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Jüdische Rundschau · 1913-03-07 · Heft 10 (7.3.1913) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 10 (7.3.1913)
Date
1913-03-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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T Nr. 10 JUEDI3CI1E RUNDSCHAU Seile 95 Wie bereits mitgctcilt, wurde in einer General- Versammlung der Bewohner des jüdischen Stadtviertels Tel-Awiw beschlossen, in diesem Stadtteil einen Konsum.verein zu begründen. l>ic Notwendigkeit dieser Gründung ergab sich aus dem Umstande, da» einige Kaufleute die Entfernung Tel-Awiws vom Mittelpunkte der Stadt zum Aula» nahmen, 11m höhere Preise für Lebensmittel usw. zu fordern, Seit einiger Zeit hat nun der neue Konsumverein seinen Laden, der unter der Aufsicht eines Komitees und unter Leitung von Frau H 0 0 fielt steht, eröffnet. Die Billigkeit der Preise sowie die peinliche Sauberkeit und gefällige Ausstattung des Ladens befriedigt allgemein. Die Anteilscheine des Konsumvereins lauten auf je HK) Pres. Der Verein zählt vorläufig 35 Mitglieder, nulSerdem hat der Wand (Vorstand) von Tel• Awiw 10 Anteilscheine gezeichnet. * Herr Rabbiner J. L. Fisch 111 a 11 n aus U n g e 11 i (Kuliland) hat hier das palästinensische Bureau des ״Misrachi“ (Organisation der gesetzcstreucn Zionisten) eröffnet. In einer vom M i s r a c h i vornmtaltcten Versammlung erklärte Rabbiner Fisch• mann, da» das neue Bureau neben der Propagandanrheit in Palästina auch den Informationsdienst für jüdische Einwanderer, die sich in Palästina nieder• la-sen wollen, pflegen, ferner auch dem Erziehtmgswesen, insbesondere der T a e 11 k c 111 o n i s c h u I e seine Fürsorge zuwenden wird. Herr Rabbiner Fisch• manu ist hier bereits von früheren Besuchen her als eifriger und begeisterter Palästiiiafreund bekannt. Pas Terrain, welches zwischen den beiden jitdisehen Stadtvierteln T e I - A w i \v lind N ' w c h Z c dek liegt und ea. 40000 Meter umfaßt, wurde diese Woche von einer jüdischen Gesellschaft erworben. Dadurch werden nun beide Stadtteile vereinigt werden können. TURneh &SP0RT Vom Deutschen Kreis der JQdischen Turnerschaft Der V. Jüdische Turntag, der am 25. und 20. Mai vorigen Jahres in Berlin tagte, hat die organisatorische Grundlage der Turncrschaft in tiefgreifender Weise verändert und aiisgcbaut. Das ständige Wachstum des Verbandes ließ eine Dezentralisation wün• sehenswert erscheinen, wie sic in vielen anderen;ihnliclhn Verbänden durchgeführt ist und bei uns doppelt wünschenswert erscheinen mußte, da die weite Dislozierung der!Vereine (und das verschiedenartige Milieu, dem sie ausgesetzt sind, eine gründliche Kenntnis der lokalen Bedürfnisse au einer Zentralstelle zur U11• möglichkcit machte. Die Krciscinteilung, die diesem IJcbclstandc entgegenwirken soll, sieht vorläufig vier Kreise vor: Den deutschen, den wcstösterrreichisehcn, den galizisch-bukowinischen und den Qricntkreis. — Der ״Ausschti» der Jüdischen Turnerschaft“ mit seinem Sitze in Berlin bleibt die zentrale Instanz, der die (1c- Samtvertretung der Turnerschaff und die Herausgabe des Verbandsorganes obliegt. Eine Reihe von Kreisen hat inzwischen seine konstituierenden Kreistage ab¬ Chajim (Konstantinopel), der insbesondere über die mangelhafte Arbeit unter den scfardischcn Juden der Türkei klagt; Dr. M. Ehrenpreis zieht unter dem Titel 15״ Jahre Zionismus“ die Bilanz dieser Zeit und zeigt eine recht interessante Auffassung über das Wesen einer nationalen