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Jüdische Rundschau · 1913-01-14 · Heft 7 (14.1.1913) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 7 (14.1.1913)
Date
1913-01-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 62 anderes gesagt, als was Sic in diesem Artikel gelesen haben.“ Und wenn Lcvinsoii von der Tendenz seines Blattes spreche, so wolle er es hier ausrufen: die Tcndenzlosigkeit ist keine Tendenz! (Tosender Beifall.) Nach einer eingehenden Schilderung der Entstehung des Schimpfartikels in Nr. 4 des Familienblattes und des .Verhaltens des Verlegers Lehmann schließt der Redner mit folgenden Worten: ״Ich habe den Eindruck, daß niemand hier ist, der es nicht bedauert, daß solches von Juden gegen Juden geschrieben worden ist, daß man zu all’ den bestehenden Wirren und Schwierigkeiten das osteuropäische Judentum in eine neue Schwierigkeit, in eine neue Lieblosigkeit hiiieingedningt hat.“ Der nächste Redner, der Redakteur des Famiiienblattes, Dr. Rosen bau in, der sich als der Verfasser des Artikels ״Ausländer“ be* zeichnete, beteuerte die Harmlosigkeit des Artikels, der ja nur eine Karrcnzzeit verlange, wie sie in den Kommunen für Neuzuziehende bestehe. Diese klägliche Rückzugskanonade spickte er jedoch mit reichlichen persönlichen Angriffen gegen die Zionisten und Dr. Klee, ln seinem Schlußworte geißelte Dr. Klee die Kampfesart der Familicnblattredakteure. Besonders beschäftigte er sich mit der Forderung des Kapitaldepositums: ״Meinen Sie nicht, daß unsere Brüder, die hungernd und darbend zu uns kommen, sich in der traurigsten Situation befinden, daß die es nicht als einen Hohn empfinden, wenn Sie in Ihrem Blatt davon schreiben: bei dem Wahlrecht für Ausländer muß man Sonderkautelcn schaffen in Gestalt eines entsprechenden Kapitaldepositums für den Fall des Wegzuges oder der Aus- Weisung? (Zwischenrufe: Pfui!) Meinen Sie nicht, daß ein russischer oder galizisclier Jude, der sich ehrlich und kümmerlich ernährt und durchbeißt bei uns, es als einen Hohn empfindet, wenn Sie von ihm ein Kapitaldeposituin haben wollen für den Fall, daß er ausgewiesen wird? Wo in aller Welt haben die Ausländer je so exorbitante Forderungen gestellt, daß die Bilanz der jüdischen Gemeinden, der Etat dadurch so ins Ungleichgewicht gekommen wäre, daß man Bedenken haben müsse wegen der finanziellen Lasten, welche durch ihre Teilnahme entstehen! könnten?“ Zum Schlüsse verlas der Vorsitzende den folgenden Brief des ehrwürdigen Obcrrabbiners von Altona, Dr. Lcrner, eines entschiedenen Gegners des Zionismus, der trotz aller Ablcugnungen des Familienblattes [«weist, daß die Erregung eine außerordentliche ist. Der Brief lautet: , 1 U EPISCH E RUNDSCHAU Nr. 7 Tagebuchblätter aus Erez Israel Von Dr. Hugo Löw, Jaffa. Haifa, 26, November 1612. Das war eine wundersame Fahrt von Jaffa durch die Ebene Saaron hierher. Da zog das Land meinet Väter vor meinen Blicken und unter meinen Füßen dahin. Die ehemals so fruchtbare Ebene, jetzt ein weites Land kümmerlicher Felder und «hier Wüsteneien. Abenteuerliche Fellachen mit Kamelen und Eseln ackerten zeitweise mit krummen Acstcn den Boden, kleine Jungen hüteten dickwollige Schafherden, wunderbare Fcllachcnfraucn schöpften in alttcstamentalischcr Weise aus verfallenen Brunnen mit steinernen Rändern Wasser und trugen den bauchigen Krug auf dem Kopfe balanzicrcnd in ihre Hütten, die mehr vermauerte Höhlen als Häuser sind. Wie Räuberhauptleute aus den Märchenbüchern kamen bcwaffnetc Beduinen geritten, «in fremdes romantisches Bild und doch meinem Blut wie nah vertraut. Schimmerten wo in der Ferne oder Nähe grüne Ländereien, schattige Wälder und Bojaren, so war es fast immer jüdisches Land. Ein Wunder ist da vollbracht worden, es ist keine Theaterszene, sondern tiefe, glückverheißende Wahrheit: nur unter jüdischen Händen blüht das alte jüdische Land wieder auf. Wohl tragen die Alfen noch das Ghetto in der Erinnerung und im Gehaben, aber die Kinder sind schon echte freie Söhne eines freien Landes, wo es kein Ghetto mehr gibt, weder äußerlich noch im Herzen, Das ist ein neuer Menschenschlag, der da gezüchtet wird, ein prächtiges Volk, das seine Hände über das Mittelalter hinweg zum gesunden Volk der Ahnen reicht. Das