Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1913)
- Date
- 1913-01-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 34 IIJEDISCHE RUNDSCHAU tendenz dein Fran/oscntum Vorschub geleistet. Aber wenn man hiergegen kämpft, so lasse man alle deutschpatriotischen Argumente beiseite. Auch die Vcrunglimpfurig einzelner Personen, wie sie in der ״Welt am Montag“ geübt wurde, ist wenig würdig. Durch solche Torheiten wird die berechtigte Kritik, die wir an der Alliance geübt haben und weiter üben werden, nur erschwert. Durch den Kriegsberichterstatter eines Münchener Blattes wurde vor einiger Zeit der vom König von Bulgarien nach Sofia berufene Direktor des Kohurger Landkraiikeiihauses, Prof. Dr. .Colmcrs, veiunlimpft. Weiler war dieser Tage in antisemitischen Jliittern ein Arlikel erschienen, in dem es u. a. heißt; ״Sonst aber stellt in Koburg alles gut. Der Oberbürgermcister der Residenz stammt aus Messen, lieilSt C. Hirselileld und ist . . evangelisch. Der Leibarzt des Herzogs ist mit einer Jüdin verheiratet. Diu hohe Geistlichkeit setzt sieh in einer Weise zusammen, dal! inan glauben könnte, ein Rabbinatskapitcl vor sich zu Italien. Von dem Personal des Iloftlieaters ist reichlich die Hälfte jüdisch.“ Gelegentlich der Beantwortung einer Interpellation über die Rückkehr Dr. Colmers” 1111 koburgischcn Landtage nahm der kobtirgischc IMmistcrialtlicf Slaalsrat v. li a s s e w i t z zu diesen Angriffen Stellung, indem er 1t. .1. uusfülirlc: Und nun gestatten Sie mir, ilulS ich mich noch gegen einen Angriff wende, den Sie wohl alle ebenso entschieden mißbilligen, wie •die lier/ugliche Staatsrcgicrung selbst. Er stammt von antisemitischer Seite. Meine Herren! Bei der Erzählung von dem Gleichnis des barmherzigen Samariters erhalten wir auf die Frage, wer uns der Nächste sei, ob der Priester, der Levit oder der Samariter, die Antwort: derjenige, der die Barmherzigkeit getan hat! Ja, derjenige der die Barmlierzighcil getan hat! Und wie viel Barmherzigkeit Herr Prof. Dr. Colmcrs hier geübt hat, dafür sind Hunderte von Landeskindcm Zeugen, die in dem Landkraukeiitiaus unter seiner Leitung 1 leilung von schweren Leiden gefunden lmben. A4. FF! Oberflächliehe und unreife Menschen pflegen ihre Mitmenschen nach kleinlichen Aeulierlichkeiteii, nach der Bartlracht oder nach den Handbewegungen zu beurteilen. Der ernste Mann sucht .den wahren Werl des andern zu ergründen und baut darauf sein Urteil, Und da steht uns, die wir die Tätigkeit des Herrn Prof. IV. Colmcrs jahrelang hier im Landkrankenhaus zu beobachten Gelegenheit hatten, wohl ein nialigebenderes Urteil zu als einem Kriegsberichterstatter, der ihm eine halbe Stunde zugcschaut hat, nur um einen sensationellen Artikel au seine Zeitung senden zu können. Von derselben Seite sind auch in den Weihnachtstagen liäliliclie Angriffe gegen die Verhältnisse an u 11 senil Hofe, in unserni Staate, gegen einen Mann, der sich seit einem Meiischenalter die größten Verdienste in unserer Residenz erworben hat, sowie fegen die pflichttreue Geistlichkeit, die in Stadt und and segensreich wirkt, erhoben worden. Diese Angriffe sind so absurd, daß es sich nicht lohnt, näher auf sie einzugehen, aber ich halte es doch für eine Ehrenpflicht, von dieser Stelle aus aufs entschiedenste gegen sie zu protestieren, und zwar selbst auf die Gefahr hin, daß auch mir der Vorwurf eines jakobitischen Aussehens und