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Jüdische Rundschau · 1913-01-31 · Heft 5 (31.1.1913) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 5 (31.1.1913)
Date
1913-01-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seife 42 Nr. 5 Vater, der nicht um rechte oder Stiefkinder, jener König, der nicht um aus- oder inländische Juden weiß. Wir aber, die wir nichts als Volk und nichts als Juden sind, Ausländer zuweilen, Zionisten sogar, wir haben des Hohnes und Spottes genug. Wir werden dieses Fcuerchen, an dem wir samt unserer zionistischen Gesinnung geröstet werden sollten, anzufachen wissen, daß es allen denen, die noch zu fragen und denen, die nicht mehr zu fragen vermögen, allen ohne Ausnahme, mit seinem Scheine klar macht, was man heute in Deutschland Juden zu bieten wagt — von jüdischer Seite. ״Zionistenkoller“ Wir erhielten von dem ״Israelitischen Familienbhitl“ in Hnmhnrg da* fnlgemlc Sein eiben, das wir wiedci geben, ohne mm Im geriiupileii <1.1/11 ver« pflichte 1/11 fühlen, denn die dann behaupteten Tatsachen sind von uns nie bestritten oder anders behauptet worden, sind aber vor allen Dingen sachlieh absolut belanglos. Das Schreiben lautet: Hamburg, den '26. Januar 1013. Lobt. Redaktion der ״Jüdischen Rundschau“ Berlin, Sächsische Str. 8, In Bezug auf Ihren Artikel ״Zionistcnkollcr“ in Nr. 4 Ihres Blattes teile ich Ihnen im Inter• esse der Wahrheit ergebenst mit, dal! der darin angegriffene Artikel des ״Israelitischen Familienblatt“ über das Gemeinde-Wahlrecht der jüdischen Ausländer aus meiner Feder stammt. Der Verleger, Herr Leßmann, hat denselben weder inspiriert, noch von demselben vor Erscheinen Kenntnis gehabt. Ich gebe Ihnen anheim, hiervon in Ihrem Blatte Notiz zu nehmen. Ob cs eine faire journalistische Kampfesweise ist, statt sachlich gegen die Redaktmn, persönlich gegen den Verleger, zu polemisieren, muß der Geschmack entscheiden. Hochachtungsvoll I)r. Roscnb a 11 m, Redakteur des ״Israelitischen Familienblatt“, Wir müssen zu der Datierung des obigen Schreibens bemerken, daß es am Sonntag, den '26. Januar, bereits in unserem Besitz war! Einen Tag später hatte sich dann Herr Leßmann zu einer schürferen Pression entschlossen, indem er uns durcli seinen Rechtsanwalt eine sogenannte ״Berichtigung“ zugehen ließ, die sachlich dasselbe sagt wie das vorstehende Schreiben des Redakteurs des ״I. F.“, die wir aber aus prinzipiellen Gründen nicht veröffentlichen, weil solche ״Berichtigungen“ einen Mißbrauch des Preßgesetzes darstellen. •Haben wir denn behauptet, Herr Leßmann habe .persönlich den von uns angegriffenen Artikel verfaßt, habe ihn ausdrücklich gebilligt? Das ist uns gar nicht eingefallen. Wir haben an einigen Stellen sogar direkt von dem ״Blatte des Herrn Leßmann" u. ä. gesprochen. Was haben wir denn also getan? Wir haben Flerrn Leßmann für den Artikel moralisch verantwortlich gemacht! Das tun ״Hinter Mauern“ (Münchener Schauspielhaus.) I. Heutigen Dramatikern kann nichts mehr empfohlen werden als Judenstücke zu schreiben. Kunst• lcrischc Befähigung ist nicht notwendig; sogar eher , e*n Hindernis. Für Wirkung und Tantiemen läßt sich garantieren. Zunächst: da es schwierig ist, Menschen zu zeichnen, gibt man vorteilhaft Ritualien. Man bringe etwa einen Freitagabend auf die Bühne mit Lichterglanz, Benschen und Hecht mit Klößen. Das läßt sich mit leichter Mühe durch wenige szenische An• Weisungen erreichen — und die Wirkung ist untreschreiblich. In dem Parkettjuden steigt es wie Kind• heitserinncrung