Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1913-02-07 · Heft 6 (7.2.1913) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 6 (7.2.1913)
Date
1913-02-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2651273-2651815-2651822--08787-2666062
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

r I I I Abonnements auf die wüdirntlich am Freitag er- «heinende ״Judlich« Rundacdiau" kosten bei der• Cipedition und bei alten Poatlmtern vierteljäbrlldi 1.R1M., anfierhalb Deulachlanda und Oeaterrakb-Ungarna 2,— M.| für Mitglieder jOdiuhrr Vereine im Sammelbaaur durch den Verain 1,— M, Vsrlng JUdlach• Ruadschn■ E. G. m. b. H, BERLIN W.IS, Sldnluln Strafiet. Tclepboni Amt Uhland 845. Gaachfilteitunden 1 9—1 und 4—7 Uhr, außer Sonnabend und Sonntag. ך ןי״״־י/ ץ* .-j גי־■ ‘V& V ףי־־״׳#ן 1 I ( •X. pj f~ ץ־ W■ iiij *'*'■*««, ע_ Anzeigen koitea für di• •edhspMDatt•»• PMit• *eile oder der•» Raum 40 Pf. j St«II«o* Angebote und -(!«•unh• •owi• Vtriit•• Mitteilungen und ,Klc>n• Anzeigen•1 ö O bw 30 Pfennig. □ G Manualtrlfft« *erd*», wenn Port® •Ult ■urückgesaadb RedakUontacdiluftl Mittwoch vormittag•, Redaktion jQdlaci■• tiuididiM BERLIN W.15, Slchaiach« Straft•«. Tilephon 1 Amt übland 84S. itag 11 5—ft Uhr nadi mittag«. rrn n n r t j ף._ח י□ uvj Nummer 6 Berlin, den 7. Februar l§13 30 ־■־־־־. Sch’bat 5673 XVIII. Jahrgang nnri ■rr■ זדה gm Ausweis Schekel (für 1013): Lissa i. P. 1,-, Frankfurt;1. M. 4,—, Alf 1,—. Wagenfeld 1,~, fierkow i. I». I,-, Butzbach 1, Glogau 2,~, Berlin 10,- . Landesorganisationsbeltrllge: 1. Ortsgruppen: für 1012, Aachen 34, ~, für 1013: H. Z. v. 100,- , Frankfurt a. M. 45, Alf 1,—. 2. Einzelpersonen; für 1012: Kcf. Ericli Herzberg (V. J. St.), Berlin, 5, Siegfried Engel, Berlin, 10,--, Dr. Ined. F. Wagsclial Main/., 5, , Aron Hofni.mn, Kölnf 10, Salonion Ilofitianii, Köln, 5, -, M. Strauß, Köln, 5,—, Heinrich Maier, Mülhausen i, E,, 6,--; für 1013: Dr, Ludwig Mayer, Strallhurg. 5, , L<1uis Lcwin, Nisehon l.e-Zion, 10, -, Richard Kiiiiffmann, Mannheim, 10, , Karl M. Itaer, Neukölln, 5,--, Zahnarzt Theodor, Künigsherg, 5, , Walter Hieß, Südcmlc-Stcglitz, 5, David Hambtirger, Frankfurt a. M,, 5,-- Jakob Silberstein, Allenstein, 5, -״-, Julius Busse. Berlin, 100,—, Luden Dreyfuß, Straßhurg, 10,—. I)r. Floppe, Königsberg, ft, , Hermann Salomon, Löcknitz, 5,— l)r. Ad. Jacobsohn, Lüneburg, 30,— Dr, Sclircucr, Glogau, 5, Dr. ()ruber, Glogau, 5, - M, 3. Verschiedene Spenden: Kattovvitz 2,50 M, Eingang vom 29. Janunr bis S. Februar 1 S c It e - kel; für 1013: 21, - M,; La n d« lor g tt 111 s a t i - on sl> eit rä ge: für 1012: 70, -, für 1013: 350,50 Mark, Gesamteingang 1 Schekel: für 1013; 32ft, — Al irk; 1.11 n d c s o rg a n I * 81 i 011 k bc 11 r ri;׳ e: für 1012: 20235,4(1, für 1013: 31158,50 M, Adresse für Geldsendungen: Zionistische Vereinigung für Deutschland, Berlin W, 15, Stich־ sische Str. 8. Postscheckkonto: Berlin 8091, Bankkonto: A. H. Heymann & Co,, Berlin NW., Unter den Linden 59. Neues vom deutschen Judentum Von Dr. Walther Stein. Wie war’s doch ehedem so friedlich und bcschaulicli still im deutschen Judeiitume. Es war jener milde Friede, der dort waltet, wo alle, gleichviel wessen Standes und Alters, der Großvater wie der