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Jüdische Rundschau · 1913-02-28 · Heft 9 (28.2.1913) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 9 (28.2.1913)
Date
1913-02-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Erst als es sich innerhalb des Judentums zu rep eil begann, um diese Unwahrheiten nh/uwchreii und zu widerlegen, erst dann wurde diesen antisemitischen Anmaßungen ein fester Damm entgegengesetzt. Eins der immer wiederkclircmlcn Märchen gipfelt in der Behauptung, dali der Jude nur zum Schacher gehören sei, und jede Beschäftigung, welche die Anspannung der Körperkr.äfle erfordere, also auch die des Handwerks, meide. Es ist nun nichts leichter, als diese direkt wider besseres Wissen aufgestellte Lüge zu widerlegen, Denn schon im Altertum finden wir, daß sogar fast alle jüdischen Gelehrten ein Handwerk betrieben, ja seihst vor der schwersten körperlichen Arbeit nicht zurücksdirecktcn. Erst als im Mittelalter die Juden in Ghettos zusammengepfercht wurden und ihnen die Ausübung vieler Berufe darunter auch der des Handwerks, untersagt wurde, erst dann blich ihnen nur die einzige Möglichkeit übrig, ihr gerade nicht beneidenswertes Leben hauptsachlich durch den Handel zu erhalten; aber dann, als die Schranken des Ghettos fielen, hatten sie Gelogenheit sich zu entfalten, sich auf allen Gebieten und so auch auf dem Gebiet des Handwerks zu betätigen. Wir haben im vergangenen Jahre Gelegenheit gehabt, die Jahrhundertfeier der Judenenianzipation festlich zu begehen, und unmittelbar in diese Zeit fallt auch die Gründung des ersten Vereins zur Verbreitung des Handwerks und Ackerbaues unter den Juden. Die Betätigung zur Menschen- und Nächstenliebe ist zwar ein wichtiger Bestandteil unserer tausendjährigen Geschichte, deren Wegfall unser Judentum in seinen tiefsten Grundfesten erschüttern würde; aber klingt nicht ein unerschütterlicher Idealismus daraus, daß gerade die Elite unserer Glaubensgenossen damals, als ihnen selbst kaum die Morgenröte der Freiheit winkte, als sic befreit wurden von dem jahrhundertelangen Druck der auf ihnen lastete, als die Entfesselung des Spiels der freien Kräfte, ihnen freilich erst nach langen Kämpfen in den Schoß fiel, in erster Reihe sich auch derer annahmen, die noch einen weit schwereren Kampf als sie selbst zu führen hatten, den Kampf um das tagliehe Brot. Diesem ersten Verein, der in Berlin entstand, folgten in fast allen größeren Städten des Reiches Vereine mit gleichen oder ähnlichen Tende uzen. Unbestreitbar haben sieh diese Institutionen, die es sich zur Hauptaufgabe gemacht haben durch Stipendien, Unterstützungen, durch 1!ergäbe von Bekleidungsstüekeit usw, jüdische Lehrlinge dem llarniwerk zuzuführen, ein großes Verdienst erworben. Ver¬ Nr. <) eine mit solchen .Tendenzen gibt es in Deutschland annahreiid df), und sie sollen auch unseres Dank{! iur ihn• selbstlose und aufopfernde Tätigkeit gCWjj sein. Aber über die I.eltrzeit hinaus ist von alles diesen Vereinen für die nun zu Gehilfen und an• gellenden Meistern herangcreüten jungen Leute fast nichts getan worden. Hier bietet sich für spe/ifj!