auf; und gern schreibt er dem Autor zugute, was er eignem Erinnern verdankt. Auch die .Nichtjuden nehmen es freudig als interessantes Kulturdokument. Muß aber schon charakterisiert werden, so empfichlt cs sich, Eigenheiten zu berühren, die jeden im Parkett geläufig sind. Man weise etwa mittels in• direkter Charakteristik und nicht ohne Tiefe auf die den Juden eigene Liebe zum Gclde hin. Hierfür wird sich leicht ein beifallsfreudiges Publikum finden. Dies parallelisiere man dann wieder, indem man mit Wärme die Kinderliebe und den Familiensinn der Juden betont. Dies wiederum wird auf der Gegenseite frohe Gefühle wecken. Wenn man so die wesentlichen Punkte eines Judenstückes talentvoll gefaßt hat, gibt cs nichts einfacheres als eine Handlung. Jedermann nämlich weiß, auch wenn er dem eigentlichen Problem noch JUED1SCHE RUNDSCHA U__ wir a 11 c b I! e 11 t e 11 o c 11 und weisen die Belehrungen des Herrn ■ De. Rosenbaum über das, was journalistisch fair mul unfair ist, entschieden zurück. Wenn ein jüdischer Verleger in seinem j iid i s c h e n Blatte einen antisemitische n Artikel veröffentlicht, so muß er vor der Oeffcntlichkcit die moralische Schuld dafür tragen, genau so, wie er sie gegebenenfalls rechtlich tragen müßte. Und wenn mm ein jüdischer Verleger, der selbst ausländischer Jude ist, einen solchen Artikel gegen die ausländischen Juden in seinem Blatte bringt, so verdient er noch eine ganz andere Abfertigung als sie ihm der Verfasser’ unseres Artikels zuteil werden ließ. Wenn Herr Leßmann die moralische Verant• Wortung für die journalistischen Leistungen seiner Redaktion nicht tragen mag, so soll er doch erklären, daß er anderer Meinung ist, und dafür Sorge tragen, daß in seinem jüdischen Blatte hinfort keine Argumente ä la llruhn gegen Juden angewendet werden. Solange Herr l.eliinauii das meid tut, im Gegen• teil die Rfdaklloii »rim״ *׳uu|1at li'ii«! Ih-ii" Blatte* ׳weiter «nlihcmiiisdie Artikel /um Zwecke der Be• käinpfting des Zionismus schreiben läßt, ־ solange werden ihn sämtliche Paragraphen des Preligcset/.es nicht davor schützen, für eine solche skandalöse Kampfesweise verantwortlich gemacht zu werden. Interessen oder Sentiments? Zur elsässischcn Judenpolitik. Die elsässischcn Juden haben nicht den Fehler der in den preußischen Ostmarken wohnenden polnisthen Sfamiiicsgenossen begangen. Sic halten nicht wie diese bedingungslos und vertrauensselig die oft recht verschlungenen Pfade jener Regierungskimst verfolgt, die man preußische Polenpolitik nennt. Sie bilden keine unverdrossen rcgicrungsfrommc, jederzeit den Wünschen der Obrigkeit zur Verfügung stehende Wählermasse. Sie sind überhaupt keiner Partei zu Frondienst verpflichtet. Besser als die Juden in Altdeutschlaml haben sie ihre politische Entschhißfreiheit und Bewegungsmöglielikeit zu wahren gewußt; was sie zwar nicht so sehr ihrer überlegenen Weisheit und klugen Taktik verdanken, als den ganz anders gelagerten ökonomischen und nationalen Lcbcnsbcdingungcn, denen sie durch einen folgenschweren Scltieksalsselilag unterworfen worden sind. Die deutsche Invasion von 1870 schleuderte die elsässischcn Juden mit einem Ruck aus der Laufbahn heraus, die sic, wie ihre französischen Brüder, zu völliger Assimilation mit dem französischen Bürgerturne führen sollte. Dieses Endergebnis war unvermeidlich; vielleicht erreichte man es nicht mit der schwindelerregenden Schnelligkeit wie in den Zentren des französischen Radikalismus; a! er es mußte mit der unabwendbaren Gewißheit einer