Tertianer, das gleiche denken, das gleiche wünschen, das gleiche fürchten und über das gleiche — vor anderen — nicht reden. In der Tat, so verwunderlich das bei unseren! bekannten Ucberrcichtuni an Individualitiiten klingen mag, es gibt nicht viele Mensclicngruppcn, die in gewisser Beziehung geistig so uniformiert sind wie die deutschen Juden es einige Menschenalter hindurch waren, und die Mehrzahl von ihnen cs noch heute ist, Herangebildct und das ganze Leben lang genährt durch die gleiche, sorgsam auf unsere Interessen und unseren Gcschmack zugeschnittene und alles, was unsere, ach so leicht zu erschütternde, Ruhe stören könnte, bcliutsam von uns fcrnhaltciidc Presse, die gleichen Gespräche aus dem gleichen Gesichtswinkel über Politik, Literatur und was sonst den Juden int e ressiertc, Tag für Tag von den Alten hörend und mit der gleichen Selbstverständlichkeit das gleiche redend, wenn wir herangcwaclisen, so hatte sich ein gegenscitlgcs Verstehen unter dieser halben Million Mensehen licrausgeblldct, das beinahe beispiellos ist. Es gab eben keine abweichende Meinung In den Fragen des öffentlichen Lebens unter uns, wenn man von der Minderheit jüdischer Sozialdemokraten absieht, die ja doch aber selbst bestritten, ״dazuzu• gehören". Und was war denn nun die Grundlage dieser so schönen Uebereinstimmung, die so vollkommen war, daß, wenn man irgendwo, und war’s auch nur «uf ein Viertelstündchen im Eisenbahnern!pä, zusaittmcntraf, ob man nun aus Posen oder Berlin, aus Ostpreußen oder dem Rheinland war, und sich noch ״B«r Zlouimtrs crcirelbt für das JCdWlao Vcüz dl® Jj rliCifera״ e'neir S'fest« llcl1-J־csl1Slc!a gcsleisstcza lielmsläll® In Pnir.!»*!/»?»•1* . ׳ -» Programm« nie gesellen hatte, man sofort totsicher aufeinander ciiisclinnpptc, wenn man etwa auf die neueste Sache im Reichstage zu sprechen kam oder etwa irgendein Buch oder Theaterstück mit einem Witzwort leicht gestreift wurde, daß oben sehr gefallen, der jüdisch-deutschen Kollektivsccle aber starkes Unbehageu verursacht hatte. Nun, worin alle diese Mensehen sich eins fühlten, was ihnen gleichzeitig aber auch einen nicht geringen Stolz gab, und in allein Ernst - (leim sie selbst glaubten wirklich daran , ihnen bei allen Besudelungen Kelten« des Antisemit!*• mus ea! stärkendes und beglückendes Gefühl der Uebcrlcgenhcit verlieh, dabei ihnen so selbstverständlieh war, daß man untereinander gar nicht erst davon sprach, es war das Bewußtsein, das reifste und erleuchtetste Verständnis für jede Forderung politisclier Freiheit und Gerechtigkeit zu besitzen, gewisserniiiBen durch Tradition die Ehrenwache wahr* halt liberaler Welt- und Staatsordnung zu sein, die, wenn nicht *mit flammendem Schwerte, so doch mit starkem Worte und spitzer Feiler drcinzufnhrcn hlittc, wenn Irgendwo in der Welt dunkle Mächte am Werke waren, das gute Recht des Schwachen mit brutaler Gewalt oder verlogener Spitzfindigkeit anziitasten, Wk11>1ו*)1זד»ו'״ v,nr m־,l f!1 edier ׳( J*.* .