serviler Gesinnung gemacht wird. England ln einer Sitzung des Rabbiiier-Walilkomitees der Vereinigten Synagogen, die hier vorige Woche stattfand, wurde beschlossen, von den atu 22. Juni v. J. nominierten zwei Kandidaten, nämlich dem Londoner Dajan Dr. Hy a m so n und dem Johannesburgcr Rabbiner Dr. Hertz, den letztgenannten der Wahlwachsenen Zuschauern die frohe Mädchenschar unter den Klängen der Hatikwali. Und die Worte gingen uns zu Herzen, wir glaubten daran, daß Juda nicht verloren ist — solange es gelingt, die heraiiwachscndc Jugend Palästinas der Arbeit, der Sclbsierhaltung zuzuführen. Hedwig Mayer-Lübke. Bücher und Zeitschriften Die Ansiedelung von Europäern in den Tropen. II. Band. Mittelamerika, Kleine Antillen, Niederländisch West- und Ost- Indien. Dunker 6־ Humblot 1912. Wir halien den ersten, Britisch- und Deutsch-Ostafrika behandelnden Band dieser vom Verein für Sozialpolitik lierausgcgcbeaicn Sammlung bereits im Sommer besprochen. Der zweite bringt uns weniger des interessanten. Das Fazit ist, daß der Weiße, insbesondere der Nordeuropäer, in diesen tropischen Gegenden zur körperlichen Arbeit so gut wie untauglieh erscheint, und daß er sich auch bei geistiger, administrativer Tätigkeit fast nie über die zweite Generation hinaus rein an Rasse und Kultur erhält, wenn er nicht wiederholt längeren Aufenthalt in Europa nimmt, sich mit frisch Emgcwandcrten verheiratet und die Kinder in Europa erziehen läßt. Sonst sterben entweder die Familien aus oder sie gehen im Sammel- •wrium der Mestizzen, Mulatten, Zambos und ihn- *»j *n*eressanten Mischungen unter. Nostra gens macht auch hier wieder eine löbliche Versammlung besonders zu empfehlen. Die Wahl- Versammlung tritt am 22. Februar zusammen. 111folge der Empfehlung des Walilkonutces erscheint die Wahl von Dr. Hertz gesichert. Voraussichtlich wird Dr. Hyamson seine Kandidatur zurückziehen. Runs fand Der Gehilfe des Jnstiziniuistcrs Werewkin Ist im Verein mit einigen anderen höheren Justizbeamten beauftragt worden, die Beneide der Petersburger geistliehen Akademie und des berüchtigten Mönchs PraHaitis betreffs der Existenz jüdischer Ritualmorde zu prüfen und ihr (iiitaeiiten darüber nbzugebcü. Siclieiem Vernehmen nach hat sielt die genannte Miuisterialkommissioii trotz der günstigen Urteile der befragten theologischen Autoritäten für die Aiifrcchterlialtuug der Anklage gegen Beilis ausgesprochen. * Der Rabbiner in Kiclcc (Russisch-Polen) M. N. J c r 11 s a I i m s k y erhielt dieser Tagt* ein anonymes Schreiben, worin den Juden für die nächsten Tage ein Pogrom angedroht wurde. In Anbetracht der in letzter Zeit verschärften Gegensätze zwischen Polen und Juden geriet darum die jüdische Bevölkerung in große Panik. Der Rabbiner wandte sich sofort an den Gouverneur um Schutz, Dieser ließ nun die Straßen mit verstärkten Patrouillen bewachen, worauf Ruhe eiiilrat, Amerika Nachdem in einer Sitzung des von den beiden Häusern des Kongresses eingesetzten Komitees zur Prüfung der Burncttschen Einwandcrungsvorlage eine Einigung erzielt worden war, wurde die moilifi/ierte Uesctzesvorlage am 17. Januar vom Repräsentanteiiliause angenommen. Sie bestimmt, daß die Ein- Wanderer imstande sein müssen, ihre eigene Landesspräche zu lesen. Von dieser Bestimmung sind Gattinnen, Witwen und ledige weibliche Personen ausgenommen. Die Forderung der Kenntnis des Schreibens wurde fallen gelassen. Die