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Jüdische Rundschau · 1913-01-24 · Heft 4 (24.1.1913) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 4 (24.1.1913)
Date
1913-01-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 32 j U EPISCHE RUNDSCHAU Nr. 4 Zeit- und Streitfragen ״Man kann ein guter Christ und ein guter Zionist sein“, so bekamen wir kürzlich in einer Kampfschrift von Rabbiner Dr. Ooklmann zu lesen. Hiermit ist unsere Wesensart auf die denkbar kürzeste Formel gebracht worden. Der Anklang der Sentenz an ein berühmtes Kaiserwort verführt zu der Variante: Nur ein guter Christ kann ein guter Zionist sein, aber soweit will der Rabbiner von Oppeln nicht gehen. Wir haben über die Rabulistik gelacht, die solche Ocistesfrüchte zutage fördert. Aber damit allein ist der tolle Spuk nicht zai bannen. Hier rumort er herum in Zeitungsspalten, dort verfolgt er uns hinein ins Versammlungslokal und treibt auf jedwedem Turnierplatze der öffentlichen Meinung sein Unwesen. Das Komitee zur Bekämpfung des Zionismus hat sieh mittlerweile konstituiert. Es wird eine Massenverbreitung der Goldmannschcii Schrift vorbereitet. Und nun wird man sich vor dieser geistreichen Stupidität überhaupt nicht mehr retten können. ״Der Satz ist euch verhallt,“ so hören wir, ״aber seine Richtigkeit könnt ihr gar nicht bestreiten. Ist cs nicht wahr, daß ihr im Judentum vor allein anderen die Volksgemeinschaft sehet? Also ist nach euch auch Jude, wer zwar der jüdischen Volksgemeinschaft, jedoch dabei dem christlichen Glauben angehört.“ Die Be- ,weiskette ist somit geschlossen. Wir könnten den ״Nichts als Rcligionsjudcn“ mit gleichen ״Beweisen“ aufwarten. Das liberale Judentum arbeitet jetzt stark mit dem Worte Mendelssohns, das Judentum hat keine Dogmen. Mithin schließt es keine religiöse Anschauung aus. Man kann demnach mit dem Judentum jede andere Rcligionsvorstellung verbinden, ergo auch die des Christentums. Diese Logik ist gar nicht so übel. Auch das orthodoxe Judentum vom Standpunkte des Schulchan Aruch gehört auf tlie Anklagebank. Ist es denn nicht Tatsaciie, daß mit der Taufe die jüdische Rechtspersönlichkeit nicht aufgehört hat? Auch als Christ kann der im Judentum Geborene eine rituelle Ehe eingchcn, und wenn die Frau des Getauften das Eheband lösen will, dann braucht sie von ihm einen Scheidebrief, Ja, selbst die Weihe des Priester- und Levitenstandes bleibt seinen Kindern und seinen fernsten Enkeln, so sic nur ihr jüdisches Blut sich bewahrt haben, erhalten und gewährleistet. Was sind daraus für Folgerungen zu ziehen? Ernsthaft genommen, gar keine. Das nationale und das religiöse Judentum in all seinen Schattierungen lehnt eine Gemeinschaft mit den Getauften ab. Es ist nicht anständig, Konsequenzen zu machen und Schlußfolgerungen anz.uwenden, gegen welche sich der andere Teil von vornherein verwahrt hat. Auch als Kampfmittel ist die Beweisführung nicht zuzulassen, weil sie unredlich Ist. Wer sich im Ringkampfc eines unerlaubten Kunstgriffes bedient, wird disqualifiziert. Warum nicht auch im Meinungskampfe? Doch, hier sagt der Gegner, seine Argumentation sei gar kein Hirngespinst, sie habe irgendwo reale Gestalt angenommen, nämlich in Rußland. Dort taufen sich junge Leute und behaupten unverfroren, sie seien Juden geblieben. Das ginge auch, allerdings vom jüdisch-nationalem Standpunkte gesehen. Und diese Verwirrung der Begriffe ist dem Zionismus auf das Schuldkonto zu schreiben. Darum eben ist er eine Gefahr für den Bestand der jüdischen Religion. Hier taucht in meiner Erinnerung ein südrussischer Gctrcklchändlcr auf, welcher sich hat taufen lassen, um nicht ausgewiesen zu werden. Er betrachtet sich jedoch noch weiter als Retigioiisjudcn und legt jeden Tag Tefillin. Woraus zu folgern wäre, daß durch das Tefillinlegcn die jüdische Religion gefährdet wird. 111 Wirklichkeit bieten die jüdischen Diifge in Rußland jedoch keinen Anlaß zur Heiterkeit, sie sind leider tieftraurig. Es bildet sieh da ein Marannentum heraus, das mit der westeuropäischen Judeutaufc nicht zu vergleichen ist, lieint (iolus von Mi/rajim heißt es: ״Unser Elend, das betriff» unsere Kinder.