Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1913)
- Date
- 1913-02-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 6 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 53 Soweit <kr Gedankengang, den Herr Theodor Kappstein entwickelte; einige Male machte er allerdings merkwürdige Scitensprünge, so als er dem Zionismus ein wohlwollendes Lob erteilte, wenn dieser sich darauf beschränkte, den armen östlichen Juden zu helfen lind sie anzusicdeln. Wie diese ״Hilfeicistung“ mit dem Aufgeben jedes jüdischen Zusaminenhangs zu vereinigen sei, überließ der Kulturphilosoph der Erwägung seiner Zuhörerschaft. Auch eine reiche Anerkennung, die er Sombarts Worten von der Arterhallung spendete — Worte, die ihm aus der Seele gesprochen seien — gelang es ihm, in seinen Vortrag einzufügen, wenn schon das Ziel seiner Ausführungen in der Forderung nach Artvernichtung der Juden gipfelte. Indessen wäre es unbillig, solche kleinen Irrtümcr einem Manne übel zu nehmen, der In einem Vortrag über die Judenfragc erklärt, von der Lage der russischen Juden wisse er nichts, denn die Zeirungsbcriclite seien tendenziös und was man von Reisenden höre, klinge ganz anders. Damit war für ihn die russische Judenfrage abgetan, und von der ungeheuren Wichtigkeit, die sie für uns deutsche Juden hat, von der Tatsache, daß man die deutsche Judenfrage gar nicht isoliert betrachten darf, weil man dann zu ganz schiefen Rcsultaten kommt, hat Kappstein offenbar keine Ahnung; der innige Zusammenhang, in dem die euphemistisch sogenannte Ausländerfrage mit der Judenfrage steht, scheint ihm unbekannt zu sein; schon die ganz verkehrte Problemstellung also, die Isolierung der Frage auf die einzelnen Nationen, bedingt die Falschheit seiner Annahme, daß die Juden sidi in den Nationen auflösen könnten, in denen sie wohnen. Kommt dazu vollends die Voraussetzung von der ״heroischen Anpnssungsfähigkeit“ der Juden und wird ihr nicht zugleich als gleichberechtigte Voraussetzung das Zusanirncnhaltcn der Juden untereinander (das viel heroischer ist) gcgenübcrgestellt, so ist das eine Einscitigkeit, die zwar der Sazialetliiker Kappstein für seine Beweise dringend benötigt, die aber der unbefangene Beurteiler ablchncn muß. Die Anfechtbarkeit von Kappsteins Ausführungen gerade vom ctliisehen Standpunkt aus, braucht nicht dargclegt zu werden, da er ja selbst durch die Anerkennung der Hilfsarbeit für die Ostjuden seine übrigen Ausführungen über den Haufen gerannt hat. Viel wichtiger aber als die unhaltbaren Ansichten Kappsteiiis an und für sich ist es, dafl hier wieder einmal eine Stimme aus detn liberalen, sogar radikalliberalen Lager herübertönt und uns die Mitteilung macht, daß man uns für keine ״richligen" Deutschen hält. Wir Zionisten haben uns nk über die Stirnimuig in den deutsch-christlichen Kreisen Illusionen hingegeben und haben gewußt, daß wir auch bei noch so liberalen oder kulUirpliilosophischcn Naturen als Halbbürger gelten; aber vielleicht macht cs doch auf diejenigen unserer Glaubensgenossen, die bei den Liberalen als gleichberechtigt angesehen zu werden glauben, Eindruck, daß ihnen schon wegen der Feier ihrer Feste allein das deutsche Vollbürgertum bestritten wird, Wenn nach der Ansicht eines Mannes wie Kappstein, dem wahrhaftig niemand Antisemit«• ums vorwerfen wird, sogar die Zugehörigkeit zur Alliance oder zum Verband deutscher Juden, die Möglichkcit ganz Bürger ihres Landes zu werden, für die Juden aufhebt, dann sollten endlich diejenigen zur Besinnung kommen, die bisher von Kompromiß zu Kompromiß geschritten sind, Und sich klar machen, daß die Forderungen, die an sie gerichtet werden, unerfüllbar sind. Vor etwa zwei Jahren äußerte Joseph Köhler ähnliche Oedanken, wie sie heute eindringlicher und ausführlicher Theodor Kapp* stein wiederholt. Hoffentlich wirkt seine bittere Pille als Gegengift gegen die Schlafmittel, die liberak Weisheit fabriziert, um dem Judentum Im Schlummer süße Assimilationsträume vorzugaukeln. Ernst Hamburger, Berlin. Nationaljudentum oder Zionismus? Von M. Cal vary, Crossen a. O.