Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1913)
- Date
- 1913-02-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 52 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 6 mit geistigen Waffen vertreten und in freiem Akinungsaustausch propagieren wollte. Und das hatte genügt, tun auf einmal an Dutzenden von Stellen erprobte und feurige Anhänger jeglicher Art politisch er und geistiger Freiheit umpurzcln zu lassen. * Aber cs kam besser; wir können jetzt das Neueste im deutschen Judentum vermelden: ln einigen Ciemeinden begann es Wahlkämpfe zu geben; die /ionisten, die man mit wunderlicher Borniertheit \011 der (iemeindearbeit ausschliellen wollte, wimkIiU'ii auch für sich den wohlverdienten Platz in der Otnieindcstuhe zu erkämpfen, dort, wo russisehe Juden ansässig waren, häufig von diesen unterstützt. Ls gab ein wenig Aufregung unter den Maflgebenden, •־ aber diese Gruppen, zu klein gegenüber den von den Interessenten zu sinnloser Zionistenangst aufgehetzten Wiililermassen verschiedenster Kühlungen, blieben in der Minorität, und man beruhigte sieh wieder. Da trat die Vereinigung für liberales Judentum mit ihrer Agitation auf, und nun formierte sich überall, wenn man von wenigen Orten absieht, eine ganz andere Gegnerschaft gegen die bisher fast überall unbestrittene Herrschaft der Liberalen. Alle, die, ohne Zionisten oder Orthodoxe zu sein, das Judentum der ״Liberalen“ ablehnten, die grolle sogenannte Mittelpartei, dazu Orthodoxe und Zionisten, sahen einmal über die tiefgehenden Divergenzen, die sie sonst voneinander trennten, hinweg und gingen bei den Wahlen zusammen. In einigen Städten sahen sich die Liberalen einer beängstigend grollen Minorität gegenüber, hier und da gab es sogar Niederlagen. U n d '11 u n geschah etwas, w o m i t man ein halbes Jahrhundert politisehen Liberalismus mit geradezu erstaunlicherUngenicrt 11 eit verleugn etc: in einer Reihe von Gemeinden dachte man gar nicht daraii, ״die Volksstimme zu respektieren“, wie es so schön heißt, die auf Grund unantastbaren Rechtes hier auch einmal gegen die sonst so wackeren Forderer von Freiheit und Gerechtigkeit selbst gesprochen hatte, sondern nach russischem und polniseh-galizischen! Vorbild suchte mnn’s sich bequemer zu , machen, und begann mit fröhlichem Zynismus ganz einfach auf Wahlrechtsraub zu sinneil. Gegen die Mittclparlci war zunächst nichts zu machen, den Orthodoxen konnte man auch nichts anhaben, man konnte nicht gut Tfillimlcgen als vaterlandgcfährlieh denunzieren; gegen die Zionisten dieses zu versuchen war auch zu dumm das edle autizkmistisehe Hausieren mit dem eigenen, ach so heillen Pafriotismus wollte dort oben, wohin es gerichtet war, mm mal gar nicht ziehen —, aber da waren ja die Russen, die ״Ausländer“, die meist mit den anderen mitgestimmt und ihnen hier und da vielleicht die Majorität verschafft hatten, an die konnte man schon eher heran. Da salien sie in den deutschen Städten scheu und verschüchtert, von dem Lande, das ihnen eine Heimat sein sollte, durch die fürchterlichsten Quälereien weggehetzt, oft Jahre, vielleicht Jahrzehnte lang hier ansässig und doch heimatlos und wie Verbrecher jeden Tag gewärtig, in die Holle, aus der sie geflohen, zurückgejagt zu werden. Und das einzige Verbrechen dieser Unglücklichsten unter den Menschen? Daß ihre Vorfahren so unvorsichtig gewesen waren, nicht fünfzig oder hundert Jahre früher nach Deutschland einzuwandern, wie die Väter der ״Maßgebenden im deutschen Judentume“, die heute so kiilil und Maurice Moscowitch in Daniel Daniel! Maurice