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Jüdische Rundschau · 1913-02-28 · Heft 9 (28.2.1913) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 9 (28.2.1913)
Date
1913-02-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 9 Seite 83 gcnsatz dazu betrachten cs unsere andersgläubigen Handwerksmeister als eine Ehrenpflicht, ihren Sohn dem Berufe, in dein sie in den meisten Füllen einen gewissen Wohlstand erworben haben, zuzuführen. Bei dem Aufschwung den unsere gesamte Industrie seit den 70er Jahren genommen hat, sind eine Unmenge neuer Berufe geschliffen worden, zu deren Erlernung eine gewisse Intelligenz erforderlich ist, und die hohe Anforderungen an den Geist des zu Lernenden stellen. Schwächer begabte Knaben werden es im Handwerk nie zu einer nchtunggcbitcndcn Position bringen. Solche Knaben finden in Fabriken sdineliolmende uml dauernde Beschäftigung als eingelernte Arbeiter. Eine der wichtigsten A 11 f g a b c 11 d e r 1 luidwerkervereine ist die Bekämpfung des Vorurteils gl gen den jüdische״ Handwerkerstand in unseren eigenen Heilten. Wir können es leider nicht vorhehlen, daß der Name eines jüdischen Handwerkers bei einem großen Teil unserer Glaubensgenossen ״ einen bitteren Beigeschmack hat, cs riecht, wenn ich mich so ausdrücken darf, nach Meinung dieser Glau• beiisgenossen zu sehr nach armen Leuten in geistiger und materieller Beziehung. Auch hier soll die Tätigkeit unserer Organisationen einsctz.cn, hier aufklärend und belehrend wirken, um so dem jüdischen Handwerkerstand die gleichberechtigte, gesellschaftliche Anerkeuming zu erzwingen. Wir wollen nicht in den Verdacht kommen, irgendwelche Interesscnpolitik zu treiben, vielmehr sollte doch wohl jeder Glaubensgenösse ein gleiches Interesse haben, dem jüdischen* * Handwerk, (las jahrhundertelang künstlich niedergehalten wurde, und sich seine heutige Stellung unter seinen Mitbürgern und Glaubensgenossen mühsam genng erkämpft hat, den Rücken zu steifen. Nicht der Wille zur Macht, der bei unserer jetzigen wirtschaftlich noch schwachen Position an sich von vornherein ausgeschlossen ist, sondern das Bestreben, unsere Berufskollegen ideell und wirtschaftlich zu stärken, in ihnen das Selbstvertrauen und Gemeinscliaftskeitsgefühl zu wecken und zu beleben, den technischen, sachlichen und kaufmännischen Fortschritt im Handwerkerstände zu fördern, hat uns veranlaßt, die Zusammenfassung «aller Kräfte anzustreben. Eine geradezu moralische Verpfliehtung, diese Bewegung möglichst zu fördern, haben unsere Gemeindebehörden. Es kann nur im Interesse einer jeden Gemeinde liegen, einen Stand zu stützen, der stets dort zu finden war, wo es galt, das Judentum zu verteidigen, der trotz vieler Drangsale aus seiner Zugehörigkeit zu dem angestammten übtiben kein Hehl machte, uniFdcreii Väter selbst den Märtyrertod nicht fürchteten. Man hat ja in neuerer Zeit modernere Folterwerk• zeuge erfunden, um uns unserem Glauben abwendig zu machen, und da erleben wir täglich das traurige Schauspiel, daß gerade zum größten Teil Leute, die da glauben die Bildung und den Götzen Mammon in Erbpacht genommen zu haben, leichten Herzens ihren Glauben von sich werfen, und so um äußerer Ehren und Vorteile willen eine Fahnenflucht begehen, die geradezu schmachvoll genannt werden muß. Lesen wir uns doch einmal die Liste jener Renegaten in der allmonatlich in Berlin erscheinenden Gemcindczcitung durch, wo finden wir dort den Handwerker- und Mittelstand vertreten? fast gar nicht. Diese beiden Stände sind die festesten Stützen, in denen das Judentum wurzelt. liehe Heimat, nach der der vollkommene Held eilt, voll