken sind noch nicht aus Europa verdrängt. Schon Benjamin Disraeli hat cs ausge* sprechen, dall die Jude n nicht ganz verlassen sein werden, solange die Halbmondflagge noch irgendwo in Europa flattert. Und in Asien dürfte sie jedenfalls für alle historisch absehbare Zeit herrschen, — ja, es scheint sogar, daß eben jetzt die Türkei in der islamischen Welt an Sympathie und Ansehen gewinnt. Meldeten doch in diesen Tagen die Blätter, dall nicht nur die Moslems Indiens, sondern die Hindus sogar mit den Türken sympathisieren und Englands türkenfeindliche Politik aufs schärfste verurteilen, — Wer weiß, ob nicht die Welt des Islam sich zu neuem Aufstieg festigt? Unsere Wünsche gehen jedenfalls in dieser Richtung. Landwirtschaft oder städtische Berufe*). Viele unter uns wollen noch heute, daß alle unsere Kolonisation in Palästina im Zeichen der Land- Wirtschaft vor sich gehe. Manche wollen überhaupt von nichts anderem wissen, und andere geben ihr *) Wir geben diesen Teil der Ausführungen unseres geschätzten Mitarbeiters gerne wieder, ohgleich er sich mit den Ansichten der übcrwiegi'11den Mehrheit unserer Partei nicht deckt. Bücher und Zeitschriften Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport. Organ der nationaljüdischen Jugendbewegung, März 1913. H. Jahrgang. Aus Anlaß des ersten Deutschen Kreisturntages erscheint dieses Heft unserer Jugendschrift in dem stattlichen Umfang von 40 Seiten. Der doppelten Aufgabe, die sich das Blatt gestellt hat, einerseits die Turner und Sportslcutc technisch zu fördern und andererseits unserer gesamten jagendbewcgimg jüdische Anregung zu geben, wird die Redaktion in überaus geschickter Weise gerecht. Es soll auch hier noch einmal betont werden: Der Leserkreis der ״Monatshefte“ sollte sich keineswegs auf die Mitglieder der Turnerschaft beschränken. Das Blatt in seiner jetzigen Gestalt gehört auch in jeden Hcrzl-Klub, wo es gewiß wertvollen Diskussionsstoff abgeben wird, aber auch jeder sonstige Jugendverein, welcher Art immer, wenn er nicht gerade seine Mitglieder hermetisch abschließcn will von den neuen Strömungen im Judentum, sollte das Blatt seinen Mitgliedern zugänglich machen. Das vorliegende Heft enthält an leitender Steile* einen Artikel Henry Unnas: ״Unser erster Deutscher Krcisturntag.“ Dr. Ludwig Werners Auslührungen über ״Zweck und Inhalt unserer Kreis- Organisation“ legen die Bedeutung dieser neuen Institution innerhalb der Turnerschaft in überzeugen־ . der Weise dar. Nachum Go Id mann (Heidelberg) rückt dem Phantom der Neutralität und dem Neutralitätsjudentum mit seinen logisch durchdachten Ausführmigeu zu Leihe, und weist nach, daß die vielgepriesene Neutralität letzten Endes stets auf Assimiiation hinauslmifeii muß. Ein Artikel von Robert Welt sch (Prag), den wir mit Erlaubnis der Rcdaktion an anderer Stelle dieser Nummer ,-!!)drucken, legt dar, welches Verhältnis wir Nationaljuden zu den Erinnerungen des Jahres 1813 gewonnen haben. Cheskel Zwi Klötzel gibt eine interessante ״Erimierimg“ an seinen Aufenthalt in Saloniki, die uns ein paar prächtige Typen aus dem jüdischen Leben dieser Stadt voriührt. Eine große Anzahl von Bcrichten aus den Vereinen gibt ein Bild von dem regen turnerischen, sportlichen und geselligen Leben innerhalb der Turnerschaft. Der umfangreiche turnerische Teil des Heftes bringt zunächst das offizielle Programm zum Hallen- Turn- und Sportfest, das der ״Deutsche Kreis“ am Montag, den 24. Mürz, nachmittags 4 Uhr, in der Berliner ZentraHtirnhallc in der Prinzcnstraßc abhr.lt, dann die Freiübungen, die seitens der Männer und der Frauen bei diesem Feste vorgefülirt werden. Erich B u r i n bespricht das ״VI. Berliner Hallen- Sportfest“, an dem sich auch der ״Bar Kochba“ bcteiligte. Fritz Abraham bringt einen gut illustrierten Artikel über ״Waldlauf“, der hoffentlich der Ausbreitung dieser schönen Ucbung in den Vereinen gute Dienste leisten wird. Heinrich Kuhn der Fechtwart des Berliner ״Bar Kochba“, behandelt den ״Fechtsport“. Ein weiterer Artikel spricht über ״Turnfahrten in Lehrlingsabtcilungcn“ und eine Reihe weiterer, meist technischer Beiträge vervollständigt den reichen Inhalt des Heftes. Die Zeitschrift sei eiiulring'icbst zum Abonnement ■ empfohlen. Der Preis ist jährlich 3,30 M. Einzelne Nummern kosten 30 Pfennig. Dr. Siegfried Wolff, Das Recht der israelitischen Rcligionsgemcinschaft des Großherzogtums Baden. Karlsruhe 1912. Q. Braun sehe Hofbuchdruckerci und Verlag. XVIII und 230 Seiten, Preis geh. 6 M. Erfreulicherweise mehrt sich die juristische Literatur über die Rechtsverhältnisse der Juden in den einzelnen Bundesstaaten und Landestcilen immer mehr. Die vorliegende Arbeit, welche den 22. Band der von Roland und Rosin herausgegebenen Freiburger Abhandlungen aus dem Gebiete des öffentlichen Rechts bildet, gibt auf Grund eingehender Literatur- und Gesetzesstudien und unter Benutzung der cinschlägi* gen Gerichts- und behördlichen Entscheidungen eine gute Ucbcrsicht über die rechtlichen Verhältnisse der Juden in Baden. Hier möge vor allem darauf hingewiesen werden, daß Baden, was nicht allgemein bckönnt sein dürfte, der einzige Bundesstaat in Deutschland ist, welcher eine systematisch durchgcfiihrlc Konsistorial- und Synodalverfassung besitzt. Wie diese Organisation sich in einer mehr als hundertjährigen Entwicklung herausgebildet hat, wird in dem ersten Kapitel des Buches eingehend dargclcgt. Im zweiten Kapitel bespricht Wollt die Organisation der jüdisehen Religionsgemeinschaft in Baden als ganzes, während die rechtlichen Grundlagen und Einzelheiten der Synagogenbezirke und einzelnen Religionsgemeinden im dritten Kapitel behandelt werden. Sogar die Versicherungspflicht der Angestellten nach der Reichs-