(^ selbständige I laiidwcrkervereiiic ein arheits- und seget sreichcs Feld. Die Vorbedingungen zur Erringiiiig der Selbständigkeit s.nd heute, wie wir T alle wissen, viel schwerere wie in früheren Jahren. Durch Zentralisierung von Kapitalien und Ausnutzung der maschinellen Kräfte ist der Existenzkampf gerade des kleinen Handwerksmeisters sehr erschwert, wenn nicht geradezu gefährdet. Bei dem grollten Teil der jungen Leute die sich dem Handwerk zuwenden gerade nicht Gott Mammon Pate gestanden. Solchen Glaubensgenossen zur Selbständigkeit und zur Erhaltung derselben zu verhelfen, ist eine der wichtigsten Aufgaben und Pflichten der Handwerker• vereine. Die Interessen der einzelnen Handw e r k s z w e i g e w erden gewiß in ihren Innungen, Berufsvereinen und sonstigen Gemein schäften, wenn auch nicht immer mit Erfolg, gewahrt. Wir lehnen cs auch rundweg ab, mit der Begründung jüdischer Handwerkervereine irgendwelche Sonderbestrebungen zu betreiben. Wir werden stets bereit sein, mit unseren andersgläubigen Berufskollegen Schulter an Schulter wirtschaftliche Kampfe aus/ti(echten; aber haben wir jüdischen Handwerksmeister nicht weit idealere Aufgaben zu erfüllen, die weitab vom Wege unserer christlichen Kollegen liegen? haben diese Kollegen jemals gegen den Dünkel und gegen die Mißachtung aus den Reihen ihrer eigenen Glauben*■ genossen so zu kämpfen gehabt wie wir? Wurden d i c Leistungen unserer jüdischen Kollegen immer mit dem gleichen Maße gemessen und bewertet wie die unserer andersgläubigen Kollegen? Unter den schwachen Leistungen eines weniger Befähigten mußte der ganze Stand leiden, wurden die Fähigkeiten des jüdischen Handwerksmeister* in Verruf gebracht. Die , Vcrallgemeinerungsthcorie wurde in Permanenz erklärt. War das gerecht, solche Kränkungen täglich gerade aus den Kreisen zu erfahren, die doch wissen mußten, welche Stufenleiter das Handwerk unter den Juden durch machen mußte,, um ihnen endlich Material zuzuführen, das in Ehren neben jedem Andersgläubigen bestehen kann? Ge* wiß, solange der Mensch keine Maschine ist, solange die Intelligenz und Handfertigkeit individuell ist, wird es unter unseren sowie unter «nsemr andersgläubigen Kollegen Handwerksmeister geben, die je nach dem Grad ihrer angeborenen Intelligenz mehr oder weniger befähigt sind, nur soll man um einen weniger begabten Meister nicht an die Rockschöße hängen, und so dem gesamten jüdischen Handwerkerstand das Todesurteil sprechen. II n d weiter, können sich denn unsere Glaubensgenossen freisprechen, an diesen Verhältnissen so ganz schuldlos zu sein? Nicht nur daß die gebildeten und besser situierten Kreise ihren Nachwuchs dem Handwerk entziehen, nein, selbst in einfach bürgerlichen Kreisen werden die Söhne, wenn sie nur einen halbweg* guten französischen Aufsatz, fertig gebracht li.ihcn, durch Stipendien reichlich unterstützt, dem gebildeten Proletariat in die Arme getrieben. Ganz im Oe• Seile 82 heben, so bedarf es gewollter, organisatorischer .Maßnahmen, um die Werke deutschjüdischer Diehiet zu jüdischen zu stempeln: sie müssen, so will es Goldstein, in einer Zeitschrift gesammelt, um eure Fahne, eins: literarische Schule, als ״Sammelstelle unseres neuen Willens“ gruppiert werden. Die Anomalie dieser Ku״ st entspringt der anormalen Situation, in der sich die jüdische Nation befindet. Goldstein zersprengt und erweitert den Begriff der Nationallitcrntur (huchaus nicht künstlich. Er gewinnt den Begriff der jüdischen Nätionalliteratur auf dem einzig natürlichen Wege: aus dem Begriff der jüdischen Nation, -- erfreulicherweise nicht durch mechanische Dcduktion aus einem feststehenden kimstkritisehen Terminus. Dabei ist er sich ebenso klar darüber, wie jeder andere, daß, wandelbar, wie das Schicksal des jüdischen Volkes, auch das Geschick seiner Literatur sein muH, und daß eine Zeit kommen kann, in der der deutsche Kunstkreis der jüdischen Literatur als eine - vielleicht bittere — historische Reminiszeuz empfunden wird. Die Mehrsprachigkeit der jüdischen Dichtkunst ist also keine falsche Voraussetzung der Gohlstciiiselien Theorie. Daß der Jargon in ahsehbarer /eil neben dem Hebräischen noch eine Sprache der jüdischen Kunst sein wird, wird auch der radikalste Hebraist nicht bestreiten. 