Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 7 (14.1.1913)
- Date
- 1913-01-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2651815-2651823--08800-2666076- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. JUEDISCHE RUNDSCHAU Der Wert der Goldsteinschen Broschüre Von Georg To dt marin. I. (joldstein hat in seinem ״K11nstwart“-Aufsatz weiteren Kreisen bewußt gemacht, da» Unterschiede!wischen den Litcraturwerken der. deutschen Juden und der deutschen Nichtjudeu vorhanden sind. Cialt dieser Aufsatz vor allem den Assimilnnten, so sind als Leser der Broschüre die deutschen Nationnljudcn gedacht und von ihnen besonders die, ״die sich hewtilit in die deutsche Kultur hineinlebten . . . uni wiederum in ihr zu wirken“. (So Calvary*). Um die Broschüre beurteilen zu können, inufi man erkannt haben, da» cs ein Problem ״Zionismus und Deutschtum“ gibt, das Calvary•) dahin gelöst hat: ״Die deutsche Kultur hat unsere Seele ergriffen und wir deutschen Zionisten, die wir Bürger deutscher Kultur sind, können und wollen nicht darauf verzichten, an ihren Werten rnitzuarheiten. Wir scheuen den Vorwurf nicht, dutl wir so ein Doppelleben führen . . . Wir wissen wohl, da» die Tragik unserer Existenz darauf beruht, da» wir hineingestellt sind in eine blutfremde Welt; wir wären keine Zionisten, wenn wir das nicht wüllten,“ Die Voraussetzungen für das Verständnis der Broschüre sind die Erkenntnis, da» jüdischer Geist auch in den Werken der Juden, die nicht hebriiisch dichten können, vorhanden ist, und die Erkenntnis, da» wir deutschen produktiven Zionisten eben an deutscher Kultur mitarbeiten, deutsche Dichter sein müssen, solange wir nicht in hebräischer Sprache schaffen können. II. Diese Voraussetzungen fehlen Mcir heil Elieser völlig. Und deshelb stellt das, was er in drei Artikeln in der ,,Jüdischen Rundschau“ schrieb, in keinem geistigen Zusammenhänge mit den in Gold- Steins Broschüre behandelten Problemen. Er poleinisiert in ihnen lediglich gegen eine Nebensache. Denn die Formulierung des Begriffs einer jiidisehen Nationalliteratur war für Goldstern nur eine Nebensache, ein Konstruktioiisversiieli. Und Mcir heu Eliesers Mühe muH vergeblich sein, solange er nicht das Hauptproblem Goldsterns: ,,Können wir deutsehen Dichter nationaljüdisch wirken?" verstanden hat. Man kann überhaupt zu der Broschüre nicht Stellung nehmen, wenn man — wie es Meir ben dieser getan hat — von dem logisch, ästhetisch und zionistisch völlig richtigen Begriff einer jüdischen Nationalliteratur in hebräischer Sprache ausgeht. Denn Goldstein hat die Broschüre gerade für den Kreis der Werke geschrieben, die aultcrhalb dieses Begriffs liegen. *) M. Calvary: Die Aufgabe des deutschen Zio* nismus. Sonderabdruck des ״Jüdischen Studenten“. Ilcrausgegcben vom Präsidium des Bundes jüdischer Korporationen. kräftige Menschen, die nichts taten, als von ihrer Heiligkeit und der Chalukka zu leben. Ich sprach sie hebriiisch an, sic verstanden es nicht. Lrdfreimle Menschen sind es milten in wunderbarem l.mulo, Frömmler, wo ringsumher die Gottheit selber spricht. Ein trauriger Rest des alten, ersten Jischuw, wo man noch nach Erez. Israel ging, um dort zu sterben, Drum ist auch alles in ihnen erstorben, auch der Mensch. Was sind das für armselige Paläste, dieses Bcth Hamidrasch und die Jcsehiwah, diese Gräber und Grabmäler. Unser frommer Führer aus Safed wurde immer gesprächiger bei all den heiligen Namen, die