Volksbewegung, die der Zio- 11׳muus werden muß, während er sieh anderseits gegen die sogenannte ״Gegenwartsarbeit“ wendet. — Sehr wertvoll als Zeitbild ist ein historischer Essay über ,,l ilicnthal und die Aufklärung in Rußland“ von David k'ahanc. — Int belletristischen Teil sind unsere besten Ilichter vertreten; außer zahlreichen Gedichten von Pmski, Kohcn, Schimonovicz, Tulski, Ginsburg u. a, ei wähnen wir das Drama ״Allah karim“ von L. A. Grloff, das das Leben der modernen jüdischen Jugend Palästinas schildert, und die Erzählung ״Auf dem Fülle“ von Klatschko - Die Rundschauen ergänzen jeweils die Hefte, die sowohl den Vergleich mit Retuen anderer Kulturvölker nicht zu scheuen halten. Der O r i e n t V e r I a g, Berlin-Wilmersdorf, hat eine Postkartcn-Serie herausgebracht, deren Sujets dem Leben der ycmcnitischcn Juden entnommen sind. Die Bilder sind gut ausgewählt und Druck und Material überraschend schön. Die Rückseite jeder Karte enthält einen Aufruf des ״Hilfskomitees für die yeincnitischcn Juden“, dessen Zwecken auch der Ertrag des Verkaufs zugute kommt. Es ist sicher anzunehmen, daß die 16 Karten, die in einer prnktischen Tasche zu dem geringen Preis von 1 (M. vorkauft werden, schnellen Absatz finden und so der Sache der Yemenitcnsicdlung gute Dienste leisten werden. Der ״Jüdische Nationalfonds״, Zentrale für Deutschland, hat den Vertrieb der Karten gleichfalls übernommen. gehalten, seine Statuten beraten und die Richtlinien der weiteren propagandistischen und turnerischen Arbeit festgelegt. Nun hat auch (irr ״Deut-ehe Kreis“ seinen I. Turntng für die beiden Oslcrtage nach Berlin berufen und wird die Erfahrungen, die er in der Arbeit von zehn Monaten gesammelt 11.11, Keinen Beratungen zugrunde legen können. - Trotz der kurzen Zeit, die seit dem V. Turntng verstrichen ist, kmin schon jetzt gesagt werden, daß sieh die Kreiseintcihmg ganz vorzüglich b c ־ währt hat. Das zeigt vor ulk'111 die Entwicklung, die iler ״Deutsche Kreis“ in den letzten Monaten genominell hat. Durch enge Fühlungnahme mit der zionistischen LamlsmtiuuschaH wurde es ermöglicht, in einer ganzen Reihe von Orten neue Turnvereine zu gründen, andere, die ihren Betrieb hatten einstcllcu müssen, neu zu beleben und Vereine, die dem Verbände bisher noch nicht angchörten, zum Beitritt zu veranlassen. Der, Erfolg dieser Bemühungen ist u. a. dem Umstande zu danken, daß der Kreisvorstand — in Anlehnung an die Beschlüsse des letzten Turntages — sich die Förderung sportlichen Strcbens in seinen Vereinen besonders angelegen sein ließ. So trat der ״Bund Jüdischer Corporation eit“ dem Kreis mit seinen sämtlichen Turn- und Sportabteilungen bei, der Ruderkltib “Ivria“ hat sein Verhältnis ziun ״Jüdischen Jngeiulbund“ in Berlin gelöst und»ist unserem Kreise heigetreten. Die Korporationen im K. Z. V,, deren Mitglieder an den Turnabciidcii der verschiedenen lokalen Vereine teilndunen, haben ihrem Zusammenhange mit der Turncrschaft dadurch besonderen Ausdruck gegeben, daß sic ihr als Förderer beigetreten sind. Die Zahl der Berliner Verbandsvereine hat durch den Anschluß des ״Jüdischen Frauenbundes für Turnen und Sport“ eine weitere Vermehrung gefunden. Beigetreten sind ferner die Vereine in Essen, München und andere. Als besonders wertvoll hat es sich erwiesen, daß das lokal beschränkte Arbeitsgebiet häufige Besuche von Vorstandsmitgliedern des Kreises in den Vereinen ermöglichte. Dadurch gewann das Verhältnis der einzelnen Vereine zu der neuen Institution