moderne Hebräisch hat auch das äußere Gewand unseres Volkes verändert, sic sind wieder ein ganzes Volk geworden. Auch die Alten sind nicht ״Dein verehrlichen Vorstand der Zionistisclicn Ortsgruppe danke ich für die freundliehe Einladung zu der heutigen Versammlung. Zu meiiui» Bedauern bin ich amtlich verhindert, Ihrer Einladung Folge zu leisten. Der Versuch der Gemeinden, 11 i e h t d e u t s c 11 e Mitglieder derselben zu M i t g I i c d e r n z w e i t c n G r a - d es zu degradieren, verdient ö ff c 1111 i c 11 g e b r a » d in n r k t zu vv c r d e n. ,Diese Vergewaltigung ist empörend. E s i s t b r u t a 1 e G e vv a 11, w e I c he d a s R e c 111 mit F ii ß c n tritt. Z u g 1 e i c 11 eine Legalisierung des A n t i s e m it i s m u s, d e r alle J u den als Bürger zweiter Kl a s s e b e 11 a n d c 11 w i s s c n w i 11. W e r nicht das G e b o t der 11 c i- 1 i g e n Thora heilig hält, welches fordert: ein Gesetz, ein Recht sei E11 c 11 und den Fremden, s o 111 c d o c h die H i 11 e 1 s c 11 e Regel: Was D u n i c 111 willst, das Dir geschieht, füge keinem Andern zu, aus praktischer Klugheit beachten. Die Logik diesei Maßregelung ist ähnlich d c r L o - gik, von welcher der Wolf gegenii her dein La m m Gebrauch m a c 111. Ihrem Kampfe für di e Un t erdrückten besten Erfolg! Hochachtungsvoll O b e r r a b b i n e r D r. M. Lern c r.“ In der Berichterstattung über diese Vcrsammhing zeigt sich das tendenziöse Familienblatt auf der Höhe seiner vielgerühmten Objektivität. Der Brief des Oberrabbiners von Altona wird glatt unterschlagen. Klee’s Rede ist mit einigen hämischen Redensarten abgetan. Einen gehässigen Angriff gegen Dr. Halpcrn übergehen wir. Er beweist nur, daß der wuchtige Hieb gescssen hat. Als unwahr muß cs aber bezeichnet werden, wenn der Bericht behauptet, Dr. Rosenbauin habe in ruhiger sachlicher Weise die in dem Artikel ״Ausländer“ ausgesprochenen Ansichten vertreten. Er hat nur die Karrcnzzeit verteidigt. Das Kapitaldepositum und das Plurahvahlrecht erwähnte er wohlweislich überhaupt nicht. Seine Verteidigung der Karrcnzzeit aber war, soweit sie sicli in sachlichen Grenzen hielt, durchaus verfehlt. Die Bezugnahme auf eine Karrcnzzeit in den Kommunen ist an den Flaaren lierhcige/.ogcn, denn das Reichstagswahirecht kennt keine Karrcnzzeit. Warum aber in die Ferne schweifen, Herr Dr. Rosenbaum?! Sie halten doch wahrscheinlich das Judentum lediglieh für eine Religionsgemeinschaft. Warum vergleichen Sie cs denn nicht mit einer der Christmehr wie einst, in ihrem Munde hat der Jargon selbst seinen Klang verändert und klingt nicht mehr nach den dumpfen Ghettoländern des Ostens, woher sie stammen. Vier bewaffnete Arabcrgestaltcn, groß und furchtbar, kamen zu Pferde angerilten. Vor dein Wagen hielten sie still. Erschrocken dachte ich an einen Ueherfall, denn im Innern des Landes hausen viel raubgierige Beduinen. Ich sali die blitzenden Ciewehrläufe, die gebogenen Schwerter und die Brust mit Patronen gespickt. Aber da klang uns schon ein ״Sciialom“ entgegen und der grimmige Araberschcich war ein jüdischer Schorn er, der mit Geführten die Spur eines gestohlenen Pferdes suchte. O wenn wir nur schon den Boden wieder hätten, klein ist noch unser Besitz im Lande und die Gefahr ist vorhanden, daß der Boden, plötzlich zur Kultur gesteigert, namenlos im Werte steigt, und dann ist es zu spät, dnjijn Ist der Grund vielleicht auf immer verloren. Drum jauchzte unser Herz, so oft wir durch jüdische Siedlungen fuhren. Da war ein kürzlich erst erworbenes Land, öd und unbelebt. Noch stehen die arabischen Höhlenhäuser, dumpfe Löcher mit Reisig bedeckt. Aber schon rührt sich jüdische Volkskraft. Bewaffnete jüdische Arbeiter schlugen Fenster in die Häuser, um darin als Pioniere einer neuen jüdischen Siedlung zu wohnen. Prächtige Menschen.' Aus Ruß. Und, den Idealismus Im Auge, starken Zukunftswillen auf der Stirn. Schon klingt auf diesem «Boden, wo noch jüngst die Araber hausten, die hebräische!Sprache uin einst ein neues Bollwerk gegen das Ghetto zu werden. Gesegnet sei eure Arbeit, meine Brüder! Hier fühlt man, daß der Zionismus, alt Traum eines Schwärmers geboren, die einzige erlösende Tat des jüdischen Volkes ist. Wer denkt hier' noch an Theorien .