er nannte. Immer noch etwas neues, ein neues Grab, eine neue Höhle. Was für eine blutleere Abstraktion ist da entstanden, Abstraktion ohne Schönlieitssinn und Größe. Nie sah ich die Kontraste näher beieinander, den Jischuw lebendigen Zukunftsringens und den Jischuw des Sterbens in einer zur Abstraktion erstarrten Vergangenheit. Mein Blick flüchtete zu den verfallenen Ruinen einer größeren Zeit, zu den Olivenwäldern im Tale, auf Berge, See und Himmel, die ineinanderwoben, zwischen denen wolkengleich Wasserdämpfe aufwogten, See und Himmel zu einer Einheit verschmelzend. Und als die Sonne nach einem mächtigen Regenschauer wieder hervorkam, stand ein Regenbogen in riesiger Größe von Berg zu Berg, fest auf der Erde ruhend und mit Händen zu greifen, ein neuerliclies Sinnbild des allen Bundes. Die Maultiere trabten weiter, weiter. Am frühen Morgen waren wir von Rosclt Pinah auf* gebrochen und endlich gegen Abend lagen zur Linken die Häuser von Ain Setun und vor uns stieg, zum Himmel ein Bettf empor, auf dem die heilige Stadt Safed liegt. (iuldstein fängt mit der Konstatierung der Tatsachc an —• und cs ist das eine Erweiterung der Ansichten aus dem ״Kunstwart“-Auf»atz —, daß es zahlreiche ,bedeutende Kunstwerke von Juden gibt, die nicht in hebräischer (oder jüdischer) Sprache gc• schaffen sind. Diese Kunstwerke, die in den Muttersprachen der Verfasser geschrieben, dennoch den Kennern den Geist des jüdischen Volkes zeigen, die so wertvolle Zeichen jüdischen Geistes sind, will er der heutigen jüdischen Nationalbewegung nutzbar machen. Verzicht auf alle jüdischen Leistungen in anderen Sprachen sei eine willkürliche Verarmung. Und nun behandelt die ganze Broschüre gerade den weiten Kreis der Werke aller Juden in allen Sprachen, die den Geist des jüdischen Volkes erkennen lassen. lieber diese Probleme sagt Mcir ben Elicscr überhaupt nichts. Und selbst sein Versuch, Goldsteins Begriff einer jüdischen Nationalliteratur zu widerlegen, mußte ihm mißlingen, da er nicht gesehen hat, wie Cloldstein zu diesem Umwerten kam III. Für den, der erkannt hat, auf welchem Wege Goldstein zu diesem Begriff kam, ist es leicht, ihm zu widerlegen. Goldstern geht von dem weiten Kreis der Werke aus, die in den Muttersprachen der Verfasser geschrieben, jüdischen Geist zeigen. Verzicht auf sie seine willkürliche Verarmung, Also sprengt er in radikaler Weise den üblichen Begriff, dehnt ihn so weit aus, da» er auch diese Werke umfaßt, die doch die Zeichen der abnormen Lage der' Juden sind, clelmt ihn so aus, da» die der Diaspora eigentümliehe Vielsprachigkeit Gesetz wird, Er macht das Abnorme zum Bestandteil des Begriffs: fordert für die jüdische Nationalliteiatur Vielsprachigkeit. Den wichtigsten Eiuwand, den man gegen seine Formulierung milchen kann, führt er selbst au: Die Zugehörigkeit eines Schriftwerkes wird durch seine Sprache bestimmt. Und er stellt seihst fest, da» die deutschen Werke jüdischer Dichter zur deutschen Liieratur gehören. Diesen Einwand bezeichnet Goldstein mit Recht als den triftigsten. Doch versucht er mit keinem Worte, ihn zu widerlegen, sondern fährt fort: ״Aber diese Feststellung hat mit unserm Problem nichts zu tun.