“ Und auch im russischen dolus bildet die Zukunft der Kinder die schwerste Sorge, der stete Anblick eines Heranwachsenden Oeschlechtes, das planmäßig von «Ion (,)uellen der Bildüng und einer geachteten Lebensstellung abgeschnitten wird. Wir Zionisten haben ein Recht darauf, Mitgefühl für die Gewissensnot dieser Jugend zu fordern, denn gerade unsere Arbeit hat den Widerstand gegen die Erwürgungspoiitik organisiert. Wenn jetzt .׳illerorten auf den russischen Gymnasien die jüdische Jugend einen Geheimbund bildet, sich zuschwört, sicir nicht unterkriegen zu lassen und jeden mit Acchtung bedroht, der zur herrschenden Kirche übergehen will, wenn trotz, der unerhörtesten Vcrsiiclnmg das jüdische Rußland fest bleibt und allen Gewalten trotzt. Unser Work ist es, und uns allein gebührt die Ehre! Soweit wäre die Sache richtig, hören wir einwenden, wenn nur die Taufe aus Berechnung in Frage kommt. Geschieht der Ueberlritt jedoch aus Ucbcrzeugung, was spricht denn dann vom nationalen Standpunkte aus dagegen? Wir antworten darauf: Eine Jiulentnufc aus Ueber/engung, gibt es das überhaupt? Aber, auch dann, wenn sie möglich wüte, löst sie notwendigerweise den Zusammenhang mit der jüdischen Volksgemeinschaft. Ein Ueberlritt zum Christentum aus Ucbcrzeugung wurde ein religiöses Gefühl voraussetzen, das sich mit dem einig-einzigen Gotte nicht zufrieden geben kann, sondern aus Gründen logischen Zwangs drei Personen in der Gottheit annchmcu muß. Eine Taufe aus idealen Gründen, die ist allerdings denkbar, wenn auch überaus selten. Es besieht da eine unbefriedigte Sehnsucht, welche der Suggestion der nicht jüdischen Umwelt unterliegt. Der fremde Kultus, der durch seine eindringliche Symbolik und vor allem durch seine Herrschaft über die umwohnende Menschheit eine Anziehungskraft ausübt und dein Aiilehnuiigsbcdurfnis entgegen kommt. Hier ist der Wille, aufzugehen und unterzutauchen zwar nicht aus materieller Berechnung, jedoch aus seelischer Schwachheit geboren. Also eine andere Art der Assimilation, die freilich national gefesteten Charakteren nicht zum Fallstrick werden kann. Denn auf dem Grundgedanken der Assimilation beruht das Werden und Entstehen der Kirche überhaupt. Das Christentum ist eine jüdische Sekte, welche die religiösen Wahrheiten des Judentums auf die Heiden übertragen wollte und zu diesem Ende alle nationalen Besonderheiten des Judentums preisgab und dabei durch Veränderung des Gottesbegriffes Kompromisse mit den Rcligionsvorstcllungcn der anderen Völker geschlossen hat. Darum das Verwerfen des Gesetzes, das eine nationale Scheidewand bildet, deshalb das An kämpfen gegen die Auserwäliltheit des jüdischen Volkes. Der Apostel Paulus schreibt also an die Galater: ״Nun ist nicht mehr die Rede von Juden oder Heiden, von Sklaven oder Freien, von Männern oder Frauen, sondern dir seid allesamt eins geworden durch den Messias Jesus. Wenn ihr aber dem Messias angehört, so seid ihr damit Abrahams Nachkommenschaft geworden, das heißt, ihr seid nach der Verheißung seine Erben." Die Kirche ist kosmopolitisch, sie schließt Weiße, Schwarze und Mongolen liebend in ihre Arme, Das Judentum ist national. ״Die Thora, die 1ms Mose gebot, sie ist ein Erbteil der Gemeinde Jakobs.