*) . . . Aber bedurfte es dazu des Zionismu»? Oe* nügte da nicht, eine Betonung der nationalen Kräfte, wie pie Achad Haam, Dubnow, Mathias Acher pre* digen? Ja, hatte das deutsche Judentum nicht eine Weltanschauung, oder doch wenigstens das Surregat einer solchen, in jener ästhetischen Lebensrieht 11 ng, die, im Anschluß an große deutsche Männer, der Schönheit in Leben und Kunst sich willig hingab? Es ist in der Tat kein Zweifel, in der Wurzellosigkeit, auf der der Aesthetizismus der deutschen Juden sich aufbaut, stecken auch kul lurfördemde Werte, und Theodor Mommsen wußte sehr genau, warum er die Juden als ein Element der Dekom- Position der Stämme und darum gerade als ein Ferment der deutschen Einheit willkommen hieß. Das letzte Jahrhundert war, besonders in seiner zweiten Hälfte, eine Epoche der Stiltosigkeit. Die Architektur, von jeher ein guter Gradmesser für die kulturelle Kraft einer Zeit, bietet das klarste Beispiel. Aber auf allen Gebieten haben wir ein starkes Anwachsen von bloßen Talenten, die im wesentlichen eklektisch schaffen. Die deutsche Malerei verziehtetc fast auf ihre letzten Ziele, um erst eine neue Art zu finden, die Natur zu fassen und zu gestalten. Die deutsche Musik sucht neue Ausdrucksformen. In «ler deutschen Literatur breitet sich neben wenigen wurzelhaft schaffenden Naturen immer mehr eine allgemeine!Kultiviertheit aus. Sie schafft nicht null «len deutschen Essay, der freilich in Hermann Grimm, Gildemeister, Hillebrandt gleich eine gewisse Voll* cmliing fand, sic setzt auch der rein Wissenschaft* Hellen Produktion künstlerisch-literarische Ziele. In einer solchen Zeit des Uebcrgangs ist der rezeptive, feinnervige Aesthetizismus, der den gebildeten Juden charakterisierte, seine Organe in freier Beweglichkeit den neuen Erscheinungen öffnete, überaus wertvoll, ja ein notwendiges Produkt. Er ist nichts anderes, als das Suchen nach einem neuen Stil. So ist dieser Aesthetizismus denn auch nicht dem Juden allein eigen, aber seine Folgen sind für ihn *) Die Broschüre unteres Freundes Calvary, ״Die Aufgaben des deutschen Zionismus“, auf die wir bereits mehrfach hinwiesen, behandelt ein« Reihe interessanter und tiefer Probleme, die die Theorie unserer zionistischen Anschauung bildet. Eine dieser Abhandlungen setzen wir mit gütiger Erlaubnis des Verfassers hierher und empfehlen jedem ernsten Zionisten die Lektüre des ganzen Heftes, das — obwohl keine Werbeschrift un eigentlichen Sinne — doch berufen ist, eine Lücke in unserem Propagandamaterial zu füllen. Wir und Theodor Kappstein Der bekannte Schriftsteller und Dozent Theodor Kappstein spricht augenblicklich in einem Vortragszyklus in der freien Hochschule über das Thema ״Wir und der Zeitgeist“, und hielt die Judenfragc in diesem Zusammenhänge für wichtig genug, um ihrer Erörterung die beiden ersten Stunden zuzuwenden. Die Ansichten, die er dabei äußerte, waren in ihrer Ehrlichkeit und präzisen Klarheit so interessant, daß cs sich verlohnt, sic kurz wiederzugeben. Kappstein bekennt von vornherein, daß er von der physiologischen und medizinischen Seite der Rassenfrage nichts verstehe; er will sic nur vom sozialelhischcn und