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Jüdische Rundschau · 1913-03-21 · Heft 12 (21.3.1913) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 12 (21.3.1913)
Date
1913-03-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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I Abonnements auf die wöchentlich an Frcitajr cj- «fceinend» ״JUdiacIie Rundacheu" lernten bei der Eipcdition und bti allen Poatämtern vierteljihrlich 1,50 M., außerhalb Deutachl«nda und Ocater• reidi-Ungarna 2,— M.s für Mitglieder jüdisdier Vereine im SemmeTbecu durch den Verein 1,־- M. Verlag JUdlach* Ruedachan E. G. m. b. H. ן! BERLIN W. 15, Slchdache StraOe ». | ן Telephon: Amt Uhland 845. ן I Geediüftutunden: 9—1 und 4—7 Uhr,! I außer Sonnabend und Sonntag, I i_ r I I I I I I I I I I I I Anzeigen kostet! für die •rch*yeip«lUa• Petitteile oder deren Raum 46 Pf.ן Steiles« Angebote und -Geeuche *owle Vereine• Mitteilungen und wKleine Anzeigen* □ □ nur 30 Pfennig. D 0 Manuskripte werden, wenn Porto beilieft, •tets suruck gesandt Redaktionaadilttf l Mittwoch vormittag*. Redekllen Jüdisch• Randaehaun BERLIN W. iS, SBdislsche Straft« ft, Telephon 1 Aal ühiaod 845. Sprechstunden Dienstag und Donnerstag 5—6 Uhr nachmittag•. cn׳n r C׳ J i ׳ י V y•-^ ך״ן ץ■-f ך .) v^U uL3 u ■ gfcj.חו»«^ Nummer 12 Berlin, den 21.1 12. Adar 11 5673 XVHI. Jahrgang Ausweis Schekel: München *Gladbach 1,~, Würzburg 1, -, Glogau 5,-״ M. Landcsorganl&ationsbcitrügci 1. Ortsgruppen: für nj|2־: Rybnik 2(), -, KönigshüUe •10,—; 1013: Würzburg 1, Glogau 2, , Gr.-Strclditz 2,— M. 2. Einzelpersonen: Lothar Müller, M.*Gla11• bach, 5,—, l)r. Otto Jonas. Düsseldorf, 20,—, Rubbiner l>r, Joseph, Stolp i. l>, 8,— M.;1, Verschiedene Spenden: Hamburg 5,—, Or.*Strel11itz —,50 M. Eingang vom 12. bis 19. März 1913: Sehek e I: 7,— M.; Landcsorganisationsbeiträge für 1912: 60,-, für 1913: 43,50 M. Gesamteingang: Schekel: 610,— M.; Landesorganisationsbeiträgef. 1912 : 20 542,46, für 1913 : 4783,25 M. Berichtigung. Der in Nr. 3 unter Einzelpersonen ausgewiesene Betrag von J. Pascheies in nähe von 16,— M. ist als Landesorganisationsbeitrag der B. Z. V. einge* gangen.. Die Addition ändert sich dadurch nient. Adresse für Geldsendungen: Zionistische Vereinigung für Deutschland, Berlin W. 15, Sachsische Str. 8. Postscheckkonto: Berlin 8091, Bankkonto: A. H. Heymann & Co., Berlin NW., Unter den Linden 59. Jechiel Michal Pines Von Josef Lin-Berlin. Aus Jerusalem kommt die Trauerkunde vom Ableben des großen jüdischen Gelehrten und mutigen Zionskämpfers Jechiel Michal Pines. Ein Veteran des hebräischen Schrifttums, einer der ersten Verkünder unserer natiönalen Renaissance, ein Pionier der Palästinaarbeit ist in ihm heimgegangen. Zu jener Zeit noch, als die jüngere hebräische Schriftstellergeneration und die jüdische Intelligenz in Rußland unter dem Einfluß der russischen Literatur und ihres Wortführers Pissarew für Verbreitung von ״Aufklärung“ und ״rationalistischer Ideen“ wirkten und alles Heil in einer ״Anpassung der Religion an die Bedürfnisse des Lebens“ erblickten, da verkündete Pines als erster hebräischer Schriftsteller in Rußland den Gedanken des jüdischen Nationalismus und trat den Reformbestrebungen mit größter Entschiedenheit entgegen. Seine Grundanschauung war, daß nie htdiercligiöscnVorsc!triftendes Judentums, sondern die unnormalen Lebensbedingungen des jüdischen Volkes einer Reform und Aendcrung bedürfen. Der politische Druck und das soziale Elend der Judcnlieit in den Golusländern hätten die normale Fortentwicklung und die schöpferische Kraft der jüdischen Religion unterbunden, die in "tfen Glanzepochen des Judentums dessen nationalen Geist zum Auf- Schwung gebracht hat. In der Darlegung dieser Gedankengänge zeigte Pines umfassendes