Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1913)
- Date
- 1913-02-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 72 JUEPISCHE RUNDSCHAU Nr. 8 Der Artikel ״Höchste Zeit“, von Herrn Justizrat Bernhard Breslauer, der im vorigen Heft dieser Zeitschrift (Nr. 7) erschienen ist, nötigt uns zu folgender Richtigstellung der darin behaupteten Tatsachen, soweit sie uns betreffen: Der ״Jüdische Student“ ist das interne Organ der im ״Bund jüdischer Korporationen“ vereinigten Vereine jüdischer Studenten und wird von dem unterfertigten Präsidium herausgegeben. Er dient — abgesehen von zwei in jedem Jahre öffentlich erscheinenden Heften — keinerlei agitatorische״ Zwecken, sondern der Erörterung innerer Angelegenheiten unserer Organisation und der Berichterstattung. Er ist deshalb ausschlielllich für unsere Mitglieder bestimmt, die zu seiner Geheimhaltung ehrenvvörtlich verpflichtet sind. Eine entsprechende Aufschrift, speziell auch zur Orientierung dritter, denen zufällig ein Heft zu Gesicht kommt, trägt jedes Heft. Eine derartige Zeitschrift haben alle studentischen Karteile, übrigens auch viele andere Organisationen, z. B. die Bnc-Brith-Logcn, *die Geheimhaltung gilt also nicht ״Andersdenkenden“ sondern jedem Nichtmitglicde gegenüber, mag er uns in seiner Gesinnung noch so nahestehen. Aus absolut zuverlässiger Quelle wissen wir, dali seit über einem Jahre jedes unserer Hefte in den Besitz bestimmter Gegner gerät. Es handelt sich nicht um einen gelegentlichen Vorfall, sondern um fortgesetzte Entwendungen unserer Hefte. Folgende einzelner, Fälle seien hervorgehoben: 1. Das Märzheft 1912 der öffentlichen K. C.-Bliitfer befaiitc sich mit einem, in unserem internen Januar-Heft erschienen, den K. C. betreffenden Artikel. 2. Nach Köln wurden im Dezember 1912 kur/ bevor in Bonn unser Kartellfag stattfand 30 Abschriften einer Veröffentlichung aus unscrem internen Novemberheft an Rcpräscntcn der Gemeinde usw. zur Verwertung gegen den V. J. St. gesandt. Ihr Inhalt, der aucli im Kölner ״Israelitischen Gemcindeblatt“ von einem überaleti Herrn publiziert worden ist, wurde in einer öffentlichen liberalen Versammlung zum־ Gegen- , stand heftiger Angriffe auf den V. J. St. gemacht. 3. In gleicher Weise — dies erscheint als hesonders charakteristisch — wurden dieselben Kölner Herren auch über den Inhalt des nächsten Heftes, der Dezembernummer, informiert. Das Kölner ״Israelitische Gemcindeblatt“ war in der Lage, in der Polemik eines liberalen Herrn gegen eleu V. J. St. auch aus diesem Heft zu zitieren. Herr Justizrat Breslauer ersieht hieraus, dali es sich nicht darum handeln kann, dali ״eine Nummer in den Papierkorb gefallen ist oder als Käsepapier oder sonstwie verwendet und auf diesem Wege in andere Hände gefallen ist“. Angesichts der in akademischen Kreisen herrsehenden Ansicht vom Wesen des Ehrenworts ist es ausgeschlossen, daß die Indiskretionen auf eines uusercr Mitglieder zurückzuführen sind — es müßte denn jemand sein, der sich als Vertreter unserer Gegner betrügerisch in unsere Reihen cingeschlicheii hat. Die von Herrn Justizrat vermißte (chrcnwörtliehe) Anfrage bei unseren sämtlichen Mitgliedern ist erfolgt. Sic hat nichts ergeben. Die Tatsachen zwingen also zu dem Schluß, daß systematisch feindliche Kreise sich in den Besitz unserer Hefte setzen — was nur durch Diebstahl oder Unterschlagung seitens einer bei der Her- Stellung oder Versendung der Hefte beschäftigten Person geschehen kann , und daß sie ebenso systematisch den Inhalt widerrechtlich verbreiten, was eine Urhcbcrrcchtsvcrlctzung