Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1913)
- Date
- 1913-01-17
- Page
- Seite 23 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3 J U EDISCH E RUNDSCHAU Seite 23 geradezu herzzerreißend klangen noch die Worte J, L. Gordons, des verzweifelten vorzionistisclicn Dichters', die er am Schlüsse eines seiner ergreifendsten Oedichte ausrief: ״O wer doch die Zukunft erahnte und Kunde mir gäbe, ob nicht der letzte der Zions- ׳.(״!״er ich bin und ob nicht auch ihr die letzten Leser?!" Aber was in Osteuropa auf eine verhältnismäßig natürliche Weise möglich war, das konnte im Westen auch nicht durch die ziemlich verdächtige Mallregel einer Kulturorganisation erreicht werden. Das ist auch ziemlich erklärlich. Dort handelte es sidi im grollen und ganzen um eine bestimmte Umformung eines schon vorhandenen Kulturmaterials, bei uns jedoch um die gänzliche Nensch a f f 14 n g eines geistigen Betätigungsfeldes, Und nichts beweist meine frühere Behauptung, dali wir im Gegensatz zu Osteuropa keine jüdische Kultur besitzen, mehr, als die Tat- Sache, daß Osteuropa so rasch innere Beziehungen zu Palästina fand, während wir im Westen äußerlich (Aneignung einer semitischen Sprache) und innerlieh (Distanzierung von der uns umgebenden Kultur) ungeheure Schwierigkeiten zu überwinden haben, wenn anders wir nicht auf das Miterleben der im Entstehen begriffenen palästinensischen Kultur so gur wie verzichten und bloß wie unmündige Kinder über zauberhafte Erscheinungen erstaunt sein wollen״ Und hier scheint mir der Faden gefunden, der uns Westeuropiier einzig und allein aus dem Labyrinth der fragen retten kann, die bei der ׳Behandlung des Themas: ״Begriff und Programm einer jüdischen Nationalliteratur*‘ auftauchen. Unser zukünftiger Nationaldichter wird derjenige produktive Jude, sein, dessen Schaffen im innigsten Zusammenhang mit der liebraisch-palästinensischcn Kultur stehen wird, der sich endgültig aus dem europäischen Kiillur/usamiitcnhang, zu reißen und sieh allein der Morgenröte seines Volkes zuz.uwcndcn vermag. Und dies scheint mir die einzige wirklieli berechtigte Forderung zu sein, die wir an unseren Dichter in Zukunft stellen dürfen: dal' seine Produktion irgendeine direkte oder indirekte Beziehung zum Palästinismus hat. Bericht über die Tagung des Zionistischen Gruppenverbandes Bayern in Nürnberg. Zeit: Sonntag, 5. Januar, nachmittag 3%—6% Uhr, Lokal: Hotel ״Goldener Adler“. Vorsitzender des zionistischen Gruppenverbandes Bayern (Z. G. B.), R.-A. Max Stern, Nürnberg, hc* grüßt die Versammlung und eröffnet den Verbandst,׳ig, Bureau: Vorsitzender: K.-A. Dr. E, Straus, München, Mitglied des A.-C.; Beisitzer: K.-A, Max Stern, Jak. Frankel, München, Strauß, Bamberg; Schriftführer: Gyninasialprakt. S. Dreifuß, Erlangen, Dr. M. Meyer, München. Singer (Nürnberg) begrüßt den Verbandstag namens der zionistischen Ortsgruppe Nürnberg. Mitteilungen des Bureaus: Na t zier (Regensbürg) entschuldigt seine Abwesenheit. Dr. H. ü. H eym a n 11 ist verhindert zu kommen. I. Jahresbericht. R.jA. Stern gibt einen U eberbück über die Propagandatätigkeit des Z. G. B, nach außen (Forchheim, Neumarkt, Sul/bürg, Ansbach usw.) und die Arbeit im Innern. Während des Berichtsjahres siedelte der Vorsitzende des Z. G. B. Münz nach Berlin über. An seine Stelle trat R.