Wissen auf den Gebieten der jüdischen Kulturgeschichte und talmudiscli-rabbinischen Literatur, sowie außergewöhnliches sprachliches Ausdrucksverinögcn. Er wich von der damals in der hebräischen Literatur vorherrschenden puristischen ״Melizah“-Spracha gänzlich ab und gebrauchte eine prägnante Form und präzise Ausdrucksweise. Bei der großen Bedeutung, die in der hebräischen Literatur der sprachlichen Seite beigemessen wird und welche in den zu- ״Der ZI erstrebt für das jüdLicIio Volk clio SciiifftikTfj ©I:v5r 3*fentiicb-rechtitcl» g׳eslcborle:a HelmotT.tte In Palta-Una.“ Caaelor Programm. weilen lebhaften Erörterungen über die stilistische Form zum Ausdruck gekommen ist, erscheint dieses Verdienst Pines׳ besonders beachtenswert. Schon vor vierzig Jahren schrieb er in seinem inhaltsreichen Werke ״Jildci Ruchi“ ein Hebräisch, das heute als mustergültig bc- /.ciclinet werden kann. Dieses Buch, dessen erster Teil den Untertitel ״Riw Ami“ trägt und dessen zweiter Teil ״Hachajim wchajahuduth“ heißt, enthält eine scharfe Kritik der Assimilations- und Rcformbcstrebungen und eine poetische Vcrherrlichung der jüdischen Religion und ihres nationalen Charakters. Das Erscheinen dieses Werkes wurde namentlich von den Kreisen der orthodoxen Rabbiner freudig begrüßt, während der darin verkündete nationaljüdische Gedanke in der hebräischen Literatur zunächst nur sehr wenig 'Anklang fand. Die damalige Zeit war für diesen Gedanken noch nicht reif. Die ״Haskaloh“-Epoche war in Rußland noch nicht überwunden. Die russisch-jüdische Intelligenz war noch voller Hoffnung auf die Emanzipation der Juden im Zarenreich. Erst später, nach dem Eintreten der herben Enttäuschungen, konnte sich die Idee des jüdischen Nationalismus Bahn brechen und Weitere Verfechter finden, deren Vorläufer Pines War. Dieser gelangte auch bald zur Konsequenz seiner nationalen Anschauung — zum Streben nach Pa* I ästi na , für das er als erster unter den hebräisehen Schriftstellern Rußlands eingetreten ist. Dabei erfaßte er auch gleich den politischen Sinn des palästinensischen Ideals, in dessen Dienst er sich auch bald praktisch betätigen sollte. Als Vertreter des Institutes ״Maskcrcth Mosche“, welches anläßlich des 90 jährigen Jubiläums von Moses Montcfiorc zur Unter- Stützung palästinensischer Juden in London bcgründet wurde, begab sich Pines im Jahre 1878 nach Jerusalem, von wo aus er die einige Jahre darauf aufgetretenen Bestrebungen der Bilu mit aller Kraft unterstützte, ihnen zur Begründung der Kolonie ״Gcderah“ verhalt und sich mit den Angelegenheiten des neuen Jischub intensiv bcfaßte. Bald nach seiner Ankunft in Jerusalem geriet Pines in eine erbitterte Fehde mit den dortigen Fanatikern, die ihn in Acht und Bann legten und damit ihren Kampf gegen das neue Werk in Palästina cröffncten. Pines ließ sich jedoch dadurch in seinen Bestrebungen nicht beirren, für die er in der Folgezeit eine fnichtbare Tätigkeit entfaltete. Mit dem Namen Pines ist der Beginn der neuesten jüdischen Geschiehtsepoche aufs engste verknüpft. Er war eine der' markantesten Gestalten unserer modernen Renaissanccbcwcgung, eine mutige Kämpfernatur und reiche Persönlichkeit, die der Zeit weit vorausging und der kommenden Generation als Balinbrechcrin voranschritt.* 1 Es sollte ihm auch das Los aller Bahnbrecher nicht erspart bleiben — überragende Begabung ln Kämpfen gegen Widerstände aufzureiben. Allein, cs war ihm vcr■• gönnt, auch die Fruchte seiner mühevollen Arbeit zu sehen. Er hat das neue Werden in unserer Volkshcimat «nterlcben dürfen und ist im Be* wußts'ein verschieden, an einem unvergänglichen Werke initgeschaffen zu haben, . ■ . 1313 on Robert W c 118 c h - Prag*). .Wir haben ein» Vornangonholt, am nurü<׳Un!