“ Er hat recht. Mit dem Problem hat sie nichts zu tun. Wohl aber mit seinem Begriff einer jüdischen Nationalliteratur. Denn seine Konstruktion fällt mit der Gültigkeit .dieses Einwandes einfach zusammen. Hier ist die Stelle in seiner Broschüre, wo man klar erkennt, da» es ihm auf den Begriff gar nicht ankommt, da» diese Begriffsbestimmung nur eine Neheufrage, allenfalls eine Konsequenz aus seinen Problemen war, die ihm selbst und uns das wichtigstc in der Broschüre sind. IV. Die Erkenntnis, da» es jüdische Werke In allen Sprachen gibt, die den jüdischen Geist zeigen und die uns deshalb wert sein müssen, ist eine der Vorluissetzuugen, von denen (loldstein ausgeht. Und die Aufdeckung und Stellung des Problem»! Wie Von den Juden des Ycmcn. Herausgegeben im Auftrage des Hilfskomitees für die jemenitischen Juden. Berlin-Wilmersdorf, Kaiserailce 158. Ein anspruchslose» kleines Heftchen, das aber seiner Aufgabe, in knapper übersichtlicher Form ein Bild ton den Juden des Ycmcn, ihrer Herkunft, ilirei! Notun und Rettuiigsmögliehkciten zu geben, vollkommen gerecht wird. In fünf, sich gegenseitig ergänzenden Aufsätzen zieht das Leben dieser solange von ihren europäischen Brüdern vergessenen Juden an uns vorüber; beginnend mit einem bist«- rischen Rückblick in die Vergangenheit (von Prof. I)r. Bacher-Budapest), gibt die Broschüre eine Schilderuiig des vor zehn Jahren bestehenden Zustandes aus der Feder des im Ycmcn von Arabern getöteten Forschers Hermann Burchardt und bringt uns die gegenwärtigen Leiden und Unterdrückungen dieses armen Stammes in einem von warmem Gefühl durchwehten Aufsatz des Beirutcr Schuldirektors J. Semach zum Bewußtsein. Sehr gut, weil gründlieh, ist der Artikel von Jehoschua Feld mann (Jaffa), der, ohne zu viel zu sagen, ziemlich eingehend von der Bedeutung der Ycincniten für die Entwicklung Palästinas spricht. Die anspruchslosen Menschen, die nach ihrer ersten Ankunft vor drei Jahren monatelang im Freien übernachteten und mit fast übermenschlicher Energie »ich in die neuen Verhiiltnissc hincinzufiuden verstanden, bewiesen, daß ein Jude, der arbeiten will, in Palästina auch ohne die Unterstützung der ״Chaluka“ leben kann. Nicht nur in Jerusalem und Jaffa, wohin sich naturgemäß der Einwandererstrom zuerst ergoß, waren die körperlieh sehr abgehärteten Ankömmlinge wegen ihrer Leistungsfähigkeit, Anspruchslosigkeit und Geschicklichkcit gesuchte Arbeitskräfte, auch in den Kolonien gelang der Versuch landwirtschaftlicher Siedelung vollständig. Alles arbeitet, der Mann Im Garten und machen wir diese Werke der jüdischen Nationalbewegung nutzbar? ist das Wertvolle, Bedeutende, das, weshalb die Broschüre geschrieben wurde. Bel der Behandlung dieses Problems mußte er den Konflikt berühren, der die produktiven Zionisten be* herrscht, da sie an der Kultur der Wirtsvölker mitschaffen müssen und doch wissen, daß ihre Werke nicht mehr in den Bezirk der jüdischen Kultur hineinreichen, an deren große Zukunft sie so bestimmt glauben. Und wenn Goldstein nun versucht, das oben gestellte, Problem zu lösen, so löst er damit dieses Dilemma des produktiven Zionisten auch. Denn das ist ja die Frage, wie dieser Zionist seine Werke, die nun nicht der jüdischen Kultur angehören, doch in den Kreis des Judentums hineinziehen kann. Und die Lösung Goldsteins ist klar, einfach und leicht durchführbar. Er sammelt diese Werke in einer Zeitschrift und hebt sic dadurch heraus aus dem Kreise der deutschen Literatur. Sie gehören noch immer der deutschen Literatur an, aber — und nur darauf kommt es ihm an — gekennzeichnet als Werke von Juden. Und dieser jüdische Geist, der auch noch in diesen Juden vorhanden ist, wird gerade dadurch