Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1913)
- Date
- 1913-03-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 94 Nr. 10 JUED1SCHE RUNDSCHAU zweitens wegen der von Zionisten ״inaugurierten und geführten“ Diskussion im ״Kunstwart“, die unsere staatsbürgerliche Stellung gefährde. Der Schreiber dieser Zeilen, der die eben zitierte Bemerkung in der ״J. R.“ nicht gelesen hat, nimmt an, daii sie ironisch gemeint war — aber es zeugt immerhin von dem Werte des Jüdischen an solchen Abgeordneten und gibt zugleich ihre Einschätzung von der lieberzeugungsstarke ihrer Partei wieder, wenn Herr Haas cs als eine ״unqunlifizierbaie Herausforderung“ aiisicht, wenn ein jüdisches Blatt von einem jüdischen Abgeordneten oder einer liberalen Partei verlangt, daß sic Angesichts der Verweigerung staatsbürgerlicher Rechte dem Minister oder der Regierung gegenüber die parlamentarisch-politischen Koiiscqiicnzen ziehen. Das aber wirft sich in die Brust und spricht von dem schweren Kampf gegen den Autisemitismus, dem man nicht (wie die Zionisten!) ausweiehc. Wir kennen diese« Kampf mit Papiersäbeln, diese alljährlichen konventionellen Anstandsreden einiger Parteiveteranen, diesen Kampf, der manchmal so paradoxe Formen anninmit, daß er Antisemiten zu Mandaten verhilft. Es scheint, daß das ominöse antizionistische Komitee von Parteipolitikern Sukkurs erhält — man soll sich erinnern, was Herzl einmal über die ״Politiker“ gesagt hat — und wenn die Herren die Ruhe stören wollen, daun wird inan auch in diesen Kampf hincinlcuchten, der einer Don- Quixoterie zum Verzweifeln ähnlich sicht. Was aber die ״Kunstwart“-Artikcl anbclangt (von denen Dr. Haas mit köstlicher Naivität sagt, daß sie von den Zionisten in die allgemeine Presse gebracht worden, aber von den liberalen Blättern ignoriert worden seien), so sefihni hier der Rat gegeben, sie einmal zu lesen. Vielleicht werden sic für ihn eine gute Einführung in die Erkenntnis von Begriffsbestimmungen wie Staatsbürger, Kulturangehöriger, Stammcscigenart und dergleichen sein. R. R. f: AUS ALLER WUT « Deutschland ln der Zweiten Hessischen Kammer wurde auch die Frage des Schiichtverbotes besprochen. Der Zentrumsabgeordnete Dr. Schmidt gab dabei für sich und seine Freunde die Erklärung ab, daß sic einem Schächtvcrbote unter keinen Umständen zustimmen würden, da es das religiöse Empfinden des Judentums verletze. Das Märzlieft 41er Zeitschrift ״I m D e u t s c 11 c n Reich“ bringt an erster Stelle* * eine Entgegnung unseres Freundes Dr. Moritz Gold st ein auf die Kritik, die Dr. Julius G o I d st e i n ־ Darmstadt an gleicher Stelle an seinem Kunstwartaufsatz geübt bat. Die einführenden Bemerkungen, die die Redaktion diesem Aufsatz mit auf den Weg gibt, zeugen keineswegs von der Objektivität, die durch die Aufnahme an sich doch wohl bewiesen werden soll. Die anschließende Duplik des Herrn Professors Dr. Goldstein aus Darmstadt ist eine hochmütige Ahkanzlung, die einem die Lust zur Diskussion mit diesen Leuten verleiden könnte. Noch weniger verständlich ist, wie eine Entgegnung des bekannten Antisemiten Bücher und Zeitschriften Die Weltanschauung des Judentums. Von Rabbiner Dr. Ludwig Pick. Berlin. Boas Nach?. 1'M2. Wenn ein Jude es unternimmt die Welt- Anschauung des Judentums darzustellen, so erwarten wir, daß das Ergebnis einer langen Arbeit mit großer wissenschaftlicher Gebärde vorgeführt wird. Um so dankbarer müßten alle die sein, die ein Interesse an einer Belebung der Wcltanschauungsfrage des