-A. Stern. Der den Dächern leuchtet frostgrüner Himmel, und auf dem Zaun spielt ein letzter feurig roter Schein von der imtergehendeu Sonne. Die spärliche Wärme des Tages ist verflogen, und die Nacht wird bald ihre von Kälte starrenden Arme um das menschliche Heim lagern. — Dort ein leiser, erwachender Tag, Bauernhäuscr unter tiefer Schneedecke, eine leuchtende Wolke, ein verheißungsvoller Abglanz der nahenden Sonne, . Hier rauscht ein Gebirgsbach mit eiskalten, durchsichtigen Fluten zwischen Felsen und starrendem Eis und Schnee daher. Die Sonne streift den leblosen Panzer mit mattem Rosa, und tanzt m kalten flimmernden Lichtern auf den dahin wirbelnden Wellen, die eigentümlich von innen her aufleuchten. Auch hier Einsamkeit und Ruhe. Die Baume, die in der Ferne stehen, scheinen wie Wächter der Stille. Neumann drückt sein Gefühl in den Farben aus; jeder Farbenklang erweckt in ihm eine lebhafte sinnliehe Erregung, Hier stellt er eine intensiv blaue Vase vor einen grauen Grund, und legt in diese melancholische Harmonie zwei feuerrote Aepfcl, die ihrerseits das Blau kontrapunktisch verstärken. Dort •-'ine japanische antike Figur vor einer Zinnoberf<den Decke, und dazu noch zwei Apfelsinen, eine Harmonie von aufregender Sinnlichkeit. Noch stärker, noch glühender leuchtet sie in der ״Harmonie in Gold“, wo rote Aepfel und Apfelsinen auf einer roten Decke liegen. Ganz anders •klingt das ״Stillleben mit Chrysanthemen". Eine weiße Vase mit Goldornamenten geht mit den lichten Tönen der l'cschäftsführcudc Ausschuß hielt verschiedene •Sitzungen ab. Die statutenmäßigen Vorstandssitzungen fanden in Rcgcu.sburg und (eine Stunde vor der (Jeneralversaminlung) in Nürnberg statt. Sodann gibt Referent eine detaillierte Statistik der cingegangencn Schekel, Nationalfondsspenden und Orgauisatiansfondsbeitriige. R,-A. Dr. Straus ergänzt den Bericht für Südbayern. Die Münchener Ortsgruppe suchte — ohne rechten Erfolg — in Augsburg Fuß zu fassen. Hauptsächlich aber befaßte sic sich mit den Vorlwrcitungcn für die Gründung einer zionistisehen Zeitung für Bayern. Dieser Plan scheiterte daran, daß der Verleger sein günstiges Angebot (an 5000 Adressen die Zeitung unentgeltlich zu versenden) zuriiekzog. Auch wurde der Plan zur Schaffung eüies Sekretariats des Z. G. B. in die Wege geleitet. Heine in a n n (Nürnberg) gibt den Kassabericht, dem wir folgendes entnehmen: Ausgaben (abzüglich dem Darlehen an die Nürnberger Ortsgruppe) 260 M., Einnahmen 50<l M״ Rückstände 1172 M., Vermögensstand ca. 1400 M. Die meisten der freiwilligen Beitrage sind auf drei Jahre gesichert. II. Errichtung eines Sekretariats für Bayern. Zunächst ergreift Herr Norbert Wcldlcr (Münchcn-Solln), Schriftsteller und Sekretär der Brücke, das Wort, um die Aufgaben eines bayerische^ Sekretariats und 'die Notwendigkeit seiner Errichtung darzulegen. Er weist auf die Mängel ehrenamtlicher Funktionäre*'hin und entwirft in großen Zügen ein Bild der zukünftigen Tätigkeit des Sekretariats. R.-A. Stern sieht drei Hauptfragen: 1. Soll man ein Sekretariat einrichten? 2. Ist Herr Weldler der geeignete Sekretär? 3. Soll der Vorstandsausschuß nach München verlegt werden? Redner teilt mit, daß diese drei Fragen von der Vorstandschafts- Sitzung bejaht wurden, aber der Bestätigung durch die Generalversammlung bedürfen. Ferner weist Stern auf die Mängel des bisherigen Betriebs hin. Die Schreibarbeiten seien ohne Schreibkraft unmöglieh zufriedenstellend zu erledigen. Selbst im Falle der Ablehnung eines Sekretariats wäre es notwendig, eine Schreibkraft aimistellcn. Dazu kommt die Schwierigkeit der Fühlungnahme mit den kleinen bayerischen Gemeinden. Die Verlegung des Ausschusses nach München ist notwendig, weil der Sekretär au Müneben gebunden ist. Durch diese Verlegung aber wird in Nürnberg die Bildung einer besonderen Kornmission zur Fortsetzung der Propaganda im Niirnberger Umkreis notwendig. Orden stein (Ntirnocrg) betont, daß der Gedanke an die Errichtung eines Sekretariats