ist. Der Richtigkeit dieser juristischen Fundierung, die von uns hinreichend nachgeprüft ist, wird sich angesichts der ihm erst jetzt bekannt gewordenen Tatsachen Herr Justizrat Breslauer nicht verschließen. Diese Tatsachen ergaben ferner, daß bestimmte uns befehdende Kreise über die strafbare Handlung unterrichtet sein müssen. Es war wirklich kein leichtfertiger Schluß, wenn wir als Zeugen die Herren vom geschäftsführenden Ausschuß der K. C, genannt haben, der notorisch mindestens einzelne Hefte bcsitzt und trotz unseres Ersuchens die Herausgabe abgclchnt hat. Und auf die Mitwissenschaft des Antizionistischen Komitees deutet nicht nur das Interesse, das dieses an unserer Bekämpfung überhaupt hat — zu ähnlichen Zwecken ist es ja gegründet worden —, sondern vor allem auch die Art der Verbreitung und Verwendung in Köln. Wir haben uns nur sehr schwer zu dem Schritt an die staatlichen Behörden entschlossen. Erst als alle andern Mittel, auch intensive Nachforschung in unseren eigenen Reihen und gütliche Verhandlungen mit dem K. C. erschöpft waren, mußten wir ihn tun. Das Verfahren unserer Gegner ist nicht nur geeignet, unsere Korporationen zu schädigen, sondern es zeigt sich hier eine derartig niederträchtige Kampfesweisc und eine so unanständige Gesinnung, daß eine Züchtigung mit den schärfsten Mitteln gerade im Interesse der Reinigung des jüdisch-politischen Lebens notwendig ist. Nach diesen Informationen wird Herr Justizrat Breslauer zweifellos anders darüber urteilen, auf welcher Seite ein Verfahren benutzt wird, ״daß einem der Widerwillen bis an die Kehle steigt“. Da wir in ihm einen ehrenhaften Gegner erblicken, erwarten wir mmmchr den Widerruf der schweren Beleidigung, wir hätten durch unser Vorgehen ״jüdische Dinge in den Schmutz getreten“. Berlin, den 18. Februar 1913. Das Präsidium des Bundes Jüdischer Corporationcn. 1 >r, R o s c 11 k r a n z, Das Königsberger Kaiserlioch Das Präsidium des ״Bundes Jüdischer Corporationcn“ bittet uns um Aufnahme folgeuden Berichtes: ״Nachdem bereits ein Teil der Tagespresse ohne unser Zutun über die Vorgänge beim Kaiserhoch in Königsberg berichtet hat, sehen wir uns zu folgender Sachdarstellung genötigt, zumal das Universitiits-Sekrctariat dem ״Berliner Tageblatt“ eine in mehrfacher Beziehung unzutreffende ״Richtig- Stellung“ übersandt hat. Anläßlich der Anwesenheit des Kaisers zur Jahrluiiidertfcier in Königsberg wurde von der Studentenschalt ein Fackelzug veranstaltet. Es wurden sechs Vertreter der Studentenschaft bestimmt, von denen fünf vom Kaiser empfangen werden sollten, während der sechste das Kaiserhoch auszubringeii hatte. Das Kaiserlioch fiel durch das Los dem ״Vereine Jüdi* scher Studenten“ zu. Als nach dem Einzüge des Fackel/ugcs in den Schloßhof iuhJ dem Absingen des Gaudeamus der Chargierte des ״V, J. St.“ vortreten wollte, um das Kaiserlioch auszubringen, kam ihm der Vertreter des Vereins Deutscher Studenten hierin zuvor. Der Zufall fügte dann aber, daß das ursprünglich für das Kaiserlioch in Aussicht genominelle Mitglied des V. J. St. dasselbe dennoch ausbrachte, und zwar in Gegenwart Seiner Majestät. Denn bei der ersten Ovation war der Kaiser noch nicht erschienen; als etwa H) Minuten später der Kaiser ans Fenster trat, wurde nochmals das Gaudcamus gesungen, worauf der Vertreter des V. J. St. nochmals das Kaiserhoch aiishrachtc. Da der ״Verein Jüdischer Studenten“ zunächst annahin, daß der Chargierte des ״Vereins Deutscher Studenten“ eigenmächtig gehandelt habe, suchte er die Angelegenheit mit dein ״V. I). St.