“ Auch sonst ist Paulus das Urbild de« Assimil,inten. Mit Genugtuung beruft er sich bei jeder passenden Gelegenheit darauf, daß er römischer Burger sei und den Reehtsbcsclirankuiigen, die für die Juden vorgesehen sind, nicht unterliege. Die christliche Kirche, wie sie uns vor Augen steh», ist ein Werk des Apostel Paulus. Vereinigt man ihre Ursprung• liehen Grundlagen mit einer jüdisch-nationalen Denkweist, dann ist ׳das ganze Judentum wieder Ircisaminen. Es ist ausgeschlossen, daß für einen Zionisten diese ganze Vorstellungswelt anders als ein Bild des Judentums lebendig werden kann. Also lautet unsere Antwort: Ein guter Zionist kann niemals ein guter Christ sein A. W. Nachklang zum B.J.C.-KartelItag Die liberalen Judengemeinden Deutschlands scheinen sich im furchtlosen Kamp! gegen das positiv gerichtete Judentum den Rang ablaufen zu wollen. In Köln scheint man besonders darauf bedacht zu sein, daß die letzte Aktion der üemcindegcwaltigcn - das mißglückte Attentat auf das Gemeinde Wahlrecht der ausländischen Juden — nicht in Vergessenheit gerate. Der ״Bund Jüdischer Korporationen“ hat bekanntlich kürzlich in Bonn seinen Kartclltag abgehalten, und der jüdische Gemeindevorstand Kölns hielt es für richtig, sich bei dem Kommers, der sich der Tagung ansehloß, nicht vertreten zu lassen. Dem Referenten der Kölnischen Volkszeitung passierte nun der Irrtum, daß er einen der zahlreichen Festredner für den Sprecher des Gcmcindevorstandcs hielt. Der ׳ Vorstand meinte nun dieses Versehen richtig stellen zu müssen und die ״Volkszeitung“ gewährte seiner Einsendung Aufnahme. Daran wäre an sich nichts auszusetzen, w׳enn in diese Berichtigung nicht «ine herabsetzende und verdächtigende Kritik der Re«■ Strebungen des ״B. J. C.“ eingeflochtcn wäre, die wiederum eine Entgegnung verlangte. Die Antwort des ״B. J. C.“ hatte folgenden Wortlaut: ״Der Bund jüdischer Korporationen ist seinem Programm nach ״der Sammelpunkt aller jüdischen Studenten, die sich bewußt als Juden fühlen und an der Entwicklung eines lebendigen Judentums mitarbeiten wollen“. Er fühlt sich, 01111c hiernach parteipolitisch fcstgclcgt zu sein, als Kind der großen jüdischen Renaissancebewegung des Zionismus, welche den Stolz auf die Vergangenheit und die nie ganz erloschene Hoffnung auf eine würdige Zukunlt des jüdischen Volkes wieder aufrichten will. Da wir uns in diesem Sinne als national-jüdische Korporation bczeichnen dürfen, fühlen w׳ir uns verpflichtet, auf den in der Erklärung des Gemeinde Vorstandes enthaltenen Vorwurf u 11 patriotischer Gesinnung prinzipiell zu erwidern. Unter Nationalgcfühl verstehen wir das freudige Bewußtsein, vom Volke der Bibel abzustammen, das hierauf begründete Gefühl der Zusammengehörigkeit mit den Juden aller Länder und die hieran* er- Zu Arthur Schnitzlers ״Professor Bernhard!“ Die handelnden Personen kann man rings um die Judenfrage herumgruppieren. Wir haben Juden, die ihr Judentum stark betonen und solche, die nur, in den Kampf gezogen, sich dessen bewußt werden, wir ■eben den Juden aus der Mischehe, den Getauften, den gänzlich Indifferenten, wir haben den Antisemiten in versdiiedenen Schattierungen (klerikal, dcutschnational), den Judenfreund von altdemokratischem Schlage und andere. Und auch die Fabel steht auf der Basis eines jüdisch-politischen Konfliktes. Professor Bernhard!, dirigierender Arzt des Elisabetinums, verweigert einem Geistlichen den Zutritt zu einem Sterbezimmer, in dem ein Madel un* wissend in dem seligen Zustand, den die Acrztc Euphorie nennen, in den Tod hinüberzieht. Er will ihr ein glückliches Sterben verschaffen und den sdiöncn Traum der Todesstunde nicht