kulturphilosophischen Standpunkt aus beleuchten. Darauf setzte er sich mit den Ausführuugen H. St. Chambcrlaiiis auseinander, dessen Walirschcinlichkeitsbcwcisc er scharf kritisierte lind dessen oberflächliche Darlegungen er an typischen Beispielen klarstellte. Ein günstigeres Urteil hatte er über Sombarts bekannte Schriften, besonders über ״Die Juden und das Wirtschaftsleben“, woraus er einige statistische Tatsachen und Ergebnisse sowie Schlüsse des Verfassers referierte. Für Kappstein selbst nun — hier kommen wir zu dem für uns intcressanten Teile seines Vortrags — besteht die einzige Möglichkeit der Lösung der Judenfragc in dem Aufgehen der Juden in den europäischen Völkern, speziell also, was ihn am nächsten angcht, der deutsehen Juden im deutschen Volke. Dadurch befürchtet er keine Verschlechterung des deutschen Volkscharakters, da er weder an die guten Eigenschaften der Deutschen noch an die schlcchetn der Juden glaubt, d e ihnen als im Volkstharakler liegend zugcschricbcn «erden. Von den deutschen Juden aber verlangt Kappstein eindringlich die Betätigung der Anpas- »imgsfähigkeit, der Eigenschaft, die sie zu allen Zeilen in geradezu hcorischcr Weise geübt hätten und die er an ihnen mit beinahe ehrfurchtsvollen Worten preist. Er verurteilt jede Beeinträchtigung ihrer Staatsbürgerrechte und konzediert ihnen volle Gleichbercchtigung; die Juden seihst aber sollen sich bemühen, ganz Bürger ihres Landes zu werden und jeden nationaljüdischeii Zusammenhang aufgeben. Wenn Deutsche, Franzosen oder Engländer den bcgründeten Verdacht liegen müssen, daß die Juden neben dem Nationalhewußtsein ihres Landes noch an erster oder zweiter •Stelle ein jüdisches Zusammen• gehorfgkcilsgcfülil haben, wie cs sich zurzeit in der ״Aliiancc israölitc universelle“ äußert, dann schaden sich die Juden am meisten selbst damit, Die vollständige Abstreifung des Stammesgefiilils muß aber auch noch in andern Punkten ciiisel/eii. Es geht nicht an, daß sich die Juden von den I )einscheu in so tiefgreifenden Dingen wie Speiscbeoliachttingen und Kalender unterscheiden; um ganz Deutsche zu werden, müssen sie die deutschen Feste mitfeiern und ihre besonderen Festtage aufgehen, durch die sie sich ebenfalls in Gegensatz zu den Deutschen stellen. — 1111 allgemeinen sagt Kappst«11!׳, sei die Jiulcnfrage nicht ausschließlich eine religiöse, son- (lern eine nationale Frage, die in jedem Volke einzeln durchgcarbeitct und gelöst werden müsse, Er schloß mit einer längeren Polemik gegen die Antisemiten, wies auf den Zusammenhang des Judentums und Christentums sowie der Religionen überhaupt hin und äußerte seine Ansichten über die Entwicklung der Menschheit in religiösen und nationalen Dingen. Lebensmitteln das Leben selbst vergessen. Heute ist die Unzulänglichkeit der materialistischen Kultur auch im Westen von den Wesenhaften erkannt worden und darum wendet sich ihr Interesse mit solcher Gewalt dem Orient zu. Als Repräsentanten östlichen Geistes erscheinen die Inder, die ein Beispiel der vollendeten Selbstverwirklichung in der Sphäre des Psychischen, und die Chinesen, die ein Beispiel vollendeter Selbstausprägung im konkreten Leben sind. Doch kann der Westen den Geist des Ostens nicht einfach übernehmen, er muß ihn erwerben. Der Westen hat einst eine Welle östlichen Geistes im ,Christentum empfangen, doch hat er diese Lehre, die zu seinen innersten Bestrebungen vielfach im schärfsten Widerspruch steht, in seinem Sinne umgedeutet und umgebildet. Heute aber ist das Bedürfnis stark und so wie der Osten zwar die Elemente westlicher Zivilisation annehmen, dabei aber seine Eigenart behalten