Judentums empfinden, wenn ihnen ein dem Umfang nach wirklich lesbares Büchlein von wenigen Bogen geboten wird. Sie müßten dankbar sein, wenn sie wirklich fänden, was sic suchen. Das aber gibt uns Dr. Pick nicht. Es ist zu bedauern, daß kein Vorwort über die Absicht des Verfassers unterrichtet. So aber muß man erst immer fragen: Was will er eigentlieh? Will er die apologetische Literatur des Judentums um ein nach außen doch wirkungsloses Buch bereichern? Wozu dann aber die Systematik der drei Einheiten, des Menschengeschlechts, der Moral und der Religion, die an sich einen deistischen Stand- Punkt vermuten lassen. Will er uns aber wirkliche Systematik — kein totes Schema — geben, an der wir die innere einheitliche Geschlossenheit des Judentums erleben sollen, wozu die ermüdende Breite der Polemik gegen den Darwismus und Materialismus — deren Abfertigung man übrigens als Theologe besser den Naturwissenschaften selber überlassen sollte, die bald mit ihnen fertig sein werden. Wozu dann die ständige Betonung der Vortrcfflichkcit der mosaisehen Moral Vorschriften und Ritualien? Dann handelt es sich doch nicht mehr um die einzelnen Gesetze, sondern um das Problem der gesamten Ethik und Ritualiuordgläiibigcii l’h. Stau ff in einer jüdisehen Zeitschrift Aufnahme finden konnte. Die Motive, aus denen Herr Stauf f seinen Kampf gegen das Juilentum führt, mögen durchaus lautere sein. Aller er versagt uns grundsätzlich die Achtung, ohne die eine Diskussion zur lächerlichen Farce werden muß. Wir glauben nicht, daß es 1111 Sinne des ZentraiVereins erziehlich wirken kann, wenn seine Zeitschrift einem Manne.״ Gastreclit gewährt, der das Judentum für eine Bande von Mördern und Gaunern erklärt. Man hat es A v e 11 a r i 11 s verargt, daß er diesen Mann in einer deutschen Zeitschrift als Diskussionsredner zu Worte kommen ließ, und sonnt sich jet/t in übel angebrachter Objektivität, indem man ihm die eigenen Spalten öffnet. So führt man keinen Kampf und erzwingt sich nicht die Achtung iles Gegners, Will der Zcntralvcreiii wirklich zeigen, daß ihm Einseitigkeit fern liegt, so behandle er Nichtjuden, die sich durch ihre Kampfesnrt ein Recht auf Gehör erwirkt haben, ohne dem liberalen Dogma zur Judenfragc anzuhängen, mil mehr Achtung und Anstand als bisher. Der exzentrische Versuch, den Lesern Herrn Stauf fs Ansichten vorzuführen, kann ihr Urteil mir irreführen und sie vom Kampf gegen Gegner, die vielleicht zu überzeugen wären, ablenken. Herrn Dr. Felix üoldmanns ״Erwiderung“ muß denn auch als ein Versuch am untauglichen Objekt angesehen werden. In einem weiteren Artikel setzt isclt Justizrat Sn i i n g c r-Oppeln mit denen auseinander, die für eine Betätigung der Juden in der konservativen Partei plädieren. England Infolge vielfacher Vorstellungen von jüdischer und liberaler Seite hat das Home Office verfügt, daß die bisherige Gebühr für die Naturalisation fremder Staatsangehöriger von 5;Pfund auf 3 Pfund ermäßigt werden soll. Audi sind bezüglich des Bildungsnachweises erhebliche Erleichterungen geschaffen worden. Die Verordnung hat in jüdischen Kreisen lebhafte Befriedigung liervorgerufen. Russland Der mit der Abfassung der Anklageschrift gegen Beilis betraute Staatsanwalt am Mohilewcr Krcisgerieht, Loschkareff, hat die Anklageschrift bereits fcrtiggestellt und dem Justizminister überinittelt. Die Anklage lautet ausdrücklich auf Uitualmord 11ml sucht auf Grund ״historischer“ Beispiele nachzuweisen, daß einzelne Juden Mordtaten aus rituellen Gründen verübt