׳* Gebt uns Land und das Volk erwacht von neuem in Kraft und Schönheit. Eine Kluft trennt liehen Religionsgcsellschaftcn? Aus nahelicgcnden Gründen! Denn weder die cvang e 1 i s c 11 c Landeskirche, noch die k a - 111 o I i s c 11 e macht i r g c ml c i n e n Unterschied zwischen Inländern und Ausländern. Aber das braucht ein jüdischer Redakteur vermutlich nicht zu wissen. Nein! Die sachliche Verteidigung liegt Herrn Dr. Rosenbannt nicht. Dagegen hat er mit seinem neuesten Artikel: ״Herr Dr. Klee als Schlußredner“ in persönlichen Anzapfungen den Vogel abgescltosseit. Herr J)r. Roscnbuuin hat bereits in der Versammlung den Vorwurf der Ungezogenheit einstecken müssen. Sein neuester Artikel beweist, daß er nichts daraus gelernt hat. Wir übergehen daher seine Anwürfe mit der ihnen gebührenden Verachtung. Von den Zuschriften, die das Familienblatt zu seinem Artikel ״Ausländer“ veröffentlicht, vordient die des freisinnigen anhaltiniscben Landtagsahgeordneten Dr. Cohn-Dessau Erwähnung. Er erklärt nämlich, daß der Standpunkt des Artikels auch der seine sei. Da darf man wohl an die Parteileitung der Fortschrittliehen Volkspartei die ergebene Anfrage richten, ob es mit der Programmforderung des Allgemeinen gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts zu vereinbaren ist, wenn ein Parteiführer für seine engeren Glaubensgcnossen das PI ura1wah1rech t, eine Karenzzeit und ein Kapitaldepositum fordert. U. A. w. g. Wir sind mit dem Erfolge unserer Versamtnlung, in deren Verlauf übrigens 28 neue Schekel- Zahler gewonnen wurden, durchaus zufrieden. Wir haben auch die große Genugtuung, daß eine angesehene, aus Männern aller jüdischen Richtungen besteltende Gesellschaft mit überwältigender Majorität die neuesten Bestrebungen gegen die Ausländer als unvereinbar mit den Grundsätzen des Judentums erklärt hat. Uns rührt es nicht, wenn das Familicnblatt in seiner maßlosen Wut den allgemeinen Boykott aller zionistischen Anzeigen förmlich angekündigt hat. Charakteristisch ist aber, daß dieser Boykott nicht etwa durch eine rein zionistische Aktion hervorgerufen wurde, sondern uns in einer Sache trifft, in welcher wir Schulter bei Schulter mit allen Elementen kämpfen, denen die Einheit des Judentums am Herzen Hegt. Und wenn wir, wie wir glauben, durch unser rasches, energisches Eingreifen den entstehenden Brand im Keime erstickt haben, so wird uns dieses Verdienst nicht durch den Boykott eines Inserate n b l a 11 e s geschmälert werden können. Dr. Victor. die junge Generation Palästinas von den Juden Europas und mögen sielt diese noch so frei fühlen. Safed, 2. Dezember 1012. Ein wunderbarer Morgen war angebrochen, all die Maultiere neuerdings zu Berge stiegen. Blau der Himmel von oben, blau die Wasser des Mcromsees in der Tiefe, in hundert Farhensymphonien scliiminerten die hochgewölbtcn Kuppeln der Berge Gabläas, weiß feuchtete der Schnee auf dem mächtigen Haupt des hochragenden Hermon. Ein wunderbares Land. Wie gelt« Blätter im herbstlichen Walde lagen weithin schimmernde Steinmassen zwischen Felsblocken und fruchtbarem Land. Schwarze Ziegen weideten auf den Bergen, eintönig tönte die Schalmei des Hirten, sonst weit und breit kein Mensch, kein Tier, nur in langen Intervallen die Gestalten berittencr Araber. Aber diese Schönheit will erkämpft sein, denn der Weg ist eigentlich nur angedeutet, voller Steintrümmer und Kot, voller Löcher und Ahgründe. Aber gerade dies verleiht dem Ritt die Freude des Erringens. Viel jüdisches Land sahen wir, auch Bauern auf dem Felde. Dann kam Mcrom, der heilige Ort, die Grabstätte des Simon ben Jochai, des Hille! und Schammai und vieler anderer Schriftgelchrtcr und ihrer Schüler, Dort sitzen neben den ehernen Quadern eines verfallenen monumentalen Synagogenbaues au* spätrömisclier Zeit, neben einem majestätischen Portikus mit dem fernen Blick in das weite Land — dort sitzen in wenigen schlecht gebauten dumpfen Häusern einige Familien, die von der Chalukka leben und dafür viel beten. Alte vcrschrumpftc V/ciblein küßten die Wände des Bethauses, ehe sic wieder mühsam auf ihr Maultier krochen. In dumpfen Zimmern saßen junge Menidien mit Streimel und Kaftan, junge

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