“ in studentischer Weise zu erledigen. Nunmehr stellte sich heraus, daß der ״V. i>. St.“ auf eine Anweisung des Rektorats gehandelt hafte, und dieses berief sich wiederum auf eine Anordnung des Hofmarscliallanites Seiner Majcstät. Das Präsidium des ״Bundes Jüdischer Corporatioiicn“, dein der ״V. J. St.“ - Königsberg angchört, wandte sich dieserhalb telegraphisch an das Oberhofmarschallaint und erhielt von dem Oberhofmarschall Grafen Eulcnburg telegraphisch den Bescheid, daß ihm von der ganzen Angelegenheit nichts bekannt sei. Auf eine erneute Vorstellung beim Rektorat gab dieses an, nicht das Überhofinnrschallamt, sondem der Hausinarschall habe gewünscht, daß das Kaiserlioch von einem der fünf Kaismleputiertcn ausgebracht werde; der V. J. St. sei durch ein Versehen des Sekretariats von der Aeiulerung nicht bcriachrichiigt worden. Da dem Präsidium des ״Bundes Jüdischer Corporationcn“ im Interesse der gesamten jüdischen Studentenschaft die Aufklärung dieser Angclcgcnheit unumgänglich schien, wandte cs sich nunmehr an Seine Exzellenz, den Herrn Hausmarschall Freiherrn von Ly 11 cker, der übrigens Mitglied des Obcrhofmarschallamtes ist, und erhielt von diesem folgende Antwort: Ober-I lofniarschallaint Seiner Majestät des Kaisers und Königs. Berlin, den 18. Februar 1913. Das Präsidium des Bundes Jüdischer Corporati״nc11 benachrichtige ich auf die gefällige Zuschrift vom 18. d. M. ergebenst, daß sich bei meiner An- Wesenheit in Königsberg am 4, Februar d. J, abends zwei Herren eiiifandcn, um über den Verlauf des Fackelzuges der Studenten nähere An- Weisung zu erbitten. Hierbei ordnete ich an, daß nach dem vom 1. Chargierten ausgebrachten Hoch auf Seine Majestät den Kaiser, um den zweiten Empfang zu vermeiden, dieser erste Chargierte sich der Deputation, die von Alleriiüchstdemselbcn in das Schloß befohlen war, anschlicflen könnte. Weder haben die beiden oben cf wähnten Herren mich davon unterrichtet, daß der ״Verein Jüd. Studeuten“ durch die Studentenschaft zur Ausbringung des Hochs auf Seine Majestät ausgclost worden war, noch ist mir sonst über diesen Vorgang etwas bekannt gewesen. Freiherr v. Lyncker. An das Präsidium des ״Bundes Jüdischer Korporationen“ z, H. des Herrn Dr. Erich Rosenkranz, hier. Aus dieser Antwort ergibt sich, daß die dem ״Berliner Tageblatt“ eiliges,■uidte Darstellung der Universitäts-ikhörde nicht den Tatsachen entspricht. Wie wir von vornherein vermuteten, hat der Herr Hausmarsclial! keineswegs angeordiiet, daß das Kaiserhoch von einem der ursprünglich zur Deputation gehörigen Studenten ausgebracht werden solle, vielmehr hat er lediglich bestimmt, daß derjenige Student, der das Kaiserlioch aus/tibringen habe, ebenfalls vom Kaiser empfangen werden solle und anheimgegeben, diesen, um einen doppelten Empfang zu vermeiden, zusammen mit den Kaiser-Deputierten Seiner Majestät vorzustellen. Fs kam! daher wohl kaum aiifrediterhalten werden was das Sekretariat dem ״B. T.“ mitgeteilt hatte —, daß ״unter diesen Umständen das vom ״Verein Jüdischer Studenten" erlöste Ehrenamt hinfällig“ wurde. Vielmehr scheint fest/ustehen, daß die Auskunft des Uausmarschalls ohne jede sachliche Berechtigung dazu benutzt wurde, um das Kaiserlioch dem zuerst dazu Ausgelosten zu nehmen. Der Zufall, daß dies der Vertreter einer Jüdischen Korporation war, war somit wohl nicht ohne Einfluß auf die Erledigung der Angelegenheit, sonst hätte es wohl nach dem Bescheide des Ffausmarschalls nähergelegen, den Vertreter des ״V. J. St." mit den fünf Kaiscr-l>eputiertc11 Seiner Majestät vorzustcllen. Münzkrisis in