hätten, eine solche ״Institution“ im Judentum also bestehen müsse, lieber die Verdachtsmomente gegen Beilis selbst ist in der Anklageschrift so wenig enthalten, daß iin Ministerium Zweifel entstanden sind, ob cs möglich sein wird, den Anklageakt in dieser Form zu bc- «tätigen. Am 26. Februar wurden auf den Straßen Petersburgs Ansichtskarten mit der Darstellung eines Rituahnordes verteilt, deren Rückseite die Aufforderung zu einer allgemeinen Judenverfolgung anläßlich des Romanow-Jubiläums enthielt. Die Polizei fand auch mehrere Flugblätter in verschiedenen Stadtvierteln angeschlagen, die einen ähnlichen Inhalt hatten. Dem Vernehmen nach sind auch in arideren Städten Rußlands derartige Flugblätter in großen Massen verbreitet worden. auf jüdischer Grundlage, und für Pick und seine Einlicitsprinzipc gilt es doch dann noch viel weniger eine jüdische Ethik als eine Ethik überhaupt. Einen dialektischen Vorteil erreicht der Verfasser ja durch die von ihm befolgte Methode; es ist nichts in dem Buch für dessen Gesamtheit so wesentlich, daß seine Beseitigung den Bestand des Ganzen in Frage stellen wurde. Das Buch sollte denen in die Hand gegeben, die nichts kennen von den Dingen, um die es sich hierbei handelt, dann muß cs aber, da cs zum Lehrbuch wird, straffer disponiert und übersichtlicher angeordnet werden. Eine wahrhafte Weltanschauung des Judentums gibt das Buch nicht, weil das 'Gerüst, das das Ganze zu tragen bestimmt ist, im Meer der Einzelheiten versinkt. Die leitenden Balken des Gerüstes bedürfen der Verstärkung. Das ist eine Zukunftsarbeit, — und für diese, das muß anerkannt werden, ist der Boden bereitet. Natiirlieh wird ein Kenner philosophischen Denkens leitende Gedanken in dem ganzen hcrausfimlcn, und soviel sich besonders aus den Schlußsätzen erkennen läßt, steht Pick auf den! Boden der reinlichen Scheidung in den Grundfaktoren einer Weltanschauung, jede der Kräfte, die bestimmend in das individuelle Leben eiiigreifcn, Moral und Religion soll ihre eigene inetaphysische Wurzel in einer Art Intuition finden; ein Standpunkt, wie er Von vielen Philosophen der Gegenwart vertreten wird. Dies ist aber ein Wissen, das man über und nicht durch das Buch erlangt. Verwaschen wie die Methodik ist mich die jüdischc Stellungnahme des Buches, Wer die cinführenden Worte über die drei Einheitsprinzipien liest, erwartet eine liberale Theorie präsentiert ai bekommen. Es wird aber anders. Man kann vielleicht glauben, daß Pick aus liberalen Grundsätzen heraus die Auf- Italien Der ״Corriere d e 11 a Sera“ veröffentlicht einen Artikel des ehemaligen Ministerpräsidenten Luigi l-uzntti, in dem er auf die ständige Verletzung des Berliner Vertrages durch Rumänien hinweist. ״In diesem Augenblick, in welchem man die Balkankarte umarheiteu muß,“ sagt L11/.1U1, ״soll eine neue Urigereehtigkeit die Israeliten treffen. Ein Teil der bulgariseheu Bevölkerung, darunter auch Israeliten, wird unter die 1 lcrrschaft Rumäniens kommen. Unter diesen neuen Untertanen werden die Israeliten, die als Bulgaren bis jetzt alle bürgerlichen und politischen Rechte genossen, nun, wo sie Rumänen werden, in einen Zustand schimpflicher Knechtschaft füllen, und, wie die rumänischen Israeliten, die letzten noch in Europa existierenden Sklaven bilden. Eine neue U11gereehtigkeit wird so zu der alten hinzukommen. Zu einer noch nicht bewilligten Freiheit kommt die Rückkehr zur Sklaverei.