nur in Verbindung mit der Notwendigkeit eines Redakteurs für die seinerzeit geplante Zeitung entstanden sei: Heute sei der Standpunkt gerade umgekehrt geworden. Er tadelte die Voreiligkeit der Beschlüsse der Regensbtirger Vorslandssit/ung. Freilich sei auch nach seiner Meinung die Errichtung eines Parteisekretariats für Bayern zu begrüßen. Er sehlägt daher vor: l'rovlsorischc Errichtung des Sekretariats für die Wintermonatc. ist gegen die Verlegung des Ausschusses nach München, da es in Ober- und Niederbayern außer München fast keine Judengcmeinden gebe. Dr. Straus; Ein Sekretär ist fiir die Schriftliehen Arbeiten, die bisher nur mangelhaft ausgeführt wurden, nötig. Ucber das Fortbestehen des Sckretariats soll später die Vorstandsclinft entscheiden. Ist wegen der Erleichterung des Verkehrs zwischen Parteisekretär und Ausschuß für die Verlegung nach München. Wenn das Sekretariat nicht dauernd sein sollte könne später der Ausschuß wieder nach Nürnberg verlegt werden. Weldler versichert, über genügend Zeit für Btireauarbeit und Propngandarcisen zu verfügen. Der Vorwurf Ordensteins, daß ein fait accompli geschaffen worden sei, habe keine Berechtigung. Die Lage Itabe energischere Maßnahmen verlangt. Ist für Verlegung Blumen zusammen, dagegen steht kräftig der blaue Teller und das hieroglyphische Muster des bunten Stoffes. Verläßt Neumann wirklich einmal die verschneiten Bauernhäuser, das einsame Gebirge, die stummen Dinge, und kommt in die Stadt, so sind es auch hier nur die stillsten Straßen, die wie die gute alte Zeit selber io unsere aufgeregte Welt herüberträumen, die er aufsucht. Die Peterstraße in Goslar malt er in Dämmerung, denn die Häuscr würden im Sonnenlieht zu bunt erscheinen. Die Jakobistraße daselbst wiederum malt er mit ihren goldfarbenen Häusern in der Sonne, damit sie in all ihrer Gemütlichkeit recht zur Geltung kommen, Ucbcrhaupt ist für Neumann die Farbe alles; sie gibt die Stimmung, den Rhythmus, Aber keine steht für sich da, sondern gewinnt ihre Bedeutung durch die Harmonie des ganzen Bildes, Impressionist ist Neumann nicht. Zitternde Luft und größte Helligkeit sind nicht seine Aufgabe! Dafür lebt er in «der besonderen Stimmungslagc jeder Farbenharmonie, solange bis er das Bild beendet bat; bei Landschaften in den Wolken und Wolkenreflcxen, die dem Schnee jeden Augenblick neue Märchen erzählen. Es ist eine stille jüdische Kunst; und es ist kein Zufall, wenn Neumann seine blaue Vase vor einen schwermütigen grauen Grund stellt, und verwelkte Blumen hincintut, Joseph B u d k o. des Ausschusses nach München. Versichert weit• gehende Berücksichtigung der Wünsche der übrigen Ortsgruppen. Dr. Straus stellt den Antrag, das Sekretariat mit Herrn Weldler als Sekretär für die Wintermonate versuchsweise zu errichten und die Entscheidung über das fernere Fortbestehen des Sekretariats der Vorstandschaft des Z. (i. 15. zu überlassen. Dr. Schlesinger (Würzburg) warnt vor Uebcrschätzung des Wertes einer äußeren I'ropaganda. In den meisten Ortschaften fehlt es an zionistischer Gesinnung. Wünscht als Propaganda Referate über jüdische Literatur und Pflege der hebräischen Sprache. Befürwortet Anschluß an die bestehenden Vereine für jüdische Geschichte lind Literatur oder Grün• düng von solchen. Die vornehmste Aufgabe des Sekretariats sei innere Mission. Rosmarin (Nürnberg) findet, daß zur Propa* ganda in den kleinen Gemeinden keine besondere Gelehrsamkeit gehört; das zeige der Osten, wo die Verhältnisse ähnlich seien, wie in den kleinen Landgemeinden Bayerns. Im Osten habe begeisterte Kleinarbeit Erfolge erzielt. Der Thermometer des Zionismus sei nicht der Schekel, sondern