Kopfsteuer für Einwauderer wird von 4 auf 5 Dollar erhöht. Jedes Einwanderer befördernde Schiff muß behördlich ernannte amerikanische Aerzte, Inspektoren und Warterinnen an Bord haben. Hierzu wird aus New York noch folgendes geschrieben: Vermutlich um die cinwandcrcrfeindlichc Burnettsclie Gcsetzesvorlage zu rechtfertigen, werden augenblicklich von amerikanischen Politikern wieder alle möglichen Zahlen angeführt, um zu beweisen, daß die Einwanderer den größten Teil der Insassen von Wohltätigkeits-, namentlich Irrenanstalten, bilden. Der Grund zur Verschärfung des Einwanderungsgesetzes soll ja der sein, daß die Staaten und Städte entlastet werden und ihnen die Kosten erspart werden, die durch eine Flut von Einwanderern entstehen, welche bald nach ihrer Ankunft, teils aus angeborener Veranlagung, teils infolge widriger Schicksale, dem Irrsin oder der Not verfallen. Wenn man in Amerika von ״Einwanderern“ spricht, so meint man heutzutage damit Juden und Italiener, und in diesem Sinne erscheint der erwähnte Vorwurf als ein neuer Ausfall der amerikanischen Staatsregiening gegen die jüdischen Einwanderer, noch dazu als ein völlig unberechtigter, wie aus den Ausfülmmgen des bekannten New Yorker Soziologen und Philanthropen M o r r i s D. W a 1 d in a 11, dein Manager Ausnahme, ln Surinam und Cura^ao halten sich die Sepliardim rein und abgesondert seit zweieinhalb Jahrhunderten; nur uneheliche Sprößlinge von Juden und Farbigen werden Christen und gehen im Kuddelmuddcl unter. Unter diesen Umstanden sollten unsere Hilfsorganisationen doch einmal die Frage studieren, ob nicht ein kleiner Teil auch der aschkcnasischcn Auswanderer in Milteiamerika in Handel und Gewerbe — aber nicht in der Landwirtschaft — mit Erfolg untergebracht werden könnte. H. O. H. der ״United Mcbrcw Charities“, liervorgelit. in einem Vortrag, den Waldinan jüngst vor der State Confereiiee of Charitie« hielt, 1k• wies er an der Hand eines reichen Zahlenmaterials, daß der von der Regierung erhobene Vorwurf durchaus unbegründet ist, daß die Zunahme der Geistesgestörten im Verhältnis zur Zunalmu• der Bevölkerung nur 21:25 Prozent beträgt, mul daß die Zahl der im Auslände geborenen Irren kaum größer ist, als die der in Amerika geborenen; daß endlich die Einwanderer aus Nord- und West- Europa einen viel größeren Teil der Irren liefern, als die aus Ost- und Siid-Europa. " Nicht weniger als 2111 jüdische Lehrer aus allen Teilen der Vereinigten Staaten und Kanadas haben Dezember eine Konferenz in Biownsville ab״!• halten, in tler sich die Lehrer zu einem Nntionalverband zusammcngcschlosscn haben. Der Zweck dieses Verbandes ist die Regelung der jüdischen Lehrerbildtuig sowie der Aiistetluugsvcrhältnisse der judisehen Lehrer und eine Verbesserung ihrer materiellen Lage. — Hiermit ist der erste Schritt zu einer Reform des gesamten jüdischen Religionsunterrichts getan worden, der sich hie׳• in einer kläglichen Verfassung befindet - nicht zu wenigsten dadurch, daß die Lehrer entweder zwar moderne amerikanische Lehrmetiimleii beherrschen, aber von jüdischem Wissen und I lehräisch keine Atmung haben, oder umgekehrt einseifiges jüdisches Wissen aus den osteuropäischen Glictti mit nach Amerika bringen, dagegen aber von moderner Pädagogik und von der englischen Sprache nichts verstehen. Bei der bisherigen jämmerlichen Besoldung war an eine gründliche Fachausbildung und eine