1111 übrigen hat aber Herr Todtmann recht, wenn er sagt, daß die Schrift immer noch sehr lesenswert ist, selbst wenn sich Goldstern in diesem Punkte geirrt haben sollte. F. R. Warum ist der Zusammenschluss jüdischer Handwerksmeister eine Notwendigkeit? Referat gehalten auf dem Verbandstag des Verbandes jüdischer Handwerker in Kassel.*) Wer mit unbefangenen prüfenden Blicken die Ercignissc der letzten Jahre aut' sozialem Gebiet verfolgt hat, wer die Streiks, Ausständc und sonstige von Arbeitern, abgesehen von ihrer politischen Tätigkeit als Partei, in Szene gesetzten Bewegungen bcobachtet hat, der wird gefunden haben, daß sie alle das charakteristische Gepräge einer wohlorg.uiisieiten und und festgcgliederten Gesamtheit tragen. Ich will Sie hier nicht damit unterhalten, iinvieweit diese Bewegungen berechtigt oder die angcwandten Mittel dem Zweck entsprechen, ich mochte nur das eine konstatieren, daß man durch den Zwang der Notwendigkeit eine uralte Wahrheit entdeckt, näinlieh die, daß der einzelne nur in der Gesamtheit mächtig, und diese Wahrheit hat sich bis in die letzten Tage auf das glänzendste bewährt. Wenn man sich min fragt, ist es unbedingt notwendig jüdische Haiidwerkerorganisalionen ins Leben zu rufen, und sind dieselben wohl imstande, ihre Existenzberechtigung nachzuweiseii, so müssen diese beiden Fragen unbedingt bejaht werden. Man könnte Vereinigungen, gleichviel welchen Zwecken und Zielen sie dienen mögen, mit einem Baume vergleichen, dessen Blühen und Gedeihen von dem Wert d es Bodens, das heißt also von dem Nachweis *) Der Verband jüdischer Handwerker hielt kürzlieh unter lebhafter Teilnahme der Gemeinde Kassels und ihrer Repräsentanten seinen Verbandst«!/ ah. Das gründliche Referat des Vorsitzenden verdient gewiß ernste Beachtung. Bücher und Zeitschriften Luftmenschen. Roman aus der Gegenwart von S. Schachnowitz. Frankfurt a. M1012 ״, Verlag des ״Israelit“. Was ist das für ein prächtiges Buch, dieses Lied von den Luftmenschen, die voll sind von nienschheitsbcglückcnden Idealen, von treuester Volksliebe, die nichts Bleibendes leisten können, weil der Boden ihnen fehlt, die Heimat! Jene Heimat, die auch eine geistige Scholle gewährleistet, an der man sicli erarbeiten kann mit Ernst und Eifer ein eigen Haus ־־־ ~-Den Westjuden fehlt zum großen Teile die Fülligkeit, sich in die Seele ihrer Brüder im Osten einzuleben. Was zu ihnen kommt, ist teils verkannt, teils unverstanden, teils abgestoßen. Und der Westjude, der tief in die Tasche greift, um seinen leidenden Bruder zu helfen, er würde viel mehr und viel größere Z’dokoh üben, wollte er nicht bloß Wohltäter sein, sondern sich einzuleben versuchen in die Psyche seiner Brüder. Er würde die Kämpfe begreifen und würdigenj und der eifervolle Verdammer würde zu einem erkennenden Bruder werden, der Verächter zu einem schätzenden, recht bewertenden. — Der verdammte ewige Zank, der unsere besten Kräfte in Anspruch nimmt, die