an Festigkeit. In der Blcibtreustrnße 25 wurde gemeinsam mit iK'111 Bar Kocliba und dem Ausschuß der Turncrschaft ein Bureau geschaffen, für das Frl. Anna Zucker als Sekretärin gewonnen wurde. In turnerischer Hinsicht wurde in erster Linie dahin gewirkt, daß - entsprechend der parallelen Ent- Wicklung in den deutschen Turnvereinen ~ der Retrieb nach der volkstümlichen und sportlichen Seite ausgebaut wurde. Der bevorstehende Kreistag ist dazu berufen, auch in dieser Richtung weitere Anregtingen zu geben. Ucbcr seine vielfältigen Aufgaben soll, hier in der nächsten Woche gesprochen werden. Für heute sei nur noch einmal auf die zahlreichen öffentlichen Veranstaltungen der Tagung (Eröffnung«• Sitzung, Schauturnen, Ball usw׳.) hingewiesen, bei der die Zionisten Berlins gewiß gerne ihrem besonderen Interesse an der Arbeit unserer Jugendbewegung Ausdruck geben werden. i! MisceLLen :: Franz Delitzsch Franz Delitzsch ist am 23. Februar 1813 in Leipzig geboren; seine Anhänger begingen also in der Vorwoche seinen hundertsten Geburtstag. Er stammte nicht, wie vielfach als ein ״Märchen“ erzählt wird, von jüdischen Eltern ab, aber wohl hatte er einen ״jüdischen“ Paten, den Antiquar Hirsch, den er als Knabe Onkel nannte und noch als Greis als seinen Wohltäter bezeichnetc. Da die Eltern in ärmlichen Verhältnissen lebten, würde es ohne die Unterstützung dieses Mannes dem jungen IMitzsch gar nicht tnöglieh gewesen sein, die höheren Schulen zu besuchen. Er glaubte später in der Jtidemnlssion eine segensreiche Lebensaufgabe gefunden zu haben und war ihr mit ehrlichem Eifer und Begeisterung ergeben. So war cs auch mir eine Konsequenz seiner ״Liebe zu Israel“, wenn er sich auch mit Wärme und Tcmperament für das Judentum cinsetzte, wo es an gegriffen und verdächtigt wurde, In Leipzig rief er das alte Instiiutum judaicum wieder ins Leben, das nach seinem Tode mit seinem Name n verbunden ist und nun Institutum Judaicum DeliUschianum genannt wird, und später das ״Seminar für Arbeiter unter Israel“. Ferner hat er in fast vierzigjähriger Arbeit eine hebräische Uebcrsetzimg des neuer! Testament» bergestellt, die noch heute von seiten der Mission ver* wandt wird. Auch der, welcher sein Wirken und das seiner Nachfolger für verderblich hält, wird dem Gedächtnis dieses Mannes die Achtung nicht ver• wehren. Der Turn wart des ״Deutschen Kreises der Jüdisclien Turncrschaft“ Fritz Abraham weilte am Ende voriger Woche in H a in bürg und hatte Gelegenheit, mehrere Abteilungen des dortigen ״Bar K o c 11 b a“ bei ihrer regen turnerischen und sportlichen Tätigkeit zu beobachten. Er besuchte die Männer- und f rauenabteilung, die Ruderriege und war Zeuge eines Wettspiels, das die Fußhallabteilung am Sonntag naclmiiltag niistrug. Abends fanden die Wahlen zum Kreisturntng statt und Herr Abraham hielt daran anschließend ein Referat über den ״Sport in jüdischen Turnvereinen“. Der Hamburger ״Bar Kochba“, der sein Entstehen bekanntlich dem Schauturnen gelcgcntlieh des VIII. Zionistenkongresses verdankt, hat sich in den drei Jahren seines Bestehens zu einem der stärksten und leistungsfähigsten Vereine unseres Verbandes entwickelt. Ein jüdischer Sportplatz 111 einem Werke ״Die Hygiene der Juden" handclt ein Abschnitt von der jüdischen Turnbewegung, welche es auf die physische Kräftigung der jüdischen Gemeinschaft ahsicht. Es kann keine Frage sein, daß die Erziehung einer gesunden jüdischen Jugend von enormer Bedeutung ist. Gerade eine körperliche Minderwertigkeit der Juden würde die jüdische Gemeinschnft aufs schwerste schädigen. Zirkcr hat deshalb am Schlüsse seines Beitrages die Bestrebungen also zusammengefaßt: ״Die jüdische Turnsache ist eines der geeignetsten modernsten und durchführbarsten Mittel, um möglichst viele Juden, insbesondere die jungen wieder zu aufrechten, ihrer selbst sicheren, schönen und kraftvollen Menschen, die kommende Generation zu einer blühenden und gesunden, vorvvärts und aufwärts schreitenden zu . machen.