natürliehen Entwicklung einlrcten. Plötzlich jetloch wurde aus dem angehenden französischen Musterbürger ein ordinärer deutscher Jude, der weder als Muster noch als Bürger angesehen wurde. Es ist daher wohl begreididi, daß die durcli die Annexion an Preußen- Lkmischinnd ciiigetrctenc allgemeine Lähmung den jüdischen Teil der elsässischcn Bevölkerung doppelt schwer betroffen hat. so fern steht, daß die Verlobung zwischen einer Jüdin und einem Nichtjuden allerhand Unzuträglichkeiten im Gefolge hat. Dies ergibt nicht nur eine wunderschöne Liebesgeschichte, wie sie ja unerläßlieh ist, sondern gleichzeitig einen prachtvollen Rahmen, um die charakteristischen Merkmale und wirkungsvollen Ritualien unterzubringen. Da Dramatiker aber meist noch höheren Ehrgeiz haben, werden sie nicht darauf verzichten wollen, auch für eine Tendenz mit Unerschrockenheit einzutreten. Je nachdem diese Tendenz auf Zusammen- Schluß oder Trennung der feindlichen Gruppen hinauslaufen soll, hißt sich mühelos der Schluß des Ganzen arbeiten. Empfehlenswerter bleibt eine versöliniichc Tendenz; man lasse in der Ferne eine freie, neue und geeinte Menschheit ahnen und betone noch einmal mit allem Nachdruck das, woran wir seit Nathan dem Weisen gewöhnt sind. Dann läßt sich Garantie dafür übernehmen, daß jeder das Theater voll .zufriedener Gchobcnheit verlassen wird. 11. Nach diesem Schema etwa verläuft das zugkräftige Stück des Dänen Natliansohn, das ״Hinter Mauern" benannt ist. Kein Wort wider den Menschen Nathansolin i Man wäre ein schlechter Kerl, wenn man ihm das Geringste naclisagen wollte. . Auch kein Wort wider den Juden Nathansohn! Auch wenn man nicht seiner Anschauung ist, bleibt anzuerkennen, daß er kein Indifferenter ist; daß ihn dieselben Probleme berühren wie uns und daß er sie zu lösen bemüht ist. Mag sein Weg getrost ein anderer sein. (Kampf iuk! Wut und I hiß bei uns geht ja nur gegen die gleichgültige Sippe, die ihren Mantel nach dem Winde dreht.) Nathansohn ist es offenbar heiliger Ernst; Nur langsam und allmählich vermochte man sich zu erholen. Die Proteststimmung mußte von dem i seinem nationalen Verbände entrissenen Volke erst überwunden, die Jahre des Kirehholsfriedcns über• Stande״ werden. Dann kam die Periode der chauvinisiisclivn Verhetzung, wo der Gittwcizen der Zwei- ■, kiiiturenfanaliker und ihrer Antipoden so üppig blühte: ,j Bis man sich aus dem Schmollwinkel nach der Ex- '; spckianiciihaiik vorwagte und als Ausdruck de* cmpordrängcridcii Lebenswillens der Bevölkerung die 1 politischen Laudesparteien schuf. Diese politische <־ Parteibilduug im Elsaß Italic zur Voraussetzung, daß man sielt mit der vollendeten Tatsache der Annexion abgehmden und sich auf den Boden der bestehenden Verhältnisse stellte, l'urteipolitik bedeutet Aussöhnun״, ist Anerkennung der neuen Ordnung der Dinge: ״denn du hast recht, vorzüglich weil ich muß.“ i Der ökonomische Aufschwung des Landes sowie die fortwährend geschürte nationale Erregung hatte die Gemüter der tonangebenden Bevölkcrimgsniüchten ׳' vollall( besibafligt und in Bann gehalten. Die Juden ' kiumlcu hüll, best heulen und, da SetlisU״•/wmgung taplerkeit ist, auch tapfer sieli im schattigen Hinter■; gründe verhalten. Seitdem aber die Geschicke des elsässischcn Volkes von einem aus Volkswahlen her• '* vorgegangenen Parlamente geleitet werden, das sich * nach politisch organisierten Parteien gliedert, müssen . auch wir aus dem schützenden Halbdunkel heraustreten und offen Farbe bekennen, wenn wir schädliehe Verdächtigung