wahrlich als Phalanx gegen Außen wertvollere Dienste leisten könnten, denn als Minner des Haders im Innern, dieser ganz fruchtlose, ewige Zank, wirkt entmutigend. Statt daß sie nach einem Modus suchen, in dem sich leben ließe, sprechen sie einander das Judentum ab, erklären sie nacheinander, die Gegner seien Narren und Unwissende. Ich spreche nicht von den Männern, die jüngst erst vom ganzen Judentum eine wachsbleiche, weihrauchduftcndc Milde übrig lassen wollten; von jenen spreche ich, die alle vom ehr* liehen Bestreben geleitet sind, etwas zu leisten, dem Volke aufzuhelfen, und davon spreche ich, daß sie in selbstmörderischem Bniderslrcit ,sich zerfleischen statt geeint das große Werk zu tun: die Judenfrage zu lösen. Und gelöst muß sie werden. Bald muß cs geschelten. Gerade die letzten Wochen zeigen, daß unsere äußeren Feinde rastlos am Werke sind, daß sic keinen Hader kennen, wenn es gegen die Juden geht, daß sie da alle e i n Volk sind von ״ausgesaugten“ armen Biestern, denen ״der jüdische Vampyr am Halse hängt1‘. Und wenn sich der trostlose Blick nach innen wendet und sich benötigen möchte und wieder Hoffnung schöpfen, da sieht er nichts als Streit und immer wieder Streit. i Woher sollen unsere Jungcns Lust nehmen, Juden zu werden, wenn sie cs mit erleben, daß Jude-scin streiten heißt, Streiten ohne Ziel, Hadern ohne Hoffnung auf glückbringenden Frieden? Das hat steh auch der Verfasser gedacht und ist über den Streit hinweggegangen und hat gezeigt, was uns fehlt: Die richtige Liebe zueinander! Das echte, gegenseitige Verstehen! ..." Wie der reine, edle Maslow sich durchringt durch alle Wirrnisse und Kämpfe, mit dem eisernen Willen nach Reinheit und Wahrheit, wie die anderer, zerschellen müssen, die sich Idealen hingeben, fremd und fern dem jüdischen Ziele, wie das Judentum nicht erst eine Versöhnung zu konstruieren braucht > zwischen Leben und Denken, wie es vielmehr diese : Versöhnung selbst ist, all dies und noch manch aiuicrei ׳! hat der Verfasser uns klar und warm und eindring• lieh gezeigt. 1 Und alle jene, die die hohe Seele einer Sonja! zu würdigen verstehen werden, alle, die Maslaw nähertreten und cs einmal rnitempfinden, wie furcht- , bar trostlos und furchtbar grausam das Schicksal unsere östlichen Brüder treibt und die es mitfi’Mcn, I welch unzerstörbare göttliche Kraft in einem Volke f liegen muß, das sich trotz alledem und alledem in 1 seinen Idealen treu bleibt, sie alle werden das Kriegs- 1 beil begraben und in Güte und Liebe *ine Versölemag mit ihren jüdischen Oegnern suchen, indem sie *•ich f vorher mit sich selbst versöhnen. . j Dein Verfasser wissen wir Jungjuden, wir vor » allem, innigen Dank. Er h a t ־ e 8 mit meisterhafter Feder verstanden, uns die Schätze aus/u- * malen, die in uns ruhen, die der Frieden nur kann wirksam machen. Er hat uns Bekräftigt und getröstet, : da er uns gezeigt, welchen Weg wir wandeln sollen. , Und unser Herz gewinnt neue Hoffnung und unser if Geist neue Spannkraft. Die Arbeit ist es, die uns | trösten soll. Das ernste, ehrliche Bemühen um unser f Volk. Dann werden wir nicht mehr haltlose Disput« führen, keine Luftschlösser bauen, sondern aus eigener : Kraft uns das sichern, und finden, das, wonach der Held der Geschichte lechzt, wonach wir alle Ifchze# f in den Ländern der Intoleranz und des Hasses, sie j; wird sich auch uns erschließen, die goldene, hem »

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