“ Die Bestrebungen, der jüdischen Jugend ein Plätzchen zu sichern, wo sic abseits von der Großstadt Luft und Licht findet, und sich zur Arbeit ums tägliche Brot wieder rüstet, haben eine interimistische Unterkunft in Schulzendorf erfahren, wo im Jahre 1912 10000 Besucher während des Jahres dem Spielen und Turnen frönten. Vor allem Aufsehen erregten bekanntlieh die 50 Sportsleute, welche bei dem Wcttlauf Potsdam-Berlin Zeugnis ablegtcn, daß die Juden körperlich auf der Höhe der Zeit stehen. Ferner haben die beiden Hockcy-Mannschaftcii, die zwei Fußballabteilungen und eine Fechtricgc Beweise geliefert, daß der Jude kein fauler Stubenhocker mehr ist. Die Idee, der jüdischen Jugend Berlins ein dauerttdes Plätzchen zu sichern, ist sicher ebenso wichtig wie die Fürsorge für ein paar Dutzend Blinde, Taube oder Lahme, wenngleich die Mittel für ersteres viel bescheidener sind. Es besteht nunmehr Aussicht, der jüdischen Jugend dieses ״Heim“ zu sichern und es kann wohl keine Frage sein, daß ein Erfolg dieses Unternehmens nur zu begrüßen ist. Die jüdische Jugend aus den Cafehäusern, wo sic zum Teil ihre freie Zeit mit Kartenspielen bis in die späte Nacht hinein verbringen, ins Freie zu führen, ist eine der schwersten aber dankbarsten Aufgaben einer modernen Volkshygicnc. In diesem Bestreben hat die Jüd i 3 c 11 e Turncrschaft auch ei« erfreuliches Interesse sowohl der allgemeinen Berliner Juden- Josef Popper-Lynkeus Josef Popper wurde am 22. Februar 75 Jahre alt. Die ״Selbstwehr“ widmet ihm folgende Worte: ״Weiß jeder, wer Josef Popper ist? Vor 75 Jahren kam er in Kol in in die Welt; er wurde Ingenieur, Bahnbeamter, und als er unter dem Pseudonym Lynkcus die ״Phantasien eines Realisten" veröffentlichte, ein, wenn auch nicht gerade in der Menge, berühmter ״Schriftsteller“. Aber er ist ein Dichter, ein Schöpfer, den die geniale Kraft der Intuition weiht, ein Techniker, den die Berufsgenossen als genialen Erfinder nennen, ein Soz i a I i 8 t — wenn dieses Wort als Andeutung des Ringens nach einem für alle freien und frohen Sein gilt -־״״ dem das Leben der Menschheit das brennendc Problem ist, zu dessen Lösung er sich al» Konstrukteur und Pfadfinder mit berulcn fühlt. Vor allem und in allem aber ist er ein Mensch mit einem glühenden Herzen, der ,wunderbarste Ethlkcr unserer Tage, ein Feuergeist und Wilfensmcnsch — ein J11 d e. Josef Popper, der immer ganz junge, ist ein echter Enkel der Propheten, von heiliger Unbedingtheit, von unverwüstlichem Optimismus, von unzerstörbarem Glauben an die Gerechtigkeit, die das Leben lebenswert machen soll. Josef Popper, der jetzt 75 Jahre alt ist, gehört zu um jungen Juden, die wir wie an unser eigene» Sein wieder an die Macht de* Geistes glauben, der die Welt nach seinem Bilde schafft. IX*r große Skeptiker und Atheist Lynkcus ist ein tief Religiöser: er glaubt an die Göttlichkeit des Menschen, der ,Persönlichkeit. Wir freuen uns mit stolzen Herzen diese! Herrlichen I“

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