■elitigkdi dum eigentlich ging uns das ja gar nichts an - -, wenn irgendwo in I iinicr|X)111mcrn ein Lnndrat die von ihm abhängigen Beamten zwang, gegen ihre Ucberzeugung ein politisches Schriftstück zu unterschreiben; wie verständnisvoll überlegen lächelten wir einander zu, ,wenn irgendwo der Versuch gemacht wurde, den freien Meinungsaustausch über geistige Fragen zu knebeln ״in! Interesse des Inneren Friedens“ oder ״um das Publikum vor Beunruhigung zu bewahren“. Kurzum, mochten wir sonst sein wie wir wollen, der einzelne hier und da •auch etwas pekzieren, das stand fest, in puncto: politische Freiheit, Schutz dem Schwachen, Recht der freien Meinungsäußerung und Freiheit des politischen Bekenntnisses, da standen!vir da, fest, wie ein rocher 11 e bronce: und dieser unerschütterliche Liberalismus war getränkt mit reichliehen Tropfen kosmopolitischen Ocles, die wir von jung auf zwischen den Zeilen des Leibblattes, insbesondere aus Kunst- und Thceterbesprechungen, weniger aus dem, was zum Lobe gesagt, als daraus, was mit seichter Ironie lächerlich gemacht wurde, in uns aufgesogen hatten. Diese geistige Uniform war übrigens, worüber sich dieses deutsche Judentum bis zum heutigen Tage sehr erheblich zu tauschen bcliebt, keineswegs identisch mit dem Ideenkomplex, der den nichtjüdischen Liberalen Deutschlands geineinsam war und ist. Diese Verschiedenheiten aufzusuchen und zu analysieren wäre an sich schon eine lohnende und Interessante Aufgabe, Aber eins hatten die deutschen Juden vor den ״anderen Liberalen“ voraus; ihr Liberalismus schien gegenüber dem der nicht jüdischen Liberalen für alle Zeiten vor allen Anfechtungen gesichert; da gab cs in der Mesch• poclic keinen Agrarier oder Rcgicrungsrat, da wurde kein Söhnchen Korpsstudent oder Leutnant, wie und wo sollte da eine Bresche in dieses Bollwerk poli• tisclier Freiheit gelegt werden, wie das sonst in ״ulten, gut liberalen" Familien zuweilen Vorkommen soll? Also nicht nur Friede und schönste Uebcreln• Stimmung, sondern dies auch noch scheinbar ge• sichert für alle Zelten, Dem entsprach das äußere Bild des deutschen Judentums länger als ein halbes Jahrhundert, Tiefer Friede insbesondere ruhte über den Ge• meinden und ihren Vertretungen; kein Luftzug, gc• schweige denn ein Sturm, kräuselte die ewig glatte Fläche dieser stillen Gewisser. Kleine Ereignisse, wie etwa die Einführung eines neuen Gebetbuches, in dem die sinnlose, fast an Fälschung grenzende Behandlung de» Hebräischen ein zynisches Attentat auf Logik und das primitivste künstlerische Emp* linden war, gingen kaum beachtet vorüber. Was tat’s denn auch: die ״Mallgebenden“ verstanden nicht Hebräisch und hatten an seiner Respektierung mindeutet « kein sonderliches Interesse, und die des Hebrüischen Kundigen, ja die waren eben wieder nicht die Maßgebenden und hatten nicht dreinzureden, versuchten es auch gar nicht erst oder waren gar ge■ flisscntlich darauf bedacht, sich nicht durch ihre aus der Jugend stammenden Kenntnisse vor der Gesellscliaft, die ihnen vielleicht eben erst Hirc Pforten geöffnet hatte, zu kompromittieren. Nur hier ,und da schauten die Maßgebenden mit etwas verschlafenem Erstaunen auf, wenn sich plötzlich einer der ihrigen aus einer Oemcindekörperschaft empfahl, weil er sich in den nächsten Tagen taufen lassen wollte oder wenn ein Prominenter wiederum ein Kind zum Taufbecken tnler eine Tochter zum christlichen Trau• altar führte, um dann ruhig, als wäre nichts geschehcn, sein prominentes