zukunftsfroher Gefühle. Berlin. I״ J Denkmäler jüdischen Geistes. Hcrausgegebcn von Dr. B. May und J. B._ Levy. Verlag von J, Kauffinann in Frankfurt a. M. 2. Baud: Gabriel Rieß er; eine Auswahl aus seinen Briefen. Dein ersten Band der ״Denkmäler“ haben die Herausgeber in kurzer Zeit den zweiten folgen lassen und wohl in Anbetracht des in dieses Jahr fallenden 50. Todestages Rießers diesem ihren neuen Band gewidmet. Warum die Flerren Herausgeber es für nötig fanden, ein Geleitwort des ersten Vorsitzenden des ״Zcntralvereins dcuscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ vorauszuschicken, entzieht sich unserer Betrachtung; nötig sind eigentlich solche Worte der Einführung bei einer Schrift, die doch nur das Leben eines Mannes nach seinen Schriften und Briefen vorführt, nicht; ganz überflüssig ist dabei, wenn der Herr Vorsitzende des Zcntralvercins die Gelegenheit benützt, an die Leser die Mahnung zu richten, ״sich nicht mehr von Männern wie Sombart blenden zu lassen“. Wie bei dem ersten Band, haben es die Herausgeber auch hier wieder verstanden, die Auswahl aus den Schriften Rießers so zu treffen, daß hier ein' recht gutes Bild von dem Leben und Wirken dieses Vorkämpfers für die Gleichberechtigung der Juden entworfen wird. Wenn wir auch an Ricflers Auftreten und Schritteil nicht alles billigen, so müssen wir doch in ihm den aufrichtigen Juden, der stolz auf sein Juden- J UE v ׳.C׳' V. RUNDSCHAU Unsere G e in c i n d <* b c It ö r d e 11 in den I Großtnul Mittelstädten sind heut nicht nur Kultusgemeinden, solidem sie haben eine Menge sozialer Prohn im׳ und Ataj;r.'n־n zu l< nen, wir eikciiiieii den im Ociiieiiidedicnat std'.rndcn Ehreiibeaintcn gern den guten Willen zu, nur das II .*sie zu wollen, und die (iemcimlemitglieder wissen ihnen auch sicherlich vielen Dank für ihre selbstlose und aufopfernde Tätigkeit, aber in den allerseltensten Füllen finden wir in unseren Gemeinden Männer aus unseren Kreisen, die in den verschiedenen Körperschaften der Gemelndeverwaltuiig ehrenamtlich mitwirken und schaffen dürfen. Es ist in 1 landwerkcrkreiiicn heut zum Teil eine Summe Intelligenz aufgcspeichcrt, die sich ganz gern in dort Dienst der Gemeinde stellen möchte; wir v e r I .11 ר g e 11 also hier Toleranz für alle Berufe und Stünde. Desgleichen ist es Aufgabe der Gemeinden, bei Bau- und sonstigen Arbeiten sowie bei Liefenmgen, die bei größeren Gemeinden einen Hauptplatz im Etat eiiineiimeii, in erster Reihe jüdische Handwerksmeister zu berücksichtigen. Wir gehen natürlich nicht so weit, auf Gedeih und Verderb dem jüdischen Handwerksmeister unbedingt die Arbeit zu gellen, sondern bei gleichen Preisen und gleichen I Leistungen ist derselbe auf jeden Fall einem Andersgläubigen vorzu/iehen. Die Gemeinde verwendet zur Deckung dieser Ausgaben die durch seine Steuci Zahler vereinnahmten Mittel, und deshalb ist es schon aus diesen! Grunde richtig, vorkomrnendcnfalls diesen Stener/nhlerii die Mittel wieder zuzufiibren. Wir werden unausgesetzt daran arbeiten, in der uns zugeführten Jugend das Selbstbewußtsein zu stärken, sie aus/iistatten mit dem geistigen und Wirtschaftliehen Rüstzeug, das uns heute einmal zum harten Lebenskampf notwendig ist. Ich habe mich bemüht, Ihnen in kurzen Umrissen die Bestrebungen eines jüdischen Handwerk er Vereins vor Augen zu führen, die Erreichung dieser Ziele bedeutet nichts mehr und nichts weniger als die Entproletarisierung eines grollen Teils unserer Glaubensgemeinschaft; und darum hat nicht nur ein jeder Handwerksmeister, sondern ein jeder Glaubensgenösse sowie alle jüdischen Institutionen die sittliehe!