muß, um bestehen zu können, so muß der Westen zwar die Eigentümlichkeit seiner Denkmethode behalten, doch zum Wesen des Lebens, das dem Orient offenbar war, Vordringen“, — Das große Interesse, das sich heute allenthalben in der geistigen Beziehung zwischen Orient und Okzident geltend macht und das auch aus diesem lesenswerten Aufsatz spricht, ist geeignet, die Beurteilung auch der Judenfrage von ganz neuen Gesichtspunkten zu ermöglichen. Wenn man erkennt, daß Orient und Okzident einander als geschlossene geistige Welten gegenüberstehen (in einem viel wesentlichere*! Gegensitze, als der der Rassen ist), wird man begreifen, daß die tiefste Tragik des Judentums jenseits aller äußeren Verfolgungen und Bedrückungen die ist, daß es als ein glühender Splitter orientalischen Geistes in die Fesseln des Okzidents gelegt worden ist; der Geist des Judentums ist hier mißhandelt, entstellt, bedrückt und geknebelt worden und hat sich zuweilen mit elementarer Gewalt frei zu machen gesucht (z, B. im Chassidismus). Erst in einer Vercinigung mit der alten Welt des Orients, durch Uebcr- Windung aller westlichen Scheingebilde, kann das Judentum wieder eine schöpferische Macht werden. Dahin geht sein Sehnen. Aaronsohns Entdeckung und — die Germanentheorie In der neuesten Nummer der ״Mitteilungen und Nachrichten des Deutschen Palästinavercines“ bcspricht der berühmte deutsche Geologe Professor Blanckenborn, der bekanntlich selbst sehr viel zur wissenschaftlichen Erforschung Palästinas beigetragen hat, die aufsehenerregende Entdeckung des jüdischen Kolonistensohnes aus Sichren - Jacob Aaronsolin, der bekanntlich an den Nordabhängen der Hermon die Urform des Weizens entdeckt hat. Blanckenborn bestätigt nicht nur den hohen wissenschaftlichcn Wert dieser Entdeckung, ihre ökonomische Tragweite — könnten doch mit dem Widerstandsfähigen Urweizcn heute brachliegende Trockengebiete bebaut werden —sondern er streift auch ihre kulturgeschichtliche Bedeutung. Hierüber sagt er u. a. folgendes; ״Jedenfalls sind seine Entdeckungen ein schwerer Schlag für gewisse archäologische Theore* B■*■■1■™ ■iBJ"■". Jü..... JÜ'UL "!'---■i .!" SU ■LI ÜLBSJJ1 tiker, welche in allzu großer Begeisterung für die höhere, überlegene Kultur Europas, speziell der Oermanenvölker, auch den ersten Anbau der wichtigsten Gctreidearten, namentlich der edelsten derselben, des Kulturweizens, dann der Gerste und des Roggens, sich in Europa und gar im Norden desselben vorstellten!" Per Jude Aaronsohn hat also mit seiner Entdeckung ganz unbewußt der berühmten Theorie, daß alle Kulturgrundlagen von Germanen herrühren, einen ״schweren Schlag“, wie Blanekenhorn, ein rasseechter Germane, sagt, zugefügt. Wie viel wäre aber trotz dessen und trotz Zollschans Untersuchungen, noch von jüdischer Seite zu forschen und kritisch zu beleuchten, um die Chamberlain, Woltmann, Wilser usw, zu widerlegen! Es ist merkwürdig, wie di« ganz* lieh hypothetischen, jeder wissenschaftlichen Beweisführung entbehrenden Theorien dieser Herren von den strengsten Wissenschaftlern gläubig hingenommen werden, schmeicheln sie doch ihrer nationalen Eitelkeitl Die germanische Wissenschaft ist eben ״voraussetzungslos“ nur dort, wo’s nicht gegen die Juden geht. ״Jung Juda“, Zeitschrift für unsere Jugend in Prag. Von dieser Zeitschrift ist soeben die I. Nummer des XIV. Jahrganges in schöner Ausstattung und mit mehrfachen Illustrationen erschienen. ״Jung Juda“ erscheint alle vierzehn Tage und kostet jährlich 5 M. Die Administration versendet an alle Leier, welche diesen ganzjährigen Bezugspreis bezahlen, ein •chfinei Buch als Bezugsprämie gratis.