Moscovitch im jüdischen Theater in London ist «in Erlebnis. Träume von jüdischer Kunst, geträumt und erhofft in stillen Stunden, werden Wirklichkcit. Daniel Danieli von Richard Voll feiert seine Aufcrstcining in der alten Jargonspraclie. Die viel gelästerte, die viel bewitzelte Sprache der östlichen Juden gewinnt Wohlldang, Innigkeit, Stärke und Kraft im Munde des größten jüdischen Künstlers. Mail mag vom dramatisch-künstlerischen Standpunkt aus manche berechtigte Einwände gegen das Drama erheben, man mag u. a. wünschen, daß das Ganze in 'S nicht in 4 Akten sieh bewege, und sich so ruscher entwickle. . Welch berechtigten Einwand man auch sonst haben mag, alles tritt zurück vor dein Gefühl, daß hier ein Gestalten jüdischen Lebens ist, echt jüdische Charaktere gezeichnet sind. Wir sind arm, sehr arm an solchen Werken und müssen darum das Einzelne höher halten. Alier in Deutschland spielt man mit Vorliebe ״Die fünf Frankfurter“ und die Juden kommen und freuen tlcU am jüdischen Milieu, das ihnen hier, ach, so schwach geboten wird. Sie haben vergessen, daß die alte, sanfte Mutter Judala keine echte Jüdin ist; doch Daniel Danielis Mutter, das ist eine Judeumutter durch und durch. Sie weiß dem vom Judentum abgefallenen Sohn all ihre Liebe zu versagen, ihn im Elend zu lassen, ja ihm zu fluchen und ihn erst in vornehm von ״russischen Juden“ sprechen. Und diese ״Russen“ besaßen die Dreistigkeit, von dem einzigen Rechte, das sie außer dem, unter Poliz.eiaufsicht zu atmen, hier besaßen, Gebrauch zu machen, dem Rechte, das ihnen die wahrlich nicht judcnfretnidliehen Regierungen bereits vor 1818 verliehen hatten, nämlich in den Syiiagogeiigcincindeii bei Wahlen nach ihrer Ucbcrzeugung zu stimmen. Zum ersten Male war das scheinbar so bis auf die Knochen liberale deutsche Judentum auf die Probe gestellt, ob es ihm wirklich ernst war, mit der Forderung, daß politische Rechte unerschütterlich respektiert werden mußten, auch wenn Ihre Wirkungen einmal den Herrschenden unbequem wären, zum ersten Male sah dieses Judentum sich seihst in der Lage, eine gewisse Machtstellung gegenüber einer abweichen־ den Ucbcrzeugung verteidigen zu iiiiisscn, und der Erfolg dieser Probe: der öffentliche Skandal, den wir jetzt im deutschen Judentum zu verzeichnen haben. Zuerst versuchte die Badener Synode den ausländischen Juden das Wahlrecht zu entziehen; der gleichzeitig gemachte Versuch, ein geradezu blödsinniges Gebetbuch einzuführen, löste in dein von Ausländern fast freien Lande eine wnlire Volksbewegung aus, und die Initiatoren dieser beiden glorreichen Aktionen erlebten ein klägliches Fiasko. Dann brachte in der Kölner Repräsentanz der Liberale Falk einen gleichen Antrag ein, der aber angesichts der allgemeinen Empörung in der Gemeinde zuriiekgezogen wurde. Seit kurzem machen Vorstand und einige liberale Repräsentanten in Duisburg in ziemlieh rüder Weise denselben Versuch, und schon hören wir wieder, daß in Danzig eine Ik'schriinkung des Ansländerwahlrechts erwogen werde. IXirt hatte der Vorsitzende tles Vorstandes vor der Wahl erklärt, so lange er lebe, werde kein Zionist in die Repräsentanz kommen, und wenige Wochen später mußte er diesen Todesengel in die Gcmcindcstubc cinzichcn sehen; cs .soll aber weiter keine ernsteren Folgen gehabt haben. Ob übrigens von einer Entziehung des Wahlrechts die Rede ist oder, wie neuerdings hier und da, von einer Revision desselben, ist vollkommen gleichgültig. Man begnügt sich eben wohl oder übel mit einer Revision, wenn man sich vor den Wählern fürchtet oder vor der