«bllck#n, and olno Zukunft, am vurwiirl« au aclitunn, nnd <1* kdon*• «oin, ilaaa ulnlg« »on dun Rliuoln d«r Zukunti In dar VvuUI1.lt dar Varganijiinhult Ibra Ltiaung llitdun.* Max Müller, Es gibt zwei Arten, die Bedeutung, die vergangenc Ereignisse für uns haben, zu werten. Wenn wir aus der Geschichte lernen wollen, dann gilt cs, die ״ lebendige Beziehung von uns und unsern Verhältnissen zu den Menschen und Geschehnissen der bctrachteten Epoche zu erfassen. Diese Beziehung kann nun bestehen in dem Anteil, den wir selbst oder unsere Vorfahren oder die Gruppe, der wir angchören, an den Begebenheiten hatten; oder aber in der Verwandtschaft, die wir mit den Menschen fühlen, die sich ln einer der unsern ähnlichen Situation befinden. Das Deutsche Reich feiert jetzt in berechtigtem Stolze das Andenken des großen Befreiungskampfes, der seine Gaue vor hundert Jahren erschüttert. Wir, die wir uns gewöhnt haben, alle Dinge vom jüdisehen Standpunkt aus zu betrachten, wir können, wenn wir wollen, uns damit brüsten, daß damals auch jüdische Soldaten im preußischen Heer ihre Pflicht getan haben. Der Feststellung dieser Tat- Sache wird wohl kaum eine• größere Bedeutung zukommen. Wir können aber auch das große Schauspiel jener nationalen Erhebung in seiner allgemeinen Bedeutung als ein Beispiel nehmen, aus dem wir den Sinn der Weltgeschichte lesen können. Es mag etwas kühn dünken, wenn wir die Lage des deutschen Volkes vor 1813 mit der Lage des Judentums von heute vergleichen. Politisch stimmt der Vergleich 8'chcr nicht; das deutsche Volk mag in viele kleine staatliche Körper zerrissen gewesen sein, es mag unselbständig gewesen sein und unter der Faust des feindlichen Bedrückers geschmachtet haben, aber dies mit der politischen Nichtexistenz, der Heimatlosigkeit des vertriebenen Judcnvolkcs in eine auch nur entfernte Parallele zu setzen, wäre lächerlich. Und dennoch preßt es uns immer das Herz zusammen, wenn wir hören, wie die großen Wecker der Deutschen vor 100 Jahren zu ihrem Volke redeten. In einer Zeit nationaler Schmach war das deutsche Volk zu der tiefsten Stufe gesunken, die man für eine Menschcngruppe denken kann: zum Sich-bescheiden und Sich-bcqueinen im Schmutz, wenn nicht gar zum nationalen Verrat. ״Dies ist eben das Gefährlichste an der Unterworfenheit, daß sie für alle wahre Ehre abstumpft und sodann ihre sehr erfreuliche Seite hat für den Trägen, indem sie ihn mancher Sorge und manchen Sclbstdenkcns überhebt.“ Diese schmerzliche Beobachtung mußte damals der um sein Volk besorgte Fichte machen. Der unglückliche Ausgang des preußischen Krieges von 1806 hatte auf das deutsche Volk geradezu zermalmend gewirkt. Doch war das deutsche Volk damals zum Sieg nicht reif gewesen. In Jena hörte man an den deutschen Wachtfeuern: ״Für Vaterland zu sterben wünscht mancher sich; zehntausend Taler erben, das wünsche ich mich. Das Vaterland ist undankbar — und dafür sterben? O du Narr!“ Es gab nur kleinliche Sonderinteressen, ein jeder war besorgt nur um sein materielles Wohlergehen. Die mißverstandenen Ideen des Aufklärungszcltalter* von Kosmopolitismus, von Individualismus waren zur Gemeinheit entstellt worden, und so kam es, daß man auch die Situation nach dem Tilsiter Frieden, sofern cs sich nur sonst behaglich lebte, ganz annehmbar fand. Aber de geschah das Ungeheure: An eins, zwei, drei .... Stellen, an allen Ecken und Enden erstanden plötzlich die Rufer, die Redner, die!Wecker, wie ein Sturm fuhr es fn die träge Masse, cs brach ein Leben, eine Bewegung hervor, wie sie nie zuvor gesehen ward. Die furchtbare Gefahr, die *) Wir entnehmen diesen Aufsatz dem Inhaltsreichen Märzheft der ״Jüdischen Monatsheft« für Turnen und Sport“, das wir an anderer Stelle dieser Nummer, ausführlich würdigen.

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