gesteigert, daß er ihnen ins Bewußtsein gehoben wird. Und nur die will Goldstein zusammenrufen, die in deutscher Sprache schaffen mit dem Bewufltscin und dem Willen, als Jude zu schaffen. So erreicht er dadurch, daß eine Rückwirkung In natioualjüdlschcm Sinne auf die übrigen Juden möglich ist. Denn Ihnen wird es auch bewußt werden müssen, daß diese Werke Juden als Juden ge* schrieben hoben, V. Leider hat der Titel der Broschüre und die Tatwiche, daß auf einigen Selten ein neuer Begriff der jüdischen Natioimllitcralur gestreift wird, die zionistischen Leser so verwirrt, daß sic zu den eigeutliehen Problemen gar nicht Stellung nahmen. Goldsteins Lösung ermöglicht ja erst den produktiven Zionisten ein Wirken durch ihre Werke in jüdischem Sinne während der Diaspora. Doch das soll hier betont werden, daß diese Lösung nur eine provisorische ist; solange Palästina noch nicht das Kultur* Zentrum der Juden ist, solange wir noch nicht dort leben, müssen wir an der deutschen Kultur mitarbeiten. Wir können uns aber schon hier herausheben, organisieren, wirken für die Nationalisierung der Juden. Das ist Goldsteins Programm. Aber wir wissen, daß eine jüdische Kulturarbeit und damit eine jüdische Nationalliteratur in der Diaspora unmöglich ist. Deshalb sind wir ja Zionisten. Und ist das Programm des Zionismus erfüllt, haben wir eine Heimstätte, ein jüdisches Volk, eine jüdische Kultur in Palästina, so wird das Größte an, schöpferischen Werken wieder in hehriiisefier Sprache möglich (ein — oder die Voraussetzungen des Zionismus wären falsch. Und an diesen zu rütteln, war sicher nicht Goldsteins Absicht. Feld, die Frau wäscht und bäckt bei den Kolonisten und auch die Kinder finden lohnende Beschäftigung. Gewi» ist es zu bedauern, da» für die Erziehung des ycinenitUeheit Nachwuchses noch recht wenig ge- Schicht; aber zweierlei können sie, auch ohne die Schule zu besuchen, was der jüdischen Jugend Europas leider meistens fehlt: ein klassisches Hebräisch und die Kunst, tüchtig zu arbeiten. Doch neben diesen recht günstigen Aussichten stellt ein gewaltiges Hindernis, die Wohnungsnot, unter welcher die Juden Palästinas im allgemeinen, die armen, neu hin/ukominenden Einwanderer im besonderen schwer zu leiden haben. Diesem traurigen Kapitel widmet Wol Ist einer den fünften Aufsatz, in dem er von der trostlosen Lage unserer armen Brüder und der bisher unternommenen Hilfsaktibn spricht. Immer größer wird die Zahl der Yeinenden, ohne da» genügend Häuser vorhanden sind, sie aufzunehmen. Der Nationalfonds griff helfend ein, konnte jedoch allein hier nicht genügend Hilfe bringen, wo sic doch so nötig war. Hier mußte, die gesamte Judenheit ihren Brüdern zur Seite stehen. Und daß cs gelang, alle jüdischen Kreise, ohne Un* tcrschicd ihrer Parteistellung, für diese große Sache zu gewinnen, dafür ist das vorliegende Heftchen ein freudiger Beweis. Das Hilfskomitee für die yemenitischen Juden hat es sich zur Aufgabe gemacht, vielen tausend jemenitischen Familien innerhalb der nächsteif Jahre zu Haus und Hof zu verhelfen und jenen eigenartigen jüdischen Stamm vor dem Aussterben zu bewahren 1 Hoffen wir, daß es ihm gelingt und daß das kleine Heft, das neben seinen bemerken«- werten Ausführungen auch zahlreiche nach Photographien Burchardts hergestellte Reproduktionen über das Leben und Treiben der Yemeniten enthält, io weiten Kreisen seinen propagandistischen Zweck er* füllt! Ernst Heppner.