öffentlichen Meinting schämt, einen glatten Wahlrcclitsraub zu bcgehen. Deshalb sind Gesinnung und Motive doch die gleichen. Auch in diesem diplomatischen Bemänteln der eigenen unrühmlichen Absichten zeigen sieh die Herrschaften als begabte Schüler reaktionärer Staatsweisheit. Nun, meine Herren, wenn Sie jetzt also ernstlieh ans Werk gehen wollen, wie gedenken Sie Ihren edlen Plan der Staatsbehörde plausibel zu machen? Es stehen Ihnen hier wie immer im Leben zwei Wege offen, nämlich, entweder Sie lügen oder Sie sprechen die Wahrheit. Falls Sie lügen wollen, was Sie aller doch gewiß nicht tun werden, so werden Sie sagen: Exzellenz, die russischen Juden sind eine höchst staatsgefährliche Gesellschaft, sämtlich Sozialdemokraten oder gar Anarchisten, die dauernd finstere Pläne gegen das Wollt des Vaterlandes, insbesondere die staatliche Autorität schmieden. Da sie bei den jüdischen Gemeindew.iIllen regelmäßig Vertreter der Umsturzpnrteien in die Repräsentanz wählen, wodurch der Bestand des Deutschen Reichs seiner letzten Stunde, als er ganz zum Judentum zurückgckchrt ist, zu ,benschen. Und diese leidensehaftliche, von Daniel Danieli verlassene Geliebte, nunmehr die Frau seines Bruders Mosche, die liebt, haßt und nur durch ihren gemeinschaftlichen Tod mit Daniel Danieli ihrem gestörten Leben einen Aus* gleich geben kann, ist aus echtem jüdischem Blut. Mosche, in seinem Haß gegen den bevorzugten, von allen geliebten Bruder, der fest auf dem Boden der materiellen Welt und der alten Traditionen des Judentums steht, ist der Typus des orthodoxen Ghettoj u den. Daniel Danieli selbst ist die immer wiederkchrendc Erscheinung des getauften Juden seit der Emanzipationszeit. Des Juden, der liinausstrcht aus dem engen Ghetto und in der römischen Gesellschaft zum reichen Antisemiten wird. Und doch nennt ihn die Umgangsspräche ״schlecht getauft“. Demi mit allen Banden wurzelt er fest im Judentum. Er ist nicht abgestumpft gegen jeden leisen Ton des Hasses, 1k*r sein verlassen Volk bedroht. Er verzehrt sich in Sehnsucht und Reue nach dem Frieden der Sabbathnacht im Elternhause. Doch seine Rückkehr ist zu spät, er ist gebrachen und nur der Tod bringt ihm Erlösung und den letzten Segen der Mutter. Maurice Moscowitch hat .alle Töne für diese* kämpfend* Leben. Er ist packend Im Schmerze, hinreißend in den Worten der Reue und Buße, Er stirbt, wie ich nur *inen Kainz sterben sah Maurice Moscowitch ist ein Großer, ein Gestalter, Und wie ich m seltener Freude ihm im Geiste den Dank des jütlnschen Volkes zu ,Füßen legen wollte, ihm, dem aufs äußerste gefährdet wird, so liegt cs im Staatsintercssc, ihnen so schnell wie möglich das Gemcindcwahlrccht zu nehmen. Oder, und ich zweifk , nicht daran, daß Sie das tun werden, Sie werden die Wahrheit sagen, und dann werden Sie etwa so sprechen: Dier.e Leute sind so verängstigt, dal) sie kaum zu atmen wagen, geschweige denn sieh im mindesten um die Landespolitik kümmern; ja wenn sie in höchst unpassender Weise von jüdischer Seite 1 durch dunkle Andeutungen über stete Ausweisungs- , gef.ihr, Polizei und dgl. noch mehr cingesehüdilert werden, als sie es ohnedies schon sind, weigern sie sich vor lauter Angst sogar dir Gcmeindewahlrecht aiis/uiilien und müssen dann erst sehr energisch darulier aufgeklärt werden, daß ihnen niemand deshalb etwas anhaben kann. Wir hatten auch bislier niemals etwas gegen sie eiimiwendcn, weil sie bis jetzt hübsch gehorsam immer so wählten, wie wir es den Wäldern vorschnellen; neuerdings wagen sic ן aber eine andere religiöse Meinung zu haben als , wir und gegen den Stachel des von uns propagierten liberalen Judentums zu lecken, und da wir zwar nach außen hin große Demokraten sind, wenn wir 1 unter uns sind, aber eine ganz andere Melodie pfeifen, 1 so gedenken wir uns schleunigst diese unbequemen Leute vom Halse zu schaffen; und dazu sollen Sie 1 uns verhelfen, indem Sie ihnen das Gcmeindewahl• recht entziehen. Meine Herren, nicht wahr, das wer- ' den Sie doch sagen, denn das ist ja die Wahrheit, aber dann, bitte, laden Sie mich doch dazu ein, damit ich das Gesicht sehe, das Exzellenz hierzu machen wird. Meine Herren vom liberalen Judentum, für diese Dinge sind selbstverständlich nicht alle ״jüdischen Liberalen“ verantwortlich zu machen, auch auf Ihrer Seite sind die überwiegende Mehrzahl anständige Männer, die auf politische Sauberkeit halten; aber warum schweigen Sie denn? Aus Ihrer Mitte allein kommen diese Versuche, die jedem antisemitischen Buben das Recht geben, mit dein Finger auf uns zu zeigen und uns als politische Heuchler der öffentj liehen Lächerlichkeit preiszugeben; warum schweigen Sic, die Sie ja so oft Ihre Stimme erheben, wenn man anderen ähnliches antun will; 'warum schweigen Sic gerade jetzt, wo gegen die Unglücklichsten Ihrer eigenen Olaubenshrüder von Juden aus Ihren Reihen ein so blamables Attentat versucht wird? Wenn man nicht glauben soll, und ich glaube es wirklich nicht, daß Sie selbst sich zwar für zu gut halten, sich mit solch einem Geschäft zu kompromittieren, aber es nicht ungern sehen, wenn andere die Sache machen, dann werden Sie nun wohl sprechen müssen, wie Sie zu diesem Stückchen Ihrer Parteigenossen stehen. Und diese Aeulterung von Ihnen, meine! FIcrren, erwarten jetzt nicht nur russische Juden und Zionisten — es ist ein perfides, sehr durchsichtiges Manöver gewisser Stellen, immer zu behaupten, daß die Russen einseitig die Geschäfte der Zionisten bcsorgen —, sondern alle diejenigen Richtungen im Judentum, die man durch den geplanten Wahlrechtsraub an den Russen mundtot machen möchte; oder vielleicht, meine Herren, erwarten das alle Juden in Deutschland, denen es mit politischem Anstand und politischer Ehrlichkeit Ernst ist. Zauberer der alten, verachteten Jargonspraehc, ihm, t׳er nur eine Vorahnung der Kunst in unserer ureigenen hebräischen Sprache zu geben vermag, werde ich aus meiner Begeisterung jäh herausgerissen. Neben mir höre ich zwei Juden sagen: ״Its a pitv,!hat hc docs n’t give an Eng!is|1 play.“ Ihr Juden des East, auch ihr seid schon vergiftet von der Luft der Assimilation. Auch ihr wißt cs nicht mehr zu schätzen, welch große eigene Werte in euch schlummern! Und möget ihr auch abfallen, mag ein Teil von euch sich auch ganz assimilieren, uns bleibt die Hoffnung, daß nichts so sehr das jüdische Volk zum stolz bewußten Judentum zurück- 1 zubringen vermag, wie echte jüdische Kunst. Wo so tausendfältiges Sehnen ist, da lebt auch! der Dichter, der neu und groß das alte Judenlied zu rühren weiß. Paula Hammel (z. Z. London). Orient und Okzident Das Januarheft der Zeitschrift ״Die Tat“ (her• ausgegeben von E. Horncffer und K. Hoffmann, Verlag Eugen Dicderichs, Jena) bringt einen sehr interessanten Vortrag von Hermann Graf Key *er- I i 11 g ״Ucbcr die innere Beziehung zwischen den Kulturproblcrncn des Orients und de* Okzident*1', den der Verfasser vor einem vorwiegend chinesischen Publikum hielt. Der , Sinn des Orients ist auf Uft• mittelbare* Erfassen der metaphysischen Wirklichkeit gerichtet, was wir Leben im wahrhaften Sinne nennen dürfen. Der Westen hat vor lauter Interesse an den