*flicht, diese Aufgaben zu unterstützen. Meine geehrten Kollegen! Große Anforderungen werden an Ihren Idealismus gestellt werden. Lassen Sie sich durch gelegentliche Mißerfolge, die auch Ihnen nicht erspart bleiben werden, in der Verfolgung unserer gemeinschaftlichen idealen Bestrebungen nicht beirren. ״Vor das Ziel haben die Götter die M ti 11 c g e s e t z t“, und so werden auch Ihre Wege zum Ziele nicht gleich mit Erfplgcn gepflastert sein. Wir, die wir »eit 18 Jahren im Kampf um die Erreichung unserer Aufgaben stehen, und schon so manchen schönen Erfolg errungen haben, werden jederzeit gern bereit sein, Ihnciymit Rat und Tat zur Seite zu stehen; und wenn es Ihnen dann einstmals gelungen sein wird, durch Ihre intensive Arbeit zur wesentlichen Verringerung des jüdischen Proletariats heiget ragen zu haben, dann wird auch Ihr Name, wenn einstmals die Geschichte des Handwerks unter den Juden in der neueren Zeit geschrieben werden wird, nicht an letzter Stelle stehen. Lassen Sie mich Ihnen zu Ihrem Werke das Sic nun beginnen und an dessen Gelingen wir Schulter an Schulter mit Ihnen arbeiten werden, den Aut.spruch eines unserer größten Dichterfürsten zurufen: ״Wir stiften keinen neuen tum ist und als Jude sich nichts gefallen läßt, anerkennen. In unserer Zeit, wo Liberale, Orthodoxe und Zionisten gegen die Taufscuchc ankämpfen, mutet es merkwürdig an, wenn wir lesen, wie Rießcr seine Glaubensgenossen auffordert, ״ihren (Hauben wenigstens so lange nicht mit dem herrschenden vertauschen zu wollen, bis die bürgerliche Gleichheit erreicht ist“ (Seite 17 der Schrift). Abgesehen von solchen Irrungen, zu denen wir auch noch Rießers Betrachtungen über die jüdische Nation rechnen, finden wir die Schrift im ganzen recht lesenswert und teilweise sogar recht belehrend — besonders, da man ja auch vom Gegner lernen kann und soll. Jvri. » Jüdischer literarischer Abreißkalender, von Rabbincr Dr. H e p p n c r (Koschmin). Der hübsche Abreißkalender verdient eine gute Verbreitung in jüdischen Häusern. Er enthält neben dem allgemeinen Datum auch das des jüdischen Kalenders und bringt ein reiches, fleißig zusammen* gestelltes, geschichtliches Material durch Angabe der historischen jüdischen Denktage. Auch die wichtigsten zionistischen Daten fehlen nicht. Abbildungen von Charakterköpfen aus unserer Geschichte geben dem Kalender einen eigenen Reiz. Wir erwähnen noch, tlaii auch der kalendarische Teil (Angabe der Festtage, Verzeichnis der Sidrot, der ״Nacht"zeit usw.) sehr reichhaltig ist. Der Kalender Sollte daher in jedem gthjiklisehcn Hanse zu finden »ein, zumal der Preis sehr billig Ist. Bund, ein uralt Bündnis fst's von Väter Zeit das wir erneuern, ob uns der See, ob uns die Berge scheiden und jedes Volk sich für sich selbst regiert, so sind wir eines Stammes doch und Bluts und eine Heimat ist's, aus der wir zogen.“ Und nun an die ArbeitI Möge der Geist der unsere Vater durch die Jahrtausende geleitet hat, der □eist des Ausharrens und der Geduld, sich auch in Ihrer Mitte fortpflanzen, dann werden auch Sie gemeinschaftlich mit uns unser schönes Ziel erreichen, zu וזו Segen des Handwerker- Standes, zur Ehre des Judentums. Die Kolonisation Palästinas (Aus dem Jahresbericht der J. C. A. von 1911.) Von J. Tu r o f f Berlin. Der jüdische Landbesitz in Palästina wird gegen* wärtig auf 42 000 ha geschätzt und besteht aus 39 . Besitzungen, von denen nur 30 als dauernd bewohnte Kolonien gelten dürfen. Von diesen werden 28 Im Umfange von 39000 ha von der I. C. A. kontrolliert, deren Jahresbericht über 22 von ihnen wertvolle Angaben enthalt und so ermöglichen, das jüdischc Publikum