Amt weiterzuführen. Ucber solche kleine Intermezzi regte man sich nicht auf, trafen sie doch nicht den eigentlichen point d’honneur der deutsch-jüdischen Seele, den Ehrenpunkt, worin man wirklich keinen Spaß verstand und keine Abtrünnigkeit verzieh, die treu liberal-demokratische Gesinnung, den Mannesmut gegenüber jedem Versuche politischer Knechtung und Entrechtung. So war es und so blieb es bis vor wenigen Jahren. Da, ziemlich plötzlich und fast gleichzeitig begann ei bald hier bald dort wie ein schnelles Wetterleuchten über das sonst so stille Halbdunkel dcutsch-jüdi- ׳*-*du■•! Leben• hiiiztitniim! und Mrrmentbilderchen zu ׳ zeigen, so wunderlich, so schier ganz unglaublich' und unmöglich ״bei uns Juden“, daß der brave jüdische Bürger, sofern er nicht selbst zu den Maßgebenden gehörte, sich schon ganz kräftig an der Nase zuppen inufitc, uii! sich zu überzeugen, daß er wirklich nicht träume. Es waren immer dieselben oder wenigsten» sehr' verwandte Vorgänge, oft an einem halben Dutzend, an sich sehr verschiedener, Stellen in merkwürdig ähnlicher Weise sich wiederholend; da sollte über ein Thema gesprochen oder :diskutiert werden, .das die'Auffassung über .Judentum und Juden zu gefährdeii schien, .’die .',vom'.'offiziellen Judentum abgestempelt, bisher 'allein.‘geltende Münze gewesen war: .',flugs waren einige ])hallgebende zur Stelle — nicht Lamiräte, Ämtsvorstehcr 'oder dgl. —, sondern ganz richtige Juden von höeint liberalem Fleisch und Blut, die ganz naiv, als wäre die Kreuzzeitung und rieht das llcrlincr Tageblatt ihr tägliches Brot, erklärten, das dürfe nicht sein, und, wenn dann alle Welt sehr verwundert war, mit• gewichtiger Miene alle jene, dem liberalen Manne so geläufigen, weil täglich von ihm vcrs[x!ttctcn Gründe vorsörgender Staatsweisheit vordozierten, Oder ein Angestellter Beamter — ln gewissen herrschenden jüdischen Kreisen nennt man sehr hübsch auch die Rabbiner ״unsere angestcllten-, Beamten“ — hatte den Mannesmut, der jedes jüdisch-liberale Herz höher schlagen macht, eine andere Uebcrzcugung als die seiner Vorgesetzten vor aller Welt zu bekennen, da erklärten ihm auch schon die Herren Vorgesetzten, alles Juden, di« nie einen anderen als einen liberalen Wahlzettcl abgegeben hatten: widerrufen oder aufs Pflaster mit dirl Und wenn er so unvorsichtig war, wirklich so ehrlich liberal-demokratisch gesonnen zu sein, daß er nicht widerrief, 80 saß er eben auf dem Pflaster und konnte in Muße das Martyrium politischer Ucber* zeugungstreue praktisch betätigen, das jene Herren sonst in 4er Theorie so wohl zu preisen wußten, Ja, was war denn geschehen, was dieses scheinbar so unveränderlich demokratische Ocsicht dcutsehen Judentums auf einmal in seine Fratze zu verkehren schien? Oh, gar nicht viel, nur eine Klclnlgkeit. In dieser Gruppe, die durch Tradition seit Mcnschcnaltem In der politischen Opposition stand, war zum ersten Male in der eigenen Mitte etwa■ wie eine Opposition aufgetreten, nicht eine Opposition, die Throne stürzen und Altäre verbrennen wollte, ach nein, und — wofür ja wir Juden immer ein so schönes Verständnis hatten und vollste Duldüng forderten — eine solche nur, die neue Ideen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.