der Grad der Begeisterung für die Zionsidee. Aufgabe des Sekretariats sei Feststellung der im Lande vorhandenen Kräfte, Statistik von Rednern und Arbeitswilligen, ist für München als Sitz des Ausschusses. In Nürnberg soll eine Filiale eingerichtet werden. Ellern (Nürnberg) bittet um Behandlung der praktischen Fragen. Ist für den Antrag Straus. Die Vermehrung der bayerischen Zionisten ist notwendig. In der Menge liegt die Kraft. Natürlich sei auch für die Vertiefung der Idee zu sorgen. Ein berufsmäßiger Beamte sei unbedingt Notwendigkeit. Als Ort der Leitung sei zwar Nun!berg möglich, jedoch natürlicher sei München. Dr. Katz (Nürnberg) teilt seine Erfahrungen in der zonistischcn Propaganda im Rheinland mit. Die Verhältnisse seien dort ähnlich. Oratorisehe Leistungen seien nicht nötig. Die Landbevölkerung sei sehr dankbar. Hält Dr. Schlesingers Vorschlag, Litcraturvcrcinc zu gründen oder sich vorhandenen anzuschließen, für unzweckmäßig. Korn (Nürnberg) begrüßt den Verbandstag im Namen des jüdischen Gesang- und Kulturvercins Hasomir in Nürnberg. Ist fiir Erziehung der Jugend in jüdischer Kultur. Die Heranbildung späterer Arbeiter sei notwendig. Der Sekretär muß ein Lehrer sein und Pioniere für die Zukunft aufstellen. Nur Kulfurzionisten können auf die Juden wirken. Der Sekretär dürfe keine Privatbeschäftigung haben. Das Schlußwort in dieser Debatte hat Herr Wcldlcr. Ist im wesentlichen mit den Ausfühiunen der Vorredner einverstanden. Besonders müsse ic Propaganda die Jugend heranziehen. Antrag Straus einstimmig angenommen. III. Statutenänderungen. Das Referat hat Herr Jak. Frankel übernommen. Die Aendcrungcn sind zum Teil nur stilistisehe Verbesserungen des alten Statuts. Die wichtigsten Abänderungen sind: Der Vorstand setzt sich zusammen aus: I. dem Ausschuß von drei Personeu, welche am Vorort ihren Wohnsitz haben müssen; '2. einem Münchener Delegierten, wenn Nürnberg, oder einem Nürnberger Delegierten, wenn Müneben der Vorort ist; 3. je einem Vertreter der zionistischen Ortsgruppen, Schekclzahlergruppen und zionistischen Vereine. Die Befugnisse des Aus- Schusses und Sekretariats sind wie folgt: I. der Ausschuß ist das ausführende Organ des Z. G. B. 2. er bedient sich bei seiner Tätigkeit des Sckretariats; 3. bei allen wichtigen Fragen ist die Gesamtvorstamlscliaft zuzuzieben. Der Jahresanfang rkird auf den I. Januar verlegt. Der Gruppenverbandsbeitrag wird von 30 auf 50 Pf. erhöht. Chamberlains Goethe Houston Stewart Chambcrlain hat seinen Wagner- und Kanthiugraphicn nunmehr auch einen 815 Seiten starken Band über Goethe folgen lassen. Unnötig zu sagen, daß auch dieses Werk der Tendenz untergeordnet ist, der sein Lebens werk gilt. Goethes tiefe Verehrung für die Gedankenwelt Spinozas bedeutet ihm einen ״vorübergehenden Irrtum“. Um so häufiger und unvermittelter treten dafür bei ihm die Gedankenverhindungeu zwischen, Bayreuth und Alt- Weimar auf. Die Goethelitcrauir, die heute schon so zahlreiche Geschmacklosigkeiten aufweist, ist um eine neue ״bereichert" worden. Eingegangene Bücher Das Recht der israelitischen Religionsgemeinschaft im Großherzogtum Baden. Von Dr. jur. Siegfried Wolff. G. Braunsehe Hofbuchdrackerei und Verlag, Karlsruhe i. Baden*). Joel Gern, der Werdegang eines jüdischen M3dchcns. Von K o p i, Verlag J. Kauftmann, Frankfurt am Main*). Im Lande der Väter. Von Schalom Asch. Sammlung des Jüdischen Verlages ״Vom alten Stamm“, Die liebe Provinz. Von Sen. Gorciik. Sammlung des Jüdischen Verlages ״Vom alten Stamm“. Luftmenschen. Roman aus der Gegenwart von S, Schachnowitz. Verlag des Israelit*). *) Das Buch ist zur Besprechung noch nicht vergeben.