über den Stand der Kolonisation Palästinas auf dem Laufenden zu erhalten. Diese 22 Ansicdlungcn verfügen zusammen über 28 000 ha Land und wiesen im Berichtsjahre eine Be• völkerung von 7(115 Seelen gegen 7159 im Vorjahre auf. Zuzüglich der übrigen Kolonien dürfte die (andwirtschaftliche jüdische Bevölkerung des Heiligen Landes etwa 8300 und einschließlich der in jüngster Zeit eingewanderten 1500 Yemcnlten 9800 Seelen zählen. Von den erwähnten 28(1X1 ha waren 10 210 ha mit Getreide bestellt, 1162 mit Reben und 1505 mit Mandeln bepflanzt. Ferner verfügen die 22 Kolonien über 300 ha Oliven- und 631 Orangcnpflanzungen. Es harren demnach seihst in den alten festfundierten Kolonien über 50 ״/o des Bodens noch der fleißigen Bearbeiter. Da neben befinden sich diesseits wie jensciis des Jordans viele Tausende Hektar im jüdischen Besitz, die noch niemals van dein Fuß eines jüdischen Pflügers betreten worden sind. Die landwirtschaftlichen Verhältnisse sind im Berichtsjaliro dem Getreidebau wenig günstig gewesen. Die ersten Regen ließen lange auf sich warten, gingen . dann in unregelmäßigen Mengen nieder und störten so ■den Bauer bei der Bestellung seines Ackers. Trotzdem konnte Getreide im Werte von 1 184 518 Francs gegen 1029 844 Frs. im Vorjahre geerntet werden. Der jüdische Bauer in Palästina (tat bei seiner holten Intelligenz in kurzer Zeit gelernt, durch rationelle Bodenbewirtschaltung sieh von ungünstigen . klimatischen Verhältnissen bis zu «nein gewissen , Grade zu emanzipieren. Noch besser haben iin Be- riclitsjahrc die Pflanzer iihgesclmitten. Die Weinberge erbrachten 400 3)6, die Olivenhaine 24 472, die Mandelpflanzlingen 198 320 und die Apfelsinenplan• tagen 577 544 Frs. Die Orange hat demnach ihre viel ältere Schwester, die Rebe, an Ertrag überholt. Auch die Mandclbäumc, obwohl zum überwiegenden Teil noch nicht ertragsfähig, haben sich in dem obstreichen Jahre 1911 zum ersten Male mit ansehnlichen Erträgen eingestellt und so das ihrige beigefragen, daß die jüdischen Pflanzer eine Einnähme von 1 195 672 Frs. gegen 732!>06 Frs. im Vorjahre erzielt haben. Die 3595 mit Bäumen bepflanzten Hektare hatten höhere Erträgnisse als die 10 210, die mit Getreide bestellt waren. ' , Im ganzen haben die jüdischen Kolonien — nebst einigen Einnahmen aus Gemüsebau und Viehzucht im Betrage von 50000 Frs. — eine Bruttoeinnahme . Eine Enzyklopädie des Judentums in hebräischer Sprache Unter der Redaktion von J. B. Marken wird in Petersburg Anfang 1914 der erste Band einer fünfzehnhändigen Enzyklopädie des ujdcntums in hebräischer Sprache erscheine». Diese hebräische Enzyklopiidie, die bestimmt ist, eine empfindliche Lücke in der hebräischen wissenschaftlichen Literatur au*• zufüllen, hat sich die Mitarbeit der hervorragendsten jüdischen Gelehrten Europas gesichert. Von nichtjüdischen Orientalisten, die ihre Mitwirkung an dem bedeutsamen Werke zugesagt haben, seien Prof. Nöldcke (Straßburg), Prof. Cornill (Halle) und Prof. Strack (Berlin) genannt. Der Abonnement!• preis für den einzelnen Band der Enzyklopädie (30 Druckbogen) beträgt in Deutschland 15 M. Eingegangene Bücher Joel Gern, der Werdegang eines jüdischen Midchcns. Von K o pl, Verlag J, Kaufmann, Frankfurt am Main*). S. Klsselhoff: Das jüdische Volkslied. In der Sammlung ״Die jüdische Gemeinschaft“. Jüdischer Verlag, Berlin, 1913*). Luise Algcnstaedt, Ums Land der Väter. Verlag Edwin Runge, Bcrlin-Lichtcrfclde, 1912*). Rudolf Leszynsky, Die Sadduzäer. Verlag Mayer u. Müller, Berlin, 1912״), ’) Das Buch ist zur Besprechung noch nicht vergeben. «

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