Jerusalem Ganz unerwartet ist in Jerusalem eine neue, eigen* artige Krisis ausgebrochen, die recht bedenkliche Formen angenommen hat. Der Metallik, eine kleine Münze, die bisher etwa P y Pfennig wert war, ist mit einem Male nahezu völlig entwertet worden. Nach der Eroberung der mazedonischen Provinzen durch den Balkanbund strömten ungeheure Mengen von Mctalliks, die von den Eroberern außer Kurs gesetzt wurden, zu Spottpreisen nach Konstantinopcl. Ein dortiges Bankhaus, das die Mctalliks aufkaufte, und dein bekannt war, daß in Jerusalem der Metallik die verbreitetste Scheidemünze ist, suchte nun durch Vermittlung einer Jerusalemer (niditjüdischcn) Bank, die für einen hohen Betrag aufgekauften Metalliks in Jerusalem in Umlauf zu setzen. Die Folge war, daß der Markt mit Mctalliks geradezu überschwemmt wurde und viele Kaufhäuser, Banken usw. die Annahme der Mctalliks verweigerten. Damit aber war die Krisis a 11 s g c b r o ch c n , denn der kleine Mann, dessen ganzer Geldvorrat in Metallik» bestand, sah sieh mit einem Schlage seiner gesamteil Barschaft gleichsam beraubt, da man ihm für seine Mctalliks nichts mehr verkaufen wollte. Im Verlaufe weniger Tage gestalteten sieh diese Zustände geradezu zu einer Katastrophe. Viele Geschäfte wurden geschlossen. Die meisten Backereieii stellten den Betrieb ein, um für ihre Backwäre keine Mctalliks entgcgennclimen zu müssen. Hunderte Familien litten Hunger, da sie für ihre Mctalliks nichts kaufen konnten. Unter den Fellachen, die in der Stadt ihr Mehl oder Brot einkaufen und die jetzt ebenfalls nichts bekommen konnten, brachen Unruhen aus. Es kam zu argen Ausschreitungen, die mitunter der Tragikomik nicht entbelirten. So passierte es einem hochherzigen Moslim, der unter den Hungerleideiuleii 15 Säcke Reis unentgeltlich verteilen ließ, daß er von denen, für die diese Spende nicht ausreichte, regelrecht verprügelt wurde. Es half ihm auch nicht der Hinweis, daß die anderen Kaufleute noch gar nichts gespendet hallen und daß er allein unmöglich alle I lungernden ernähren könne. Vor dem Laden eines griechischen Bäckers sammelte sich eine große Menschenmenge an und verlangte stürmisch, daß man ihr für ihre Mctalliks zu dem bisher üblichen Preis Brot verkaufe. Die Erklärung des Griechen, daß er dies nicht tun könne, da der Metallik jetzt bloß ein Drittel des früheren Wertes repräsentiere und überhaupt schwer aimibringen sei, machte auf die von Hunger gequälten Menschen naturgemäß keinen Eindruck. Als der Ladeiiitihabcr Miene machte, die Polizei zu Hilfe zu rufen, stürmte die Menge den Laden und plünderte ihn bis auf das letzte Brot aus. Da die Bemühungen der Lokalregierung, den Metallik in seinen früheren Kurs wieder einzusetzen, nichts fruchteten, sahen sich die führenden jüdischen Kreise, die zionistische Anglo-Palestinc Company, der Vertreter der J. C. A. in Jerusalem, die Vertretung des 1 filfsvercins usw. genötigt, auf eigene Rechming eine Notstands,iklion ciii/ulciten. Dies geschall zunächst in der Weise, daß mau auf Kosten der jüdischen Gemeinschaft täglich 5000 Brote backen ließ, die an die Bedürftigen, ohne Unterschicd der Nationalität und des Bekenntnisses, gegen Entrichtung des Preises in Mctalliks laut dem früheren Kurse verkauft wurden. Die armen Fellachen erkennen dankbar die Wohltätigkeit der Juden an, die leider von keiner anderen Seite nachgcahmt wurde. Auch der neue Gouverneur von Jerusalem hat in einem Gespräche mit dem bekannten hebräisehen Lexikographen und Schriftsteller Elicscr Ben- J e n u ü a h •einer Anerkennung für die Leistungen