und den stellenweise schon laut 1 gewordenen Vorwurf zweideutiger Haltung ab wehren wollen. Zweifellos erhalten alle Parteien Judenstimmen. Aber viele Parlikularisten glauben, di«!' meisten Juden zögen selbst einen klerikal gesinnten t Einheimischen einem fortschrittlichen Eingewanderten ' vor. Das Zentrum vermutet seinerseits, die Juden 11 wählten lieber rot als schwarz. Und Zentrum und Parlikularisten sind oft dieselben Leute. Wer hat nun von beiden Seelen recht? Das rate der Jude Apella. Aber wir selber müssen uns über unsere Taktik klar sein. Wir müssen uns darüber klar sein, daß wir im Elsaß die böswillige Legende von der intcllcktucllcn Verwandtschaft zwischen potitischein Radikaiismus und Judentum nicht aufkommen lassen Wir brauchen nicht zu erklären, daß die für die liberale und sozialdemokratische Partei tätigen Schriftsteiler und Redner jüdischer Herkunft nicht das clsiissischc Judentum vertreten; weil dies selbstvcnstündlich ist. Aber wir müssen zu verstehen geben, daß wir nur die Partei begünstigen, die am wirksamsten unsere jüdischen Interessen wahren wird. Wir müssen uns ganz besonders hüten, unsere Karten auf das Spiel des Fortschritts zu setzen. Wir müssen uns daran gewöhnen, in den großen Worten der Kulturparteien nur das zu sehen, was den alten Nominalisten die Universalien, die allgemeinen Be► griffe gewesen waren, nämlich flatus vocis. Die freidenkenden Juden dürfen nicht dem Wahne leben, ihre speziellen Interessen wären bei geistig näher verwandten guten Europäern am besten aufgehoben. Das gemeinsame Band des Unglaubens ist ein viel zu negativer Kitt, um sich nicht in schwerer Zeit der Not zu lockern. Der Antisemitismus eines Christliehen Freidenkers und eines gläubigen Christen dünken uns nur dem Grade, nicht der Art nach vergenau wie uns. Aber ist dies eine hinreichende Bercchtigung, Dramen daraus zu machen? Nur künst► lcrischc Befähigung kann die Berechtigung dazu geben. Wer sie nicht hat, bleibt wie Natliansohn auf der Oberfläche. Wer sie nicht hat, bringt zum tausendstenmal in öde Form all das Unwesentliche, Nichtige, Platte und auch Irrige, was den Leuten schon so in Fleisch und Blut übergegangen ist. Und das ist auch nicht anders, wenn Stücke zionistischer Tendenz von einem Nichtkünstler geschrieben werden. Wir brauchten heute einen, der jüdisches Wesen bis ins letzte erfaßt hätte und der Mann wäre, es zu gestalten, Um so besser, wenn er noch nebenbei dies jüdische Bürgerpack in seiner •erbärmlichen Wohlanrtiindigkeit und biederen Gesinnungslosigkeit lachend aufzeigte, statt nur immer wieder vor den anderen schamhaft zu betonen, daß wir schließlich und endlich ganz anständige Menschen sind. Tendenz hin, Tendenz her. Wenn ein Künstler es schriebe, entstände von seitist etwas, was weit darüber hinauswüchse; was nicht neue Ideen propagiert, sondern einen neuen Typ lebendig hinstellt; was nicht Agitationsrcdcn dramatisiert, sondern einem neuen Geist Flugkraft gäbe, Ein paar wahrhaft künstlerisch gezeichnete Gestalten heutiger Juden — und man könnte erreichen, woran Reden und Aigument und Vertiefungsbestrebungen abpratlcn. Wir sehen heut auf den einen Schnitzler. Der hat nun zum zweiten Male versucht, das jüdische Problem nebenher zu behandeln. Auch diesmal nicht zu seinem Vorteil. Wieder besteht kein Verhältnis zwischen Grundidee und Milieu, Unwillkürlich wichst wieder das Milieu zur Grundidee und schadet der künstlerischen Geschlossenheit des Ganzen. Ob er

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