sorgfältige Auswahl des Lehrcrmaterials nicht zu denken. Welche Wichtigkeit man den Lehrerheratungen beimißt, erließt daraus, daß die hervorragcudsten jüdischen Persönlichkeiten Amerikas, darunter Jacob H, Schiff, der Lehrcrvcrsammlung Glückwünsche und Anregungen übersandten. ־י Auf den Philippinen leben gegenwärtig etwa 3000 jüdische Familien, die meist aus Rußland stammen. Sic sind größtenteils Kaufleute und Handwerker und haben es bisher noch nicht zu einer regelrechten Gemeind eorganisation gebracht. Von einem jüdischen Zusammenleben, wie cs in anderen Einwandcrungsländern so charakteristisch zutage tritt, ist hier nichts zu inerkeu. Nur an den hohen jüdisehen Festtagen vereinigen sich größere Gruppen von Juden zu einem gemeinsamen Gottesdienst, PALA€5TINA:RUND5CHAU Aufruf! H a m bürg, 20. Januar 1013. Gesinnungsgenossen! Der sehnlichste Wunsch eines jeden Juden war von jeher, die Ställen unserer glorreichen Vergangenheit in Erc'z-Israel selbst zu besuchen. Seitdem unser Volk in die Rcgcncrationsbcwcgmig eingetreten ist, ist der Besuch Palästinas eine direkte Notwendigkeit für jeden geworden, der im Fr•./• Israel das Land unserer Zukunft sieht. An der rasilosen Arbeit unserer Pioniere, an dem sichtbaren Fortschritt der Entwicklung unseres Volkes und unserer Max Brod: Die Höhe des Gefühls. Ernst Rowohlt Verlag, Leipzig, 1913. Brosch. 3,—, geb. 4,50 M. Szenen, Verse, Tröstungen nennt Brod die kurzen Einakter, die er vereinigt nach dem ersten derselben betitelt. Schon darin gibt sich tler aufgeregte Stil eines Jüngers I loffmaimsthals kund. Der Inhalt bestärkt nur den Eindruck von Empfindsamkeit, Uneclitheit, Spielerei, ln eitler Prahlerei bespiegeln die Träger der Stücke ihr Selbst. Am deutlichsten tritt die innere Haltlosigkeit hervor in der ״Szene im Dorf“, wo ein vor Licbesschmcrz angetrunkener Bauernbursche in den denkbarsten Diminitivea sein ״Herzchen“ zu erleichtern sucht. Efti solches Gegenteil von Bodenfestigkeit, Einfachheit, Volksbcwußtsem“ nannte Herr Brod an dieser Stelle (Nr 48 des Jahrgangs 1912) ״Präkozitat“ und sprach" sie als Merkmal des jüdischen Geistes im Galuth an• dmmodi ist dieses Werk als Ausfluß jüdischer Eigenart nicht anzusehen, zumal ״Präkozität״ auch außerhalb des jüdischen Geistes anzutreffen ist. Auch in der Szene mit ausgesprochen jüdischem Stoff (״Die Arche Noachs“) zeigt sich mehr die ungesunde Künstelei des Autors als jüdische Auffassung; diese gibt sich nur in den unveränderten Zitaten aus der Bibel kund. Wenn demnach inhaltlich den Brodschcn Gestaltungen keine besondere Bedeutung zukommt, so ist doch die preziöse Sprachform — ein Reis der neuwiener Literatentreibhauspflanzcn — immerhin beachtenswert und in der wertvollen Ausstattung, die der Verlag dem Werkehen angedeihen ließ, recht wirksam, Theo Harburgcr. Eingegangene Bücher Rahel Varnhagcn, Ein Frnucnlcbcn in Briefen. Ausgewählt und mit einer Einleitung versehen von Dr. Augusta We I d 1 e r - S t e i n b e rg. Weimar 1912. Gustav Kiepenheuer Verlag*). Joel Gern, der Werdegang eines jüdischen Mädchens. Von Kopi, Verlag J. Kaufmann, Frankfurt am Main*). J. L. Pcrezs Volkstümliche Erzählungen. In der Sammlung ״Vom alten Stamm“. J üd ischer Verlag, Berlin 1913*) # S. Kisselhoff :׳ Das jüdische Volkslied, ln der Sammlung ״Die jüdische Gemeinschaft“, jüdischer Verlag, Berlin, 1913*). *) Das Buch ist zur Besprechung noch nicht vergeben.