“ Luzatti appelliert in diesem seinen Plädoyer an die großen Prinzipien, die alle zivilisierten Völker dazu brachten, alle *ihre Untertauen dem Gesetze gegenüber gleich/ustdlcn. Zum Schluß fordert Luzatti im Namen der Grundsätze des Völkerrechts die Großmächte auf, diese Probleme zu entscheiden, in den! Augenblick, in welchem sie die Karte Bulgariens und Rumäniens umarbeiten müssen. PALAe5TlNA*RUfl D5CH AV Nachdem der landwirtschaftliche Beirat des zionistischcn Palästina-Amtes, Herr Dr. Zagorodsky, die Schaffung einer Milchwirtschaft in der Kolonie Ekron angeregt hatte, beschloß die Anglo- Palestine Company, ihrerseits einen Versuch nach dieser Richtung; zu fördern. Demgemäß hat sie mit einer Gruppe von Kolonisten in Ekron folgende Vereinbaning getroffen; 1. Die A. P. C. gewährt 21 Kolonisten einen Vorschuß von 6000 Frcs,, wofür die Kolonisten solidarisch haftbar sind. 2. Für dieses Geld sollen unter sachverständiger Kontrolle Milchkühe angcscliafft werden. 3. Das Vieh soll unter regelmäßiger tierärztlieber Kontrolle stehen und versichert werden. 4. Wenn sich die Sache bis EUul (September) d. J. als lohnend erweist, wird die A. P. C. einen langfristigen Ab/ahlungstcrmin mit den Kolonisten vereinbaren und cvcntl. auch den Kredit erhöhen, damit der Betrieb ausgedehnt werden kann. Sollte aber bis' dahin die Sache als mißlungen betrachtet werden müssen, so werde» die Kolonisten die Schuld aus dem Ertrag der nächsten Ernte zu amortisieren haben. Da die Milchwirtschaft auf dem Gute des Jüdisehen Nationalfonds in Ben-Schemen, das auf diesem Gebiete wohl als bahnbrechend für unsere Kolonisation anzuschen ist, sich von Anfang an gut bewährt, so steht ein gleicher Erfolg auch für Ekron zu erwarten. Dies würde aber nicht bloß direkt durch den Absatz der Milch die materielle Lage der Kolonie zu verbessern, sondern auch allmählich die Düngernot, an der Ekron besonders leidet, beseitigen helfen. rcchtcrhaltung aller Ritualien begründen will, ein gewill sehr interessantes Unternehmen. Die innere Verkuüpfting wird aber ersetzt durch ein bloßes Nebeneinander. Wir können nach dieser Weltanschauung vielleicht denken, denn im Gehirn Vertragen sich ja die heterogensten Dinge, man kann nur nicht danach leben. Löwen herz. Haschiloach. Monatsschrift für Literatur, Wissen- Schaft und Leben. Iiernusgehen Dr. Joseph Klausner. Verlag ״Achiasaf“ in Odessa. Jährlich'6 Rubel (16 Kronen). Der eben abgeschlossene 37. Halbjahresband unscrer vornehmsten hebräischen Revue verdient wieder höchste Aufmerksamkeit. Es ist für jedermann, der sich für das Geistesleben der Juden der Gegenwart interessiert, schier unerläßlich, diese Zeitschrift zu lesen, die ein sehr anschauliches Bild der jüdischen Bewegting gibt und wohl als repräsentativ gelten darf. Aus dein Inhalt der letzten Hefte seien nur folgende theoretische Aufsätze genannt: ״Die Produktivierung des Judentums“ von Z. Diescndruck; ״Der Geist des Judentums und das Judentum des Geistes“ von Klatzkiii; Gesetz und Leben" von Dr. Mel,mied. Der Redakteur des ״Hnseliiloacli“, Di־. Klausner, veröffentlicht eingehende Berichte über seine Palästinareise, die allerdings mehr Stimmungsbilder sind, als sachliehe Resultate mitteikn. Mit den Problemen der Palästinakolonisation befassen sich dagegen andere höchst beachtenswerte Artikel: A. L. Rosenberg schreibt über ״Landbevölkerung“ und untersucht eingehend die verschiedenen Kolonisationsformen, Josua Barsilai veröffentlicht eine instruktive Artikelserie über die Lage des Jischub. Eine Kritik der politischen Tätigkeit der zionistischen Leitung gibt Jecheskel ben