rauh zerstören. Aus diesem Vorfall entwickeln sich auf dem klerikalantisemitischen Boden der österreichischen Politik die Nachspiele mit Demission des Kuratoriums, Interpollation im Parlament, Anklage wegen Religionsstörung, kurz eine politische Affäre, in deren Mittelpunkt die «rfs schwerste verletzten religiösen Gefühle der christlichen Bevölkerung stehen und mit der Tendenz, 55 u ^cg‘cnu1K habe künftighin bei Besetzung öffentlidier Stellen ein für allemal von Persönlichkeiten abzusehen, die durch Abstammung, Erziehung und Char.’1kt(:r<׳ig(׳n«rhaflen nicht in der Luge wiml, den religiösen Gefühlen der f!11ge:4n111111te11 christlichen Be• völkerung das nötige Verständnis cntgrgenznhriiigcn7‘. Eine köstliche Sitzung der Acrztc des Elisabctinums und ein Akt im Hause des von den Wiener Geschworen«! zu zwei Monaten Oefängnis Verurteilten bringen Diskussionen über den ״Fall", und cs will scheinen, als solle Bernhard! durch die Folgen des unbedeutenden Vorfalls zum ״Helden", zum politisehen Kämpfer erzogen werden, wie für Stockmann die Ursache seines Kampfes zum Symbol für die Vergifter des Volkes wurde. Schnitzler hat es anders vor. Seine leicht-ironische Natur liebt solche Ausgänge nicht, Bemhardi verschmäht die Vcr- Pflanzung seines Konfliktes in die Öffentlichkeit. Eine spöttisch-ironisicrcnde Unterredung zwischen ihm und einem salonsoziallstisclicn Hofrat im Kultusmini• stcrium beschließt das Stück. uie ratxu Klingt nach einem jüdischen Tendenzstück. Einige Episoden deuten noch mehr darauf hin. So, wenn dem Profssor angedeutet wird, daß er den. Konflikt vermeiden könne, wenn er bei Be• setzung eines freiwerdenden Lehrstuhls einen jüdl* sehen Kandidaten zugunsten eine* weniger gecigneten christlichen zurückstcllen würde, was abcelehnt wird. Und daß der Aufmarsch der Personen wie zu einem Tendenzdrama ist, haben wir oben gezeigt. Dazu fallen prächtige, charakterisierende Worte. So wenn einer der Hauptstreber das antisemitische Wesen der Hetze leugnet: ״Bin ich etwa auch cm Antisemit? Ich, der ich immer mindestem einen jüdischen Assistenten hsilie?" Auch die Autwort gehört hierher, daß nämlich, wenn die ״Affäre“ nicht einen Juden zum Helden gehabt hätte, sondern einen Christen, ״Tausende und Hunderttausende hinter diesem gestanden hätten, die sich jetzt nicht rühren oder sogar gegen ihn stellen — die Deutsch nationalen und natürlich die Juden, — eine gewisse Sorte meine ich . . Und prächtig sind besonders die Cliaralfteristiken der ״Liberalen“. Der getaufte Verteidiger (״seine Frau trägt so ein Kreuz“, er selbst tritt für den Beichtzwang für Schulkinder ein) sieht in rosige Zeiten. ״Pardon, es ist eine bekannte Tatsaciie, daß zweifellos liberale Journalisten im Unterrichtsministerium aus- und cingchen.“ Aber —- trotz allem, ein jüdisches Tendenzstüde soll die Komödie nicht sein. Wenn sie eine Tendenz hat, so wäre es die gegen die Politik mit ihren Ranken, Heucheleien, Komödtenspiclcrcien. Der Unterrichtsminister, ein früherer Freund Bernhardis, der vor lauter Konzessionen an die regierenden Parteien nidit zur Tätigkeit kommt, erweist es. Aber indem Schnitzler für das thema probandum ein Milieu suchte, bot sich dem Dichter des ״Weg ins Freie" dies jüdische Problem wieder dar. Er ist selbst Jude und weiß, wie der von Fallstricken umgeben ist, der als Jude im öffentlichen Leben steht. Da wird ein kleiner Vorwand wie die Szene zwischen Bern• hardi und dem Pfarrer hervorgesucht und daraus deduziert, daß sich eine Welt von Differenzen zwischen jüdischem und christlichem Empfinden auftue und — ״wir leben einmal in einem christlichen Staate«, ✓

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